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Duden Newsletter: Rechtschreibrefomr von 1901

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Heinz Lohmann

unread,
Aug 20, 2004, 10:09:37 PM8/20/04
to
Wahrscheinlich haben die meisten Mitleser hier nicht den
Duden-newsletter abonniert, deshalb poste ich hier mal einen kurzen Text
aus der letzten Ausgabe:

***************************************************************
Die Rechtschreibreform von 1901

Bisweilen fördert der Blick zurück in die Vergangenheit
erstaunliche Parallelen zur Gegenwart zutage. So auch im Fall
der neuen deutschen Rechtschreibung. Die wenigsten wissen
nämlich, dass unsere vertraute "alte Rechtschreibung" keineswegs
so alt ist, wie immer vermutet wird, sondern erst im Jahr 1876
kodifiziert wurde. Aus diesem Jahr datieren die Beschlüsse der
so genannten I. Orthographischen Konferenz, an der Konrad Duden
einen wesentlichen Anteil hatte und die mit ihren Beschlüssen
sozusagen eine erste Rechtschreibreform herbeiführte.
Abgeschafft wurde erst mit dieser Reform das "th" in heimischen
Wörtern und damit Schreibweisen wie "Theil, Thier, Athem,
Eigenthum, Armuth, Noth, Werth". Die Verbindung "ey" wurde zu
"ei", beispielsweise in "seyn, meynen, bey". Eingedeutscht wurde
eine große Zahl von Fremdwörtern, indem "c" durch "k" oder "z"
ersetzt wurde, wie etwa in "Casse, Cultur, Clavier, Medicin,
Cigarre, Citrone, social".

Die Beschlüsse, die auch eine große Zahl von Varianten zuließen,
riefen in der Öffentlichkeit zum Teil heftigen Widerstand gegen
die ungewohnten Schreibweisen hervor, der - wie das damalige
Kommissionsmitglied Wilmanns beschreibt - auch in den Zeitungen
starken Widerhall fand: "Die Presse beschäftigte sich eifrig mit
der Angelegenheit, einzelne Blätter begrüßten die Verordnung mit
Freuden, viele verhielten sich ablehnend [...] Manche Artikel
waren augenscheinlich dazu bestimmt, das Publikum zu verwirren,
andere es durch ungeheure Vorstellungen zu schrecken, wieder
andere es mit Spott und Hohn zu belustigen."
In den Schulen wurden die neuen Schreibweisen bereits seit 1876
unterrichtet, in Ämtern und Behörden aber auf Betreiben Bismarcks
hin verboten. Erst im Jahr 1901 setzte sich die Schreibreform mit
der II. Orthographischen Konferenz endgültig in allen Bereichen
des öffentlichen Lebens durch.

Wer also heute glaubt, sich mit den veränderten Schreibweisen
nicht anfreunden zu können, kann sich trösten, dass bereits vor
über hundert Jahren Menschen Wortbilder wie "Teil, Armut, sein,
Kultur" zunächst für unerträglich hielten, sich aber im Laufe der
Zeit daran gewöhnten. Und auch die Sorge, die großen Werke der
Literatur würden durch neue Schreibweisen verunstaltet, ist
unbegründet: Goethe, Schiller, Fontane und alle anderen Klassiker
haben bereits 1901 eine Schreibreform unbeschadet überstanden,
und dass auch vor 1996 ihre Werke nicht im Original gelesen wurden,
tat ihrer Originalität keinen Abbruch.

***************************************

mfg
Heinz Lohmann
Tanshui, Taiwan
25.13N 121.29E
--
Der eine hatte eine falsche Rechtschreibung
und der andere eine rechte Falschschreibung.
G. Chr. Lichtenberg (Sudelbuch G 37)

Jürgen R.

unread,
Aug 21, 2004, 12:27:15 AM8/21/04
to
[...]

>
>***************************************************************
>Die Rechtschreibreform von 1901
>
[...]

>
>Die Beschlüsse, die auch eine große Zahl von Varianten zuließen,
>riefen in der Öffentlichkeit zum Teil heftigen Widerstand gegen
>die ungewohnten Schreibweisen hervor,

Ewig Gestrige gibt es nicht erst seit gestern. Interessant ist nur,
warum sich die Gemüter an gerade diesem völlig unwichtigen derma

Jürgen R.

unread,
Aug 21, 2004, 12:31:14 AM8/21/04
to
jur...@web.de (Jürgen R.) wrote:

>[...]
>>
>>***************************************************************
>>Die Rechtschreibreform von 1901
>>
>[...]
>>
>>Die Beschlüsse, die auch eine große Zahl von Varianten zuließen,
>>riefen in der Öffentlichkeit zum Teil heftigen Widerstand gegen
>>die ungewohnten Schreibweisen hervor,
>
>Ewig Gestrige gibt es nicht erst seit gestern. Interessant ist nur,

>warum sich die Gemüter an gerade diesem völlig unwichtigen ...
>
...Thema dermaßen erwärmen.
[...]

Lueko Willms

unread,
Aug 21, 2004, 5:36:00 AM8/21/04
to
. Am 21.08.04
schrieb lese...@despammed.com (Heinz Lohmann)
auf /DE/ETC/SPRACHE/DEUTSCH
in 2onp71F...@uni-berlin.de
ueber Duden Newsletter: Rechtschreibrefomr von 1901

HL> [1876] Aus diesem Jahr datieren die Beschlüsse der
HL> so genannten I. Orthographischen Konferenz, an der Konrad Duden
HL> einen wesentlichen Anteil hatte und die mit ihren Beschlüssen
HL> sozusagen eine erste Rechtschreibreform herbeiführte.
HL> Abgeschafft wurde erst mit dieser Reform das "th" in heimischen
HL> Wörtern und damit Schreibweisen wie "Theil, Thier, Athem,
HL> Eigenthum, Armuth, Noth, Werth". Die Verbindung "ey" wurde zu
HL> "ei", beispielsweise in "seyn, meynen, bey". Eingedeutscht wurde
HL> eine große Zahl von Fremdwörtern, indem "c" durch "k" oder "z"
HL> ersetzt wurde, wie etwa in "Casse, Cultur, Clavier, Medicin,
HL> Cigarre, Citrone, social".

Damit wurde aber nur verallgemeinert, was schon sehr weit verbreitet
war; da hatte nicht irgendjemand einer spinnerte Idee, daß man
allgemein als Standard akzeptierte Schreibweisen durch seine Erfindung
ersetzen solle, wie es die Leute vom IdS betrieben haben.

Ich hab hier das Facsimile einer Tageszeitung von 1848/49, wo ich
kein "ey" statt "ei" finde.

Was die Abschaffung des "th" angeht, wurde allerdings von der
tatsächlichen Aussprache abgerückt und der Abstand zwischen Schreibe
und Sprache vergrößert...


MfG,
Lüko Willms http://www.mlwerke.de
/--------- L.WI...@jpberlin.de -- Alle Rechte vorbehalten --

"Ohne Pressefreiheit, Vereins- und Versammlungsrecht ist keine
Arbeiterbewegung möglich" - Friedrich Engels (Februar 1865)

Bernd Gramlich

unread,
Aug 21, 2004, 6:36:35 AM8/21/04
to
Heinz Lohmann wrote:

> Abgeschafft wurde erst mit dieser Reform das "th" in heimischen
> Wörtern und damit Schreibweisen wie "Theil, Thier, Athem, Eigenthum,
> Armuth, Noth, Werth". Die Verbindung "ey" wurde zu "ei",
> beispielsweise in "seyn, meynen, bey". Eingedeutscht wurde eine große
> Zahl von Fremdwörtern, indem "c" durch "k" oder "z" ersetzt wurde,
> wie etwa in "Casse, Cultur, Clavier, Medicin, Cigarre, Citrone,
> social".
>
> Die Beschlüsse, die auch eine große Zahl von Varianten zuließen,
> riefen in der Öffentlichkeit zum Teil heftigen Widerstand gegen die
> ungewohnten Schreibweisen hervor,

Wenn die jüngste Reform auch nur halb so durchdacht gewesen wäre wie
die Vereinheitlichungsbestrebungen im späten 19. Jahrhundert, könnte
man deren Kritiker süffisant mit Verweisen auf damals abkanzeln. So
sitzen die Lacher aber eher auf der anderen Seite.

--
Bernd Gramlich Quod scripsi, scripsi.

Christian Seidl

unread,
Aug 21, 2004, 6:54:49 AM8/21/04
to
"Bernd Gramlich" <be...@tenuki.de> wrote in message
news:jj87gc...@tenuki.de

> > Abgeschafft wurde erst mit dieser Reform das "th" in heimischen
> > Wörtern und damit Schreibweisen wie "Theil, Thier, Athem, Eigenthum,
> > Armuth, Noth, Werth". Die Verbindung "ey" wurde zu "ei",
> > beispielsweise in "seyn, meynen, bey". Eingedeutscht wurde eine große
> > Zahl von Fremdwörtern, indem "c" durch "k" oder "z" ersetzt wurde,
> > wie etwa in "Casse, Cultur, Clavier, Medicin, Cigarre, Citrone,
> > social".
> >
> > Die Beschlüsse, die auch eine große Zahl von Varianten zuließen,
> > riefen in der Öffentlichkeit zum Teil heftigen Widerstand gegen die
> > ungewohnten Schreibweisen hervor,
>
> Wenn die jüngste Reform auch nur halb so durchdacht gewesen wäre wie
> die Vereinheitlichungsbestrebungen im späten 19. Jahrhundert,

Meinst du nicht, dass hier deine Gewohnheit den Blick trübt? Die
vereinheitlichenden Eingriffe ins Schriftbild waren auch damals
bedeutend. Gerade die Fälle von "ey" zu "ei" haben zwar *diese*
Schwierigkeit beseitigt, doch weiß man ja danach immer noch nicht, wo
<ei> und wo <ai> geschrieben werden soll. Es verhält sich also
ähnlich wie heute bei <ß> und <ss> bzw. <s>.

Und wer heute damit argumentiert, dass bei Fremdwörtern doch das
Deutsche die Ursprungssprache durchschimmern lassen solle, der muss
sich vorhalten lassen, dass immerhin in der Frage des lateinischen
<c> damals ganz kräftig eingedeutscht wurde. Gerade die <Medizin>
und die <Cultur> sind doch mindestens so hehre Begriffe wie die damals
verschont gebliebenen <Theater> und <Philosophie>.

