On Fri, 1 Nov 2013, Christian Weisgerber wrote:
> Werner Tann <
wt...@gmx.at> wrote:
>
> > Duden, Groᅵes Wᅵrterbuch der deutschen Sprache, 2000: [...]
> > Duden, Groᅵes Wᅵrterbuch der deutschen Sprache, 2012: [...]
> >
> > An die Stelle des "negriden Menschentypus" ist also die "Person sehr
> > dunkler Hautfarbe getreten",
>
> Da hat die Redaktion erkannt, dass die Blumenbachsche Rasseneinordnung
> heute kritikwᅵrdig ist.
Aber die ist ja gar nicht gemeint, wenn jemand "Neger" sagte (bis ca. 1970,
"Schwarzer" wᅵre ja beleidigend gewesen) oder "Schwarzer" (ab ca. 1985,
"Neger" wᅵre ja beleidigend). Gemeint ist, dass jemand aussieht wie jemand,
der selbst oder dessen Vorfahren aus Afrika sᅵdlich der Sahara stammt. Fᅵr
diesen Eindruck, der auch tᅵuschen kann, ist nicht hinreichend, dass die
Hautfarbe sehr dunkel ist, wenn nicht andere ᅵuᅵerliche Merkmale dazutreten.
Gemeint ist nicht, dass das eine wissenschaftliche Kategorie ist oder dass die
Abgrenzung zwischen solchen Personen und anderen in jedem Fall eindeutig ist
-- das ist fᅵr die praktische Anwendung nicht nᅵtig. Die praktische Anwendung
ist rein beschreibend, so wie "Blondine", "groᅵgewachsener Mann" oder "Mann
mit Glatze", was verwendet wird, wenn man jemanden bezeichnen will, von dem
nicht beide Gesprᅵchspartner den Namen kennen.
Allerdings sind die Situationen, in denen ein Bedarf fᅵr solche Bezeichnungen
wirklich besteht, ausgesprochen selten. Die Existenz von Begriffen dᅵrfte also
eher einem generellen Bedᅵrfnis entsprechen, Wohlunterschiedenes zu bezeichnen
(weswegen der "Warentrennstab" auch einen Namen haben muss).
> Ich fᅵrchte, dass der Begriff "Neger" in der Praxis auch bisher
> schon fᅵr Afrikaner Verwendung findet, die nicht im klassischen
> Sinn negroid sind, wie Somalis. Diese Karte aus Meyers Konversations-
> lexikon 1885-90 ist sehr schᅵn:
Macht nichts. Der Begriff passt, wenn er die tatsᅵchlichen
Ausshensunterschiede trotz ihrer Abgrenzungsungenauigkeiten einigermaᅵen
widergibt. In irgendeinem Sinne wissenschaftliche Rasseneinteilungen sind
ᅵberhaupt nicht beabsichtigt. Auch sonst redet man ja nicht prᅵzis.
> Ich habe kein Problem mit ethnischen Merkmalen, ich bin ja nicht
> blind,
Eben.
> aber bei "Menschentypen" denke ich an Einordnungen wie auf
> obiger Karte aus dem 19. Jahrhundert, die grober Unfug sind.
Das liegt nur daran, dass es keinen akzeptierten Begriff fᅵr solche
Kombinationen ᅵuᅵerlicher Merkmale gibt, die mit der Herkunft korreliert (in
nicht eindeutiger Weise, aber das macht nichts, weil es ja *keine*
Wissenschaft sein soll) sind.
Die Frage ist, wo der Rassismus beginnt:
- da, wo man bemerkt, dass Menschen sehr unterschiedlicher ethnischer
Herkunft sich auch im Aussehen in typischer Weise unterscheiden (mit den
genannten Ungenauigkeiten), auch wenn man das Bemerken dieser Unterschiede
nie zugeben wᅵrde,
- da, wo man Namen fᅵr solche Unterschiede hat und auch verwendet, oder
- da, wo man Menschen aufgrund solcher Aussehensunterschiede ausgrenzt --
oder sogar benachteiligt, verfolgt, versklavt oder tᅵtet.
Ich verstehe das Motiv, die Definition mᅵglichst weit oben anzusetzen. Das ist
sicher gut gemeint, aber kontraproduktiv aus zwei Grᅵnden:
- Es fᅵhrt zur Heuchelei. Unterschiede zu bemerken, kann man nicht sinnvoll
verbieten, und die Bildung von Wᅵrtern fᅵr Begriffe zu verbieten, fᅵhrt zu
umstᅵndlich-kuriosen Umschreibungen ("Mensch mit subsaharischem
Migrationshintergrund"), die wegen ihrer Kuriositᅵt viel ausgrenzender
wirken als ein einfaches beschreibendes und dabei natᅵrlich nicht
beleidigendes Wort.
- Es verwᅵssert den tatsᅵchlichen Rassismus. Wenn jeder ein schlechtes
Gewissen haben muss, der Aussehensunterschiede auch nur bemerkt, dann
braucht ja der wirkliche Rassist (vom dritten Spiegelstrich oben) kein
schlechteres Gewissen zu haben als alle anderen. Plakativ: Die Parole "Wir
sind im Grunde alle Rassisten" schᅵtzt die Rassisten.
--
Helmut Richter