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"Man muss ganz ehrlich sagen ..."

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Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 2:54:54 AM8/12/16
to
Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
was sagt sie eigentlich aus?

Ähnlicher Fall: "Man muss ganz einfach sehen...", da deutet sich für
mich zumindest an, dass der Sprecher sich in irgendeiner Weise von der
Aussage eines Vorredners oder von den vermeintlichen Überzeugungen der
Diskussionsbeteiligten distanzieren oder seinen Punkt deutlich markieren
will.

Ähnlich rätselhaft und kaum greifbar ist für mich ein angehängtes
"..., deswegen", das manche benutzen. Ich kann mir dafür kein gutes
Beispiel ausdenken, es hat nichts mit der ursprünglichen Bedeutung zu
tun, obwohl es vermutlich aus ihr entstanden ist, als nachgetragener
Kausalitäts-Anzeiger, sozusagen das syntaktische Gegenmodell zu 'weil +
Hauptsatzwortstellung'. Das scheint sich aber verselbständigt zu haben,
es wird einfach an eine Aussage hinten drangehängt (nur im mündlichen
Dialog, umgangssprachlich), und bedeutet dann: ja was überhaupt?
Vielleicht gibt's das auch nur in der Sprache der Unterschicht?

Gruß Ralf Joerres

Walter Schmid

unread,
Aug 12, 2016, 4:03:26 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 08:54 schrieb Ralf Joerres:
> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
> was sagt sie eigentlich aus?

"Alles andere, was ich so sage, ist gelogen oder geheuchelt,
ausnahmsweise bin ich jetzt mal ehrlich".

Eine andere Interpretation fällt mir nicht ein. Ich kenne nur
einen, der diese Floskel täglich braucht. Ich halte ihn für einen
verlogenen Heuchler.


Gruss

Walter

--
Ich bin Maler. Mal bin ich lustig, maler nst.
(Frei nach Dürrenmatt)

Matthias Opatz

unread,
Aug 12, 2016, 4:13:30 AM8/12/16
to
Dies schrieb Ralf Joerres:

> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
> was sagt sie eigentlich aus?

Nichts.

Aber das macht eigentlich nichts. Unsere Sprache ist sozusagen voll davon.

Matthias

Jakob Achterndiek

unread,
Aug 12, 2016, 4:20:41 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 08:54 schrieb Ralf Joerres:

> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
> was sagt sie eigentlich aus?

Warten wir es mal ab!

Vorläufig sitzt sie, die Floskel, ja auf einem Stuhl und
redet und redet, und irgend jemand schreibt das alles auf
und macht daraus ein Aussageprotokoll, in dem wir später
werden lesen können, was sie ausgesagt hat, die Floskel.

Aber wir können schon mal vermuten, was drinstehen wird in
dem Aussageprotokoll. Nämlich: Daß ihre _Aus_sage gar nicht
nötig gewesen wäre, wenn wir nur zugehört hätten, was sie
_sagt_, die Floskel, die ehrliche.
--
j/\a

Dr. Falstaff

unread,
Aug 12, 2016, 4:20:56 AM8/12/16
to
> Ich kenne nur einen, der diese Floskel täglich braucht. Ich halte ihn
> für einen verlogenen Heuchler.
____________
< Dein Chef? >
------------
\
\
__
UooU\.'@@@@@@`.
\__/(@@@@@@@@@@)
(@@@@@@@@)
`YY~~~~YY'
|| ||


Gunhild Simon

unread,
Aug 12, 2016, 4:22:38 AM8/12/16
to
Am Freitag, 12. August 2016 08:54:54 UTC+2 schrieb Ralf Joerres:
> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
> was sagt sie eigentlich aus?

Mir begegnet eher: "Ehrlich gesagt, ..."
Eine Floskel, der nicht einmal eine bemerkenswert
ehrliche Aussage folgt, sondern einen Hinweis
enthalten soll, daß etwas (vermeintlich) Wichtiges folgt.
Vielleicht ist es auch nur eine Redensart, um Zeit für
die noch unfertige Formulierung zu finden.

> Ähnlicher Fall: "Man muss ganz einfach sehen...", da deutet sich für
> mich zumindest an, dass der Sprecher sich in irgendeiner Weise von der
> Aussage eines Vorredners oder von den vermeintlichen Überzeugungen der
> Diskussionsbeteiligten distanzieren oder seinen Punkt deutlich markieren
> will.
>
> Ähnlich rätselhaft und kaum greifbar ist für mich ein angehängtes
> "..., deswegen", das manche benutzen.
...

