in deutschen Synchronfassungen amerikanischer Filme wird oft, wenn sich
zwei fremde Menschen (meist) unterschiedlichen Geschlechts näherkommen,
das m.E. ziemlich pfiffige Mittel eingesetzt, dass sie sich von einem
Moment auf den anderen plötzlich duzen, nachdem sie sich zuvor die ganze
Zeit gesiezt haben? (Auf die Anrede mit Vor- bzw. Nachnamen wird hierbei
oft gar nicht zurückgegriffen.)
Aber wie funktionieren genau diese Stellen in den englischsprachigen
Originalfassungen?
Thomas
P.S.: Bei der Betreff-Zeile hatte ich Schwierigkeiten, ob es
"Synchronisierung" oder "Synchronisation" heißt. Vom Englischen habe ich
mir auch das Wort "instrumantation" angeeignet, welches im Deutschen
aber wiederum "Instrumentierung" heißt. Gibt es da irgend eine
Systematik, wann man im Deutschen "-ierung" und wann "-ation" benutzt?
> in deutschen Synchronfassungen amerikanischer Filme wird oft,
> wenn sich zwei fremde Menschen (meist) unterschiedlichen
> Geschlechts näherkommen, das m.E. ziemlich pfiffige Mittel
> eingesetzt, dass sie sich von einem Moment auf den anderen
> plötzlich duzen, nachdem sie sich zuvor die ganze Zeit gesiezt
> haben? (Auf die Anrede mit Vor- bzw. Nachnamen wird hierbei oft
> gar nicht zurückgegriffen.)
>
> Aber wie funktionieren genau diese Stellen in den
> englischsprachigen Originalfassungen?
Da wird nach wie vor "you" gesprochen, da braucht nix zu
"funktionieren" - wo ist Dein Problem?
Das eigentliche Problem besteht für die Ersteller der
Synchronfassungen, wann sie zum "Du" wechseln. Und dafür gibt's
eine Grundregel: Nach dem ersten Kuss respektive der ersten Nacht.
M.
Michael Pronay schrieb:
> Das eigentliche Problem besteht für die Ersteller der
> Synchronfassungen, wann sie zum "Du" wechseln. Und dafür gibt's
> eine Grundregel: Nach dem ersten Kuss respektive der ersten Nacht.
Aus dem leben gegriffen ist das aber nicht. Ich bin mit so vielen
leuten (kollegen beiderlei geschlechts) per du, bei denen der
erste kuss bzw. die erste nacht nicht in aussicht stehen.
--
tobias benjamin köhler ____________________________ t...@uncia.de
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Was in der deutschen Fassung passiert, kommt oft im amerikanischen Original
überhaupt nicht vor, wenn der Film nicht gerade irgendwann in der ersten
Hälfe des vorigen Jahrhunderts spielt, als sich die Umgangsformen wesentlich
von den heutigen unterschieden. Damals haben sich Männlein und Weiblein
allgemein mit "Mr" und "Miss" angeredet, d.h. erwachsene Bekannte. In einem
Film aus jener Zeit passiert ein Übergang mit dem ersten Kuß; plötzlich
heißen Mr Smith und Miss Green Robert und Mary. Bei modernen Themen gibt's
ein Problem, denn das englische Pronomen ist neutral und ausschließlich
Vornamen werden benutzt. Das englische "you", wie bekannt, ist ein leeres
Wort, weder höflich noch unhöflich, wie "wir" oder "ich". Da muß man sich
für die Pronomina in der deutschen Fassung etwas einfallen lassen, wenn ein
selbstbewußter Unternehmer in einen Laden geht und von einer wildfremden
Frau bedient wird, der er später näher kommt. Ich meine, das Problem wird in
synchronisierten Fassungen gut gelöst.
Schönen Gruß, ----- WB.
> Aber wie funktionieren genau diese Stellen in den englischsprachigen
> Originalfassungen?
Ich habe mal gehört, dass es auch im Englischen eine Art "siezen" und
"duzen" gibt, allerdings nicht über "you", sondern über andere
Signalwörter wie z.B. will = "du", would = "Sie". "Would you like
to..." hieße z.B. "Würden Sie mir ...".
Kann das jemand bestätigen?
