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Zitat: "Wen die Götter vernichten wollen..."

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H.R. Smit

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Sep 26, 1998, 3:00:00 AM9/26/98
to
Wer könnte mir sagen, woher folgendes Zitat stammt:

"Wen die Götter vernichten wollen, dem verwirren sie die Sinne".

Büchmanns "Geflügelte Worte" haben mir da nicht weitergeholfen.

Mit Dank im voraus

Gruß
Hajo Smit-Breda-Holland

Marius Fraenzel

unread,
Sep 26, 1998, 3:00:00 AM9/26/98
to
Am Sat, 26 Sep 1998 16:58:33 +0200 schrob "H.R. Smit"
<hrs...@casema.net>:

>Wer könnte mir sagen, woher folgendes Zitat stammt:
>
>"Wen die Götter vernichten wollen, dem verwirren sie die Sinne".

Ich nehme an, es handelt sich dabei um eine Paraphrase oder
Übersetzung des lateinischen "Quod Deus perdere vult, dementat prius"
aus dem Scholion zur "Antigone" des Sophokles. Wenn ich _meinen_
Büchmann richtig verstehe, handelt es sich um Vers 620 des Scholions.
Büchmann gibt auch die altgriechische Fassung. Die Verse werden einem
unbekannten griechischen Tragiker zugeschrieben.

>Büchmanns "Geflügelte Worte" haben mir da nicht weitergeholfen.

Tja, Büchmann ist nicht gleich Büchmann, wie man immer wieder
feststellt. Wäre mal einen eigenen Thread wert, welche
Büchmann-Ausgabe die brauchbarste ist. (Nicht, daß ihr mich fragt, da
habe ich keinen Schimmer von!) Das obige ist die Zusammenfassung aus
gleich zwei Büchmännern:

1. B.: GW. Neu bearb. u. hg. von Hanns Martin Elster. Stuttgart:
Reclam, 1956.

2. Georg B.: G.W. Zitatenschatz. Lizenzausg. Deutsche Buchgemeinschaft
1953 der Ausgabe Berlin u. Darmstadt: C.A. Koch' Nachf. 1952.

Nur die Reclam-Fassung weist im Zitatenregister die deutsche
Übersetzung "Wen Gott verderben will, schlägt er vorher mit Blindheit"
nach; das Register der Dt. Buchgemeinschafts-Ausgabe kennt nur die
lateinische Fassung.

Bei der Gelegenheit: "Wen Gott verderben will, schlägt er vorher mit
Blindheit" recht schlechtes Deutsch! Besser: "Wen Gott verderben will,
den schlägt er zuvor mit Blindheit", was aber immer noch eine
miserable Übersetzung darstellt, denn "dementat" heißt sicherlich
nicht "mit Blindheit schlagen". Bei "dementat" muß es sich um ein
nachklassisches Verb handeln, daß von "dementia" abgeleitet ist, was
den Wahnsinn oder die Raserei bezeichnet. "Dementat" bedeutet also
soviel wie "er macht jmd. verrückt". Der Gedanke ist wahrscheinlich
der -- und der ist der griechischen Antike nicht fremd --, daß die
Götter den Menschen der normalen Wahrnehmung berauben, bevor sie ihn
verderben, um ihm wenigstens das schlimmste Leiden zu ersparen. Der
Wahnsinn verhindert die Zerstörung der Person, allerdings auf Kosten
der Persönlichkeit. Die Übersetzung "Wen Gott verderben will, schlägt
er vorher mit Blindheit" zielt daher ziemlich in die falsche Richtung.
-- "Wen Gott verderben will, den läßt er Übersetzer werden." :-)

Gruß, Marius

Christina Kunze

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Sep 26, 1998, 3:00:00 AM9/26/98
to

Marius Fraenzel schrieb in Nachricht <360e0b3...@news.cmo.de>...

