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Analyse eines Gedichtes

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Mathias Weyland

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Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
to
Hallo

Wir müssen einige Gedichte analysieren, unter
anderem dieses:
-------------------------------------------
Herbstbild (Von Christian Friedrich Hebbel)

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
-------------------------------------------

Bei den aderen Gedichten hat es ja geklappt,
aber dieses Gedicht kann ich nicht analysieren.
Finde den Kern nicht, Folgendes habe ich heraus-
gefunden:

Geboren am 18.3.1813 in Wesselburen (Dithmarschen) als Sohn eines
Maurers. Ärmliche Jugend.
Später Maurerlehrling und Schreiber. Autodidaktische Bildung. 1836-1839
Studium in Hamburg und München unter äußerst dürftigen Verhältnissen.
1842-43 Stipendium in Kopenhagen. 1843-44 Paris; dort
Bekanntschaft mit Heine. Ab 1845 in Wien. 1849 Feuilletoredakteur.
Hebbel starb am 13.12.1863 in Wien.

Aber das hilft mir nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich
vorgehen soll. Ist es möglich, dass mir jemand auf den
Sprung hilft?

Vielen Dank

Mathias Weyland


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Before you buy.

Lothar Frings

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Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
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Mathias Weyland <mwey...@sdf.lonestar.org> tat kund:

> Hallo
>
> Wir müssen einige Gedichte analysieren, unter
> anderem dieses:

Eben - Ihr. Hausaufgaben werden hier meist nicht erledigt, weil einmal
zum Lernen eigentlich die Schule da ist und dann die meisten, die
hier mitlesen, schon soviel Hausaufgaben gemach haben, daß es
ihnen fürs ganze Leben reicht.

> Ist es möglich, dass mir jemand auf den
> Sprung hilft?

Möglich ist das, aber unwahrscheinlich.

Gruß
Lothar

mkhan

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Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
to

Mathias Weyland wrote:

> Herbstbild (Von Christian Friedrich Hebbel)
>
> Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
> Die Luft ist still, als atmete man kaum,
> und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
> die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
>
> O stört sie nicht, die Feier der Natur!
> Dies ist die Lese, die sie selber hält;
> denn heute löst sich von den Zweigen nur,
> was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
> -------------------------------------------
>
> Bei den aderen Gedichten hat es ja geklappt,
> aber dieses Gedicht kann ich nicht analysieren.
> Finde den Kern nicht,

Die Lebensdaten des Dichters helfen dir allerdings nicht weiter. Du
solltest lieber einige seiner anderen Gedichte lesen. Dann siehst du
vielleicht so etwas wie einen roten Faden. Nimm zum Beispield dieses:

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn.
Sie war, als ob sie bluten könnte, rot.
Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich vorbei ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

Lorenz Sichelschmidt

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Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
to
Mathias Weyland <mwey...@sdf.lonestar.org> wünschte im Newsbeitrag:
90ikb9$rk1$1...@nnrp1.deja.com...

...seine Hausaufgaben gemacht zu bekommen, weil er den Kern nicht
findet. Also gut, hier einige Denkanstöße:

> Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!

"Dies" ist lateinisch für "Tag" (z.B. dies irae) - was will der Dichter
uns mit dieser Tautologie sagen?

> Die Luft ist still, als atmete man kaum,

"wie ich keinen sah...", "atmete man kaum..." - Hinweise auf Sehschwäche
und Atemnot des Dichters oder Zivilisationskritik an Luftverschmutzung?

> und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,

"raschelnder Fall" - das impliziert die Berührung mit anderen
Gegenständen während des Falls; gedanklich dichter Hinweis des Dichters
auf räumliche Dichte?

> die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

"die schönsten Früchte" wachsen bekanntlich im Nachbargarten -
dichterische Kritik an zu kleinen Grundstücken bzw. zu dichter Bebauuung
oder Andeutung der Erwägung einer Straftat?

Siehst Du, da hast Du den Kern: Er versteckt sich im Fallobst.
Weiterdenken kannst Du dann schon alleine, nicht? Also, frisch ans Werk:
Wer ist dieser "O", von dem in der nächsten Strophe die Rede ist...

Max

--
Dr. Lorenz Sichelschmidt
Department of Linguistics, University of Bielefeld
POB 100131, D-33501 Bielefeld, Germany
FON +521-106-5313 --- FAX +521-106-6447

mkhan

unread,
Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
to

Lorenz Sichelschmidt wrote:

> Wer ist dieser "O", von dem in der nächsten Strophe die Rede ist...

Die Antwort darauf findest du bei Kleist! Nicht "dieser", es ist eine O.

