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Durchfuehren - ein Nazi-Wort?

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Michael Erskine

unread,
Nov 1, 2000, 12:52:26 PM11/1/00
to
Hallo,

im Buch "Deutsch für Profis" von Wolf Schneider steht im Kapitel über
"Schludereien und Marotten" zum Wort "durchführen":

Bürokratendeutsch und Nazi-Wort, bei Reuters ausdrücklich
verboten. Besser: vornehmen, verwirklichen, vollziehen;
manchmal auch: ausführen, durchsetzen, herbeiführen, vollenden.

Ich verstehe nicht ganz, was das heißen soll. Ich kann mir nicht
vorstellen, daß die Nazis das Wort erfunden haben; bedeutet Nazi-Wort
dann vielleicht, daß die Nazis das Wort besonders häufig verwendet
haben oder daß es durch sie eine neue Bedeutung erlangt hat?

Mich hat die Aussage völlig überrascht, denn "durchführen" ist für
mich kein Reizwort. Ich habe noch nie gehört, daß Sprach-Profis oder
-Amateure es vermeiden. Bin nur ich unwissend, was es damit auf sich
hat? Bei "Nazi-Wort" fallen mir viele Ausdrücke ein, aber doch nicht
"durchführen". Eine Blitzumfrage unter Freunden hat mir gezeigt, daß
es nicht nur mir so geht.

Was also weiß der Autor Wolf Schneider - und hoffentlich wissen es
auch die Teilnehmer in desd -, was ich nicht weiß?

Grübelnd,
Michael

PS: Mir geht es nicht um die Frage, ob so ein Wort vermieden werden
sollte oder nicht (das muß jeder für sich selbst entscheiden), sondern
nur darum, ob es einen bedeutenden Zusammenhang gibt, den ich nicht
kenne.
--
NVLLA DIES SINE LINEA J.Neudoerffer 1538
Michael Erskine, E-Mail: ers...@fbmev.org
WWW: http://homepages.muenchen.org/bm836197/

Michael Pronay

unread,
Nov 1, 2000, 1:33:03 PM11/1/00
to
ers...@fbmev.de (Michael Erskine) wrote:

>"durchführen":
>Bürokratendeutsch und Nazi-Wort, bei Reuters ausdrücklich
>verboten.

Also zumindest in Österreich hat "durchführen", "Durchführung" etc.
nicht die gerigste Nazi- vulgo LTI-Konnotation.

Michael

Karl Karn

unread,
Nov 1, 2000, 2:19:27 PM11/1/00
to
Michael Erskine schrieb:

>Bedeutet "Nazi-Wort" dann vielleicht, daß die Nazis das Wort
>besonders häufig verwendet haben ...

So ist es. Nachzulesen (4 Seiten) im dtv-Taschenbuch 1957, Aus dem
Wörterbuch des Unmenschen von Sternberger-Storz-Süskind, .

Gruss von
Karl

Wolf Busch

unread,
Nov 1, 2000, 3:00:01 PM11/1/00
to
Michael Erskine schrieb:


> im Buch "Deutsch für Profis" von Wolf Schneider steht im Kapitel über
> "Schludereien und Marotten" zum Wort "durchführen":
>
> Bürokratendeutsch und Nazi-Wort, bei Reuters ausdrücklich
> verboten. Besser: vornehmen, verwirklichen, vollziehen;
> manchmal auch: ausführen, durchsetzen, herbeiführen, vollenden.
>
> Ich verstehe nicht ganz, was das heißen soll. Ich kann mir nicht
> vorstellen, daß die Nazis das Wort erfunden haben; bedeutet Nazi-Wort
> dann vielleicht, daß die Nazis das Wort besonders häufig verwendet
> haben oder daß es durch sie eine neue Bedeutung erlangt hat?

»Durchführen« ist eines der Wörter, die in dem Buch »Aus dem
Wörterbuch des Unmenschen« (verfaßt von Dolf Sternberger,
Gerhard Storz und W. E. Süskind) kritisiert werden. An dieses
Buch dachte vermutlich auch Schneider, als er von einem
Nazi-Wort sprach. Im Wörterbuch des Unmenschen werden die
Geschichte und der Gebrauch verschiedener Nazi-Vokabeln
erläutert und kommentiert. Es geht darin aber auch um das
Bürokratendeutsch der heutigen Zeit. Die Autoren kritisieren
den »unmenschlichen« Gebrauch ehemals harmloser oder
menschenfreundlicher Wörter. Dieses Buch erschien in
mehreren, erweiterten Auflagen und hat seinerseits auch
Kritik hervorgerufen, auf die in neueren Auflagen eingegangen
wird. Ich glaube, es ist zur Zeit im Buchhandel nicht erhältlich,
aber es steht sicher in jeder größeren Bibliothek.