Mir fällt dazu ein: Wobei ..."vorangestellt oder
"Von daher.", nachgestellt.
Floskeln, die weniger einer Begründung zu dienen
scheinen, als einer Art Selbstbestätigung.

Manche sagen auch, um Aufmerksamkeit zu erzeugen,
vor ihrer weiteren Aussage:
"Langer Rede kurzer Sinn:..."
Oder noch schlauer:
"Ich fasse mal zusammen:..."
Die letztere imponiert mir zugegebenermaßen, weil
sie den Anspruch formuliert, die wichtigsten Ergebnisse
herauszufiltern, obwohl dann doch eher Banales folgt.

Gruß
Gunhild

Walter Schmid

unread,
Aug 12, 2016, 4:33:34 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 10:20 schrieb Dr. Falstaff:
>> Ich kenne nur einen, der diese Floskel täglich braucht. Ich halte ihn
>> für einen verlogenen Heuchler.
> ____________
> < Dein Chef? >


Ja, ich bin soeben entlasssen worden.

Frank Hucklenbroich

unread,
Aug 12, 2016, 4:48:59 AM8/12/16
to
Am Fri, 12 Aug 2016 08:54:50 +0200 schrieb Ralf Joerres:

> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
> was sagt sie eigentlich aus?
>
> Ähnlicher Fall: "Man muss ganz einfach sehen...", da deutet sich für
> mich zumindest an, dass der Sprecher sich in irgendeiner Weise von der
> Aussage eines Vorredners oder von den vermeintlichen Überzeugungen der
> Diskussionsbeteiligten distanzieren oder seinen Punkt deutlich markieren
> will.

Mit dem "man" scheint der Sprecher ausdrücken zu wollen, daß er nicht nur
seine persönliche Meinung wiedergibt, sondern auch für die Allgemeinheit
spricht. "Man muss einfach sehen" impliziert für mich ein unausgesprochenes
"Das sieht doch wohl jedes Kind, wer wird mir denn da widersprechen
wollen?". Typischer Jargon von Managern oder Politikern, um eine
persönliche Einzelmeinung als allgemeinen Konsenz zu verkaufen.

> Ähnlich rätselhaft und kaum greifbar ist für mich ein angehängtes
> "..., deswegen", das manche benutzen.

Das ist oft eher ein Füllwort, wenn man nach einer passenden Formulierung
sucht. Immer noch besser als ein "ähh".

Grüße,

Frank

Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 5:17:43 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 10:22 schrieb Gunhild Simon:
> Am Freitag, 12. August 2016 08:54:54 UTC+2 schrieb Ralf Joerres:
>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?
>
> Mir begegnet eher: "Ehrlich gesagt, ..."
> Eine Floskel, der nicht einmal eine bemerkenswert
> ehrliche Aussage folgt, sondern einen Hinweis
> enthalten soll, daß etwas (vermeintlich) Wichtiges folgt.
> Vielleicht ist es auch nur eine Redensart, um Zeit für
> die noch unfertige Formulierung zu finden.

So ein vages 'ehrlich gesagt' kenne ich auch, Bedeutung in etwa 'im
Grunde genommen' (beim Flohmarktverkauf geht es den meisten ehrlich
gesagt gar nicht ums Verkaufen) oder 'eigentlich' (Kannst nicht mal 'n
bisschen vorran machen, ich hab ehrlich gesagt nicht den ganzen Tag
Zeit, ich wollte nachher noch zur Werkstatt.) Es kann wohl auch à la
'wenn du mich fragst' die persönliche Überzeugtheit des Sprechers markieren.

>
>> Ähnlicher Fall: "Man muss ganz einfach sehen...", da deutet sich für
>> mich zumindest an, dass der Sprecher sich in irgendeiner Weise von der
>> Aussage eines Vorredners oder von den vermeintlichen Überzeugungen der
>> Diskussionsbeteiligten distanzieren oder seinen Punkt deutlich markieren
>> will.
>>
>> Ähnlich rätselhaft und kaum greifbar ist für mich ein angehängtes
>> "..., deswegen", das manche benutzen.
> ...
>
> Mir fällt dazu ein: Wobei ..."vorangestellt oder
> "Von daher.", nachgestellt.
> Floskeln, die weniger einer Begründung zu dienen
> scheinen, als einer Art Selbstbestätigung.