>Bei der Gelegenheit: "Wen Gott verderben will, schlägt er vorher mit
>Blindheit" recht schlechtes Deutsch! Besser: "Wen Gott verderben will,
>den schlägt er zuvor mit Blindheit", was aber immer noch eine
>miserable Übersetzung darstellt, denn "dementat" heißt sicherlich
>nicht "mit Blindheit schlagen". Bei "dementat" muß es sich um ein
>nachklassisches Verb handeln, daß von "dementia" abgeleitet ist, was
>den Wahnsinn oder die Raserei bezeichnet. "Dementat" bedeutet also
>soviel wie "er macht jmd. verrückt". Der Gedanke ist wahrscheinlich
>der -- und der ist der griechischen Antike nicht fremd --, daß die
>Götter den Menschen der normalen Wahrnehmung berauben, bevor sie ihn
>verderben, um ihm wenigstens das schlimmste Leiden zu ersparen.

Na, wo Wir schon bei Sophokles sind: Vielleicht bezieht es sich ja auf
Aias, den haben sie doch mit Raserei geschlagen (es handelte sich dabei
um eine Art Schaf-Mensch-*Blindheit*) und dann ins Verderben gestürzt.

Christina

>-- "Wen Gott verderben will, den läßt er Übersetzer werden." :-)


Wohl wahr, man sehe sich nur die Übersetzerhonorare an.

Christina Kunze (Übersetzerin)

Kermit

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Sep 26, 1998, 3:00:00 AM9/26/98
to
H.R. Smit <hrs...@casema.net> wrote:
: "Wen die Gotter vernichten wollen, dem verwirren sie die Sinne".

Das erinnert mich irgendwie auch an das Zitat: ''Wenn Du Deine Feinde nicht
besiegen kannst, verwirre sie.''. Von wem ist das denn noch gleich? (Moin
moin, H. :-). Sch"on' Gru"s... Kermit.

--
I'm: Torsten...@heim2.tu-clausthal.de - finger: ker...@becks.heim2.etc
IRCnick: cyclefrog - RLnick: kermit - Snail Mail: POBox 1139 38669 CLZ
-------This Linux-System is Brewed after the German Reinheitsgebot!--------

Marius Fraenzel

unread,
Sep 27, 1998, 3:00:00 AM9/27/98
to
Am Sat, 26 Sep 1998 22:08:58 +0200 schrob "Christina Kunze"
<christi...@usa.net>:

>Na, wo Wir schon bei Sophokles sind: Vielleicht bezieht es sich ja auf
>Aias, den haben sie doch mit Raserei geschlagen (es handelte sich dabei
>um eine Art Schaf-Mensch-*Blindheit*) und dann ins Verderben gestürzt.

Ja, aber paßt eigentlich gar nicht in ein Scholion zur "Antigone",
oder?

Ich kenne nun die mit dem Satz kommentierte Stelle nicht, aber in dem
von Dir gemeinten Sinn, könnte es sich nicht auf Antigone beziehen,
weil sie ja nicht in einem Wahn oder einer Raserei handelt, sondern
ganz ruhig den Geboten der Götter folgt, die Toten angemessen zu
bestatten. Auf Kreon wiederum paßt diese Deutung auch nicht, da er als
Machtpolitiker aus Kalkül -- nicht aus einem Wahn heraus -- sein
eigenes Gesetz gegen das der Götter stellt.

Vielleicht weiß ja jemand hier, auf welche der vielen in der
"Antigone" "verdorbenen" Figuren der Vers "Quod Deus perdere vult,
dementat prius" gemünzt ist.

Gruß, Marius

Jukka Hoehe

unread,
Sep 27, 1998, 3:00:00 AM9/27/98
to
Marius Fraenzel <MFra...@mail.cmo.de> wrote:

> Wenn ich _meinen_
> Büchmann richtig verstehe, handelt es sich um Vers 620 des Scholions.
> Büchmann gibt auch die altgriechische Fassung. Die Verse werden einem
> unbekannten griechischen Tragiker zugeschrieben.