Christian


--
Posted via Mailgate.ORG Server - http://www.Mailgate.ORG

Bernd Gramlich

unread,
Aug 21, 2004, 7:44:19 AM8/21/04
to
Christian Seidl wrote:

> "Bernd Gramlich" <be...@tenuki.de> wrote in message
> news:jj87gc...@tenuki.de
>
>> > Abgeschafft wurde erst mit dieser Reform das "th" in heimischen
>> > Wörtern und damit Schreibweisen wie "Theil, Thier, Athem,
>> > Eigenthum, Armuth, Noth, Werth". Die Verbindung "ey" wurde zu
>> > "ei", beispielsweise in "seyn, meynen, bey". Eingedeutscht wurde
>> > eine große Zahl von Fremdwörtern, indem "c" durch "k" oder "z"
>> > ersetzt wurde, wie etwa in "Casse, Cultur, Clavier, Medicin,
>> > Cigarre, Citrone, social".
>> >
>> > Die Beschlüsse, die auch eine große Zahl von Varianten zuließen,
>> > riefen in der Öffentlichkeit zum Teil heftigen Widerstand gegen
>> > die ungewohnten Schreibweisen hervor,
>>
>> Wenn die jüngste Reform auch nur halb so durchdacht gewesen wäre wie
>> die Vereinheitlichungsbestrebungen im späten 19. Jahrhundert,
>
> Meinst du nicht, dass hier deine Gewohnheit den Blick trübt?

Nein.

> Die vereinheitlichenden Eingriffe ins Schriftbild waren auch damals
> bedeutend. Gerade die Fälle von "ey" zu "ei" haben zwar *diese*
> Schwierigkeit beseitigt, doch weiß man ja danach immer noch nicht, wo
> <ei> und wo <ai> geschrieben werden soll. Es verhält sich also
> ähnlich wie heute bei <ß> und <ss> bzw. <s>.

Immerhin existierten die Fälle damals schon als Schreibvarianten (daher
ja auch die Bezeichnung "Vereinheitlichung"), während die s-Schreibung
ein altes Reißbrettkonstrukt ist, das weder südlich noch nördlich des
Rheins in dieser Form vorkam.

> Und wer heute damit argumentiert, dass bei Fremdwörtern doch das
> Deutsche die Ursprungssprache durchschimmern lassen solle, der muss
> sich vorhalten lassen, dass immerhin in der Frage des lateinischen
> <c> damals ganz kräftig eingedeutscht wurde. Gerade die <Medizin>
> und die <Cultur> sind doch mindestens so hehre Begriffe wie die
> damals verschont gebliebenen <Theater> und <Philosophie>.

Hier unterstellst Du mir ein Argument, das ich nie benutzt habe. Im
Gegenteil, Du wirst genügend Aussagen von mir finden, die einer
eindeutschenden Schreibweise von Fremdwörtern gegenüber aufgeschlossen
sind.

Die gravierenden Schwächen der Reform liegen auch nicht hier, sondern
in der Interpunktion, der Zusammen- und Getrenntschreibung und in der
unsystematischen (und wenig motivierten, dafür aber laut propagierten)
Änderung weniger Einzelschreibweisen. Wenn von der Reform etwas wert
ist, an künftige Generationen weitergegeben zu werden, dann ist es (mit
Bückling an Martin Gerdes) der Begriff "Kotauwort".

Matthias Opatz

unread,
Aug 21, 2004, 8:08:09 AM8/21/04
to
Bernd Gramlich schrieb:

> während die s-Schreibung
> ein altes Reißbrettkonstrukt ist, das weder südlich noch nördlich des
> Rheins in dieser Form vorkam.

Des Rheins?

Matthias

--
Nelson machte die Schlacht von Trafalgar noch mit, obgleich er bei Abukir
geblieben war. Prof. Galletti
*** Wer zum Kuckuck ist Prof. Galletti? => http://www.galletti.de/ ***
---- Bitte bei Mailantwort Großbuchstaben aus Reply-Adresse löschen ----

Christian Seidl

unread,
Aug 21, 2004, 8:09:58 AM8/21/04
to
"Bernd Gramlich" <be...@tenuki.de> wrote in message
news:jic7gc...@tenuki.de

> >> Wenn die jüngste Reform auch nur halb so durchdacht gewesen wäre wie
> >> die Vereinheitlichungsbestrebungen im späten 19. Jahrhundert,
> >
> > Meinst du nicht, dass hier deine Gewohnheit den Blick trübt?
>
> Nein.

Und kannst du diese meine Vermutung falsifizieren?



> Immerhin existierten die Fälle damals schon als Schreibvarianten (daher
> ja auch die Bezeichnung "Vereinheitlichung"),

Eben das, was man heute als "Chaos" betrachten würde und wovon die
Vertreter der beiden Richtungen behaupten würden, nur *ihre* Variante
sei die zielführende.

> > Und wer heute damit argumentiert, dass bei Fremdwörtern doch das
> > Deutsche die Ursprungssprache durchschimmern lassen solle, der muss
> > sich vorhalten lassen, dass immerhin in der Frage des lateinischen
> > <c> damals ganz kräftig eingedeutscht wurde.

> Hier unterstellst Du mir ein Argument, das ich nie benutzt habe.

Ich habe hier wirklich nicht dich gemeint! Ich habe nur ganz allgemein
argumentiert.

> Die gravierenden Schwächen der Reform liegen auch nicht hier, sondern
> in der Interpunktion,

Der Meinung bin ich nicht.

> der Zusammen- und Getrenntschreibung

ACK. Hier wurde ein Wildwuchs durch einen anderen beseitigt.
Freilich: eine befriedigende Lösung kann es in diesem Bereich ja gar
nicht geben, da bei vielen Wörtern der Worteinungsprozess noch im
Gange ist (z.B. bei <weitgehend>). Man wird also immer eine Gruppe
von Leuten finden, die sagen, das und das sei für sie *ein* Wort,
während andere ebenso richtig sagen, es seien zwei.

> und in der
> unsystematischen (und wenig motivierten, dafür aber laut propagierten)
> Änderung weniger Einzelschreibweisen.

Fragt sich nur, auf wen das "laut" besser zutrifft: Auf die Einführer
oder auf die Gegner der <Gämsen> etc.

Allerdings sehe ich hier bei dir eine Inkonsequenz: Du hast vorhin
bezüglich des <ß> von einer Reißbrettkonstruktion gesprochen.
Meinetwegen, aber die war, am Standarddeutschen gemessen, durchdacht.
Und damit wurden beileibe nicht Einzelschreibweisen betroffen. Aber
das gefällt dir ja auch nicht.

Also drängt sich bei mir der *Verdacht* auf: Was auch immer man
reformiert hätte - du wärest dagegen gewesen.

Wenn das so wäre, wäre das durchaus ein Standpunkt, der ja nicht
unehrenhaft ist. Nur: warum lese ich in dieser Gruppe immer: Ja,
reformieren hätte man schon können, aber nicht so! Wie, bitte, dann?

> Wenn von der Reform etwas wert
> ist, an künftige Generationen weitergegeben zu werden, dann ist es (mit
> Bückling an Martin Gerdes) der Begriff "Kotauwort".

Die Kreation eines Neologismus hat mit Rechtschreibreform herzlich
wenig zu tun.

Und gegen Bücklinge bin ich generell, an wen auch immer.

Sebastian Koppehel

unread,
Aug 21, 2004, 7:57:03 AM8/21/04
to
jur...@web.de (Jürgen R.) schrieb:

> [...]
>>
>>***************************************************************
>>Die Rechtschreibreform von 1901
>>
> [...]
>>
>>Die Beschlüsse, die auch eine große Zahl von Varianten zuließen,
>>riefen in der Öffentlichkeit zum Teil heftigen Widerstand gegen
>>die ungewohnten Schreibweisen hervor,
>
> Ewig Gestrige gibt es nicht erst seit gestern. Interessant ist nur,
> warum sich die Gemüter an gerade diesem völlig unwichtigen derma

Ich weiß, wie wir Jürgen ganz einfach auf unsere Seite ziehen können:
Wir geben die Forderung auf, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren,
und fordern stattdessen die einführung einer ganz neuen Rechtschreibung
(GNRS). Was den Inhalt der Ganzeuregelung betrifft:

a) revolutionäre Vereinfachungen bei der s-Schreibung nach kurzem
Vokal; am Silbenende steht jetzt ß statt ss;

b) radikale Verbesserungen bei der GZS und GKS;

c) weitere Stärkung des Stammprinzips durch verstärkte Ausrichtung
der Schreibweise an der Etymologie (z.B. Tolpatsch, Quentchen usw.)

d) ...

Ich will hier gar nicht näher auf Details eingehen, da solche
"unwichtigen Themen" ja sowieso bedeutungslos sind. Wichtig ist nur, daß
die Regelung *neu* ist. Und wer wird da schon als Ewiggestriger dastehen
wollen, der sich dem Fortschritt aus Prinzip verschließt?

- Sebastian

Sebastian Koppehel

unread,
Aug 21, 2004, 7:58:30 AM8/21/04
to
"Christian Seidl" <se...@indoger.unizh.ch> schrieb:

> Meinst du nicht, dass hier deine Gewohnheit den Blick trübt? Die
> vereinheitlichenden Eingriffe ins Schriftbild waren auch damals
> bedeutend. Gerade die Fälle von "ey" zu "ei" haben zwar *diese*
> Schwierigkeit beseitigt,

Welche Schwierigkeit haben die beseitigt?

Und war "seyn" 1901 wirklich noch ein Thema?

- Sebastian

Christian Seidl

unread,
Aug 21, 2004, 8:19:14 AM8/21/04
to
"Sebastian Koppehel" <ba...@bastisoft.de> wrote in message
news:60qjv1-...@bastisoft.de

> > Meinst du nicht, dass hier deine Gewohnheit den Blick trübt? Die
> > vereinheitlichenden Eingriffe ins Schriftbild waren auch damals
> > bedeutend. Gerade die Fälle von "ey" zu "ei" haben zwar *diese*
> > Schwierigkeit beseitigt,
>
> Welche Schwierigkeit haben die beseitigt?

Die Frage, ob nun <ey> oder <ei> zu schreiben sei.

Also: "Ey, Alder" oder "Ei, Alder"...;-)

> Und war "seyn" 1901 wirklich noch ein Thema?

Offenbar schon noch in wahrnehmbarem Ausmaße, sonst hätte man's nicht
zu regeln brauchen.

Christian Seidl

unread,
Aug 21, 2004, 8:25:17 AM8/21/04
to
"Sebastian Koppehel" <ba...@bastisoft.de> wrote in message
news:ftpjv1-...@bastisoft.de


> Ich weiß, wie wir Jürgen ganz einfach auf unsere Seite ziehen können:
> Wir geben die Forderung auf, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren,
> und fordern stattdessen die einführung einer ganz neuen Rechtschreibung
> (GNRS).

auch "Besonders neue Rechtschreibung" (BNRS) genannt...

> Was den Inhalt der Ganzeuregelung betrifft:

[snip]

> d) ...

Gemeint sind hierunter: Allgemeine Verbesserungen.

Alles in allem endlich einmal ein diskutierenswerter Vorschlag, der
neue Perspektiven eröffnet und eine konsensuale Lösung, wiewohl hierzu
noch Kommissionen gebildet werden müssen, als näher erscheinen lässt
als man dies noch vor kurzem gedacht hätte.

Heinz Lohmann

unread,
Aug 21, 2004, 8:53:11 AM8/21/04
to
Bernd Gramlich schrieb:

>Bückling an Martin Gerdes) der Begriff "Kotauwort".

Was heißt das?