Ja, Selbstbestätigung, da scheint mir was dran zu sein, vielleicht auch
Aufrechterhaltung des Redeflusses oder eine versteckte bzw. indirekte
Einladung, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.

> Manche sagen auch, um Aufmerksamkeit zu erzeugen,
> vor ihrer weiteren Aussage:
> "Langer Rede kurzer Sinn:..."

Kenn ich tatsächlich in wörtlicher Bedeutung, nach einem längeren
Sermon, ggf. halb-entschuldigend dafür, so viel Zeit in Anspruch
genommen zu haben.

> Oder noch schlauer:
> "Ich fasse mal zusammen:..."

Gute Technik, um seine eigene Sichtweise nachdrücklich ins Spiel zu
bringen. Sich alles vorher Gesagte zu merken, ist nämlich gar nicht
nötig, viele werden es wohl so verwenden, dass sie lediglich einen
Ausschnitt der vorherigen Gesprächsinhalte liefern und vor allem das,
was ihnen selbst wichtig ist. Ist ja auch normal-menschlich, kann aber
manipulativ missbraucht werden.

Gruß Ralf Joerres

Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 6:09:10 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 10:03 schrieb Walter Schmid:
> Am 12.08.2016 um 08:54 schrieb Ralf Joerres:
>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?
>
> "Alles andere, was ich so sage, ist gelogen oder geheuchelt,
> ausnahmsweise bin ich jetzt mal ehrlich".

Du haust manchmal ganz gerne auf den Putz, oder? Also für 'ich verrate
dir jetzt mal meine ehrliche Überzeugung' gibt es 'ich muss ganz ehrlich
sagen', wobei auch das in seiner Floskelhaftigkeit wenig überzeugend
rüberkommt. In der Schweiz mag es allerdings andere Sprechroutinen geben.

Von wegen 'man muss...': Ich war darauf (wieder) gestoßen beim
Interview einer jungen Filmemacherin, die eine Art Stipendium bekommen
hatte, um für eine kurze Weile in New York zu arbeiten. Ihre ersten
Sätze in dem Interview waren: "Ja, 'populärste Stadt der Welt' haben
auch viele von uns direkt gesagt, als sich die Möglichkeit ergeben hat,
und dass wir eben nach NY fliegen können. Und man muss ganz ehrlich
sagen, dass das eben auch eine finanzielle Möglichkeit war, die uns die
Hochschule gegeben hat, dass wir überhaupt das realisieren konnten...".
Hier wurde diese Formel definitiv nicht gewählt, um die Ehrlichkeit der
Aussage zu unterstreichen.

> Eine andere Interpretation fällt mir nicht ein. Ich kenne nur
> einen, der diese Floskel täglich braucht. Ich halte ihn für einen
> verlogenen Heuchler.

So welche gibt's natürlich auch.

Gruß Ralf Joerres

Florian Ritter

unread,
Aug 12, 2016, 7:00:10 AM8/12/16
to
Am Freitag, 12. August 2016 10:20:41 UTC+2 schrieb Jakob Achterndiek:

>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?

> Vorläufig sitzt sie, die Floskel, ja auf einem Stuhl und
> redet und redet, und irgend jemand schreibt das alles auf
> und macht daraus ein Aussageprotokoll, in dem wir später
> werden lesen können, was sie ausgesagt hat, die Floskel.

Anetschlecht: Ich mache darauf aufmerksam, nichwa, unser Gespräch
verläßt nicht diesen Raum - FR

Walter Schmid

unread,
Aug 12, 2016, 7:48:05 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 12:09 schrieb Ralf Joerres:
> Am 12.08.2016 um 10:03 schrieb Walter Schmid:
>> Am 12.08.2016 um 08:54 schrieb Ralf Joerres:
>>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>>> was sagt sie eigentlich aus?
>>
>> "Alles andere, was ich so sage, ist gelogen oder geheuchelt,
>> ausnahmsweise bin ich jetzt mal ehrlich".
>
> Du haust manchmal ganz gerne auf den Putz, oder?

Ja. Aber der Grund ist rein technischer Natur, genauer gesagt
feinmotorisch. Ich habe Mühe, die richtigen Tasten zu treffen,
und deshalb fasse ich mich schriftlich am liebsten kurz.


