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Der Duden aendert mal schnell die Grammatik: deren/derer

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Werner Tann

unread,
Sep 24, 2011, 2:30:02 PM9/24/11
to
Bisher - nach meiner Duden-Grammatik von 1984 und dem Duden "Richtiges
und gutes Deutsch" (RugD) von 2001 - galt einzig als richtig:

Die Taten, *deren* sie sich r�hmen, ...

Ausdr�cklich stellt RugD 2001 beim Relativpronomen fest:

|deren / derer:
|Die Formen des Relativpronomens der, die, das lauten im Genitiv dessen,
|deren, dessen, Plural deren:
|Die Person, deren (nicht: derer) er sich annahm, ... Die Taten, deren (nicht: derer)
|sie sich r�hmen, ... Die Beweise, aufgrund deren (nicht: derer) sie verurteilt wurde, ...
|Die Form derer ist die Form des Demonstrativpronomens im Genitiv Plural und
|darf nicht relativisch gebraucht werden.

Im August ist die neue Auflage des RugD erschienen, und - man staune!
- pl�tzlich ist "derer" gleichwertig erlaubt:

|deren / derer:
|Die Formen des Relativpronomens der, die, das lauten im Genitiv dessen, deren,
|dessen, Plural deren. Die Form derer ist die Form des Demonstrativs im Genitiv Plural.
|Bei R�ckweisung (und allein stehend, also keinem Substantiv vorangestellt) sind
|sowohl deren als auch derer korrekt:
|Die Person, deren / derer er sich annahm, ... Die Taten, deren / derer sie sich r�hmen, ...
|Die Beweise, aufgrund deren / derer sie verurteilt wurde, ...

Sch�n, damit gestattet der Duden blo� etwas, was sich auch z. B. Franz
Kafka herausgenommen hat. Andererseits wirft es IMO ein schlechtes
Licht auf die Redaktion, zuerst streng auf "deren" zu bestehen und
dann pl�tzlich auch "derer" zu erlauben. Unklar bleibt n�mlich die
Begr�ndung. Der Duden sagt selbst, der Genitiv Plural des
Relativpronomens "der/die/das" lautet "deren". Nichts sonst. "Derer"
gibt es nur beim Demonstrativpronomen.

Ich vermute als Grund der �nderung, da� das Relativpronomen im
vorliegenden Fall einen demonstrativen Touch bekommt, weil kein
nachfolgendes Nomen vorhanden ist. Und wegen dieses Zuges hin zum
Demonstrativen erlaubt der Duden jetzt auch "derer".

(Falsch bleibt nat�rlich: "Die Taten, derer Folgen (!) wir gedenken."
Wenn ein Substantiv folgt, ist nach wie vor ausschlie�lich "deren"
richtig.)

Oder hat jemand eine andere Theorie f�r die �nderung? Hat der Duden
einfach dem Volk aufs Maul geschaut?

Gunhild Simon

unread,
Sep 24, 2011, 3:03:44 PM9/24/11
to
Duden hat schon lange darauf verwiesen, daß es Grenzfälle gibt.

Ich bin öfter ganz konfus daran geworden, denn:

"Grenzfälle sind Aussagen, die je nach Zusammenhang verschieden
auslegbar sind. Dabei ist die Frage, ob man etwas zurückweisend oder
vorausweisend vermittelt, entscheidend:

Derer / deren gibt es viele / genug.

Derer gibt es genug, die sich entziehen."
http://www.institut1.de/502_derer_oder_deren.ht
(Ist von mir.)

Gruß
Gunhild

Kennst du Wege dahin? Es sind deren viele.

Werner Tann

unread,
Sep 24, 2011, 3:28:51 PM9/24/11
to
Gunhild Simon <gunhil...@yahoo.de> schrieb:

> Duden hat schon lange darauf verwiesen, daß es Grenzfälle gibt.

Naja, als "Grenzfall" habe ich die Duden-Formulierung "Die Taten,
deren (nicht: derer)" eigentlich nicht gelesen. Das klang eindeutig
und streng.

>"Grenzfälle sind Aussagen, die je nach Zusammenhang verschieden
>auslegbar sind. Dabei ist die Frage, ob man etwas zurückweisend oder
>vorausweisend vermittelt, entscheidend:

Ja, so war es bislang leicht zu handhaben. Genau das funktioniert aber
nun nicht mehr.
"Die Taten, deren / derer sie sich rühmen, ...". Hier ist das Pronomen
wohl unstrittig rückweisend, nämlich auf die "Taten". Trotzdem ist
jetzt auch "derer" erlaubt.

Dieter Britz

unread,
Sep 25, 2011, 5:13:14 AM9/25/11
to
On Sat, 24 Sep 2011 20:30:02 +0200, Werner Tann wrote:

> Bisher - nach meiner Duden-Grammatik von 1984 und dem Duden "Richtiges
> und gutes Deutsch" (RugD) von 2001 - galt einzig als richtig:
>

> Die Taten, *deren* sie sich rühmen, ...
>
> Ausdrücklich stellt RugD 2001 beim Relativpronomen fest:


>
> |deren / derer:
> |Die Formen des Relativpronomens der, die, das lauten im Genitiv dessen,
> |deren, dessen, Plural deren:

[...]


