Am Mon, 26 Apr 2021 16:15:12 +0200 schrieb Rolf Mantel
Mach das bitte mit Andreas Borutta aus, der hat den Subjectwechsel in
<
2hsfzcjq...@borumat.de> vorgenommen und schrieb da
| Im Subject hätte ich schreiben müssen "Cycle Superhighway" (Verzeihung
| bitte) oder besser Radschnellweg.
|
| Eine eine eindeutige Festlegung von Merkmalen gibt es, soweit ich es
| verstanden habe, nicht.
|
| Mich selber interessieren vor allem die Merkmale "Freiheit/Armut an
| Knoten, große Breite, guter Asphalt".
Anders ausgedrückt, nein, müssen wir nicht. Armut an Knoten ist nicht
Freiheit von Knoten und der Umstand, dass man Armut bzw. Freiheit von
Knoten vornehmlich dort findet, wo es einseitige geografische
Besonderheiten (Ufer, auch an Kanälen und Seen, Bahntrassen, Autobahnen,
...) gibt, war ja gerade mein Punkt.
...
>Also: Laut Subject geht es um "Radschnellwege", die sind per
>definitionem kreuzungsfrei also ist die Vorfahrtsberechtigung irrelevant.
Auf dem Papier, ja, seit letztem Jahr. Ich erlaube mir aber, meine
Einschätzung dieses Konzepts daran festzumachen, wie es sich in den
letzten Jahren und Jahrzehnten in der Praxis dargestellt hat. Zu dieser
Praxis gehört auch, ein Konstrukt einfach umzutaufen, wenn die Vorgaben
nicht eingehalten werden. Reicht der Platz nicht für einen Radstreifen,
nennen wir es halt einen Schutzstreifen.
>
>Laut Interpretation des Subject geht es um "Radschnellverbindungen", die
>aus einer Kombination von Radschnellweg mit anderen Features bestehen.
Fehlt es an einem der formalen Merkmale eines Radschnellwegs, nennen wir
es halt Radschnellverbindung oder Rad-Vorrang-Route. Oder wie es jemand
in der Wikipedia formuliert:
| Freiburg im Breisgau plant und baut ein stadtweites Netz
| aus drei Rad-Vorrang-Routen.[78] Der Begriff
| „Rad-Vorrang-Route“ wurde gewählt, da aus Platzgründen nicht
| überall die Kriterien für Radschnellwege eingehalten werden
| können. Bis zum Sommer 2015 wurden bereits mehrere
| umfangreiche Streckenausbauten und auch Kreuzungsbauwerke
| wie Unterführungen errichtet.[79]
Und Kreuzungsbauwerke und Unterführungen habe ich mich schon in
Diskussionen mit JoErg und seine kreuzungsfreien Superhighways
ausgelassen und will das hier nicht wiederholen.
Was viele Leute, denen diese Konzepte am Grünen Tisch verkauft werden,
übrigens auch übersehen ist, dass solche höher- oder vor allem
tiefergelegten Bauwerke nicht nur schnell zu Dreckslöchern mutieren,
sondern dass man in ihnen als Radfahrer oft auch in übler Weise gefangen
sein kann.
Ein Weg, der nicht alle, aber durchaus einige der in
Glanzpapierprospekten gut aussehenden Merkmale solcher "Schnellwege"
hat, eine ehemalige Schmalspurbahntrasse im Trog, die kilometerweit
kreuzungsfrei ist, habe ich viele Jahre lang auf meinem Arbeitsweg
benutzen müssen. Sie hat mir interessante Erlebnisse verschafft.
<
https://www.mystrobl.de/Plone/radfahren/fahrten/radwege/broeltalweg.html>
Stichwort Kreuzungsfreiheit - eine in der Bilderserie nicht aufgeführe
Kreuzung hat mal zwei Radfahrer in die Zeitung und ins Krankenhaus
gebracht.
Gebriele Dirks schrieb im Dezember 2003 hier zu dieser Trasse:
| Der Bröhltalbahnweg ist noch ein bißchen anders: Er hat Bummler und Leute,
| die ihn als ampellose Radfahrer-Schnellverbindung zwischen Beuel und
| Pützchen nutzen.
Im selben Thread schrieb ich zu einem dort eine Kreuzung
"entschärfenden" Drängelgitter:
| Wenn Du das auf
|
http://www.mystrobl.de/ws/fahrrad/radverkehr/draengelgittter_1.html
| abgebildete Teil meinst: stimmt. Ich weiß das genau Jahr nicht mehr
| und finde auch keinen Beleg dafür, aber meiner Erinnerung zufolge sind
| dort vor Jahren zwei Radfahrer mit hoher Geschwindigkeit (im GA stand
| >40 km/h) im rechten Winkel zusammengestoßen, einer von der Rampe
| kommend und daher schnell, dern andere auf der geraden, an sich
| übersichtlichen Hauptroute schnell fahrend. Einer war schwerverletzt,
| der andere ist glaube ich sogar daran gestorben. Danach hat sich dann
| die Beuler CDU für diese Drängelgitter stark gemacht und hat sich damit
| durchgesetzt. Die konkrete Ausführung ist ein schönes :-} Beispiel für
| den Begriff "verschlimmbessern".