> Also für 'ich verrate
> dir jetzt mal meine ehrliche Überzeugung' gibt es 'ich muss ganz ehrlich
> sagen', wobei auch das in seiner Floskelhaftigkeit wenig überzeugend
> rüberkommt. In der Schweiz mag es allerdings andere Sprechroutinen geben.
>
> Von wegen 'man muss...': Ich war darauf (wieder) gestoßen beim
> Interview einer jungen Filmemacherin, die eine Art Stipendium bekommen
> hatte, um für eine kurze Weile in New York zu arbeiten. Ihre ersten
> Sätze in dem Interview waren: "Ja, 'populärste Stadt der Welt' haben
> auch viele von uns direkt gesagt, als sich die Möglichkeit ergeben hat,
> und dass wir eben nach NY fliegen können. Und man muss ganz ehrlich
> sagen, dass das eben auch eine finanzielle Möglichkeit war, die uns die
> Hochschule gegeben hat, dass wir überhaupt das realisieren konnten...".
> Hier wurde diese Formel definitiv nicht gewählt, um die Ehrlichkeit der
> Aussage zu unterstreichen.


Doch! Es wäre (für sie) unehrlich gewesen, vorzutäuschen sie
hätte es selbst finanziert.

Unter meine zugespitzte Kategorie fällt das nicht vollumfänglich.
Da hast Du Recht.

Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 10:20:20 AM8/12/16
to
Stimmt, es hieße dann in etwa 'zugegebenermaßen', oder 'allerdings'.

Tja, ist für mich schon interessant, zusätzliche Bedeutungsanteile zu
entdecken, auf die ich von allein nicht gekommen war.

Ich denke, einmal verstärkt in Umlauf geratene Redeweisen wirken wie ein
Honigtopf, sie scheinen verführerisch attraktiv und verleiten den
Sprecher, auch in wenig geeigneten Situationen, von ihnen Gebrauch zu
machen. So geht's mir seit längerem mit dem 'Generalverdacht', der
offenbar überall lauert und gegen den der Sprecher sich stets mit
moralisierendem Unterton verwahrt. Ich denke, auch dieses "man muss ganz
einfach/ehrlich ..." ist ein vorgefertigtes Element, das bei
Vielsprechern immer in Griffweite herumwabert und nur auf die Chance
wartet, an eine praktisch beliebige Aussage anzudocken. Unter diese Art
von gedankenloser Sprach-Schaumschlägerei hatte ich den Halbsatz der
jungen Dame subsumiert, schon allein aufgrund seiner makellosen
Schablonenhaftigkeit: Wie so 'muss' man es zu allem Überfluss auch noch
'ganz' ehrlich sagen?

Dennoch denke ich, dass auch solche Floskeln Bedeutungen tragen, nur
sind diese codiert. Geschäftskorrespondenz besteht zu einem sehr großen
Anteil aus solchen Codierungen.

Gruß Ralf Joerres

Holger Marzen

unread,
Aug 12, 2016, 10:52:40 AM8/12/16
to
* On Fri, 12 Aug 2016 10:03:26 +0200, Walter Schmid wrote:

> Am 12.08.2016 um 08:54 schrieb Ralf Joerres:
>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?
>
> "Alles andere, was ich so sage, ist gelogen oder geheuchelt,
> ausnahmsweise bin ich jetzt mal ehrlich".
>
> Eine andere Interpretation fällt mir nicht ein. Ich kenne nur
> einen, der diese Floskel täglich braucht. Ich halte ihn für einen
> verlogenen Heuchler.

Ich würde es auch auf andere ausdehnen:

"Man muss ganz ehrlich sagen" = "Die meisten werden es ungern sagen aber
wenn sie ehrlich sind mir zustimmen"

Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 11:06:45 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 13:53 schrieb Stefan Ram:
> Ralf Joerres <rjoe...@gmail.com> writes:
>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?
>
> Sie macht den Zuhörer gefaßt darauf, daß jetzt eine
> unorthodoxe Ansicht geäußert werden wird - oder wenigstens
> etwas, das der Sprecher dafür hält. Oder etwas, was dem
> Hörer vielleicht nicht gefällt oder was ihm nicht sofort als
> richtig erscheint. Damit stellte sie eine Art von Kontrast
> dar, ähnlich wie das Wort »aber«.