>
> Im August ist die neue Auflage des RugD erschienen, und - man staune! -

> plötzlich ist "derer" gleichwertig erlaubt:


>
> |deren / derer:
> |Die Formen des Relativpronomens der, die, das lauten im Genitiv dessen,
> deren, |dessen, Plural deren. Die Form derer ist die Form des

[...]

> Oder hat jemand eine andere Theorie für die Änderung? Hat der Duden


> einfach dem Volk aufs Maul geschaut?

Hier haben wir mal wieder den Unterschied zwischen deskriptiver
und preskriptiver Grammatik. Sind die Regeln von oben gegeben, oder
sollen sie eine Beschreibung dessen sein, was "vom Volke" gesagt wird?
Ich meine, ihr Deutschen haben einen Hang zum preskriptiven, während
man in Dänemark ziemlich alles acceptiert, was normalerweise gasagt
wird, logisch oder nicht.
--
Dieter Britz

Heinz Lohmann

unread,
Sep 25, 2011, 9:07:56 PM9/25/11
to
Am 25.09.2011 02:30, schrieb Werner Tann:
> Schᅵn, damit gestattet der Duden bloᅵ etwas, was sich auch z. B. Franz

> Kafka herausgenommen hat. Andererseits wirft es IMO ein schlechtes
> Licht auf die Redaktion, zuerst streng auf "deren" zu bestehen und
> dann plᅵtzlich auch "derer" zu erlauben. Unklar bleibt nᅵmlich die
> Begrᅵndung. Der Duden sagt selbst, der Genitiv Plural des

> Relativpronomens "der/die/das" lautet "deren". Nichts sonst. "Derer"
> gibt es nur beim Demonstrativpronomen.

Das Erscheinen eines neuen Bandes Duden 9 mit einem neuen Artikel hat
immer etwas Plᅵtzliches, so wie auch Glᅵhbirnen immer ganz plᅵtzlich und
im unpassenden Moment kaputt gingen.

Das deren/derer-Problem scheint/schien so frickelig zu sein, dass das
Relativpronomen im Genitiv Plural sogar in einem DaF-Lehrwerk im
Grammatikteil falsch aufgelistet wurde und mein Sprachgefᅵhl absolut
versagte.

Auch heute schwanke ich bei diesen Fragen wie ein Rohr im Sturm. Ich bin
noch nicht einmal sicher, ob es sich bei dem "deren" (Die Kinder, deren
Eltern ich gestern kennen gelernt habe, ...) tatsᅵchlich um so ein
100%iges Relativpronomen handelt, oder ob es etwas anderes ist, da es
die Artikelstelle einnimmt.

Auf der anderen Seite leuchtet mir partout nicht ein, warum das
"derer/deren" (Die Probleme, deren/derer er sich bewusst wurde, ...)
unbedingt ein Demonstrativpronomen sein soll. Wenn in den folgenden
Nebensᅵtzen (Die Probleme, die ich selbst gesehen habe, ...; Die
Probleme, denen sie sich widmet, ...; die Probleme, die mich
interessieren, ...) immer Relativpronomen stehen, warum sollte es dann
bei dem Genitivbeispiel anders ein?

Cetreum censeo: Den Genitiv abschaffen, in allen fraglichen Sᅵtzen das
Relativpronomen durch "wo" ersetzen, und schon ist ein Problem weniger
auf der Welt.

Die Probleme, wo wir uns nicht bewusst sind, tun uns auch nicht jucken.

http://is.gd/tkMyKn
--
mfg
Heinz Lohmann
Danshui, Taiwan
25ᅵ07'58"N 121ᅵ27'56"E
Nichts kann mehr zu einer Seelen-Ruhe beitragen, als wenn
man gar keine Meinung hat.
G. Chr. Lichtenberg (Sudelbuch E 63)

Yvonne Steiner

unread,
Sep 28, 2011, 4:38:21 PM9/28/11
to
Heinz Lohmann <lese...@sofort-mail.de> wrote:

> Auf der anderen Seite leuchtet mir partout nicht ein, warum das
> "derer/deren" (Die Probleme, deren/derer er sich bewusst wurde, ...)
> unbedingt ein Demonstrativpronomen sein soll. Wenn in den folgenden
> Nebensätzen (Die Probleme, die ich selbst gesehen habe, ...; Die
> Probleme, denen sie sich widmet, ...; die Probleme, die mich
> interessieren, ...) immer Relativpronomen stehen, warum sollte es dann
> bei dem Genitivbeispiel anders ein?
>
> Cetreum censeo: Den Genitiv abschaffen, in allen fraglichen Sätzen das
> Relativpronomen durch "wo" ersetzen, und schon ist ein Problem weniger
> auf der Welt.
>
> Die Probleme, wo wir uns nicht bewusst sind, tun uns auch nicht jucken.

Wenn schon, dann aber so: *Die Probleme, wo uns nicht bewusst sind, ...

--
Yvonne Steiner
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