Wohl eher die Anmerkung zu Vers 620 der Antigone. Das ist der Schluß des
zweiten Standlieds des Chores; Antigone und Ismene sind gerade von Kreon
verurteilt worden. Hier die Übersetzung Weinstocks (Kröners TA 163;):

620 Ein berühmtes Wort aus
Wissendem Mund lautet:
Es erscheint schnell gut, was schlecht ist,
Dem, welchem ein Gott das Herz
In Verblendung führte.
625 Ach, kurz ist die Frist, daß ihn verschont das Unheil.

Im Scholion wird also das "berühmte Wort" zitiert, das mein Büchmann so
aus dem Griechischen übersetzt:

Will der Dämon einem Menschen Übles bereiten, so verwirrt
er ihm zuerst den Verstand, mit dem er seine Pläne erwägt.

Das lateinische "Quos..." ist dann die verkürzte Form. Büchmann zitiert
noch ein ähnlichlautendes Fragment bei Lykurgos, das die lateinische
Form beeinflußt haben kann, und eine Variante bei Publilius Syrus:
"Stultum facit Fortuna quem vult perdere".


> >Büchmanns "Geflügelte Worte" haben mir da nicht weitergeholfen.
>
> Tja, Büchmann ist nicht gleich Büchmann, wie man immer wieder
> feststellt. Wäre mal einen eigenen Thread wert, welche
> Büchmann-Ausgabe die brauchbarste ist. (Nicht, daß ihr mich fragt, da
> habe ich keinen Schimmer von!) Das obige ist die Zusammenfassung aus
> gleich zwei Büchmännern:

Die verderben den Ruf ihres Buchs mit gekürzten Nachdrucken (Finger weg
vom Kaufhaus-Büchmann für 10 Mark). Oder vielleicht ist der Name
"Büchmann" nicht mehr geschützt?

Meine Ausgabe ist die 32. Auflage von 1972 (satte 1040 Seiten) und macht
einen sehr soliden Eindruck.

--
Gruß,
Jukka

Marius Fraenzel

unread,
Sep 27, 1998, 3:00:00 AM9/27/98
to
Am Sun, 27 Sep 1998 19:07:24 +0100 schrob
j437...@athena.rrz.uni-koeln.de (Jukka Hoehe):

>Die verderben den Ruf ihres Buchs mit gekürzten Nachdrucken (Finger weg
>vom Kaufhaus-Büchmann für 10 Mark). Oder vielleicht ist der Name
>"Büchmann" nicht mehr geschützt?

Kann nicht geschützt sein, dafür gibt es zu viele unterschiedliche
Ausgaben in zu vielen verschiedenen Verlagen. Das meiste ist definitiv
Ramsch, sowohl inhaltlich als auch verlagstechnisch.

Allerdings lassen sich im VLB nur drei "Büchmänner" finden:

Büchmann, Georg: Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz. Hrsg.
v. Hofmann, Winfried. 39. neubearb. Aufl. 1993. 624 S. 'Ullstein
Buchvlge /VVA' Gb DM 44,- [1] /ÖS 321,- /SFr 41,- (ISBN 3-550-06829-8)

Büchmann, Georg: Geflügelte Worte. Neue Ausgabe. 1977. (Knaur Tb.
Nachschlagewerke 7502) 'Droemer Knaur Mchn' Kt DM 12,90 [1] /ÖS 94,-
/SFr 12,50 (ISBN 3-426-07502-4)

Büchmann, Georg: Geflügelte Worte. Neue Ausgabe. 320 S. 'Droemer Knaur
Mchn' Ln DM 24,80 [1] /ÖS 181,- /SFr 25,80 (ISBN 3-426-24434-9)

Keiner entspricht Deiner Beschreibung:

>Meine Ausgabe ist die 32. Auflage von 1972 (satte 1040 Seiten) und macht
>einen sehr soliden Eindruck.

Schreibst Du bitte, aus welchem Verlag Dein Büchmann ist, vielleicht
auch Untertitel und Bearbeiter oder Herausgeber.