Diesen Aspekt sehe bei dieser Formel auch. Google liefert ein schönes
Beispiel dafür: "Ok ok, Star Wars verbindet. Aber man muss ganz ehrlich
sagen: Als Mitbewohner. war er die Totalkatastrophe. Ohne jeglichen Sinn
für Sauberkeit und Ordnung." (mannfrau.de)

> Außerdem stellt sie eine
> gewisse Vorausverteidigungsstrategie dar, denn vernünftigerweise
> wird niemand etwas widersprechen, das »ganz ehrlich« ist.
>
> Zum Beispiel: »Natürlich würde ich mich auch freuen, wenn
> Deine Tochter damit in die Charts kommt. Aber man muß ganz
> ehrlich sagen, daß es nach den ersten 10 Minuten schnell
> langweilig wird.«

Für mein Gefühl passt das da nicht optimal, aber ich kann mich da
täuschen. Ich hätte in dieser Situation eher gesagt "ehrlich gesagt"
oder "wenn du mich fragst" oder "ich muss (ganz) ehrlich sagen". Bzw.,
in der Bedeutung, die Du meinst, wäre es eine schon recht deutliche
Kritik an dem musikalischen Produkt, die aber nicht in aller Offenheit
ausgesprochen werden soll.

Es gibt da ja auch noch die abgekürzte Variante: "Ganz ehrlich: ...",
z.B. 'Wie findest du den Song?'- 'Ganz ehrlich: der ist nicht so mein
Fall, zu schnulzig für meine Begriffe.'

>> Ähnlicher Fall: "Man muss ganz einfach sehen...", da deutet sich für
>> mich zumindest an, dass der Sprecher sich in irgendeiner Weise von der
>> Aussage eines Vorredners oder von den vermeintlichen Überzeugungen der
>> Diskussionsbeteiligten distanzieren oder seinen Punkt deutlich markieren
>> will.
>
> Hier besteht die Vorausverteidigung in der Unterstellung von
> Authentizität. Was man »sieht«, das ist real und authentisch.

Ich glaube, das ist nicht gemeint, sonder eher ein 'auf dem Schirm
haben', also 'sich einer Sache bewusst sein', etwas nicht ausblenden,
ähnlich wie 'man darf nicht vergessen...'. Andererseits ist es ein
versteckter Appell, 'einfach' die Augen aufzumachen.

> Wenn jemand es nicht sehen will, muß er sich also absichtlich
> blind stellen oder sich irren.
>
>> Ähnlich rätselhaft und kaum greifbar ist für mich ein angehängtes
>> "..., deswegen"
>
> Das habe ich WIMRE noch nie gehört. Aber ich kann mir vorstellen:
>
> »Das Kleid ist verschmutzt. Es muß gewaschen werden, deswegen.«

Passt nicht so recht. Ich versuch's mal, aber die Situationen, wo ich
das gehört hatte, waren noch viel abstruser. Also in etwa so: "Wir
wollten eigentlich wieder in die Türkei und hatten auch schon gebucht.
Aber nach den ganzen schrecklichen Nachrichten von da haben wir uns das
denn doch anders überlegt. Mallorca wär günstig gewesen, aber da ist ja
zur Zeit der Teufel los. Deswegen. Hanna hatte dann die Idee mit
Schwarzwald, wie in den alten Zeiten. Und das machen wir denn auch."
Also relativ unverbunden, ein Kausalzusammenhang muss nicht mal
bestehen, es ist so'n komisches Mittelding zwischen 'nicht wahr?' und
'so irgendwie'.

> Ok, ich weiß nicht, ob ich das so sagen würde, aber es würde mich
> auch nicht stören, wenn jemand anders das so sagen will.
>
> Es ist ja ähnlich, wie ich »though« verwende.
>
> Stefan Ram schrieb in Message-ID:
> <book-2016...@ram.dialup.fu-berlin.de>:
>
> |I sometimes have a cup of coffee with me when I am reading web
> |pages at my computer. Lost many a keyboards this way, though.

Von meinem Gefühl her ist da was dran, aber auch dafür fällt mir keine
vernünftige Übersetzung ein. Wenn's mir nochmal unterkommt, werd ich's
mir sofort aufschreiben.

> Ich muß ganz ehrlich sagen, daß man ganz einfach sehen muß, deswegen:
>
> »Be liberal in what you accept,
> and conservative in what you send.«

Ich denk drüber nach. Bis denn: Ralf J.

Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 11:22:48 AM8/12/16
to
Genau, so empfinde ich es auch, das ist schon sehr nahe dran an dem, wie
ich das verstehe. Ähnlich: "Ehrlicherweise müsste man zugeben / erst
einmal feststellen, dass...". Dazu ein Beispiel von (vermutlich)
Hannelore Kraft, aufgegabelt bei Google, geäußert im August 2015:

Interviewer: Man hat in der Öffentlichkeit manchmal den Eindruck (...),
dass schon eine gewisse (...) Extremsituation herrscht.

Kraft: Na ja, man muss ganz ehrlich sagen, es gab über Jahre sehr wenige
Asylbewerber. Das heißt, die Städte, aber auch das Land, wir haben
Einrichtungen zurückgebaut.

(http://www.deutschlandfunk.de/asyldebatte-wenn-nrw-mehr-fluechtlinge-aufnimmt-als.868.de.html?dram:article_id=329028)

Gruß Ralf Joerres

Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 11:39:26 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 11:25 schrieb Wolfgang Schwanke:
> Ralf Joerres <rjoe...@gmail.com> wrote in
> news:nojrrt$hic$1...@dont-email.me:
>
>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?
>>
>> Ähnlicher Fall: "Man muss ganz einfach sehen...",
>
> "Man muss" ist der Versuch einer Objektivierung, sagt also aus
> "Das ist nicht bloß meine Meinung, sondern unbestreitbarer Fakt".

Ja. Und es ist wohl eine Aufforderung an den Gesprächspartner oder die
Mithörenden, auch einmal die Blickrichtung zu ändern und eine andere
Perspektive einzunehmen. Die ist allerdings sehr fordernd formuliert, so
in Richtung: Man wird kaum bestreiten können, dass ...

> Gleichzeitig schwingt eine Distanzierung mit, die Feststellung scheint
> dem Sprecher eher peinlich zu sein.

Distanzierung ja, das mit der Peinlichkeit verstehe ich jedoch nicht.

Gruß Ralf Joerres

Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 11:58:12 AM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 10:48 schrieb Frank Hucklenbroich:
> Am Fri, 12 Aug 2016 08:54:50 +0200 schrieb Ralf Joerres:
>
>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?
>>
>> Ähnlicher Fall: "Man muss ganz einfach sehen...", da deutet sich für
>> mich zumindest an, dass der Sprecher sich in irgendeiner Weise von der
>> Aussage eines Vorredners oder von den vermeintlichen Überzeugungen der
>> Diskussionsbeteiligten distanzieren oder seinen Punkt deutlich markieren
>> will.
>
> Mit dem "man" scheint der Sprecher ausdrücken zu wollen, daß er nicht nur
> seine persönliche Meinung wiedergibt, sondern auch für die Allgemeinheit
> spricht. "Man muss einfach sehen" impliziert für mich ein unausgesprochenes
> "Das sieht doch wohl jedes Kind, wer wird mir denn da widersprechen
> wollen?". Typischer Jargon von Managern oder Politikern, um eine
> persönliche Einzelmeinung als allgemeinen Konsenz zu verkaufen.

Oder um zu sagen: Da können alle so viel reden wie Sie wollen, aber ...
- allerdings verpackt als, da stimme ich Dir zu, eine Aussage mit
Allgemeingültigkeitsanspruch.

>
>> Ähnlich rätselhaft und kaum greifbar ist für mich ein angehängtes
>> "..., deswegen", das manche benutzen.
>
> Das ist oft eher ein Füllwort, wenn man nach einer passenden Formulierung
> sucht.

Kann sein. Es hat auf jeden Fall etwas von einer Verlegenheitsäußerung
und trägt keine sachliche Information bei.

Immer noch besser als ein "ähh".

Nee, so funktioniert das, welches ich meine, nicht. Es steht auch ganz
am Ende, wenn alles gesagt ist, in Form eines Ein-Wort-Satzes oder
-Anhängsels, quasi wie eine nachgeschobene Schlussformel.

Gruß Ralf Joerres

Diedrich Ehlerding

unread,
Aug 12, 2016, 2:48:09 PM8/12/16
to
Ralf Joerres meinte:

> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
> was sagt sie eigentlich aus?

"ich meine". Nur eben in aufgeplusterter Form.

--
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Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 3:28:33 PM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 20:24 schrieb Diedrich Ehlerding:
> Ralf Joerres meinte:
>
>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?
>
> "ich meine". Nur eben in aufgeplusterter Form.
>

Gefällt mir.

