Am 12.08.2016 um 13:53 schrieb Stefan Ram:
> Ralf Joerres <
rjoe...@gmail.com> writes:
>> Die Floskel "man muss ganz ehrlich sagen" hört man ziemlich oft, aber
>> was sagt sie eigentlich aus?
>
> Sie macht den Zuhörer gefaßt darauf, daß jetzt eine
> unorthodoxe Ansicht geäußert werden wird - oder wenigstens
> etwas, das der Sprecher dafür hält. Oder etwas, was dem
> Hörer vielleicht nicht gefällt oder was ihm nicht sofort als
> richtig erscheint. Damit stellte sie eine Art von Kontrast
> dar, ähnlich wie das Wort »aber«.
Diesen Aspekt sehe bei dieser Formel auch. Google liefert ein schönes
Beispiel dafür: "Ok ok, Star Wars verbindet. Aber man muss ganz ehrlich
sagen: Als Mitbewohner. war er die Totalkatastrophe. Ohne jeglichen Sinn
für Sauberkeit und Ordnung." (
mannfrau.de)
> Außerdem stellt sie eine
> gewisse Vorausverteidigungsstrategie dar, denn vernünftigerweise
> wird niemand etwas widersprechen, das »ganz ehrlich« ist.
>
> Zum Beispiel: »Natürlich würde ich mich auch freuen, wenn
> Deine Tochter damit in die Charts kommt. Aber man muß ganz
> ehrlich sagen, daß es nach den ersten 10 Minuten schnell
> langweilig wird.«
Für mein Gefühl passt das da nicht optimal, aber ich kann mich da
täuschen. Ich hätte in dieser Situation eher gesagt "ehrlich gesagt"
oder "wenn du mich fragst" oder "ich muss (ganz) ehrlich sagen". Bzw.,
in der Bedeutung, die Du meinst, wäre es eine schon recht deutliche
Kritik an dem musikalischen Produkt, die aber nicht in aller Offenheit
ausgesprochen werden soll.
Es gibt da ja auch noch die abgekürzte Variante: "Ganz ehrlich: ...",
z.B. 'Wie findest du den Song?'- 'Ganz ehrlich: der ist nicht so mein
Fall, zu schnulzig für meine Begriffe.'
>> Ähnlicher Fall: "Man muss ganz einfach sehen...", da deutet sich für
>> mich zumindest an, dass der Sprecher sich in irgendeiner Weise von der
>> Aussage eines Vorredners oder von den vermeintlichen Überzeugungen der
>> Diskussionsbeteiligten distanzieren oder seinen Punkt deutlich markieren
>> will.
>
> Hier besteht die Vorausverteidigung in der Unterstellung von
> Authentizität. Was man »sieht«, das ist real und authentisch.
Ich glaube, das ist nicht gemeint, sonder eher ein 'auf dem Schirm
haben', also 'sich einer Sache bewusst sein', etwas nicht ausblenden,
ähnlich wie 'man darf nicht vergessen...'. Andererseits ist es ein
versteckter Appell, 'einfach' die Augen aufzumachen.
> Wenn jemand es nicht sehen will, muß er sich also absichtlich
> blind stellen oder sich irren.
>
>> Ähnlich rätselhaft und kaum greifbar ist für mich ein angehängtes
>> "..., deswegen"
>
> Das habe ich WIMRE noch nie gehört. Aber ich kann mir vorstellen:
>
> »Das Kleid ist verschmutzt. Es muß gewaschen werden, deswegen.«
Passt nicht so recht. Ich versuch's mal, aber die Situationen, wo ich
das gehört hatte, waren noch viel abstruser. Also in etwa so: "Wir
wollten eigentlich wieder in die Türkei und hatten auch schon gebucht.
Aber nach den ganzen schrecklichen Nachrichten von da haben wir uns das
denn doch anders überlegt. Mallorca wär günstig gewesen, aber da ist ja
zur Zeit der Teufel los. Deswegen. Hanna hatte dann die Idee mit
Schwarzwald, wie in den alten Zeiten. Und das machen wir denn auch."
Also relativ unverbunden, ein Kausalzusammenhang muss nicht mal
bestehen, es ist so'n komisches Mittelding zwischen 'nicht wahr?' und
'so irgendwie'.
> Ok, ich weiß nicht, ob ich das so sagen würde, aber es würde mich
> auch nicht stören, wenn jemand anders das so sagen will.
>
> Es ist ja ähnlich, wie ich »though« verwende.
>
> Stefan Ram schrieb in Message-ID:
> <
book-2016...@ram.dialup.fu-berlin.de>:
>
> |I sometimes have a cup of coffee with me when I am reading web
> |pages at my computer. Lost many a keyboards this way, though.
Von meinem Gefühl her ist da was dran, aber auch dafür fällt mir keine
vernünftige Übersetzung ein. Wenn's mir nochmal unterkommt, werd ich's
mir sofort aufschreiben.
> Ich muß ganz ehrlich sagen, daß man ganz einfach sehen muß, deswegen:
>
> »Be liberal in what you accept,
> and conservative in what you send.«
Ich denk drüber nach. Bis denn: Ralf J.