BTW: Hat jemand Erfahrung mit der folgenden Sammlung auf CD:

Zitatenhandbuch I + II. Rund 20000 Zitate aus 3 Jahrtausenden. Von
Puntsch, Eberhard. 1997. 1 CD-ROM. (CD-ROM-Ausg.) 'LinguaTec' DM 69,-
/ÖS 480,- /SFr 69,- (ISBN 3-929510-33-2)

Ich selbst besitze von Puntsch eine Sammlung von "Witzen, Fabeln,
Anekdoten", die mir stets, wenn ich versucht habe, sie zu benutzen,
arg auf die Nerven gegangen ist, und die deshalb in der zweiten Reihe
verstaubt. Ist seine Zitatensammlung ähnlich witzlos?

Gruß, Marius

Jukka Hoehe

unread,
Sep 28, 1998, 3:00:00 AM9/28/98
to
Marius Fraenzel <MFra...@mail.cmo.de> wrote:

> >Meine Ausgabe ist die 32. Auflage von 1972 (satte 1040 Seiten) und macht
> >einen sehr soliden Eindruck.
>
> Schreibst Du bitte, aus welchem Verlag Dein Büchmann ist, vielleicht
> auch Untertitel und Bearbeiter oder Herausgeber.


Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes.

gesammelt und erläutert von Georg Büchmann


fortgesetzt von Walter Robert-tornow [sic!], Konrad Weidling,
Eduard Ippel, Bogdan Krieger, Gunther Haupt, Werner Rust,
Alfred Grunow


32.Auflage vollständig neubearbeitet von Gunther Haupt
und Winfried Hofmann

Berlin: Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, 1972

XVI, 1039 Seiten

Auf der Rückseite des Titelblatts findet sich der Hinweis: "Einzige von
der Erstausgabe 1864 unmittelbar fortgeführte Originalausgabe. Mißbrauch
wird verfolgt" nebst einer Auflistung sämtlicher Auflagen.


Der Bearbeiter der 32. Auflage ist ja Herausgeber dieses aktuellen
Büchmanns:

> Büchmann, Georg: Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz. Hrsg.
> v. Hofmann, Winfried. 39. neubearb. Aufl. 1993. 624 S. 'Ullstein
> Buchvlge /VVA' Gb DM 44,- [1] /ÖS 321,- /SFr 41,- (ISBN 3-550-06829-8)

Ich vermute, daß Haude & Spener von Springer/Ullstein geschluckt wurde
und die späteren Auflagen nur noch als Dukatenesel dienen. Deren Umfang
wird irgendein Verlagsmanager nach einem Blick auf die aktuellen
Papierpreise festlegen, und der arme Winfried Hofmann muß dann ans
Zusammenstreichen gehen.


--
Gruß,
Jukka

Marius Fraenzel

unread,
Sep 28, 1998, 3:00:00 AM9/28/98
to
Am Mon, 28 Sep 1998 19:51:07 +0100 schrob
j437...@athena.rrz.uni-koeln.de (Jukka Hoehe):


> Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes.
>
> gesammelt und erläutert von Georg Büchmann
>
>
> fortgesetzt von Walter Robert-tornow [sic!], Konrad Weidling,

etc. pp.

Danke Dir! Da weiß ich endlich, wonach ich im Antiquariat Ausschau
halten muß!

Gruß, Marius

Peter Epit Herbertz

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Sep 28, 1998, 3:00:00 AM9/28/98
to

Replik auf Jukka Hoehe :

> Die verderben den Ruf ihres Buchs mit gekuerzten Nachdrucken
> (Finger weg vom Kaufhaus-Buechmann fuer 10 Mark). Oder vielleicht
> ist der Name "Buechmann" nicht mehr geschuetzt?

Erstausgabe 1864, letzte von Buechmann besorgte Ausgabe 1882, er
starb 1889, die erste weiterbearbeitete Ausgabe erschien schon
1892. So behauptet's der Klappentext meiner "ungekuerzten"
Fischerausgabe (Classen-Lizenz) aus 1957.

Damals erlosch der Schutz 50 Jahre nach dem Tod des Autors.

ep

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