Ralf Joerres

Ralf Joerres

unread,
Aug 12, 2016, 3:43:27 PM8/12/16
to
Am 12.08.2016 um 16:02 schrieb Stefan Ram:
> r...@zedat.fu-berlin.de (Stefan Ram) writes:
>> »Das Kleid ist verschmutzt. Es muß gewaschen werden, deswegen.«
>
> Aber in »Sie müssen sich keine Sorgen machen, deswegen.«
> finde ich es unauffälliger.
>
> Allgemein ist »deswegen« am Satzende natürlich unauffällig,
> es handelt sich aber in der Regel nicht um solch ein »deswegen«,
> das man mit einem Komma abtrennen würde (könnte).
>
> [gen nicht, ich lobe dich eher deswegen.] Jean Paul - Blumen-, Frucht-
> [en lieben den andern oft bloß deswegen.] Jean Paul - Hesperus oder 45
> [KLEMENS. Aber Kind, natürlich deswegen.] Schnitzler, Arthur - Lebendi
> [bemühst du dich FLINT. Auch deswegen.] Schnitzler, Arthur - Profess
> [Grund dazu hast. DICHTER. Ach deswegen.] Schnitzler, Arthur - Reigen
> [schuldig, und der behüte Dich deswegen.] Tieck, Ludwig - Geschichte d
> [reise dennoch, ich reise eben deswegen.] Tieck, Ludwig - Geschichte d
> [h schuf. Ich danke dem Himmel deswegen.] Wedekind, Frank - Die vier J
> [ rinnt alles in die Flüsse ab deswegen.] Altenberg, Peter - Maerchen
> [u ihm, "was betrübest du dich deswegen.] Beer, Johann - Teutsche Wint
> [des Rechtes pflegen! H.: Eben deswegen.] Claudius, Matthias - Asmus o
> [ollte Vater schilt mich oft deswegen.] Duncker, Dora - Muetter
> [st's der. FRAU KÜNKELÜN. Eben deswegen.] Essig, Hermann - Der Frauenm
> [ ihr gestehen, wie weinte sie deswegen.] Essig, Hermann - Ueberteufel
> [prache oder plagte Uli später deswegen.] Gotthelf, Jeremias - Wie Uli
> [en begeht, so beklagt man ihn deswegen.] Gottsched, Johann Christoph
> [einer. RUHBERG DER SOHN. Auch deswegen.] Iffland, August Wilhelm - Ve
> [ergeldes. BÜRGERMEISTER. Eben deswegen.] Kotzebue, August von - Die d
> [den liest. MÄSTER STAFF. Eben deswegen.] Kotzebue, August von - Die I
> [ er es nannte, und drohte ihm deswegen.] La Roche, Sophie von - Rosal
> [aran, und will sich umbringen deswegen.] Lenz, Jakob Michael Reinhold
> [ucht zu werden, und lobte sie deswegen.] Liebeskind, Margareta Sophia
> [er kein Mensch verurteilt sie deswegen.] Meisel-Hess, Grete - Die sex
> [Künstler trotzdem oder gerade deswegen.] Meisel-Hess, Grete - Die Int
> [dt?" MADAME VOGELSANG. "Grade deswegen.] Mozart, Wolfgang Amadeus - D
> [ machte sich tausend Vorwürfe deswegen.] Musaeus, Johann Karl August
> [ Kunstfertigkeit und Ausdauer deswegen.] Raabe, Wilhelm - Alte Nester
> [s' einem auch nicht vergolden deswegen.] Raimund, Ferdinand - Der Ver
> [m mich ang'halten hat." "Also deswegen.] Saar, Ferdinand von - Novell
> [m mich ang'halten hat." "Also deswegen.] Saar, Ferdinand von - Tragik
> [dt?" MADAME VOGELSANG. "Grade deswegen.] Stephanie, Johann Gottlieb =
> [r sich verleiten lassen; bloß deswegen.] Thoma, Ludwig - Der Ruepp
> [ Bock machtest? WILHELM. Eben deswegen.] Wagner, Heinrich Leopold - D
>
> In diesen Fällen könnte man vielleich ein "nachgeschobenes »deswegen«"
> erkennen:
>
> [aran, und will sich umbringen deswegen.] Lenz, Jakob Michael Reinhold
> [Künstler trotzdem oder gerade deswegen.] Meisel-Hess, Grete - Die Int
> [ machte sich tausend Vorwürfe deswegen.] Musaeus, Johann Karl August
> [s' einem auch nicht vergolden deswegen.] Raimund, Ferdinand - Der Ver