Meine Mutter berichtete mir außerdem Mal sie habe in einem - im
Original englischsprachigen Roman - in der deutschen Übersetzung
gelesen, dass der Protagonist berichtete er "duze" bestimmte Leute nach
sehr kurzer Zeit. Wie kann das im Original gelautet haben? Was ist
gemeint?
Gruß,
Stephan
--
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(Karl Marx)
> Meine Mutter berichtete mir außerdem Mal sie habe in einem - im
> Original englischsprachigen Roman - in der deutschen Übersetzung
> gelesen, dass der Protagonist berichtete er "duze" bestimmte Leute nach
> sehr kurzer Zeit. Wie kann das im Original gelautet haben? Was ist
> gemeint?
Vor langer Zeit gab es im Englischen mal die Unterscheidung zwischen dem
"you" und der eigentlich vertraulicheren Anrede "thou" (die man heute
noch in Gebeten findet). Entweder ist das gemeint - halte ich aber für
wenig wahrscheinlich - , oder es geht einfach darum, dass der
Protagonist diese Leute nun mit dem Vornamen anredet.
Tschüs,
Christian
>> Das eigentliche Problem besteht für die Ersteller der
>> Synchronfassungen, wann sie zum "Du" wechseln. Und dafür gibt's
>> eine Grundregel: Nach dem ersten Kuss respektive der ersten
>> Nacht.
> Aus dem leben gegriffen ist das aber nicht. Ich bin mit so
> vielen leuten (kollegen beiderlei geschlechts) per du, bei denen
> der erste kuss bzw. die erste nacht nicht in aussicht stehen.
Selbstverständlich ist das aus dem Leben gegriffen. Das Problem
entsteht ja erst dort, wo sich im Film zwei kennenlernen - und
nicht dort, wo sich die Leute längst kennen.
M.
(1) Jawohl. Signalwörter sind der Schlüssel. Daran merkt man, wie die Leute
zueinander stehen. Die Wortwahl in einem Gespräch mit einem
Ministerpräsidenten, dem man gerade vorgestellt worden ist, ist anders als
mit einem guten Bekannten, den man auf Deutsch duzen würde. Im Deutschen
sind die Linien klarer gezogen; im Englischen muß man leider eine
empfindliche Antenne für die Feinheiten entwickeln, damit man nicht ins
Fettnäpfchen tritt.
(2) Dafür gibt es mindestens zwei Erklärungen. Wenn der Roman von einer
Familie um 1865 handelt, könnte es heißen, daß der Held nach sehr kurzer
Zeit neue Bekannte nicht mit "Miss", "Mrs" und "Mr", sondern mit dem
Vornamen anredet, was sehr merkwürdig gewesen wäre. Wenn es um die moderne
Zeit geht, könnte es bedeuten, daß der Protagonist nach sehr kurzer Zeit
alle Formalitäten in seinen Gesprächen mit neuen Bekannten fallen läßt und
mit ihnen genauso ungezwungen wie mit alten Freunden spricht.
Schönen Gruß, ----- WB.
Michael Pronay schrieb:
> Selbstverständlich ist das aus dem Leben gegriffen. Das Problem
> entsteht ja erst dort, wo sich im Film zwei kennenlernen - und
> nicht dort, wo sich die Leute längst kennen.
Auch dann gehe ich mit weitaus mehr leuten zum "du" über als ins
bett. Ich weiß ja nicht, wie es dir da geht ....
>
> Vor langer Zeit gab es im Englischen mal die Unterscheidung zwischen dem
> "you" und der eigentlich vertraulicheren Anrede "thou" (die man heute
> noch in Gebeten findet). Entweder ist das gemeint - halte ich aber für
> wenig wahrscheinlich - , oder es geht einfach darum, dass der
> Protagonist diese Leute nun mit dem Vornamen anredet.
Der Vorname signalisiert im Englischen lange nicht die Nähe, die durch das
deutsche "du" ausgedrückt wird.
Joachim
>>
>> Aber wie funktionieren genau diese Stellen in den
>> englischsprachigen Originalfassungen?
>
> Da wird nach wie vor "you" gesprochen, da braucht nix zu
> "funktionieren" - wo ist Dein Problem?
>
> Das eigentliche Problem besteht für die Ersteller der
> Synchronfassungen, wann sie zum "Du" wechseln. Und dafür gibt's
> eine Grundregel: Nach dem ersten Kuss respektive der ersten Nacht.
