On Wed, 13 Apr 2022, Stefan Schmitz wrote:
> Ohne den ausdrücklichen Hinweis hätte ich das alles als normale stimmhafte s
> verstanden. Nachdem du das so aber sagst, erkenne ich bei sorgfältigem
> Hinhören, dass man sie auch für stimmlos halten kann. So ein Mittelding, in
> meinen Ohren klingen sie stimmhaft.
> Das hat für mich eine ganz andere Qualität als bei Ricarda Lang. Bei ihr ist
> das ß völlig unzweifelhaft.
Das ist ein – meist von mir – öfters gebrachter Einwand: es gibt zwei
Unterscheidungen: stimmlos/stimmhaft und hart/weich:
stimmlos/stimmhaft: der Laut ist stimmhaft, wenn während seiner Aussprache
der Kehlkopf ein Geräusch macht.
hart/weich: der Laut ist weich, wenn das Geräusch ohne die Stimme eher
ein Summen ist, und hart, wenn es eher ein Zischen ist. Den Unterschied
hört man beim Flüstern deutlich.
Ich habe hier schon mal den Flüstertest beigetragen:
----- Zitat Anfang -----
Ich möchte jedem, der über scharfes und anderes (stumpfes?) s diskutiert,
die folgenden Fragen stellen (nicht für Dialekt, eher für die locker, also
nicht bemüht deutlich, gesprochene standarddeutsche Umgangssprache):
1) Machst du einen hörbaren Unterschied zwischen "reisen" und "reißen",
"niesen" und "[ge]nießen", "Busen" und "Bußen", "[h]ausen" und "außen"?
2) Falls ja bei Frage 1: Besteht der Unterschied darin, dass jeweils das
erste Wort eines Paares ein stimmhaftes S enthält, das zweite aber ein
stimmloses?
3) Falls ja bei Frage 2: Besteht der Unterschied *nur* darin?
4) Falls ja bei Frage 1: Hört man auch dann einen Unterschied, wenn du
flüsterst?
Erstaunlich oft hört man die Antworten ja / ja / ja / ja. Das sind die
Leute, die stimmhaft flüstern können. Bitte vorführen!
Meiner Beobachtung nach¹ gibt es hauptsächlich zwei Gruppen (geografische
Angaben bitte nicht auf die Goldwaage, ist nur eine Tendenz):
- die Stimmhaftsprecher (Norden, westl. Mitte): ja / ja / nein / ja
- die Stimmlossprecher (Süden, östl. Mitte): ja / nein / -- / ja
während die Stimmhaftigkeitsunterscheider (ja / ja / ja / nein) und die
Nichtunterscheider (nein / -- / -- / nein) -- also Immerscharfsprecher und
Immerstimmhaftsprecher -- eher selten sind.
¹) also ohne ausreichende Daten und ohne wissenschaftliche Untersuchung
----- Zitat Ende -----
Dasselbe betrifft auch andere Laute. Noch ein Selbstzitat:
----- Zitat Anfang -----
"Harte" und "weiche" Konsonanten unterscheiden sich im Süden und wohl
weitgehend auch Osten des deutschen Sprachgebiets nicht durch
Stimmhaftigkeit, sondern durch Spannung [b_0] vs. [p], [d_0] vs. [t],
[g_0] vs. [k] und eben auch [z_0] vs. [s], wobei "_0" jeweils
Stimmlosigkeit bedeutet. So wie der N-Deutsche "reisen" und "reißen" auch
beim Flüstern unterscheiden, obwohl da keine Stimme beteiligt ist,
macht der S-Deutsche dieselbe Unterscheidung, ohne dass ersteres stimmhaft
wäre.
Das gilt für die Hochsprache S-deutscher Prägung, nicht für den Dialekt.
Im Dialekt (bairisch, sächsisch, fränkisch) fällt vielfach bei den
Plosiven auch noch die Spannung weg, so dass b und p oder d und t nicht
mehr unterscheidbar sind. Zum Ausgleich wird der Spannungsunterschied in
der Hochsprache auch am Wortende gemacht, so dass "Rad" und "Rat" deutlich
unterschieden sind.
Dass bei dir "Busen/Bußen" und "Muße/Muse" Paare von Homophonen sind,
könnte damit zusammenhängen, dass drei von den vier Wörtern eh im S
Fremdwörter (aus dem N-Deutschen und anderen Fremdsprachen) sind.
----- Zitat Ende -----
Der unten mit „bei dir“ gemeinte Vorposter ist Michael Baumgartner mit
unzweifelhaft bairischer Herkunft, aber sicher erheblichem phonetischen
Wissen. (Hat irgendwann jemand etwas von ihm gehört?)
Der Süd- und Ostdeutsche schont also seine Stimmbänder, kann aber genau so
gut unterscheiden, am Wortende sogar besser.
Es gibt ein weiteres Paar solcher Konsonanten, nämlich [β] versus [v].
Die sind allerdings beide stimmhaft, aber das [v] summt im obigen Sinne,
das [β] macht gar kein eigenes Geräusch (wie [w], nur ohne Lippenrundung).
Gemeinsam mit den s-Lauten ist, dass der Vibrant im Süden vermieden wird.
--
Helmut Richter