Schöne Beispiele,vor allem schön viele, leider nicht ganz das, was ich
im Sinn hatte. Wie findet man denn so etwas, das würde mich echt mal
interessieren. Denn Google kann ja nicht mit Satzzeichen umgehen. Ich
finde immer viel, indem ich mir mögliche Kontexte ausdenke und nach
einem vermutet möglichst häufigen suche, aber für dieses 'deswegen', das
ich suche, gibt es keinen typischen Kontext; außerdem funktioniert das
nur mündlich und Google ist vielleicht kein schönes Schriftdeutsch, aber
schriftlich ist es allemal.

Gruß Ralf Joerres

Ralf Joerres

unread,
Aug 20, 2016, 2:12:25 PM8/20/16
to
Am 12.08.2016 um 22:37 schrieb Stefan Ram:
> Ralf Joerres <rjoe...@gmail.com> writes:
>> Wie findet man denn so etwas, das würde mich echt mal
>> interessieren.
>
> Um so etwas zu finden, kann man zwei Dinge kombinieren:
>
> Zum einen eine Sammlung von Texten auf der Festplatte, in
> der man suchen kann.
>
> Anbieter, wie beispielsweise "Project Gutenberg",
> "Archive.org" oder "Google Books", bieten ältere
> Texte kostenlos und legal zum Fernherkopieren an.
> Man kann diese Sammlung noch mit Texten erweitern,
> die man käuflich erworben hat.
>
> Dann braucht man ein Suchprogramm, das die Festplatte nach
> Texten durchsuchen kann. Da gibt es viele verschiedene
> Programme, wie beispielsweise das kostenlose »Agent Ransack«.
> Man kann mit vielen solcher Programme auch nach Punkten ».«
> suchen.
>
> Ich habe allerdings auch gleich die Formatierung der Ausgabe
> von einem Programm erledigen lassen. Dazu habe ich ein von
> mir geschriebenes Programm verwendet, das ich in einer
> Programmiersprache mit regulären Ausdrücken geschrieben
> habe. Ein regulärer Ausdruck erlaubt die Angabe eines
> Suchmusters. Der reguläre Ausdruck sah wohl in etwa so aus:
>
> .{30}deswegen\.
>
> Das heißt: Ich habe nach 30 beliebigen Zeichen (als
> Kontext), gefolgt von dem Worte »deswegen« und einem Punkt,
> gesucht.
>
> Die Ausgabe erfolgte dann mit dem Ausgabemuster
>
> [$text] $name
>
> also dem gefundenen Text in eckigen Klammern und dann den
> Namen des Textes, der vorher in der Länge beschränkt wurde,
> dahinter.
>
> Für jede einzelne Recherche passe ich mein
> selbstgeschriebenes Suchprogramm immer wieder neu an.
> Technisch gesehen schreibe ich also immer ein neues
> Programm für jede Suche.
>
> Um so etwas zu programmieren, kann man eine beliebige
> Programmiersprache mit der Möglichkeit zu
> Fesplattenzugriffen und mit regulären Ausdrücken verwenden.
> In Frage kommen beispielswese D, C++, Python, Perl, Ruby
> oder Java. Die Skriptsprachen, wie Python, Perl oder Ruby,
> sind allerdings einfacher zu erlernen und anzuwenden.

Herzlichen Dank, Stefan! Das ist jetzt mal ne wirklich gute Auskunft. Ob
ich wirklich mal so 'tief' einsteigen werden, weiß ich nicht, da ich
aber sehr viel in allen möglichen Texten nach allem Möglichen suche,
kann das gut mal passieren. Ich hab's zum Glück auch einigermaßen
verstanden, weil ich selbst gelegentlich mit RegEx nach Dateinamen suche
und weil ich wenigstens mal ein bisschen in Basic und mit DOS-Batches
herumprogrammiert habe - hat natürlich nix mit professionellem oder auch
nur semiprofessionellem Programmieren zu tun, blutigste Anfängerübungen,
hat aber Spaß gemacht, vor allem wenn's dann endlich lief.

Gruß und Dank von: Ralf Joerres

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