Joern Abatz

unread,
Aug 21, 2004, 9:55:02 AM8/21/04
to
On Sat, 21 Aug 2004 12:19:14 +0000, Christian Seidl wrote:

>> Und war "seyn" 1901 wirklich noch ein Thema?
>
> Offenbar schon noch in wahrnehmbarem Ausmaße, sonst hätte man's nicht
> zu regeln brauchen.

Ich habe hier ein Räthselbüchlein "unveränderter Nachdruck der Ausgabe
von 1898": Thäler, thun, Noth, frazzenhaft, umgränzt, beschooren, viele
Apostrophe. Da ist z.B. grad mal kein "ey" drin.

-----
Hier ein Räthselbüchlein, das kleinen wie größern Kindern
mannigfaltigen, passenden Stoff zum Denken bietet und daher als
anziehender und nützlicher Zeitvertreib eine willkommene Gabe für die
Jugend bilden wird, welche wohl nicht allzuschnell verbraucht sein
dürfte, da sie eben Arbeit, "Suchen und Sinnen" erfordert, und, einmal
verbraucht, den Kindern Anlaß gibt, dieselben nochmals zu verwerthen,
wobei sie als diejenigen, welche gesucht und auch gefunden, eine gewisse
Genugthuung empfinden.

Sämmtliche Räthsel sind neu und orthographisch richtig, nur auf die
großen und kleinen Buchstaben ist keine Rücksicht genommen.

[...]

Nr. 75

Mit W bin ich ein klebrig Ding, von Bienen zubereitet;
Mit L ein Fisch von zartem Fleisch, der gern flußaufwärts gleitet;
Mit D ein träges Säugethier, in Höhlen tief verborgen,
Mit S ein Schuster und Poet, "ein Hänschen ohne Sorgen".

-----
(Ist ja ganz einfach: Wonig, Lorelle, Där, Seichmann.)

Jörn

_______________________________________________________________________________
Posted Via Uncensored-News.Com - Accounts Starting At $6.95 - http://www.uncensored-news.com
<><><><><><><> The Worlds Uncensored News Source <><><><><><><><>

Lueko Willms

unread,
Aug 21, 2004, 10:22:00 AM8/21/04
to
. Am 21.08.04
schrieb se...@indoger.unizh.ch (Christian Seidl)
auf /DE/ETC/SPRACHE/DEUTSCH
in 400dcd31e97cbc17d6...@mygate.mailgate.org
ueber Re: Duden Newsletter: Rechtschreibrefomr von 1901

CS> doch weiß man ja danach immer noch nicht, wo <ei> und wo <ai>
CS> geschrieben werden soll.

ist aber doch einfach: da, wo es geschrieben werden soll.


MfG,
Lüko Willms http://www.mlwerke.de
/--------- L.WI...@jpberlin.de -- Alle Rechte vorbehalten --

"Die Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie
in schwarzer Haut gebrandmarkt wird." - Karl Marx 12.11.1866

Wolf Busch

unread,
Aug 21, 2004, 10:58:53 AM8/21/04
to
Heinz Lohmann zitierte:

[Duden-Newsletter]

> Die wenigsten wissen nämlich, dass unsere vertraute "alte
> Rechtschreibung" keineswegs so alt ist, wie immer vermutet wird,
> sondern erst im Jahr 1876 kodifiziert wurde.

Rudolf Hoberg (Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission für
deutsche Rechtschreibung) weiß das offenbar auch nicht:

| Die deutsche Rechtschreibung wurde zum ersten Mal 1901 festgelegt,
| davor konnten die Deutschen - vereinfacht gesagt - schreiben, wie
| sie wollten.
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/784711

Aber das ist ja gerade das Schöne am Duden-Newsletter, daß man
dort Dinge erfährt, von denen selbst Fachleute noch nie etwas
gehört haben. ;)

> Aus diesem Jahr datieren die Beschlüsse der
> so genannten I. Orthographischen Konferenz, an der Konrad Duden
> einen wesentlichen Anteil hatte und die mit ihren Beschlüssen
> sozusagen eine erste Rechtschreibreform herbeiführte.

Die aber niemals offiziell anerkannt und umgesetzt wurde.

> Abgeschafft wurde erst mit dieser Reform das "th" in heimischen
> Wörtern und damit Schreibweisen wie "Theil, Thier, Athem,
> Eigenthum, Armuth, Noth, Werth".

Die preußische Schulorthographie hat das th im Anlaut nicht
völlig abgeschafft (Thräne, Thür usw.).

> Die Verbindung "ey" wurde zu
> "ei", beispielsweise in "seyn, meynen, bey".

Wann? 1876? Das ist natürlich Unfug. Die Schreibungen "meynen" und
"bey" waren schon um 1850 völlig veraltet, selbst "seyn" findet
man in Drucken dieser Zeit nur noch selten. Ich habe mal in vier
Büchern aus den 1840er Jahren nachgeblättert, die in meinem Bücherregal
stehen:

| Zur Strafe bin ich ihm gesendet,
| Ein Dorn in seinem Kranz zu sein --
(Puschkin: Dichtungen. Erster Band. Leipzig: Engelmann, 1840. S. 129)

| Auch Phöbe wagte schüchtern den jungen Vetter auf die Vorstellung
| anzusehen, ob er vielleicht ein Wüstling wäre, dem ein sittliches
| Mädchen fern bleiben müsse, wie nahe das Verhältniß zu ihm auch
| immer sein möchte.
(Henriette Hanke: Sämmtliche Schriften, 63. Band. Tante und Nichte.
Hannover: Hahn, 1843. S. 23)

| Ein unermüdlich Qualerwerben,
| Ein Traumessein im Tagsgewirr,
| Ein einsam Sein in düstrer Mahnung
| Inmitten dieser lauten Welt,
(Betty Paoli: Gedichte. 2. Aufl. Pesth: Heckenast, 1845. S. 35)

| Hoffend, daß auch uns're Pein
| Mag am nahen Ende sein.
(Minna von Mädler: Gedichte. Leipzig; Mitau: Reyher, 1848. S. 211)

Erstaunlich, daß die Buchdrucker schon damals die Ergebnisse der
Reform von 1876 kannten. ;)

> Eingedeutscht wurde
> eine große Zahl von Fremdwörtern, indem "c" durch "k" oder "z"
> ersetzt wurde, wie etwa in "Casse, Cultur, Clavier, Medicin,
> Cigarre, Citrone, social".

Es wurde dort auch die Heysesche s-Schreibung beschlossen und der
Wegfall des Dehnungs-h in bestimmten Wörtern (Höle, Bone, Fane).

> In den Schulen wurden die neuen Schreibweisen bereits seit 1876
> unterrichtet,

Da lachen ja die Hüner.

> Wer also heute glaubt, sich mit den veränderten Schreibweisen
> nicht anfreunden zu können, kann sich trösten, dass bereits vor
> über hundert Jahren Menschen Wortbilder wie "Teil, Armut, sein,
> Kultur" zunächst für unerträglich hielten, sich aber im Laufe der
> Zeit daran gewöhnten.

An "Kautsch" oder den "Klaun" haben sie sich aber nicht gewöhnt,
obwohl diese Wörter lange Zeit im Duden standen. Und daß man sich
1876 über die seit Jahrzehnten übliche Schreibung "sein" aufgeregt
haben soll, kann ich nicht glauben.

Ich finde die Darstellung im ÖWB (S. 970) wesentlich besser und
informativer als die Halbwahrheiten, die in diesem Dudennewsletter
verbreitet werden.

Schöne Grüße,
Wolf

Wolf Busch

unread,
Aug 21, 2004, 10:58:45 AM8/21/04
to
Christian Seidl schrieb:


> > Und war "seyn" 1901 wirklich noch ein Thema?
>
> Offenbar schon

Das wäre mir neu.

> noch in wahrnehmbarem Ausmaße, sonst hätte man's nicht
> zu regeln brauchen.

Wie sah denn diese Regelung aus? Wenn ich das richtig sehe, reden
wir hier von einer Regelung, von der irgendwer behauptet, daß er
mal irgendwo gehört habe, daß das irgendwann mal irgendwie geregelt
worden sei. ;)

Schöne Grüße,
Wolf

Matthias Opatz

unread,
Aug 21, 2004, 12:02:17 PM8/21/04
to
Heinz Lohmann schrieb:
> Bernd Gramlich schrieb:

>> "Kotauwort"
>
> Was heißt das?

Nicht alle Neuerungen sind zwingend. Wer sich mit Eifer auch und vor allem
neu zugelassener Nebenformen (Delfin, aufwändig, spät Gebärende, Majonäse,
nachhause) bedient, macht in Martins (und anderer) Augen einen Kotau.

Matthias Opatz

unread,
Aug 21, 2004, 12:05:04 PM8/21/04
to
Wolf Busch schrieb:

> Ich finde die Darstellung im ÖWB (S. 970) wesentlich besser

Darf das hier zitiert werden (falls Du eine digitale Version hast)?

Jürgen R.

unread,
Aug 21, 2004, 1:40:07 PM8/21/04
to
[...]

>
>Ich will hier gar nicht näher auf Details eingehen, da solche
>"unwichtigen Themen" ja sowieso bedeutungslos sind. Wichtig ist nur, daß
>die Regelung *neu* ist. Und wer wird da schon als Ewiggestriger dastehen
>wollen, der sich dem Fortschritt aus Prinzip verschließt?
>
> - Sebastian

Das eine ist so falsch, wie das andere: Es dürfen weder die
Konservatoren, noch die Radikalerneuerer auf der ganzen Linie
gewinnen. Die Regeln alle hundert Jahre der Realität anpassen -
dagegen dürfte wohl kaum jemand ein solides Gegenargument finden.

Das eigentliche Problem ist doch, dass unsere hochverehrte Kommission
sich nicht auf Orthografie beschränkt hat: Es ist denkbar, dass die
Regeln für das Getrennt- und Auseinanderschreiben verbesserungsfähig
waren, aber dieser Eingriff war viel zu radikal.

Trotzdem sehe ich keinen Anlass zur Aufregung. Es ist nämlich sehr
unwahrscheinlich, dass sich völliger Unsinn durchsetzen wird.

Jürgen

Lueko Willms

unread,
Aug 21, 2004, 12:31:00 PM8/21/04
to
. Am 21.08.04
schrieb se...@indoger.unizh.ch (Christian Seidl)
auf /DE/ETC/SPRACHE/DEUTSCH
in 4fc5892996e4f08630...@mygate.mailgate.org

ueber Re: Duden Newsletter: Rechtschreibrefomr von 1901

>> der Zusammen- und Getrenntschreibung

CS> Freilich: eine befriedigende Lösung kann es in diesem Bereich ja gar
CS> nicht geben, da bei vielen Wörtern der Worteinungsprozess noch im
CS> Gange ist (z.B. bei <weitgehend>). Man wird also immer eine Gruppe
CS> von Leuten finden, die sagen, das und das sei für sie *ein* Wort,
CS> während andere ebenso richtig sagen, es seien zwei.

Das ist doch eine befriedigende Lösung.