Der Artikel über »durchführen« umfaßt etwa sechs Seiten.
Ganz kurz zusammengefaßt heißt es da:

»Durchführen« bzw. »zur Durchführung bringen« hat seit etwa
1933 alle anderen Synonyme (einige nennt Schneider s.o.)
verdrängt. »Durchführen« wurde in vielen Befehlen und
Erlassen verwendet, es hatte den Beigeschmack des Imperatorischen.
Man dachte weniger an »ausführen« sondern eher an »durchgreifen«.
Kritisiert wird, daß auch nach dem Krieg alle möglichen Tätigkeiten
durchgeführt wurden und werden. Nicht nur bürokratische Vorgänge,
sondern etwa auch Vorträge, Wahlreden, Aussprachen,
Auslandsreisen und gesellige Abende. Das Inhumane daran ist,
daß die Menschen und ihre Bedürfnisse nicht mehr im Mittelpunkt
stehen. »Die Schule führt den Ausflug durch«: die Kinder werden
gar nicht mehr erwähnt; ob es ihnen Spaß macht oder nicht, ist
auch egal, wichtig ist nur, daß der Ausflug ordnungsgemäß
durchgeführt wird. Am Ende des Lebens wird dann die Beerdigung
durchgeführt (eine entsprechende Werbung wird im Buch zitiert).

Schöne Grüße,
Wolf

Wolfram Steinacker

unread,
Nov 1, 2000, 4:05:45 PM11/1/00
to
Wolf Busch wrote:
>
> Der Artikel über »durchführen« umfaßt etwa sechs Seiten.
> Ganz kurz zusammengefaßt ...

Selbiges tut auch die Sammlung "NS-Deutsch" (Straelener Manuskripte):

d.: etwas entschlossen und rücksichtslos zum Ende bringen, beliebtes
Wort aller Befehlsempfänger, vom höchsten bis
zum niedrigsten Rang; drückte entsprechend dem
Führergrundsatz Aktivismus und Gehorsam aus... 'zur
Durchführung bringen'.

scheint nahezu bruchlos in die DDR Diktion übernommen. (MUDDRSEN)

Herzliche Grüße
Wolfram

--
Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort
benutzte, war der Begründer der Zivilisation. (Jean Paul)

http://home.t-online.de/home/Wolfram.Steinacker/NVA-Jargon.htm

Gerald Endres

unread,
Nov 2, 2000, 4:41:35 AM11/2/00
to
Wolfram Steinacker <Wolfram.S...@t-online.de> schrieb:

>scheint nahezu bruchlos in die DDR Diktion übernommen.

mit einer DDR-spezifischen Variante für Befehle und Informationen:
"Durchstellen".

Gruß
Gerald
--
http://www.boen-end.de

M. Opatz

unread,
Nov 2, 2000, 3:46:28 AM11/2/00
to
Für mich ist "durchführen" in erster Linie ein
Bürokraten-Wort. "Durchführen" hat immer etwas
Administratives - das erklärt sicher den häufigen
Gebrauch nicht nur im Dritten Reich, sondern auch
in der DDR, aber nach meinem Eindruck auch in
westdeutschen (z. B. Beamten-)Kreisen.


Man kann ein Protokollveranstaltung durchführen,
aber keine Gartenparty oder "Fahrt ins Blaue".
Ist sicher ein Frage des Sprachstils - sagen
kann man's immer, aber angemessen ist es dort nicht.


Matthias

--
_____________________________________________________________
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Sebastian Koppehel

unread,
Nov 2, 2000, 10:38:57 AM11/2/00
to
Hallo,

Wolf Busch wrote:

[...]

> Der Artikel über »durchführen« umfaßt etwa sechs Seiten.
> Ganz kurz zusammengefaßt heißt es da:
>
> »Durchführen« bzw. »zur Durchführung bringen« hat seit etwa
> 1933 alle anderen Synonyme (einige nennt Schneider s.o.)
> verdrängt. »Durchführen« wurde in vielen Befehlen und
> Erlassen verwendet, es hatte den Beigeschmack des Imperatorischen.
> Man dachte weniger an »ausführen« sondern eher an »durchgreifen«.
> Kritisiert wird, daß auch nach dem Krieg alle möglichen Tätigkeiten
> durchgeführt wurden und werden. Nicht nur bürokratische Vorgänge,
> sondern etwa auch Vorträge, Wahlreden, Aussprachen,
> Auslandsreisen und gesellige Abende.

In diesem Zusammenhang ist durchfuehren natuerlich fehl am Platze.
Allerdings kann ich in anderen Zusammenhaengen wenig schlimmes daran
erkennen, z.B. beim Durchfuehren einer Software-Installation. Im
uebrigen hat "durchfuehren" den Nachteil, fast zwangslaeufig Nominalstil
nach sich zu ziehen. Warum eine Software-Installation durchfuehren, wenn
man auch Software installieren kann?

- Sebastian

Michael Erskine

unread,
Nov 4, 2000, 3:00:00 AM11/4/00
to
Hallo,

vielen Dank für die interessanten Ausführungen. Das Buch von
Sternberg/Storz/Süskind versuche ich, in der Bücherei zu finden, das
Thema interessiert mich.

