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Hirnsausen

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Wolfgang Krietsch

unread,
Jun 10, 2004, 9:32:21 AM6/10/04
to
Hi!

Ich hatte neulich im kleineren Kreis einen für mich unerwarteten
Lacherfolg, als ich das Wort "Hirnsausen" gebrauchte. Die Anwesenden
amüsierten sich königlich und meinten, dass noch nie gehört zu haben,
während für mich und meine Frau das wort schon seit der Kindheit ganz
geläufig ist im Sinne von: Hirnsausen bekommt man, wenn man durch etwas
ziemlich verwirrt ist.

Bin ich da nur zufällig an ungebildete Ignoranten geraten oder ist das Wort
tatsächlich nicht so gebräuchlich wie ich dachte?

Bye

woffi

--
"Typische Rock.Gitarristen kennen weder Noten noch Akkorde beim Vornamen."
"Macht nix. Spielen nach Noten ist wie Malen nach Zahlen."
(Lutz Bojasch und Henry Leyh in drmm)

Matthias Opatz

unread,
Jun 10, 2004, 9:50:32 AM6/10/04
to
Wolfgang Krietsch schrieb:

> Bin ich da nur zufällig an ungebildete Ignoranten geraten oder ist das Wort
> tatsächlich nicht so gebräuchlich wie ich dachte?

DUDENs Universalwörterbuch kennt's jedenfalls:
<http://mr-check.xipolis.net/Mrcheck.php?SB=Hirnsausen&CID=duden>

Matthias

--
Deiotarus war der Sohn seines Vaters. Prof. Galletti
** Wer zum Kuckuck ist Prof. Galletti? ==> http://www.galletti.de/ **

---- Bitte bei Mailantwort Großbuchstaben aus Reply-Adresse löschen ---

Frank Weinmann

unread,
Jun 10, 2004, 12:05:07 PM6/10/04
to

"Wolfgang Krietsch" <woff...@nurfuerspam.de> schrieb im Newsbeitrag
news:ca9nt5$rrk$3...@online.de...

> Bin ich da nur zufällig an ungebildete Ignoranten geraten oder ist das
Wort
> tatsächlich nicht so gebräuchlich wie ich dachte?

Das Wort macht Sinn und wer deutsch aufgewachsen ist, wird es auch so
verstehen, wie du es gemeint hast. Ob er es nun schon kannte, oder nicht. Es
ist schon sehr degeneriert, wenn man mit Lachen und Verneinen auf etwas
neues reagiert. Such dir neue Bekannte und sag weiter Hirnsausen! ;-)

Frank


Wolfgang Krietsch

unread,
Jun 10, 2004, 12:53:04 PM6/10/04
to
Frank Weinmann wrote:

>
>Das Wort macht Sinn und wer deutsch aufgewachsen ist, wird es auch so
>verstehen, wie du es gemeint hast. Ob er es nun schon kannte, oder nicht. Es
>ist schon sehr degeneriert, wenn man mit Lachen und Verneinen auf etwas
>neues reagiert. Such dir neue Bekannte und sag weiter Hirnsausen! ;-)

Sie haben das Wort durchaus verstanden und lediglich gelacht, weil sie den
Ausdruck lustig fanden. Nicht immer bedeuten Lachen Nichtverstehen.


Bye

woffi

--
That young girl is one of the least benightedly unintelligent
life forms it has been my profound lack of pleasure not to be able to
avoid meeting.
- Douglas Adams "Life, the Universe and Everything"

Dieter Bruegmann

unread,
Jun 10, 2004, 1:04:55 PM6/10/04
to
.oO(Frank Weinmann / Thu, 10 Jun 2004 18:05:07 +0200)

> Das Wort macht Sinn

Was bedeutet diese Konstruktion?


Da Didi
--
Dieter Brügmann, Spandau (bei Berlin) http://www.bruhaha.de
Disclaimer: Diese Nachricht enthält unsichtbare Smilies.

"Guns! Lots of guns!" (Neo)

Volker Gringmuth

unread,
Jun 10, 2004, 2:36:45 PM6/10/04
to
Wolfgang Krietsch wrote:

> Bin ich da nur zufällig an ungebildete Ignoranten geraten oder ist
> das Wort tatsächlich nicht so gebräuchlich wie ich dachte?