Die besteht einfach in der Feststellung, daß hier ein _Prozeß_
stattfindet, und daß es absolut keine formalen Kriterien gibt, der für
jedes einzelne Wort bestimmt, ob es schon ein Wort oder noch eine
Wortgruppe ist. Nur die tatsächliche Benutzung der Sprachgemeinschaft
und das Sprachgefühl des einzelnen kann das entscheiden.

Und da muß man eben auch anerkennen, das es Übergänge gibt, die
sich über eine gewisse Zeit hinstrecken.


MfG,
Lüko Willms http://www.mlwerke.de
/--------- L.WI...@jpberlin.de -- Alle Rechte vorbehalten --

"Es sind nicht die Generäle und Könige, die die Geschichte machen,
sondern die breiten Massen des Volkes" - Nelson Mandela

Ralf Heinrich Arning

unread,
Aug 21, 2004, 2:01:27 PM8/21/04
to
Matthias Opatz <spam-c...@onlinehome.de> wrote:

> Bernd Gramlich schrieb:
>
> > während die s-Schreibung
> > ein altes Reißbrettkonstrukt ist, das weder südlich noch nördlich des
> > Rheins in dieser Form vorkam.
>
> Des Rheins?
>

Zum Beispiel zwischen Rüdesheim und Wiesbaden. ;-)

Ralf

Message has been deleted

Bernd Gramlich

unread,
Aug 21, 2004, 4:20:16 PM8/21/04
to
Christian Seidl wrote:

> "Bernd Gramlich" <be...@tenuki.de> wrote in message
> news:jic7gc...@tenuki.de
>
>> >> Wenn die jüngste Reform auch nur halb so durchdacht gewesen wäre
>> >> wie die Vereinheitlichungsbestrebungen im späten 19. Jahrhundert,
>> >
>> > Meinst du nicht, dass hier deine Gewohnheit den Blick trübt?
>>
>> Nein.
>
> Und kannst du diese meine Vermutung falsifizieren?

Wenn Du ad hominem argumentieren willst, bist Du in der falschen
Gruppe.

>> Immerhin existierten die Fälle damals schon als Schreibvarianten
>> (daher ja auch die Bezeichnung "Vereinheitlichung"),
>
> Eben das, was man heute als "Chaos" betrachten würde und wovon die
> Vertreter der beiden Richtungen behaupten würden, nur *ihre* Variante
> sei die zielführende.

Der Unterschied ist, daß wir den Segen weitgehender Einheitlichkeit
bereits etwa ein Jahrhundert lang genießen durften, während seinerzeit
erst versucht wurde, sie allmählich zu erreichen.

>> der Zusammen- und Getrenntschreibung
>
> ACK. Hier wurde ein Wildwuchs durch einen anderen beseitigt.
> Freilich: eine befriedigende Lösung kann es in diesem Bereich ja gar
> nicht geben, da bei vielen Wörtern der Worteinungsprozess noch im
> Gange ist (z.B. bei <weitgehend>). Man wird also immer eine Gruppe
> von Leuten finden, die sagen, das und das sei für sie *ein* Wort,
> während andere ebenso richtig sagen, es seien zwei.

Eben. Wenn die Sprachgemeinschaft zwei Schreibvarianten erfindet und
fleißig gebraucht, dann schreibt man zwei Einträge ins Wörterbuch und
wartet, ob sich einer durchsetzt, ohne irgendwelche Farbgebungen oder
sonstigen Schnickschnack.

>> und in der unsystematischen (und wenig motivierten, dafür aber laut
>> propagierten) Änderung weniger Einzelschreibweisen.
>
> Fragt sich nur, auf wen das "laut" besser zutrifft: Auf die Einführer
> oder auf die Gegner der <Gämsen> etc.

Daß das Thema überhaupt im Rahmen der Reform aufkam, war schon
überflüssig. Einzelschreibweisen sind etwas, das eine
Wörterbuchredaktion immer mal wieder korrigieren kann, wenn sich die
Schreibmode ändert.

> Allerdings sehe ich hier bei dir eine Inkonsequenz: Du hast vorhin
> bezüglich des <ß> von einer Reißbrettkonstruktion gesprochen.
> Meinetwegen, aber die war, am Standarddeutschen gemessen, durchdacht.
> Und damit wurden beileibe nicht Einzelschreibweisen betroffen. Aber
> das gefällt dir ja auch nicht.

Wo habe ich vorhin gesagt, daß mir das nicht gefällt? Konstruktionen am
Reißbrett sind nützlich, wenn man die Einheitlichkeit erst anstrebt und
deswegen ohnehin einige Regeln ändern muß. Wo Einheitlichkeit bereits
existiert, halte ich neue Reißbrettideen für überflüssigen Aktionismus.

> Also drängt sich bei mir der *Verdacht* auf: Was auch immer man
> reformiert hätte - du wärest dagegen gewesen.

In meiner persönlichen Schreibe vermutlich. Aber einer Reform, die
ausschließlich Verbesserungen gebracht hätte (etwa, indem sie die
Schreibung von Fremdwörtern den einheimischen Wörtern angepaßt hätte),
hätte ich nicht widersprochen.

> Wenn das so wäre, wäre das durchaus ein Standpunkt, der ja nicht
> unehrenhaft ist. Nur: warum lese ich in dieser Gruppe immer: Ja,
> reformieren hätte man schon können, aber nicht so! Wie, bitte, dann?

Mit Blick auf den Leser statt auf den Schreiber, unter Einbeziehung
buchdruckerischen Sachverstands und mit Geduld. Eine Reform muß sich
nicht allen orthographischen Themen auf einmal widmen, sondern kann
sich Jahrzehnte Zeit lassen. Zumindest dann, wenn keine
wirtschaftlichen Interessen seitens der Verlage dahinterstehen.

>> Wenn von der Reform etwas wert ist, an künftige Generationen
>> weitergegeben zu werden, dann ist es (mit Bückling an Martin Gerdes)
>> der Begriff "Kotauwort".
>
> Die Kreation eines Neologismus hat mit Rechtschreibreform herzlich
> wenig zu tun.

Technisch nicht, inhaltlich aber vielleicht schon.

Message has been deleted

Rüdiger Silberer

unread,
Aug 21, 2004, 5:42:48 PM8/21/04
to
Christian Seidl schrieb:

>"Bernd Gramlich" <be...@tenuki.de> wrote in message

>> der Zusammen- und Getrenntschreibung
>
>ACK. Hier wurde ein Wildwuchs durch einen anderen beseitigt.
>Freilich: eine befriedigende Lösung kann es in diesem Bereich ja gar
>nicht geben, da bei vielen Wörtern der Worteinungsprozess noch im
>Gange ist (z.B. bei <weitgehend>). Man wird also immer eine Gruppe
>von Leuten finden, die sagen, das und das sei für sie *ein* Wort,
>während andere ebenso richtig sagen, es seien zwei.

Warum hat man es dann nicht gelassen wie es war? Wenn ich etwas
reformiere, erwarte ich für den Aufwand eine Verbesserung und nicht
nur, daß ein Wildwuchs durch einen anderen ersetzt wird.


>> und in der
>> unsystematischen (und wenig motivierten, dafür aber laut propagierten)
>> Änderung weniger Einzelschreibweisen.
>
>Fragt sich nur, auf wen das "laut" besser zutrifft: Auf die Einführer
>oder auf die Gegner der <Gämsen> etc.

Du liest scheinbar wenig Zeitung oder Zeitschriften. Es sind doch nur
noch die "modernen" Formen zu lesen. Jeder will ja als möglichst
fortschrittlich gelten und das fortschrittlichste ist nur mal derzeit
die "Neue Deutsche Rechtschreibung". Das ist wohl was Bernd mit laut
gemeint hat.

[..]
--
ade, Rüdiger

"Die Portugiesen werden gewinnen. Allein schon, weil sie rot-grüne Trikots tragen."
-Franz Müntefering-

Wolf Busch

unread,
Aug 21, 2004, 5:29:28 PM8/21/04
to
Matthias Opatz schrieb:


> Wer sich mit Eifer auch und vor allem
> neu zugelassener Nebenformen (Delfin, aufwändig, spät Gebärende, Majonäse,
> nachhause) bedient,

"Majonäse" wurde weder 1901 noch 1996 neu zugelassen. ;)

Schöne Grüße,
Wolf

Jürgen R.

unread,
Aug 22, 2004, 3:39:13 AM8/22/04
to
Ralf Kusmierz <m...@privacy.net> wrote:

>X-No-Archive: Yes
>
>begin quoting, "Jürgen R." schrieb:


>
>>> Und wer wird da schon als Ewiggestriger dastehen
>>> wollen, der sich dem Fortschritt aus Prinzip verschließt?

>> Das eine ist so falsch, wie das andere: Es dürfen weder die


>> Konservatoren, noch die Radikalerneuerer auf der ganzen Linie
>> gewinnen.
>

>O je, die Batterie ...


>
>> Die Regeln alle hundert Jahre der Realität anpassen -
>> dagegen dürfte wohl kaum jemand ein solides Gegenargument finden.
>

>Doch, ich! Warum nur alle hundert Jahre eine Revolution? Ich fordere
>die Gründung der Partei der institutionalisierten permanenten
>Revolut^H^H^H^H^Hchtschreibreform - sie soll nach dem Wegbereiter
>"Konrad Duden" benannt werden! Künftig wird sie _jede_ Änderung der
>Rechtschreibung zeitnah in der jeweils neuesten Auflage der
>Wörterbücher im Regel- und Wörterverzeichnis berücksichtigen.

Wörterbücher sind nützlich. Diese müssen laufend angepasst werden.
Bestreitet das jemand?


>
>> Das eigentliche Problem ist doch, dass unsere hochverehrte Kommission
>> sich nicht auf Orthografie beschränkt hat: Es ist denkbar, dass die
>> Regeln für das Getrennt- und Auseinanderschreiben verbesserungsfähig
>> waren, aber dieser Eingriff war viel zu radikal.
>

>Versteh doch mal, daß die Frage nicht lautet, ob Regeln gut oder
>schlecht, sondern, ob sie richtig oder falsch sind.

Welche Frage? Meine bestimmt nicht.

Die Schulmeister, das Ekel und das Blümlein, mögen meinen, dass sie
wissen, was richtig oder falsch ist. Das nützt aber nur wenig.

> Ihren Inhalt
>bestimmen nämlich nicht die Grammatiker,
> sondern die Schreiber, die
>Orthographen stellen dazu lediglich zutreffende oder eben nicht
>zutreffende Regeln fest."

> Die Sprache ist nämlich ursprünglicher und
>"demokratischer" als staatliche Instanzen, die ihren Gebrauch lehren
>und "regeln".

Die Sprache ist "ursprünglicher" als staatliche Instanzen, und
"demokratischer" außerdem? Wusste ich nicht, und letzteres kann man
bezweifeln, aber tut das was zur Sache?


>
>> Trotzdem sehe ich keinen Anlass zur Aufregung. Es ist nämlich sehr
>> unwahrscheinlich, dass sich völliger Unsinn durchsetzen wird.
>

>Hatten wir das nicht gerade?