Ob "durchführen" als Nazi-Wort bezeichnet werden muß oder nicht, das
kann ich für mich noch nicht beurteilen. Allerdings hat mich das
Beispiel mit dem Schulausflug überzeugt, daß es bürokratendeutsch ist
und daß es bessere Formulierungen gibt.

Beim Schreiben fallen mir solche Stilfragen noch nicht sofort auf.
Wenn ich meine Texte dann später noch einmal lese, zucke ich
mittlerweile zusammen, wenn ich ein durchführen, beinhalten, Sinn
machen, realisieren, ... entdecke. Erschreckend auch, wieviele
Füllwörter ich verwende. Da habe ich noch einen langen Weg vor mir.

Macht es eigentlich süchtig, sich mit Sprache zu beschäftigen?

Gruß,
Michael

Ralf Heinrich Arning

unread,
Nov 4, 2000, 3:00:00 AM11/4/00
to
Michael Erskine <ers...@fbmev.de> wrote:

> Macht es eigentlich süchtig, sich mit Sprache zu beschäftigen?

Wenn Du danach fragst, ist es schon zu spät.

Ralf

Martin Ebert

unread,
Nov 6, 2000, 3:00:00 AM11/6/00
to
Gerald Endres wrote:
> Wolfram Steinacker <Wolfram.S...@t-online.de> schrieb:

> >scheint nahezu bruchlos in die DDR Diktion übernommen.

Ja. In der Armee zB wurden dauernd "Masznahmen durchgefuehrt".
Solche "durchzufuehrenden Masznahmen" waren u.a. Fruehsport oder
Putz- und Flickstunde.

> mit einer DDR-spezifischen Variante für Befehle und Informationen:
> "Durchstellen".

Alles Moegliche an Befehlen und Informationen wurde "durchgestellt".
Ich vermute, dass sich der Begriff an der Nachrichtentechnik
(Handvermittlung von Telefongespraechen) orientiert und
meint: "*unveraendert* Information weitergeben".

Martin Ebert

Volker Wollny

unread,
Nov 11, 2000, 3:00:00 AM11/11/00
to
Hallo Wolf!

Wolf Busch schrieb:

> Kritisiert wird, daß auch nach dem Krieg alle möglichen Tätigkeiten
durchgeführt wurden und werden.

"Durchführen" ist halt auch ein tolles Wort um substantivierte
Verbformen wieder zu Verben machen. Das starre Beamtendeutsch wird ja
nicht zuletzt durch seine vielen substantivierten Verben
gekennzeichnet, ein Zeichen, daß sich hier nicht viel bewegt. Manchmal
muß sich, mit viel Mühe aber doch etwas bewegen, und dan muß man eben
durchführen. Aus "befragen" wird so eine Befragung, die ja von allein
nicht passiert, die man dann also durchführen muss. Die
Substantivierung trennt ein Verbum zunächst mal von einem Subjekt,
macht es gewissermaßen von einer handelnden Person unabhängig. Wenn
jetzt durchgeführt wird, kriegt das ganze noch einen schönen,
amtlichen, wichtigen Charakter, vor allem, wenn man das
substantivierte Verb ins Passiv setzt: Ha, welches arme Würstchen wird
denn einfach nur so befragen, wenn doch mit viel Gewicht und
Amtlichkeit eine Befragung durchgeführt werden kann? Noch toller wird
es, wenn wir nicht nur aus "befragen" eine Befragung machen, sondern
aus "durchführen" noch eine Durchführung: Die Duchführung der
Befragung wurde ausgeführt.....
Ein Beamter ist ja niemals schuld, er tut nur seine Pflicht: Also
machen wir aus "hinrichten" eine Hinrichtung, die wir dann eben
durchgeführt werden lassen. Außer vom Subjekt, trennen wir ein Verbum
ja auch von seinem Objekt ab: "In meiner Dienststelle wurden
Hinrichtungen durchgeführt" klingt doch schon viel harmloser als "Ich
habe bei meinem Dienst Menschen hingerichtet".



> stehen. »Die Schule führt den Ausflug durch«: die Kinder werden

[..]

Ähnlich tiefblicken lassen übrigens die "be-"Worte (als Verben und
substantivierte, wie zum Beispiel beschulen bzw. Beschulung eines
Stadtbezirkes. Ich persönlich muß dabei immer an Fuchsbau-Begasung
denken...

Grüßle

Volker
--
"Und im übrigen bin ich der Ansicht, daß die Härtsfeldbahn wieder
aufgebaut werden sollte."http://www.ibwollny.de/haertsfeldbahn/
IBW - Dipl. Ing. (fh) Volker Wollny - Schumannstr. 16, D-73430 Aalen
+49-7361-45 813, +49-172-73 27 257 email: v.wo...@ibwollny.de

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