IMHO ersteres; auch mir ist der Begriff schon aus der Kindheit
vertraut; "der hat Hirnsausen" bedeutete bei uns "der spinnt komplett",
wobei wir das "Hirnsausen" mit gerolltem r und kräftigem stimmlosen s
in der Mitte sprachen.

Steigerbar war das nur noch durch "Hirnriß".


vG

--
~~~~~~ Volker Gringmuth ~~~~~~~~~~~ http://einklich.net/ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr sieht sie
wie eine Klugheit aus. (Voltaire)

Volker Gringmuth

unread,
Jun 10, 2004, 2:33:35 PM6/10/04
to
Dieter Bruegmann wrote:

>> Das Wort macht Sinn
>
> Was bedeutet diese Konstruktion?

Daß ihr Autor noch nicht lange hierzunewsgroup mitliest.


vG

--
~~~~~~ Volker Gringmuth ~~~~~~~~~~~ http://einklich.net/ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, sondern wir müssen uns
nach ihr richten. (Matthias Claudius)

Wolfgang Krietsch

unread,
Jun 10, 2004, 6:45:48 PM6/10/04
to
Volker Gringmuth wrote:

>
>IMHO ersteres; auch mir ist der Begriff schon aus der Kindheit
>vertraut; "der hat Hirnsausen" bedeutete bei uns "der spinnt komplett",
>wobei wir das "Hirnsausen" mit gerolltem r und kräftigem stimmlosen s
>in der Mitte sprachen.

Diese Feinheiten der Aussprache waren mir bisher fremd.

>Steigerbar war das nur noch durch "Hirnriß".

Das wiederum habe ich, glaube ich, noch nie gehört.

Christian Seidl

unread,
Jun 10, 2004, 7:29:08 PM6/10/04
to
"Volker Gringmuth" <eink...@gmx.net> wrote in message
news:caagos.3...@h1.einklich.net

> Wolfgang Krietsch wrote:
>
> > Bin ich da nur zufällig an ungebildete Ignoranten geraten oder ist
> > das Wort tatsächlich nicht so gebräuchlich wie ich dachte?
>
> IMHO ersteres; auch mir ist der Begriff schon aus der Kindheit
> vertraut;

Das dürfte mit meiner Beobachtung übereinstimmen: mir ist der Ausdruck
zum ersten Mal aufgefallen in einem (deutsch synchronisierten) Film von
Louis de Funès. Ich weiß nicht mehr, welcher es war, aber es muss auf
alle Fälle aus den 70er Jahren sein. Da schrie de Funès ein paar Mal:
"Ich krieg Hirnsausen!" Das kann so keine Übersetzung aus dem
Französischen sein. Oder war es eine spontane Kreation eines
Übersetzers?

Christian


--
Posted via Mailgate.ORG Server - http://www.Mailgate.ORG

Oliver Cromm

unread,
Jun 10, 2004, 11:59:51 PM6/10/04
to
Wolfgang Krietsch meinte:

> Volker Gringmuth wrote:
>
>>Steigerbar war das nur noch durch "Hirnriß".
>
> Das wiederum habe ich, glaube ich, noch nie gehört.

"Eine hirnrissige Idee" ist mir aus der Jugend sehr geläufig.

Ein Ausdruck, bei dem ich immer eine Gänsehaut bekam, war "Die Schere im
Kopf". Ihr wißt schon, Schere und Sexualorgane, und in dem Fall sogar
das wichtigste.
--
Oliver C.

Wolfgang Krietsch

unread,
Jun 11, 2004, 3:04:09 AM6/11/04
to
Oliver Cromm wrote:

>
>"Eine hirnrissige Idee" ist mir aus der Jugend sehr geläufig.

Stimmt - das kenne ich auch. Nur als Substantiv ist mir der Ausdruck neu.