Nein. Durchgesetzt hat sich noch garnichts; oder meinst du zu wissen,
was die Konsequenzen des Reformversuches sein werden?

>
>
>Gruß aus Bremen
>Ralf
>--
>R60: Substantive werden groß geschrieben. Grammatische Schreibweisen:
>adressiert Appell asynchron Atmosphäre Autor bißchen Ellipse Emission
>gesamt heraus Immission interessiert korreliert korrigiert Laie
>nämlich offiziell parallel reell Satellit Standard Stegreif voraus

Uwe Schickedanz

unread,
Aug 22, 2004, 3:40:45 AM8/22/04
to
Bernd Gramlich <be...@tenuki.de> schrieb:

>Reißbrettkonstrukt

Gestatte mir an dieser Stelle den Einwurf, daß das Reissbrett, ebenso
wie die Reisszwecke von einem Herrn Reiss erfunden wurde, die Firma
gleichen Namens gibt es wohl auch heute noch.
Häufig begegnet man der Ansicht, die Bezeichnung stamme von "einen Riß
zeichnen" bzw. "etwas aufreißen", das ist mWn jedoch Volksetymologie.

Gruß Uwe

--
Wenn irgendetwas »Reform« heißt in Deutschland, sind
übelwollende Spießgesellen am Werk, um eine Sache, die
zuvor einigermaßen erträglich war, rücksichtslos
zugrundezurichten.

Uwe Schickedanz

unread,
Aug 22, 2004, 3:45:46 AM8/22/04
to
Martin Gerdes <martin...@gmx.de> schrieb:

>Ich hoffe, es gibt auch eine weitere Parallele: Die Reformer von 1876
>mußten nämlich einen Großteil ihrer Vorschläge zurückziehen, weil
>Öffentlichkeit und maßgebliche Größen der Politik sie nicht
>akzeptierten.

Bleibt zu hoffen, daß es diesmal nicht wieder 25 Jahre dauert...

Matthias Opatz

unread,
Aug 22, 2004, 4:30:12 AM8/22/04
to
Uwe Schickedanz schrieb:

> Gestatte mir an dieser Stelle den Einwurf, daß das Reissbrett, ebenso
> wie die Reisszwecke von einem Herrn Reiss erfunden wurde,

Davon habe ich nie gehört.
Kann man sowas simples wie ein planes Brett überhaupt "erfinden!?

> die Firma
> gleichen Namens gibt es wohl auch heute noch.

Das wohl, allein der Zusammenhang ist strittig.

> Häufig begegnet man der Ansicht, die Bezeichnung stamme von "einen Riß
> zeichnen" bzw. "etwas aufreißen", das ist mWn jedoch Volksetymologie.

Wenn, dann aber sehr einleuchtende.

Uwe Schickedanz

unread,
Aug 22, 2004, 4:57:58 AM8/22/04
to
Matthias Opatz <spam-c...@onlinehome.de> schrieb:

>Davon habe ich nie gehört.
>Kann man sowas simples wie ein planes Brett überhaupt "erfinden!?

Da gehört schon noch etwas mehr dazu, als nur das Brett.

Matthias Opatz

unread,
Aug 22, 2004, 5:36:02 AM8/22/04
to
Uwe Schickedanz schrieb:

> Matthias Opatz <spam-c...@onlinehome.de> schrieb:
>
>>Davon habe ich nie gehört.
>>Kann man sowas simples wie ein planes Brett überhaupt "erfinden!?
>
> Da gehört schon noch etwas mehr dazu, als nur das Brett.

Nicht zwingend. Der Zweck bestimmt den Namen.
Mit anderem Zweck könnte genau das gleiche Brett auch Anschlagtafel,
Tischplatte, Schneidbrett oder Trage sein.

Und *hätte* die Firma Reiss das Reißbrett erfunden, verwiese sie mit
ziemlicher Sicherheit in ihrer Firmengeschichte [*] darauf. Dass sie
es nicht tut, bestärkt mich in meinem Zweifel an Deiner Erklärung.

[*] http://www.reiss-bueromoebel.de/unternehmen_geschichte.html

Zudem: Woher kannten Theodor Storm (1817-1888) oder Goethe (1749-1832) das
von der erst 1882 gegründeten Firma entwickelte Brett?

| Und dann begann sie aufzuräumen: das Reißbrett, das noch dalag, wurde
| abgestaubt und auf den Boden getragen, Reißfedern und Bleistift und
| Kreide sorgfältig in einer Schatullenschublade weggeschlossen; [...]
Storm, Schimmelreiter
<http://gutenberg.spiegel.de/storm/schimmel/schimm08.htm>

| In einem weiten Umfang saßen und standen bildende Künstler, jeder nach
| seiner Weise beschäftigt: der Maler an seiner Staffelei, der Zeichner
| am Reißbrett; einige modellierten rund, einige flach erhoben; ja sogar
| Baumeister entwarfen den Untersatz, worauf künftig ein solches Kunstwerk
| gestellt werden sollte.
Goethe, Wilhelm Meister
<http://gutenberg.spiegel.de/goethe/meisterw/mstw208b.htm>

Jürgen R.

unread,
Aug 22, 2004, 5:49:10 AM8/22/04
to
Uwe Schickedanz <spam....@onlinehome.de> wrote:

>Bernd Gramlich <be...@tenuki.de> schrieb:
>
>>Reißbrettkonstrukt
>
>Gestatte mir an dieser Stelle den Einwurf, daß das Reissbrett, ebenso
>wie die Reisszwecke von einem Herrn Reiss erfunden wurde, die Firma
>gleichen Namens gibt es wohl auch heute noch.
>Häufig begegnet man der Ansicht, die Bezeichnung stamme von "einen Riß
>zeichnen" bzw. "etwas aufreißen", das ist mWn jedoch Volksetymologie.
>
>Gruß Uwe
>

Genau. Das war der Friedrich Wilhelm Reiss, geboren zu Magdeburg 1476,
gestorben daselbst 1764. Die Reisszwecke wurde 1492 erfunden (damals
hieß dieser Gegenstand aber "der Reisszweck"); das Reissbrett wurde am
4.1.1643 erfunden - man weiß das so genau, weil an diesem Tag Isaac
Newton geboren wurde. Die Reissfeder, und kurz darauf das übrige
Reisszeug, ohne die man natürlich den tieferen Sinn des Reissbrettes
nicht verstehen konnte, kamen erst im Jahr 1727, dem Todesjahr
Newtons, dazu. Nun war man endlich in der Lage Umrisse zu zeichnen.

Jürgen

Heinz Lohmann

unread,
Aug 22, 2004, 7:00:44 AM8/22/04
to
Jürgen R. schrieb:

Zu seiner weitläufigen Verwandtschaft gehörte Freiherr von Brats, der
Erfinder der Bratskartoffeln und der nahtlosen Brotsuppe.

mfg
Heinz Lohmann
Tanshui, Taiwan
25.13N 121.29E
--

"Time flies like an arrow. Fruit flies like a banana."
- Groucho Marx

Uwe Schickedanz

unread,
Aug 22, 2004, 7:05:22 AM8/22/04
to
Matthias Opatz <spam-c...@onlinehome.de> schrieb:

>> Da gehört schon noch etwas mehr dazu, als nur das Brett.
>
>Nicht zwingend. Der Zweck bestimmt den Namen.
>Mit anderem Zweck könnte genau das gleiche Brett auch Anschlagtafel,
>Tischplatte, Schneidbrett oder Trage sein.

Ich meinte damit, daß ein Reissbrett erst dann ein solches ist, wenn
an einem Mehrfach-Gelenkarm zwei im rechten Winkel befindliche
Zeichenlineale daran beefestigt sind.

>Und *hätte* die Firma Reiss das Reißbrett erfunden, verwiese sie mit
>ziemlicher Sicherheit in ihrer Firmengeschichte [*] darauf. Dass sie
>es nicht tut, bestärkt mich in meinem Zweifel an Deiner Erklärung.

Ich erhebe nicht den Anspruch, alles zu wissen. Sollte es also anders
sein, als von mir behauptet, so lasse ich mich gern überzeugen. Es
gibt in dieser Gruppe kompetente Mitschreiber in Sachen Etymologie.
Mein Interesse an diesem Gebiet ist begrenzt.
Jedenfalls habe ich diese Erklärung mal irgendwo so gehört und fand
sie schlüssig. Belege dafür habe ich nicht.

Juergen Grosse

unread,
Aug 22, 2004, 7:29:31 AM8/22/04
to
Uwe Schickedanz schrieb:

...


> Gestatte mir an dieser Stelle den Einwurf, daß das Reissbrett, ebenso
> wie die Reisszwecke von einem Herrn Reiss erfunden wurde, die Firma
> gleichen Namens gibt es wohl auch heute noch.
> Häufig begegnet man der Ansicht, die Bezeichnung stamme von "einen Riß
> zeichnen" bzw. "etwas aufreißen", das ist mWn jedoch Volksetymologie.

...

Und den Leids-Ordner hat Monika Maron erfunden?

Nein, es ist nicht mein Ding, den schon Triefenden mit weiterem Spott zu
übergießen, hier ein Beleg für deine Behauptung:
<http://www.reiss-bueromoebel.de/pressespiegel_5.html>

Ich zitiere daraus (Dresdner Universitätsjournal vom 20. April 2004):
"Das brandenburgische Unternehmen kann auf eine 120-jährige Geschichte
zurückblicken. Legendär sind die nach dem Firmengründer benannten
Zeichenmaschinen ('Reissbretter'). War die Firma noch in den achtziger
Jahren der größte Zeichenanlagenhersteller Europas, musste dieser
Produktionszweig nach der Wende als technisch überholt eingestellt
werden. Man besann sich wieder auf seine Tradition als Hersteller von
Büromöbeln."

Reißbretter gab es also schon seit dem 17. Jahrhundert, die Reissbretter
hingegen scheint tatsächlich vor ca. 120 Jahren ein Herr Reiss erfunden
zu haben.


Tschüs, Jür"derirgendwanneinmalein'GrossesWörterbuch'herausgebenwird"gen

Heinz Lohmann

unread,
Aug 22, 2004, 7:51:53 AM8/22/04
to
Juergen Grosse schrieb:

Da fragt sich, was denn der konkrete Unterschied zwischen einem
"Reißbrett" und einem "Reissbrett" ist.

Komisch:
Der Duden 1 "Die deutsche Rechtschreibung" 22. Auflage kennt nur
"Reißbrett", kein "Reissbrett". Auch die anderen Komposita "Reißzeug",
Reißzirkel", "Reißzwecke" werden alle mit "ß" geschrieben.

Duden 7: "Das Herkunftswörterbuch", 2. Aufl. 1989 wie auch andere
etymologische Wörterbücher Kluge, Pfeifer) sehen "reißen" in diesem
Zusammenhang in der Bedeutung "zeichnen".

DTV-Brockhaus und Meyers Taschenlexikon kennen auch nur ein "Reißbrett",
außerdem ist ihnen ein Herr Reiss unbekannt.