Nett fand ich vor Jahren den japanischen Film "Irezumi". Da geht ein Chef
mit seiner Sekretärin ins Bett und bietet ihr dort an, nicht mehr "Herr
Direktor", sondern "Anata" zu sagen.
Auf deutsch wäre das etwa: Du darfst jetzt "Sie" zu mir sagen.
Joachim
> Der Vorname signalisiert im Englischen lange nicht die Nähe, die durch
> das deutsche "du" ausgedrückt wird.
Schon richtig. Ich hatte nur versucht, eine mögliche Erklärung dafür zu
liefern, was das "Duzen" in einem englischsprachigen Film bedeuten
könnte ...
Tschüs,
Christian
>> Selbstverständlich ist das aus dem Leben gegriffen. Das Problem
>> entsteht ja erst dort, wo sich im Film zwei kennenlernen - und
>> nicht dort, wo sich die Leute längst kennen.
> Auch dann gehe ich mit weitaus mehr leuten zum "du" über als ins
> bett. Ich weiß ja nicht, wie es dir da geht ....
[ ] Du hast begriffen, dass es um ein Problem der Filmsynchronisation
geht.
EOD.
M.
Michael Pronay schrieb:
> [ ] Du hast begriffen, dass es um ein Problem der Filmsynchronisation
> geht.
Auch im film kann ich mir vielfältige situationen vorstellen, in
denen auf locker-freundschaftlichem wege zum "du" übergegangen
wird, ohne dass daraus mehr erwächst (leider bin ich nicht
"beglotzt" genug, um konkrete beispiele zu nennen).
>Nett fand ich vor Jahren den japanischen Film "Irezumi". Da geht ein
Chef >mit seiner Sekretärin ins Bett und bietet ihr dort an, nicht mehr
"Herr
>Direktor", sondern "Anata" zu sagen.
>Auf deutsch wäre das etwa: Du darfst jetzt "Sie" zu mir sagen.
Naja, der Vergleich hinkt schon etwas. Immerhin ist "anata" die übliche
Anrede japanischer Ehefrauen, so besonders höflich ist das nicht.
Gruß, Michael
Ohne Bruderschaft zu trinken? :-))))
Schönen Gruß, ----- WB.
>Thomas Blankenstein schrieb in de.etc.sprache.misc:
>
>> Aber wie funktionieren genau diese Stellen in den englischsprachigen
>> Originalfassungen?
>
>Ich habe mal gehört, dass es auch im Englischen eine Art "siezen" und
>"duzen" gibt, allerdings nicht über "you", sondern über andere
>Signalwörter wie z.B. will = "du", would = "Sie". "Would you like
>to..." hieße z.B. "Würden Sie mir ...".
Wäre "Will you like to..." nicht einfach falsch bzw. würde den Sinn
verändern? "Would you like to..." = "Würden Sie/Würdest du gerne XYZ
tun?", "Will you like to..." aber = "Werden Sie/wirst du [irgendwann
in der Zukunft, nicht gerade jetzt] gerne XYZ tun?"
(ein "mir" ist da eh noch nicht drin)
Patrick Borer
Das ist das Schwierige. Es kommt auf das englischsprachige Land und die
jeweilige Umgebung dort an. Engländer gehören zu den höflichsten Menschen
dieser Welt, und ich kann mir kaum eine Situation vorstellen, in der man
einem Ausländer gegenüber nicht nachsichtig wäre. Aber der Ausländer, der
sich in England länger aufhält, wird die landesüblichen Umgangsformen
kennenlernen wollen. Der Umgangston läßt sich danach bestimmen, in welcher
Gesellschaft man sich befindet. Das lehrt leider nur die Erfahrung. Die Lage
ist anders in den USA, wo es bestimmt Millionen Menschen gibt, die keinen
Wert auf solche Dinge legen. Aber auch dort gibt es Kreise, wo der Deutsche
sicher den Eindruck haben könnte: Sie siezen sich doch alle. Herauszufinden,
was wo angebracht ist, gehört zu den Aufgaben dessen, der sich vorgenommen
hat, das Land in seiner Vielfalt gut kennenzulernen.
Schönen Gruß, ----- WB.