Bye

woffi

--
Great spirits have always encountered violent opposition
from mediocre minds.
- Albert Einstein

Peter Gruendler

unread,
Jun 11, 2004, 3:10:58 AM6/11/04
to
Am Thu, 10 Jun 2004 23:29:08 +0000 (UTC) schrieb Christian Seidl:

> Das dürfte mit meiner Beobachtung übereinstimmen: mir ist der Ausdruck
> zum ersten Mal aufgefallen in einem (deutsch synchronisierten) Film von
> Louis de Funès. Ich weiß nicht mehr, welcher es war, aber es muss auf

Ich kens auch daher. Das ist der Film mit den drei verwechselten
schwarzen Koffern, wo er auch pantomimisch auf seiner unter dem Schuh
durchgezogenen Zunge Cello spielt.

Peter Gruendler

unread,
Jun 11, 2004, 3:10:59 AM6/11/04
to
Am Fri, 11 Jun 2004 00:45:48 +0200 schrieb Wolfgang Krietsch:

> Volker Gringmuth wrote:
>>Steigerbar war das nur noch durch "Hirnriß".
>
> Das wiederum habe ich, glaube ich, noch nie gehört.

Hierorts als "hirnrissig" häufig gebraucht ('Der hat wieder so eine
hirnrissige Idee gehabt').
P

Roman Schmidt

unread,
Jun 11, 2004, 3:39:12 AM6/11/04
to
Volker Gringmuth schrieb:

> [Hirnsausen]


>
> Steigerbar war das nur noch durch "Hirnriß".

Und was ist mit "hirnlos"?

Roman

Volker Gringmuth

unread,
Jun 11, 2004, 5:30:12 AM6/11/04
to
Roman Schmidt wrote:

>> Steigerbar war das nur noch durch "Hirnriß".
>
> Und was ist mit "hirnlos"?

"Hirnamputiert" ist noch stärker.