Ich frage mich, ob man der Information trauen kann.

mfg
Heinz Lohmann
Tanshui, Taiwan
25.13N 121.29E
--

Es gibt eine wahre und eine förmliche Orthographie.
G. Chr. Lichtenberg (Sudelbuch G 36)

Heinz Lohmann

unread,
Aug 22, 2004, 7:57:14 AM8/22/04
to
22.08.2004 19:51:53 Heinz Lohmann <lese...@despammed.com> schrieb:
> Ich frage mich, ob man der Information trauen kann.
^ der Firma Reiss

mfg
Heinz Lohmann
Tanshui, Taiwan
25.13N 121.29E
--

Information is not knowledge. Knowledge is not wisdom. Wisdom is not
truth. Truth is not beauty. Beauty is not love. Love is not music.
Music is the best. F.Z. 1940-1993

Matthias Opatz

unread,
Aug 22, 2004, 8:12:54 AM8/22/04
to
Heinz Lohmann schrieb:

>> Ich frage mich, ob man der Information trauen kann.
> ^ der Firma Reiss

^ Zeitung über die

Helga Schulz

unread,
Aug 22, 2004, 9:00:39 AM8/22/04
to
Uwe Schickedanz <spam....@onlinehome.de> schrieb vorher:

>Matthias Opatz <spam-c...@onlinehome.de> schrieb:
>
>>> Da gehört schon noch etwas mehr dazu, als nur das Brett.
>>
>>Nicht zwingend. Der Zweck bestimmt den Namen.
>>Mit anderem Zweck könnte genau das gleiche Brett auch Anschlagtafel,
>>Tischplatte, Schneidbrett oder Trage sein.
>
>Ich meinte damit, daß ein Reissbrett erst dann ein solches ist, wenn
>an einem Mehrfach-Gelenkarm zwei im rechten Winkel befindliche
>Zeichenlineale daran beefestigt sind.

Ja, kenn ich auch so.

Möglicherweise gibt es ja einen Unterschied zwischen Reißbrett
(einfach eine plane Unterlage, auf der man mit Reißzeug zeichnet)
und Reissbrett (Zeichenmaschine).

Man müßte mehr über die Firmengeschichte wissen.
Möglicherweise kam es schon von Anfang an zu einer Kontamination,
da ein "Riß" als Bezeichnung für eine (Bau-)Zeichnung sicher sehr
viel älter ist als das "Reissbrett" für eine spezielle
Zeichenmaschine.

Jedenfalls meine ich mich zu erinnern, in den späten 80ern im
Westen mal beim Hochtragen einer Zeichenmaschine geholfen zu
haben, auf der der Schriftzug "Reiss" prangte.

Message has been deleted

Jürgen R.

unread,
Aug 22, 2004, 10:59:55 AM8/22/04
to
Ralf Kusmierz <m...@privacy.net> wrote:
[...]

>
>begin quoting, "Jürgen R." schrieb:
[...]

>> Wörterbücher sind nützlich. Diese müssen laufend angepasst werden.
>> Bestreitet das jemand?
>
>Das Verhalten der Reformer schien mir dies konkludent zu tun - wenn
>sie die laufenden Anpassungen (die natürlich tatsächlich
>kontinuierlich stattfanden) akzeptiert hätten, wäre der Sinn einer
>Reform nicht so ganz deutlich.

Wenn die geschriebene Sprache sich tatsächlich allmählich an die
gesprochene Sprache anpassen würde, dann wären wir alle einig.
Ich kann zwar nicht beweisen, dass dies im Deutschen nicht geschieht,
dass es aber im Englischen und im Französischen keinen solchen
Mechanismus gibt ist offensichlich. Die konservativen Kräfte sind sehr
stark. Dass es im Extremfall (Chinesisch, Arabisch) einen solchen
Mechanismus garnicht geben kann ist ebenfalls klar, aber für uns nicht
von praktischer Bedeutung.

[...]

>
>Es ist insofern bedeutsam, weil sich die Frage nach formaler
>Regelungskompetenz (wer ist dazu befugt?) und dem Normadressaten (für
>wen sind Regelreformen verbindlich?) stellt - die Feststellung des
>Bundesverfassungsgerichts (nicht gültig in Österreich, der Schweiz,
>Bayern und dem übrigen Ausland), daß die Sprache dem Volk gehöre,
>stützt aber meine These und schränkt die Verbindlichkeit von Reformen
>deutlich ein.
>

Wir - d.h. die Sprachgemeinschaft - müssen uns einigen. Dass dabei
bestehende staatliche Einrichtungen benutzt werden ist nur logisch,
besonders da die Schulen staatliche Institutionen sind. Der Staat kann
und sollte seinen Beamten und den Schullehrern Vorschriften machen.
Wenn sich die Reform trotzdem nicht durchsetzt, dann beweist das
schlüssig, dass sie schlecht gemacht war. Dies scheint unser Fall zu
sein. - Aber, wie gesagt, es ist kein Grund zur Aufregung; es wird
noch einige Zeit brauchen, bis sich ein stabiler Zustand einstellt,
und dringend ist die Sache ja nicht.


>> Durchgesetzt hat sich noch garnichts; oder meinst du zu wissen,
>> was die Konsequenzen des Reformversuches sein werden?
>

>Aber die Verwerflichkeit lag schon in der Absicht, nicht?

Nein - ich glaube eher an Unfähigkeit als an böse Absicht.

Gruß Jürgen

Joern Abatz

unread,
Aug 22, 2004, 11:12:03 AM8/22/04
to
On Sun, 22 Aug 2004 19:51:53 +0800, Heinz Lohmann wrote:

> DTV-Brockhaus und Meyers Taschenlexikon kennen auch nur ein "Reißbrett",
> außerdem ist ihnen ein Herr Reiss unbekannt.
>
> Ich frage mich, ob man der Information trauen kann.

Ich mich auch.

http://www.kunstwissen.de/fach/f-kuns/allg/druck00.htm

| Die Linie als Umriß
|
| Zu Lebzeiten Dürers und später nannte man diejenigen Künstler, die in
| den Werkstätten der großen Meister zeichnerische Entwürfe machten, die
| "Reißer". Wir finden den Wortstamm noch heute in Begriffen wie
| Reißbrett, Reißzeug, Reißnagel. Mit dem Umriß zeichnet man einen
| Gegenstand und grenzt ihn durch die Linie gegen die Umgebung ab
| (Flächengrenze). Das gilt für den Gegenstand als Ganzes und für seine
| Teile.

http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_7491.html

| Reißen
|
| 1) veralteter Ausdruck für Zeichnen. Im Verlauf der Herstellung von *
| Einlagen und bei den früher viel gebräuchlicheren graphischen
| Techniken wurden die Darstellungen meist eingeritzt, "eingerissen", in
| der Renaissance war deshalb der Terminus Reißkunst für Zeichenkunst
| üblich. Bei geometrischen Zeichnungen, etwa Grundriss und Aufriss, hat
| sich der Ausdruck Riss, für Zeichnung, bis heute erhalten.

http://www.onomantie.de/r/reis.htm

| Bedeutung: reis(1)
|
| mit Runen beschnitztes Stöckchen, orakeln; aus, idg."*rei" über
| idg."*skreis", lebt in "Reißig" und "reißen"=ritzen, zeichnen,
| schnitzen, steht zu ris, vergleicht sich mit kabeln oder losen; benennt
| Ort durch Wiedergabe der am Platz verwendeten Mittel

http://infoportal-deutschland.aus-stade.de/Schwedisch/sr2.htm

| # rita=zeichnen=zeichne=zeichnet

Andererseits kann ich mir nur schwer vorstellen, daß die Firma Reiss hier
schwindelt. Es würde Sinn ergeben, wenn die Firma Reiss nicht von
einfachen Reißbrettern, sondern von Zeichenmaschinen spricht. Dann
hätten sie nicht einfach nur ein Brett "erfunden", sondern tatsächlich
ein technisches Gerät.

http://cgi.ebay.de/ws/eBayISAPI.dll?ViewItem&category=68482&item=3834967518&rd=1#ebayphotohosting

Jörn

_______________________________________________________________________________
Posted Via Uncensored-News.Com - Accounts Starting At $6.95 - http://www.uncensored-news.com
<><><><><><><> The Worlds Uncensored News Source <><><><><><><><>

Lueko Willms

unread,
Aug 22, 2004, 10:46:00 AM8/22/04
to
. Am 22.08.04
schrieb spam-c...@onlinehome.de (Matthias Opatz)
auf /DE/ETC/SPRACHE/DEUTSCH
in k7ost0cx62ot.h...@40tude.net
ueber Re: Reisz-

>>> Ich frage mich, ob man der Information trauen kann.
>> ^ der Firma Reiss

MO> ^ Zeitung über die

Warum nicht?

Wenn ich Reiss hieße, und ließe Reißbretter herstellen, dann würde
ich die auch Reissbretter nennen und mich über die Gleichlautung mit
dem allgemeinen Begriff freuen.

In dem zitierten Text stand ja nicht, daß der Name des Herrn Reiss
namensgebend für den allgemeinen Begriff war.


MfG,
Lüko Willms http://www.mlwerke.de
/--------- L.WI...@jpberlin.de -- Alle Rechte vorbehalten --

"Die Interessen der Nation lassen sich nicht anders formulieren als unter
dem Gesichtspunkt der herrschenden Klasse oder der Klasse, die die
Herrschaft anstrebt." - Leo Trotzki (27. Januar 1932)

Ralf Heinrich Arning

unread,
Aug 22, 2004, 1:55:25 PM8/22/04
to
Uwe Schickedanz <spam....@onlinehome.de> wrote:

> Matthias Opatz <spam-c...@onlinehome.de> schrieb:
>
> >> Da gehört schon noch etwas mehr dazu, als nur das Brett.
> >
> >Nicht zwingend. Der Zweck bestimmt den Namen.
> >Mit anderem Zweck könnte genau das gleiche Brett auch Anschlagtafel,
> >Tischplatte, Schneidbrett oder Trage sein.
>
> Ich meinte damit, daß ein Reissbrett erst dann ein solches ist, wenn
> an einem Mehrfach-Gelenkarm zwei im rechten Winkel befindliche
> Zeichenlineale daran beefestigt sind.

Das sind die modernen Reißbretter. Das erste Reißbreitt, daß mir
begegnet ist, war eine plane Tischlerplatte. Auf der Unterseite waren
zwei keilförmige Leisten geschraubt, sodaß das Brett leicht schräg
stand.
Das Zeichenpapier wurde mit Reißzwecken an den Ecken befestigt.

>
> >Und *hätte* die Firma Reiss das Reißbrett erfunden, verwiese sie mit
> >ziemlicher Sicherheit in ihrer Firmengeschichte [*] darauf. Dass sie
> >es nicht tut, bestärkt mich in meinem Zweifel an Deiner Erklärung.
>
> Ich erhebe nicht den Anspruch, alles zu wissen. Sollte es also anders
> sein, als von mir behauptet, so lasse ich mich gern überzeugen. Es
> gibt in dieser Gruppe kompetente Mitschreiber in Sachen Etymologie.
> Mein Interesse an diesem Gebiet ist begrenzt.
> Jedenfalls habe ich diese Erklärung mal irgendwo so gehört und fand
> sie schlüssig. Belege dafür habe ich nicht.