Heinz Lohmann

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Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
to
Lorenz Sichelschmidt schrieb:

>Mathias Weyland <mwey...@sdf.lonestar.org> wünschte im Newsbeitrag:
>90ikb9$rk1$1...@nnrp1.deja.com...
>
>...seine Hausaufgaben gemacht zu bekommen, weil er den Kern nicht
>findet. Also gut, hier einige Denkanstöße:
>
>> Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
>
>"Dies" ist lateinisch für "Tag" (z.B. dies irae) - was will der Dichter
>uns mit dieser Tautologie sagen?
>
>> Die Luft ist still, als atmete man kaum,
>
>"wie ich keinen sah...", "atmete man kaum..." - Hinweise auf Sehschwäche
>und Atemnot des Dichters oder Zivilisationskritik an Luftverschmutzung?
>
>> und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
>
>"raschelnder Fall" - das impliziert die Berührung mit anderen
>Gegenständen während des Falls; gedanklich dichter Hinweis des Dichters
>auf räumliche Dichte?
>
>> die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
>
>"die schönsten Früchte" wachsen bekanntlich im Nachbargarten -
>dichterische Kritik an zu kleinen Grundstücken bzw. zu dichter Bebauuung
>oder Andeutung der Erwägung einer Straftat?
>
>Siehst Du, da hast Du den Kern: Er versteckt sich im Fallobst.
>Weiterdenken kannst Du dann schon alleine, nicht? Also, frisch ans Werk:
>Wer ist dieser "O", von dem in der nächsten Strophe die Rede ist...

Das ist natürlich der O wie aus den Zeilen:
Gottes Sohn. O wie lacht...

Frohe Feiertage.
--
Beste Gruesse

Heinz Lohmann
Taipei, Taiwan

Thorsten Nitz

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Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
to
Mathias Weyland schrieb:
> -------------------------------------------

> Herbstbild (Von Christian Friedrich Hebbel)
>
> Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
> Die Luft ist still, als atmete man kaum,
> und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
> die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

Strophe 1 ist eine Beschreibung. Man merkt, dass der Autor kein guter
Beobachter ist, da er das Fallen der Früchte mit einem Rascheln
verbindet. Tatsächlich rascheln aber fallende Blätter, fallende Früchte
verursachen beim Aufschlag ein Plumps.

>
> O stört sie nicht, die Feier der Natur!

Hier kommt der ideologische Überbau. Offenbar ist Hebbel ein
Öko-Konservativer, der seine Weltanschauung in romantisierender
Agit-Prop-Manier zu verbreiten trachtet.

> Dies ist die Lese, die sie selber hält;
> denn heute löst sich von den Zweigen nur,
> was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Die "Lese, die sie selber hält", ist eine Umschreibung für eine
Selbstverstümmelung. Diesen schmerzhaften Akt, in dem ein Baum einen
Teils von sich, nämlich die Frucht, abtrennt, wird mit einem angenehmen
Gefühl verknüpft, das das Bild vom "milden Strahl der Sonne" assoziieren
lässt. Aus eigenen Schmerzen Lustgewinn zu ziehen, wird auch als
Masochismus bezeichnet.

Diese wenigen Indizien zeichnen schon ein charakteristisches Bild:
- Der Autor weiß nicht, wie die Natur wirklich ist,
- aus seinem Unwissen leitet er eine Ideologie ab, die er verbreitet,
- er projiziert seine unterbewussten Obsessionen in die Natur.

Solltest Du anderer Meinung sein, so begründe dies. Schreibe die Gründe
auf. Der so entstehende Text ist dann _Deine_ Interpretation.
--
Tschö, wa!
Thorsten

Thomas Tschierse

unread,
Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
to
Hallo!
Hier also ein kleiner bescheidener Interpretationsversuch:

Der in der herbstlichen Natur beobachtete Wechsel vom Leben zum Tod wird als
sanfter Übergang und harmonisches Ausklingen erfahren. Der Tod ist nicht
vorzeitiges Ende, sondern Vollendung eines Reifeprozesses. Den als
unvergleichlich erlebten Herbsttag (wie ich keinen sah) preist das Gedicht
als Feier der Natur (V. 5).
Der Titel kündigt ein ,,Herbstbild' an. Indes wird kein Naturbild gestaltet,
sondern ein Naturvorgang ausgedeutet. Selbst dort, wo die Sprache
Zuständliches nennt, gibt sie dem allgemeinen Begriff den Vorzug vor dem
konkreten. Nicht von einem anschaulich dargestellten Stück Natur (z. B.
einem Garten, Tal, Feld) ist die Rede, sondern von einem ,Herbsttag' (V. 1).
Das Kollektivum Früchte (V. 4) sowie die eine unbestimmte Vielzahl meinenden
Wendungen von jedem Baum (V. 4) und von den Zweigen (V. 7) bezeichnen ein
Allgemeines. Sie verweisen, wie auch die Ortsadverbien fern und nah (V. 3),
auf den überquellenden Reichtum der herbstlichen Natur. Wie diese Wendungen
vergegenwärtigen die Formulierungen Die Luft ist still (V. 2) und vor dem
milden Strahl der Sonne (V. 8) weniger konkret faßbare Bilder als eine
herbstlich-sanfte Stimmung, die durch den Gegensatz von Leben und Tod nicht
getrübt wird.
Der ausdeutenden Betrachtungsweise entspricht der sparsame Gebrauch
beschreibender Attribute, vor allem aber die gedankliche Gliederung des
Gedichtes, die in seiner strengen syntaktischen Struktur zum Ausdruck kommt.
Die Verse 1/2 und 5/6 sind zweiteilig gebaut, und zwar folgt in den Versen
1, 2 und 6 dem Hauptsatz der ersten Zeilenhälfte jeweils ein modifizierender
Nebensatz in der zweiten. In der fünften Verszeile ergibt sich die
Zweiteilung durch die dem Akkusativobjekt sie nachgestellte Apposition die
Feier der Natur. Die in der verdeutlichenden Wiederholung liegende
Intensivierung und die einleitende Interjektion "O" verleihen dem Ausruf
Gewicht: O stört sie nicht, die Feier der Natur! Zweiteilig wie die beiden
ersten Verse einer jeden Strophe sind auch die Strophen selbst. Während
jeweils im ersten Verspaar Vers- und Satzeinheit identisch sind, umspannt in
der zweiten Strophenhälfte ein Satz jeweils zwei Zeilen.
Die formale Zweigliedrigkeit kehrt im Inhalt wieder. Leben und Tod sind die
Pole des Gedichtes. In der Vorstellung von der Lese (= Ernte) sind beide
vereint. Wie die syntaktisch voneinander abgesetzten Strophenhälften durch
den Kreuzreim verschränkt werden, verschmelzen auch Leben und Tod zur
Einheit. Sie sind nur die beiden Aspekte des zur Vollendung gekommenen
Reifens.

Grüße aus Augsburg
Thomas

"Mathias Weyland" <mwey...@sdf.lonestar.org> schrieb im Newsbeitrag
news:90ikb9$rk1$1...@nnrp1.deja.com...


> Hallo
>
> Wir müssen einige Gedichte analysieren, unter
> anderem dieses:

> -------------------------------------------
> Herbstbild (Von Christian Friedrich Hebbel)
>
> Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
> Die Luft ist still, als atmete man kaum,
> und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
> die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
>

> O stört sie nicht, die Feier der Natur!

> Dies ist die Lese, die sie selber hält;
> denn heute löst sich von den Zweigen nur,
> was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

> -------------------------------------------
>
> Bei den aderen Gedichten hat es ja geklappt,
> aber dieses Gedicht kann ich nicht analysieren.

> Finde den Kern nicht, Folgendes habe ich heraus-
> gefunden:
>
> Geboren am 18.3.1813 in Wesselburen (Dithmarschen) als Sohn eines
> Maurers. Ärmliche Jugend.
> Später Maurerlehrling und Schreiber. Autodidaktische Bildung. 1836-1839
> Studium in Hamburg und München unter äußerst dürftigen Verhältnissen.
> 1842-43 Stipendium in Kopenhagen. 1843-44 Paris; dort
> Bekanntschaft mit Heine. Ab 1845 in Wien. 1849 Feuilletoredakteur.
> Hebbel starb am 13.12.1863 in Wien.
>
> Aber das hilft mir nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich

> vorgehen soll. Ist es möglich, dass mir jemand auf den
> Sprung hilft?
>
> Vielen Dank
>
> Mathias Weyland

Matthias Kryn

unread,
Dec 5, 2000, 3:00:00 AM12/5/00
to
"Heinz Lohmann" <heinzl...@yahoo.com> schrieb:

> Das ist natürlich der O wie aus den Zeilen:
> Gottes Sohn. O wie lacht...

Das erinnert mich spontan an die Geschichte von dem kleinen Jungen,
der sehr erstaunt war, als er zu Weihnachten hörte, Gottes Sohn heiße
Jesus. Wo er doch immer dachte, Gottes Sohn heiße Owi. Und das hatte
er aus der schönen Zeile "Gottes Sohn Owi lacht ..."

> Frohe Feiertage.

Ebenso. Ebenso.

Grüße

Matthias


Meno Sellschopp

unread,
Dec 5, 2000, 6:19:53 PM12/5/00
to
Heinz Lohmann schreibt u.a.:
> Gottes Sohn. O wie lacht.

Das ist eine andere Geschichte. Nämlich die von Maria
und dem Jesuskind und Ochs und Esel. Die Hirten stehen
anbetend drum herum, aber Owie lacht, und hoch droben
schwebt Joseph den Engeln was vor.

--
Meno

Felix Neumann

unread,
Dec 9, 2000, 8:00:48 AM12/9/00
to
Wenn wir schon bei Kalauern sind ...

Meno Sellschopp wrote:

> Das ist eine andere Geschichte. Nämlich die von Maria
> und dem Jesuskind und Ochs und Esel.

»Und dies«, sagte der Franziskaner, »ist also die Gesellschaft
Jesu.«

-fn-


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