vG

--
~~~~~~ Volker Gringmuth ~~~~~~~~~~~ http://einklich.net/ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Der Montag hat doch mehr Stunden als der Freitag - oder? (Hägar)

Message has been deleted

Roman Schmidt

unread,
Jun 11, 2004, 11:15:53 AM6/11/04
to
Volker Gringmuth schrieb:

>>> Steigerbar war das nur noch durch "Hirnriß".
>>
>> Und was ist mit "hirnlos"?
>
> "Hirnamputiert" ist noch stärker.

Nö. Überbleibsel (-> Stumpf) und Phantomschmerz (-> Teilfunktion) möglich.

Roman

Hannes Petersen

unread,
Jun 12, 2004, 1:04:15 PM6/12/04
to
Wolfgang Krietsch schrie:

> Sie haben das Wort durchaus verstanden und lediglich gelacht, weil sie den
> Ausdruck lustig fanden. Nicht immer bedeuten Lachen Nichtverstehen.

Aber leider immer öfter, besonders im Fernsehen.

/Hannes

Hannes Petersen

unread,
Jun 12, 2004, 1:04:49 PM6/12/04
to
Dieter Bruegmann schrie:
> Frank Weinmann schrieb:

> > Das Wort macht Sinn
> Was bedeutet diese Konstruktion?

Dass der Autor ausreichend Selbstbewusstsein hat, Normaldeutsch zu
sprechen, und nicht mit denen mitläuft, die meinen diese Konstruktion
sei ein Anglizismus, nur weil sie auch in das Englische eingewandert
ist. Die Wendung "etwas mache X" bedeutet, dass das Tun von X zu einer
Bildung von X führt. Beispiel: "Es macht viel Mühe einen Augiasstall
mit einer Zahnbürste zu reinigen."

/Hannes

Matthias Opatz

unread,
Jun 12, 2004, 2:55:45 PM6/12/04
to
Hannes Petersen schrieb:

> und nicht mit denen mitläuft, die meinen diese Konstruktion
> sei ein Anglizismus, nur weil sie auch in das Englische eingewandert
> ist.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass das plötzliche Auftauchen
dieser und anderer Wendungen (wie "an Ostern"), in der DDR *überhaupt nicht*
üblich waren, nach dem Mauerfall für mich sehr auffällig war. Ob nun
niederdeutsche Herkunft oder nicht - die weite Verbreitung innerhalb
sprachgeschichtlich kurzer Zeit lässt mich Denglisch als Hauptverdächtigen
annehmen - Niederdeutsch bestenfalls als Mittäter ;)

Frank Weinmann

unread,
Jun 12, 2004, 5:50:57 PM6/12/04
to

"Matthias Opatz" <spam-c...@onlinehome.de> schrieb im Newsbeitrag
news:pk0a38pfkuv3.1lywi1f1nmcl0$.dlg@40tude.net...

> > und nicht mit denen mitläuft, die meinen diese Konstruktion
> > sei ein Anglizismus, nur weil sie auch in das Englische eingewandert
> > ist.
>
> Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass das plötzliche Auftauchen
> dieser und anderer Wendungen (wie "an Ostern"), in der DDR *überhaupt
nicht*
> üblich waren, nach dem Mauerfall für mich sehr auffällig war. Ob nun
> niederdeutsche Herkunft oder nicht - die weite Verbreitung innerhalb
> sprachgeschichtlich kurzer Zeit lässt mich Denglisch als Hauptverdächtigen
> annehmen - Niederdeutsch bestenfalls als Mittäter ;)

Sprache macht ja nur Spaß, wenn sie sich verändert. Aber "Es macht Sinn" und
"An Ostern" sind keine Anglizismen sondern höchstens Helveti(zi)smen.

Die Nachfolgegebiete Preußens haben eher einen Hang zu
Polizeistuben-Deutsch, was eine Antipathie zu einfachen Konstruktionen
erklärt.


Christian Seidl

unread,
Jun 13, 2004, 4:13:04 AM6/13/04
to
"Frank Weinmann" <Frank.Weinma...@koeln.de> wrote in message
news:cafve8$r6b$1...@newsreader2.netcologne.de

> die weite Verbreitung innerhalb
> > sprachgeschichtlich kurzer Zeit lässt mich Denglisch als Hauptverdächtigen
> > annehmen - Niederdeutsch bestenfalls als Mittäter ;)
>
> Sprache macht ja nur Spaß, wenn sie sich verändert. Aber "Es macht Sinn" und
> "An Ostern" sind keine Anglizismen sondern höchstens Helveti(zi)smen.

Das kann *so* nicht stimmen. Nehmen wir wieder mal den google zu Hilfe:

"macht Sinn":

- CH: 2890
- DE: 27.300
- AT: 11.100

--> Nachdem man ein Verhältnis 1:10:1 erwarten würde, ist die riesige
Häufigkeit in AT überraschend. Wobei nicht gesagt ist, dass die Wendung
generell aus Österreich kommt, aber dort ist sie jedenfalls am
heimischsten geworden. Die Schweiz fällt weder auf noch ab.

"an Ostern":
- CH: 7220
- DE: 66.500
- AT: 1370

--> Wiederum fällt nicht die Schweiz aus dem Rahmen, sondern
Österreich, nur diesmal negativ.

Message has been deleted
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Matthias Opatz

unread,
Jun 13, 2004, 9:11:06 AM6/13/04
to
Martin Gerdes schrieb:

> Ich halte "an Ostern" für standardsprachlich, "zu Ostern" hingegen für
> einen Borealismus.

Eine mich überraschende Annahme.
Nun ja, der DWDS-Korpus bringt immerhin 22 Treffer für "an Ostern", den
ältesten von 1913 und weitere sechs bis einschließlich WK2.

Eine nähere Betrachtung dieser Treffer ergibt aber:

- der älteste Treffer (1913) entfällt
(... Termin falle zu nah an Ostern ...)

- die Fundstelle 1919 stammt von Lena Christ (eigentlich: Magdalena Pichler)
aus Oberbayern satmmend, in München gelebt habend
(Es ist ein alter Brauch, daß alle Glieder eines Bauernhofes ... an Ostern
so viel Eier erhalten, als jedem die Hennen an einem Tag ins Nest legen.)

- der Treffer 1938 entfällt
(Versuch nur recht schön auszuschlafen, besonders denke an Ostern.)

- der Treffer 1940 ist nicht zuordenbar, ein anonymisierter Feldpostbrief
(Und Du glaubst, daß Du jetzt an Ostern kommst?)

- Zwei weitere Treffer von 1941 stammen aus dem selben Briefwechsel (gleiche
Schreiber) - schade, dass keine Herkunft angeben ist (nur die Namen
Irene G. und Ernst G.), das scheint wirkliche Umgangssprache zu sein

- der letzte Treffer (1942) stammt aus Anna Seghers' "Siebtem Kreuz",
Seghers stammt beganntlich aus Mainz. Dorthin hat übrigens seinerzeit
unsere Deutschlehererin das "siebte" gesteckt, das damals noch auffällig
war, heute ist es wohl überregional unauffällig.
(Ich bin zum Glück mit der Klasse an Ostern aufgestiegen.)

Im gleich Zeitraum (bis 1945) fördert der Korpus genau 100 Treffer für "zu
Ostern" zutage, also 20:1 (100:5). Dabei ist der wirkliche Anteil von "an
Ostern" innerhalb vergleichbarer Zeitangaben noch viel geringer, dann nach
dem (ebenfalls sehr häufigen) Muster "wir kommen Ostern" habe ich gar nicht
gesucht, weil dies eine semantische Analyse jedes einzelnen Ostern-Treffers
erfordern würde.

Die bisherigen Quellen sind möglicherweise nicht repräsentativ. Schauen wir
uns deshalb einfach mal "an Pfingsten" und "an Weihnachten" an, und zwar als
Betrachtungszeitraum jeweils 1900 bis 1945.

Es gibt 14 Treffer für "an Pfingsten".

Einer entfällt (keine Zeitangabe). Alle anderen Treffer sind leider nicht
zuordenbar: Immerhin elf entstammen wieder dem Feldpost-Briefwechsel von
Ernst G. und Irene G. Einen weiteren Feldpostbrief mit "Ich hoffe, daß wir
uns an Pfingsten wiedersehen" hat Alois Scheurer an Friedchen Scheurer
geschrieben, deren Herkunft ebenfalls unbekannt ist. Eine Fundstelle stammt
von dem Altertumsforscher Hermann Fischer, über den ich nichts weiter
gefunden habe.

Übrigens: Zwischen 1945 und 1966 gibt es keine weiteren Fundstellen, ab 1966
wieder mehrere.

Allerdings bringt es "zu Pfingsten" bringt es bis 1945 auch nur auf 22
Fundstellen (wobei die Eheleute G. die Statistik etwas verfälschen).

Schauen wir uns also noch "an Weihnachten" an. Ich gestatte mir mal, den
Betrachtungszeitraum auf vor 1939 einzuschränken, weil sich die Eheleute G.
wieder sehr, sehr fleißig geschrieben haben und in jedem Jahr wiederholt um