Mir klingt sie nach Herrn Brats von den den Kartoffeln.

<http://germa83.uni-trier.de/cgi-bin/DWBcgi/getDWBArticle.tcl?Reiszbrett
+100+1+748>

Ralf

Uwe Schickedanz

unread,
Aug 22, 2004, 3:06:50 PM8/22/04
to
muell...@despammed.com (Ralf Heinrich Arning) schrieb:

>Das erste Reißbreitt, daß mir

^^^^^^^


>begegnet ist, war eine plane Tischlerplatte.

^^^^^^^^^^^^^

In dem Artikel übr die Fa. Reiss stand ja etwas von 120-jähriger
Firmengeschichte. Ich habe zwar immer geahnt, daß Du alt bist, aber
für _so_ alt hätte ich Dich nun doch nicht gehalten...

Ralf Heinrich Arning

unread,
Aug 22, 2004, 4:00:22 PM8/22/04
to
Uwe Schickedanz <spam....@onlinehome.de> wrote:

> muell...@despammed.com (Ralf Heinrich Arning) schrieb:
>
> >Das erste Reißbreitt, daß mir
> ^^^^^^^
> >begegnet ist, war eine plane Tischlerplatte.
> ^^^^^^^^^^^^^
>
> In dem Artikel übr die Fa. Reiss stand ja etwas von 120-jähriger
> Firmengeschichte. Ich habe zwar immer geahnt, daß Du alt bist, aber
> für _so_ alt hätte ich Dich nun doch nicht gehalten...
>

;-)

Kurzschluß. Selbst wenn es eine Firma Reiss gibt, die vor 120 Jahren
schon Reiß/ssbretter herstellte, so müssen weder diese alten Bretter
Deiner Beschreibung entsprochen haben, noch müssen sie dies in späterer
Zeit, noch muß ich so alt sein wie ein Brett, das ich gesehen habe.
Besagtes Brett war tatsächlich älter als ich und ist es vielleicht immer
noch, sofern es überhaupt noch ist, selbst dann aber noch keine 120
Jahre.
Bist Du jetzt beunruhigt?

Ralf

Uwe Schickedanz

unread,
Aug 22, 2004, 4:08:53 PM8/22/04
to
muell...@despammed.com (Ralf Heinrich Arning) schrieb:

>Bist Du jetzt beunruhigt?

Nö. Jedenfalls nicht deshalb. Mal 'ne andere Frage: _welches_
Reissbrett ist Dir begegnet?

Ralf Heinrich Arning

unread,
Aug 22, 2004, 4:53:36 PM8/22/04
to
Uwe Schickedanz <spam....@onlinehome.de> wrote:

> muell...@despammed.com (Ralf Heinrich Arning) schrieb:
>
> >Bist Du jetzt beunruhigt?
>
> Nö. Jedenfalls nicht deshalb. Mal 'ne andere Frage: _welches_
> Reissbrett ist Dir begegnet?
>

Das Reißbrett meines Vaters.

Ralf

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Jürgen R.

unread,
Aug 23, 2004, 4:17:00 AM8/23/04
to
Ralf Kusmierz <m...@privacy.net> wrote:

[...]


>> Wenn die geschriebene Sprache sich tatsächlich allmählich an die
>> gesprochene Sprache anpassen würde, dann wären wir alle einig.
>

>Wie bitte? Einen solchen Anpassungsbedarf gibt es prinzipiell nicht,
>weil die Schrift in jeder denkbaren Schreibweise die gesprochene
>Sprache immer _exakt_ wiedergibt.

Damit erübrigen sich eigentlich deine folgenden Erklärungen. Es ist
also deiner Meinung nach prinzipiell immer alles zum Besten bestellt.

[...]>
> Ob man für
>einen bestimmten Laut ey, ei, ai oder ej schreibt, ist dabei
>grundsätzlich erst einmal unerheblich und reine, auch veränderbare,
>Konvention.

Selbstverständlich - aber wenn man für denselben Laut 6 verschiedene
Zeichen benutzt, oder wenn es für dasselbe Zeichen 13 Verschiedene
Aussprachemöglichkeiten gibt, dann ergeben sich völlig unnötige
Schwierigkeiten.

Zum ersten: sun, son, blood, does, some, touch
Zum zweiten: tough, cough, bough, though, thought, through,
thorough, hiccough, wough, [sough, jough, hough, lough]

Die letzten 4 gehören nicht zur Standardsprache.


[...]
>
>Es übersteigt schlicht mein Vorstellungsvermögen, daß in irgendeiner
>dieser Sprachen üblicherweise geschriebene Texte verfaßt werden
>sollten, die nicht mit der entsprechenden Aussprache übereinstimmen.
>Schreibt man im Englischen etwa "ghoti" und spricht "fish"? Wohl kaum,
>was wäre da also nicht in Ordnung?

Du lebst in einer Welt, die ich nicht kenne.

Der Zustand der deutschen Rechtschreibung ist, verglichen mit dem
Englischen, wunderbar regelmäßig und einfach. Der Zustand der
englischen Orthografie widerlegt aber dein Kontinuitätsargument
vollständig. Das wird dir nicht neu sein, und es wird deinen
Standpunkt nicht erschüttern. Kein Mensch beherrscht die englische
Orthografie und diese wird von Leuten verteidigt, die genauso
argumentieren wie du.

Es hat einer folgendes ergoogelt:

<begin quote>
Spellings other than the standard form were used more than 33% of the
time for these words in posts to Usenet discussion groups:

minuscule 68% of the time spelled otherwise
millennium 57
embarrassment 55 (embarrassing 35%)
occurrence 44 (occurring 37)
accommodate 40 (accommodation 39)
perseverance 36
supersede 35-50 (superseded 44)
noticeable 35
harass 34
inoculate 34
<end quote>

Man beachte, dass keines dieser Worte selten ist. Und weiter:

<begin quote>
The spellings and number of occurrences found in this survey:

mischievous 1203 mischevious 255 mischeivous 51
mischievious 182 mischevous 15
mischeivious 30 mischivous 8
mischieveous 7
mischiveous 7
mischeiveous 2
<end quote>

Hier der Link:

http://www.barnsdle.demon.co.uk/spell/error.html



>> Wir - d.h. die Sprachgemeinschaft - müssen uns einigen. Dass dabei
>> bestehende staatliche Einrichtungen benutzt werden ist nur logisch,
>> besonders da die Schulen staatliche Institutionen sind. Der Staat kann
>> und sollte seinen Beamten und den Schullehrern Vorschriften machen.
>

>Er hat dabei aber "nach pflichtgemäßem Ermessen" zu handeln:

Ja sicher: Nach *seinem* Ermessen, welches von deinem und meinem
abweichen kann.

[...]
>
>Kleine Anmerkung: das Zitieren von Grußformeln und Signaturen ist
>überflüssig.

OK - werde mir Mühe geben.

Gruß Jürgen
>
>

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Message has been deleted

Jürgen R.

unread,
Aug 23, 2004, 8:56:19 AM8/23/04
to
Carsten Fritz <carsten_...@yahoo.de> wrote:

>Jürgen R. schrieb:


>> Zum ersten: sun, son, blood, does, some, touch
>> Zum zweiten: tough, cough, bough, though, thought, through,
>> thorough, hiccough, wough, [sough, jough, hough, lough]

>[..]


>> <begin quote>
>> Spellings other than the standard form were used more than 33% of the
>> time for these words in posts to Usenet discussion groups:
>>
>> minuscule 68% of the time spelled otherwise
>> millennium 57
>> embarrassment 55 (embarrassing 35%)
>> occurrence 44 (occurring 37)
>> accommodate 40 (accommodation 39)
>> perseverance 36
>> supersede 35-50 (superseded 44)
>> noticeable 35
>> harass 34
>> inoculate 34
>> <end quote>
>>
>> Man beachte, dass keines dieser Worte selten ist.
>

>Man beachte vielleicht auch, daß fast alle diese Wörter aus dem Lateinischen
>stammen, die Wörter mit der "schwierigen" Aussprache dagegen alle nicht.
>Anscheinend brauchen die Engländer eine Rechtschreibreform des
>Lateinischen ...

Der englische Wortschatz stammt aus zwei Quellen, dem Angelsächsischen
und dem Französischen. Etwa 40% der Vokabeln kommen im Fr. auch vor.
Nach 1066, etwa 300 Jahre lang, war Anglo-Normannisch die Sprache der
Oberschicht. Die Fusion der beiden Sprachen ist für den älteren
Bestand lateinischer Ableitungen verantwortlich. Dazu kamen laufend,
wie in allen westlichen Sprachen, Neubildungen mit lateinischen Stamm,
aber auch viele neuere französische Wörter. Zum Teil sind
unsystematische Schreibweisen (ein Beispiel, das für hundert stehen
soll: succeed, accede, proceed, precede, exceed, secede, decease -
alle von 'cedere', supersede - von 'sedere') historisch erklärbar,
aber das hilft dem Schreibenden nicht weiter.

Die englische Orthografie müsste eigentlich als abschreckendes
Beispiel dienen, wenn wir uns spontan - ob aus Bequemlichkeit, oder
Starrsinn, oder irgendwelchen Prinzipien - gegen Veränderungen wehren.
Dort sind kleine, kumulative Reformen unmöglich, weil ein
Riesengeschrei anhebt, genau wie bei uns - Etymologie, Stammprinzip
usw usw. Andererseits verlangen große systematische Reformen Lösungen
für Probleme, die sowohl schwierig als auch tödlich langweilig sind.
Und da es kein eindeutiges Optimum gibt, bilden sich sektiererische
Gruppen und Vereine, die einander bekämpfen, so dass sich kein
vernünftiger Mensch mehr um das Thema kümmert.

Jürgen

Lueko Willms

unread,
Aug 23, 2004, 8:15:00 AM8/23/04
to
. Am 23.08.04
schrieb m...@privacy.net (Ralf Kusmierz)
auf /DE/ETC/SPRACHE/DEUTSCH
in 2oss4qF...@uni-berlin.de
ueber Re: Duden Newsletter: Rechtschreibreform von 1901

>> Ich kann zwar nicht beweisen, dass dies im Deutschen nicht geschieht,

mit "dies" ist die Anpassung der Schrift an die gesprochene Sprache
gemeint

>> dass es aber im Englischen und im Französischen keinen solchen
>> Mechanismus gibt ist offensichlich. Die konservativen Kräfte sind sehr
>> stark. Dass es im Extremfall (Chinesisch, Arabisch) einen solchen
>> Mechanismus garnicht geben kann ist ebenfalls klar, aber für uns nicht
>> von praktischer Bedeutung.

RK> Es übersteigt schlicht mein Vorstellungsvermögen, daß in irgendeiner
RK> dieser Sprachen üblicherweise geschriebene Texte verfaßt werden
RK> sollten, die nicht mit der entsprechenden Aussprache übereinstimmen.
RK> Schreibt man im Englischen etwa "ghoti" und spricht "fish"? Wohl
RK> kaum, was wäre da also nicht in Ordnung?