Die ganze Slideshow dazu ist immer noch hier
<
https://www.mystrobl.de/ws/fahrrad/radverkehr/broeltalbahnweg.slideshow.html>
zu finden. Einfach in die Bilder klicken.
Es ist einfach naiv anzunehmen, dass diese Konzepte neu seien, bloß weil
es in den US einen entsprechenden Hype gibt, alles grösser ist und es in
der StVO nun ein entsprechendes Schild gibt. Oder dass die real
bebauten "Schnellwege" nicht nicht auf Dauer genau die Form annehmen
werden, die frühere Realisierungen vor zehn, zwanzig oder dreissig
Jahren schon hatten. Meist wird unvollständig angefangen, fürchterlich
nachgebessert (besser geht es halt nicht mehr, soooo sorry!!) und ab da
verrottet es dann.
>Meines Wissens gibt es *solche* Radschnellverbindungen in Deutschland
>noch nicht wirklich, sondern nur ansatzweise.
Ja, seit über dreissig Jahren, wenn ich nur nach dem gehe, was ich
selber erlebt habe. Die gibt es seit dreissig Jahren noch nicht
wirklich, aber so lange schon ansatzweise.
Und ich hoffe, dass ich die zu meinen Lebzeiten auch Ansätze bleiben
werden.
>Deshalb sah ich mich
>berechtigt, die geplante Radschnellverbindung Bruchsal-Heidelberg
>beispielhaft zu betrachten.
Man sollte bei diesem Thema doch endlich gelernt habe, dass es recht
einfach ist, für die Verteidigung eines schlechten Konzepts geeignete
Beispiele zu finden, wenn an sie aus einem genügend grossen Fundus von
unvollständigen Versuchen heraussuchen und dann auch noch die
Intervallgrenzen selber festlegen darf. Wenn's dann sogar bloss
"geplant" sein darf ...
Es geht nicht darum, per Rosinenpicken ein paar gute Beispiele zu
finden, die gibt es immer, sondern um ein begründetes Vertrauen darin,
dass schlechte Beispiele so extrem selten sind, dass die
Wahrscheinlichkeit, auf sie zu stoßen, sehr klein ist. Davon gehe ich
sowohl aufgrund meiner Erfahrungen als auch meiner Erfahrung mit
Radverkehrspolitik, wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten erlebt
werden konnte, nicht aus.
Es ist ja nicht so, dass ich es jemandem, der zufällig einen
Glückstreffer gelandet hat, das missgönne. Ich kenne jemanden, der ein
grosses Grundstück direkt an der ehemaligen Mauer besitzt, das
seinerzeit fast nichts wert war und jetzt nicht nur wunderschön ist,
sondern auch unbezahlbar. Dem mißgönne ich das auch nicht. Jedoch fände
ich es befremdlich, wenn der ein Konzept zur Förderung von bezahlbarem
Wohnraum für jedermann ausgerechnet damit begründen würde: das kann
jeder schaffen!
Ich beurteile Schnellverbindungen nach einer, die ich selber
jahrzehntelang benutzten musste, siehe oben und nach solchen, die mir
genannt wurden, die gelobt wurden und bei denen ich die Gelegenheit
hatte, sie mir anzuschauen.
Ein Beispiel für Letzteres hatte ich in
<
gol50gl1gh7iak0qd...@4ax.com> bereits angeführt und
möchte nicht das lange Posting, in dem ich einige Ansichten dieses
separat und kreuzungsfrei geführten Radschnellverbindung ausführlich
dargestellt habe, hier wiederholen.
Eine leicht überarbeitete Fassung habe ich in
<
https://www.mystrobl.de/ws/pluspora/plainpostings/20210426t1820-radschnellverbindungen_radschnellwege_rad_vorrang_routen.html>
abgelegt, hier nur so viel:
Mein Befremden rührte aus dem Umstand, dass populäre Bahntrassenradwege
zu einem grossen Teil von diesem Typ sind: die Leute fahren hunderte,
wenn nicht tausende von Kilometern, um mit aus dem Auto ausgeladenen
Fahrräder (oder neuerdings E-Bikes) um im Trog auf aufgelassenen
Bahnstrecken zu fahren, wo man in der Umgegend ein dichtes Strassennetz
von Strassen aller Kategorien hat, auf dem man wochen- und monatelang
herumfahren kann, ohne sich allzusehr zu wiederholen oder auf
nennenswerten Motorverkehr zu stossen und von denen die meisten
erheblich mehr Sicht auf schöne Landschaft erlauben als diese Tröge oder
von dichtem Buschwerk begrenzten Trassen.