eine Zusammensein "an Weihnachten" bangten. Bis 1939 gibt es fünf Treffer.
Zwei davon entfallen ("an Weihnachten denken"). Die weiteren drei:

- 1913: Johann Goldfriedrich in "Geschichte des Deutschen Buchhandels"
Goldfriedrich war ab 1909 Achivar beim Börsenverein in Leipzig, woher er
stammt, weiß ich leider nicht.
(es geht um ein Verbot, "seine Vorräthe an Weihnachten zu verkaufen ...")

- 1925: von Robert Lais, ein Archäologe, von dem ich nur weiß, dass er eine
Historikerstelle in Breisach (Baden) innehatte und u. a. Ausgrabungen in
der Nähe von weil am Rhein vornahm, aber nicht, ob er auch daher stammt.
("rückte an Weihnachten zum Inf.-Regt." [ein])

- 1935: von Otto Flake, stammt aus Lothringen, hat in der Schweiz und in
Baden gelebt
(ein Sack Nüsse, "den man an Weihnachten wohl gebrauchen konnte ...")

Für "zu Weihnachten" gibt es 77 Fundstellen (bis 1938).

Nun noch mal die überschauberen 14 Treffer "an Weihnachten" im
Gutenberg-Projekt. Nach Entfernung von Unzutreffendem (an W.
denken/gemahnen), eine Übersetzung (Frietjof Nansen, das will ich nicht
gelten lassen) und identischer Textstellen bleiben ganze drei Täter:

- Ludwig Thoma, fast ein Bilderbuch-Bayer
("... Verlobungen, welche man an Weihnachten in der Zeitung liest")

- Ottilie Wildermuth aus Schwaben
("was sonst nur ... an Weihnachten ... vorkam")

- Ludwig Ganghofer, auch ein zünftiger Bayer
("Was ihr halt die gute gnädige Frau an Weihnachten immer geschenkt hat.")


Sowohl die Häufigkeit von "an Ostern (Pfingsten/Weihnachten)" als auch die
Tatsache, dass alle eindeutig zuordenbaren Fundstellen aus Süddeutschland
kommen, lässt mich arg daran zweifeln, das dies Standarddeutsch sein soll.

Matthias

P. S. Wer hat eigentlich den Begriff Borealismus (o. Borealgermanismus)
erfunden, der außerhalb dieser Gruppe praktisch nicht existent ist?
Du, Martin? Es würde zu Dir passen ... ;)

Daniel Küstner

unread,
Jun 13, 2004, 9:18:32 AM6/13/04
to
Matthias Opatz wrote:
> Seghers stammt beganntlich aus Mainz. Dorthin hat übrigens seinerzeit

Un du gommsd aus Sochsn?

daniel.
--
Daniel Küstner
pgp public key on request
Nimm eine fremde Hand und geh ins Unbekannte.

Dieter Bruegmann

unread,
Jun 13, 2004, 9:29:31 AM6/13/04
to
.oO(Hannes Petersen / 12 Jun 2004 10:04:49 -0700)

Gut, das habe ich jetzt realisiert.

Oliver Cromm

unread,
Jun 13, 2004, 2:48:56 PM6/13/04
to
Hannes Petersen meinte:

> Die Wendung "etwas mache X" bedeutet, dass das Tun von X zu einer
> Bildung von X führt. Beispiel: "Es macht viel Mühe einen Augiasstall
> mit einer Zahnbürste zu reinigen."

Deine Aussage macht Verwunderung.

Bei einigen mag diese Idee sogar große Augen machen.
--
Oliver C.

Helga Schulz

unread,
Jun 13, 2004, 4:08:53 PM6/13/04
to
Oliver Cromm <c1...@er.uqam.ca> schrieb vorher:

>Wolfgang Krietsch meinte:
>
>> Volker Gringmuth wrote:
>>
>>>Steigerbar war das nur noch durch "Hirnriß".
>>
>> Das wiederum habe ich, glaube ich, noch nie gehört.
>
>"Eine hirnrissige Idee" ist mir aus der Jugend sehr geläufig.

Ja, mir auch.

Aber der Ausdruck "das ist doch der volle Hirnriß!", oder kurz
als Einordnung sinnfreier Beiträge: "Hirnriß!", war und ist
durchaus auch verbreitet, jedenfalls in meiner Umgebung.

Volker Gringmuth

unread,
Jun 13, 2004, 4:40:11 PM6/13/04
to
Helga Schulz wrote:

> Aber der Ausdruck "das ist doch der volle Hirnriß!"

... lautet in zeitgemäßer Grammatik: "Das ist doch voll der Hirnriß!"


vG

--
~~~~~~ Volker Gringmuth ~~~~~~~~~~~ http://einklich.net/ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Je korrupter der Staat, desto mehr Gesetze braucht er. (Tacitus)