G. B. Shaw, an den hier offenbar angespielt wird, war anderer
Auffassung, wie der folgende Dialog zeigt:

- Wie spricht man das Wort "ghotik" aus?
- Das ist kein englisches Wort! Woher soll ich wissen, wie man das
ausspricht!
- ist doch einfach, man spricht es 'fish' aus.
- wiebitte?
- sicher, 'fish', f, i, sh. 'gh' = 'f' wie in 'enough', 'o' = 'i'
wie in 'women', 'ti' = 'sh' wie in 'nation'.
- und das 'k'?
- wie in 'knowledge' ist das ein stummer Buchstabe, der nicht
gesprochen wird.

[meine Übersetzung aus dem Französichen ... nach 'Télématique' von
B. Marti et al.]


Aber auch in anderen Sprachen gibt es mehr oder minder starke
Abweichungen zwischen Sprache und Schreibe.


MfG,
Lüko Willms http://www.mlwerke.de
/--------- L.WI...@jpberlin.de -- Alle Rechte vorbehalten --

"Das Volk, das ein anderes Volk unterjocht, schmiedet seine eigenen
Ketten." - Karl Marx (1. Januar 1870)

Sebastian Koppehel

unread,
Aug 23, 2004, 11:35:52 AM8/23/04
to
jur...@web.de (Jürgen R.) schrieb:

> Das eine ist so falsch, wie das andere: Es dürfen weder die
> Konservatoren, noch die Radikalerneuerer auf der ganzen Linie
> gewinnen. Die Regeln alle hundert Jahre der Realität anpassen -
> dagegen dürfte wohl kaum jemand ein solides Gegenargument finden.

Wohl wahr! Die Behauptung, die Rechtschreibreform trage Veränderungen in
der deutschen Sprache Rechnung, die sich zwischen 1901 und 1996 ergeben
hätten, ist allerdings kühn.

Was soll sich denn an der Konjunktion "daß" geändert haben, oder was an
dem Wort "Schuß", das diese Schreibweisen 1901 adäquat erscheinen ließ,
1996 aber nicht mehr? Inwiefern entspricht "Stängel" besser den
Erfordernissen des 21. Jahrhunderts als "Stengel"? Ist es nicht
unplausibel, das zu einem Begriff zusammengewachsene "sogenannt" im
Namen einer "Anpassung an die Realität" auseinanderzureißen? Welche
Realität soll das sein? "Zur Zeit" und "derzeit" wurden immer
unterschiedlich betont - geht es nicht wider die Sprachwirklichkeit, sie
nun zu vereinheitlichen?

- Sebastian

--
Beim ersten Computer mit 3000 Relais habe theoretisch noch ein Mensch allein
alle Schaltungen kennen können. Heute seien über 20 Mio. Transistorfunktionen
in der CPU. Damit sei Teamfähigkeit eine der Hauptanforderungen bei der
Programmierarbeit geworden, erklärte [Wau] Holland [...] (c't 11/2000)

Sebastian Koppehel

unread,
Aug 23, 2004, 11:37:48 AM8/23/04
to
"Christian Seidl" <se...@indoger.unizh.ch> schrieb:

> "Sebastian Koppehel" <ba...@bastisoft.de> wrote in message
>
>> > Meinst du nicht, dass hier deine Gewohnheit den Blick trübt? Die
>> > vereinheitlichenden Eingriffe ins Schriftbild waren auch damals
>> > bedeutend. Gerade die Fälle von "ey" zu "ei" haben zwar *diese*
>> > Schwierigkeit beseitigt,
>>
>> Welche Schwierigkeit haben die beseitigt?
>
> Die Frage, ob nun <ey> oder <ei> zu schreiben sei.

Nun gut, das ist aber vermutlich eine ähnlich schwierige Schwierigkeit
wie die, daß es "ihn" statt "ien" heißt oder "Not" statt "Noot". Nicht
wirklich Hauptschwierigkeiten :-)

>> Und war "seyn" 1901 wirklich noch ein Thema?
>
> Offenbar schon noch in wahrnehmbarem Ausmaße, sonst hätte man's nicht
> zu regeln brauchen.

Nun, man kann so oder so nicht umhin, die Schreibweise des Wortes "sein"
zu regeln.

- Sebastian

--
Klicken Sie hier, um eine persönliche Beziehung mit Gott zu starten.

("Kraft zum Leben")

Jürgen R.

unread,
Aug 23, 2004, 12:23:15 PM8/23/04
to
ba...@bastisoft.de (Sebastian Koppehel) wrote:

>jur...@web.de (Jürgen R.) schrieb:
>
>> Das eine ist so falsch, wie das andere: Es dürfen weder die
>> Konservatoren, noch die Radikalerneuerer auf der ganzen Linie
>> gewinnen. Die Regeln alle hundert Jahre der Realität anpassen -
>> dagegen dürfte wohl kaum jemand ein solides Gegenargument finden.
>
>Wohl wahr! Die Behauptung, die Rechtschreibreform trage Veränderungen in
>der deutschen Sprache Rechnung, die sich zwischen 1901 und 1996 ergeben
>hätten, ist allerdings kühn.

Hat auch niemand behauptet. Bitte stell nicht laufend neue Stohmänner
auf.

Jürgen
[...]

Peter J. Holzer

unread,
Aug 24, 2004, 1:44:48 PM8/24/04
to
On 2004-08-23 16:23, Jürgen R. <jur...@web.de> wrote:
> ba...@bastisoft.de (Sebastian Koppehel) wrote:
>
>>jur...@web.de (Jürgen R.) schrieb:
>>> Die Regeln alle hundert Jahre der Realität anpassen - dagegen dürfte
>>> wohl kaum jemand ein solides Gegenargument finden.
>>
>>Wohl wahr! Die Behauptung, die Rechtschreibreform trage Veränderungen in
>>der deutschen Sprache Rechnung, die sich zwischen 1901 und 1996 ergeben
>>hätten, ist allerdings kühn.
>
> Hat auch niemand behauptet.

Was meinst Du dann mit "Die Regeln der Realität anpassen"?

Welcher Realität ist die ss/ß-Regel angepasst worden?

Ich sehe beim "Regeln der Realität anpassen" allerdings ein
prinzipielles Problem: Die Regeln sollen richtiges Deutsch
beschreiben, aber gleichzeitig wird durch die Regeln bestimmt, was
richtiges Deutsch ist. Daher können sich einmal festgeschriebene Regeln
eigentlich kaum mehr ändern.

hp

--
_ | Peter J. Holzer | Je höher der Norden, desto weniger wird
|_|_) | Sysadmin WSR | überhaupt gesprochen, also auch kein Dialekt.
| | | h...@hjp.at | Hallig Gröde ist fast gänzlich dialektfrei.
__/ | http://www.hjp.at/ | -- Hannes Petersen in desd

Sebastian Koppehel

unread,
Aug 24, 2004, 5:12:50 PM8/24/04
to
jur...@web.de (Jürgen R.) schrieb:

Naja nun, das wird schon verschiedentlich direkt oder andeutungsweise
unterstellt. Warum wird denn immer darauf hingewiesen, daß die alte
Rechtschreibung schon von 1901 ist? Warum wird denn angesichts der
drohenden Reformrückgabe die Verbindung zum angeblich oder tatsächlich
in Deutschland vorhandenen "Reformbedarf" hergestellt?

Und worin soll die Anpassung der Regeln an die Realität bestehen? Worin
haben sie sich denn von der Realität wegbewegt - oder die Realität von
ihnen? Ich kann mir ja gerade noch denken, daß Fremdwörter irgendwann
besser eingedeutscht werden, weil eines Tages niemand mehr den Bezug zum
Original herstellt, oder daß die Getrennt- und Zusammenschreibung
irgendwann eingebürgerte feste Verbünde anerkennt, aber das sind
Unregelmäßigkeiten, keine Regeln. Und außerdem hat gerade das letztere
die real existierende RSR auch nicht im mindesten getan.

> Bitte stell nicht laufend neue Stohmänner auf.

Ich stelle überhaupt keine Strohmänner auf.

- Sebastian

--
Angesichts des desolaten Ausrüstungszustands unserer Bundeswehr [...]
werden Schröder und Scharping auf groteske Weise zu den letzten
Verfechtern des Satzes: Frieden schaffen ohne Waffen.
(Edmund Stoiber)

Gerd Thieme

unread,
Aug 25, 2004, 4:05:16 AM8/25/04
to
Peter J. Holzer wrote:

> Daher können sich einmal festgeschriebene Regeln eigentlich kaum mehr
> ändern.

Sollen sie ja auch gar nicht. Sie tun's aber doch, und zwar in dem Maße,
wie sie - bewußt oder unbewußt - ignoriert oder neu interpretiert
werden.

Im Prinzip hat der tolle Patsch mit "'einbleuen' wird heute zu 'blau'
gestellt" nicht ganz unrecht, wenn er auch ständig Introspektion und
Wissenschaft verwechselt.

Gerd

Peter J. Holzer

unread,
Aug 25, 2004, 4:31:34 PM8/25/04
to
On 2004-08-25 08:05, Gerd Thieme <gerdt...@spamcop.net> wrote:
> Peter J. Holzer wrote:
>> Daher können sich einmal festgeschriebene Regeln eigentlich kaum mehr
>> ändern.
>
> Sollen sie ja auch gar nicht.

Wenn man sie als deskriptive Regeln sieht und nicht als präskriptive,
sollen sie das schon tun. Wenn sich der Sprachgebrauch ändern, müssen
sich auch die Regeln ändern, da sie sonst den Sprachgebrauch nicht mehr
korrekt beschreiben.

> Sie tun's aber doch, und zwar in dem Maße, wie sie - bewußt oder
> unbewußt - ignoriert oder neu interpretiert werden.

Ich verfüge leider nicht über mehrere Duden-Ausgaben zwischen 1901 und
1995, um festzustellen, ob sich in dieser Zeit tatsächlich Regeln
geändert haben, und schon gar nicht über die Information, inwieweit
diese Änderungen im Sprachgebrauch folgten.

Ich habe aber eher den Verdacht, dass die Redakteure da mehr dem folgen,
was Ihrer Meinung nach sein sollte, als dem, was ist. Das ist vielleicht
ganz gut so, andernfalls wäre "Duden's Sprach Reform" sicher schon
erlaubt.

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Michael Hemmer

unread,
Aug 27, 2004, 7:38:52 AM8/27/04
to
Stefan Ram wrote:
> In einem Fachwarenhaus entdeckte ich gestern eine Gegentendenz
> zur Zusammenschreibung:
>
> Schnurgebundene-Telefone

Das ist gar nicht mal so selten (und auch nicht neu). Eine besondere
Neigung dazu glaube ich in Aufzählungen feststellen zu können:

Bindestrich- und getrennte-Schreibung

Oder, noch weniger nachvollziehbar:

getrennte- und Bindestrichschreibung

Gruß,

Michael

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