Message has been deleted

Inge Mueller

unread,
Jun 14, 2004, 9:20:22 AM6/14/04
to
Astrid Schleicher <astrid.s...@gmx.de> schrieb:

>Gibt es zu Ostern auch eine Karte? Ich sage: "Was machst Du Ostern?"
>Wo sagt man ursprünglich "Was machst Du an Ostern?"

Hier!
(mittlerer Schwarzwald; laut einer mal irgendwo gesehenen
Karte "Bodenseealemannisch mit schwäbischem Einschlag")

Gruß,
INge

Leif Schröder

unread,
Jun 14, 2004, 12:16:45 PM6/14/04
to
Astrid Schleicher schrieb:

> Gibt es zu Ostern auch eine Karte?

Ja, so wie zu Weihnachten, zu Neujahr und zum Geburtstag.

SCNR

Leif

Inge Mueller

unread,
Jun 14, 2004, 2:04:53 PM6/14/04
to
Leif Schröder <dshll...@spamfence.net> schrieb:

>Astrid Schleicher schrieb:
>
>> Gibt es zu Ostern auch eine Karte?
>
>Ja, so wie zu Weihnachten, zu Neujahr und zum Geburtstag.

Es gibt an Ostern eine Karte, an Weihnachten, an Neujahr und
zum (!) Geburtstag.

Gruß,
INge

Message has been deleted

Dieter Bruegmann

unread,
Jun 14, 2004, 4:03:54 PM6/14/04
to
.oO(Wolfgang Krietsch / Mon, 14 Jun 2004 08:08:05 +0200)

> Volker Gringmuth <eink...@gmx.net> wrote:
>
>> Helga Schulz wrote:
>>
>>> Aber der Ausdruck "das ist doch der volle Hirnriß!"
>>
>> ... lautet in zeitgemäßer Grammatik: "Das ist doch voll der Hirnriß!"
>

> Fehlt da nicht ein "ey"?

Boah!


Da Didi
--
Dieter Brügmann, Spandau (bei Berlin) http://www.bruhaha.de
Disclaimer: Diese Nachricht enthält unsichtbare Smilies.

"Welcome to the real world!" (Morpheus)

Volker Gringmuth

unread,
Jun 14, 2004, 4:17:18 PM6/14/04
to
Wolfgang Krietsch wrote:

>>> Aber der Ausdruck "das ist doch der volle Hirnriß!"
>>
>> ... lautet in zeitgemäßer Grammatik: "Das ist doch voll der Hirnriß!"
>

> Fehlt da nicht ein "ey"?

Nicht in der Schriftform, ey.


vG

--
~~~~~~ Volker Gringmuth ~~~~~~~~~~~ http://einklich.net/ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Im Examen stellen Toren Fragen, auf die Weise nicht antworten können.
(Oscar Wilde)

Helga Schulz

unread,
Jun 15, 2004, 1:43:10 PM6/15/04
to
Inge Mueller <inge-m...@freenet.de> schrieb vorher:

An Ostern gibt es die Karte zu Ostern, an Weihnachten wird die
Karte zu Weihnachten vorgelesen. Und am Gebrtstag, naja, die
Karte zum Geburtstag. Oder so.

"An Ostern sollte man spazierengehen, wenn das Wetter schön ist."

Hannes Petersen

unread,
Jun 18, 2004, 10:51:19 PM6/18/04
to
Matthias Opatz schrie:

> Hannes Petersen schrieb:
> > und nicht mit denen mitläuft, die meinen diese Konstruktion
> > sei ein Anglizismus, nur weil sie auch in das Englische eingewandert
> > ist.
> Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass das plötzliche Auftauchen
> dieser und anderer Wendungen (wie "an Ostern"), in der DDR *überhaupt

Genau. Diese blöde Osterweiterung!

> nicht* üblich waren, nach dem Mauerfall für mich sehr auffällig war.

/Hannes

Hannes Petersen

unread,
Jun 18, 2004, 10:52:37 PM6/18/04
to
Oliver Cromm schrie:

Und Spaß macht sie auch;
denn dass die Eidgenossen da auch mitmischen, hätte nun gar nicht gem^Hdacht.

/Hannes

Wolfgang Krietsch

unread,
Jun 19, 2004, 7:26:01 AM6/19/04
to
Hannes Petersen wrote:

>> Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass das plötzliche Auftauchen
>> dieser und anderer Wendungen (wie "an Ostern"), in der DDR *überhaupt
>
>Genau. Diese blöde Osterweiterung!

Du meinst, die Redewendung "an Ostern" kommt daher, dass man Ostern weitert
hat?


Bye

woffi

--
Wer nicht gerne denkt, sollte wenigstens von Zeit zu Zeit
seine Vorurteile neu gruppieren.
- Luther Burbank, amerikan. Biologe, 1849-1926

Hannes Petersen

unread,
Jun 19, 2004, 4:36:34 PM6/19/04
to
Wolfgang Krietsch schrie:

> Hannes Petersen wrote:
> >> Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass das plötzliche Auftauchen
> >> dieser und anderer Wendungen (wie "an Ostern"), in der DDR *überhaupt
> >Genau. Diese blöde Osterweiterung!
> Du meinst, die Redewendung "an Ostern" kommt daher, dass man Ostern weitert
> hat?

Exakt. Was sonst erwartest du von jemandem, der "auf den Dom" geht, um
Achterbahn zu fahren.

/Hannes

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