Am Dienstag, 16. Februar 2016 10:59:10 UTC+1 schrieb Werner Tann:
> Ralf Joerres <
rjoe...@gmail.com> schrieb:
>
> >Ich denke, wir drehen uns hier im Kreis, tatsächlich wie in Deinem
> >letzten Absatz ;), und auch bildlich. Dass eine zitierte
> >Aussage nicht das Original sein kann und dass Zweifel an der
> >Korrektheit der Redewiedergabe sich insofern auf verschiedene
> >Aspekte der Abweichung von der Original-Aussage beziehen können,
> >lässt sich immer als ein Bezweifeln vorrangig des Wahrheitswerts
> >beschreiben, und möglicherweise ist so ein Rekurs auf den
> >Wahrheitswert auch nicht hilfreich.
>
> Ob hilfreich (für was?)
... um herauszubekommen, ob es einen Bedeutungsunterschied zwischen
'anzweifeln' oder 'bezweifeln' gibt
> oder nicht, ist nicht der Punkt. Aber man kann
> nicht sagen, der Zweifel an Zitiertem habe nichts mit der Überprüfung
> von Wahrheit bzw. Richtigkeit zu tun.
Du hattest um ein Beispiel gebeten, in dem 'bezweifeln' sich auf
'alles Mögliche' beziehen kann, und ich habe mich bemüht, darzustellen,
dass ein Bezweifeln sich durchaus auf andere Aspekte einer Aussage
beziehen kann als vorrangig auf den Wahrheitswert; letztlich ist aber
dieser Wahrheitswert (in den Beispielen a bis d) gemeint, da hast du
recht.
> >Dass 'bezweifeln' als Einleitewort einer negierten Meinungsäußerung
> >auftritt, kann vielleicht ebenfalls mit der 'Wahrheit' der
> >entsprechenden Aussagen in Verbindung gebracht werden.
>
> "Bezweifeln" ist kein Einleitewort für irgendwas
Wenn ich eine negative Vermutung anstelle, dann kleide ich das in die
Worte: Ich bezweifle, dass dies oder das so oder so eintreten wird.
Man könnte auch sagen: Ich vermute, dass nicht ..., aber die Formu-
lierung mit 'bezweifeln' ist gängiger und praktischer. Ich rede hier
von Pragmatik, von Sprechakten, nicht von wörtlicher Bedeutung oder
syntaktischer Analyse.
> sondern ein Verb,
> das salopp gesagt das ihm zugehörige Objekt in Frage stellt: Er
> bezweifelt ihr Kommen. Er bezweifelt, daß sie kommen wird.
... bzw. er geht davon aus, dass ihr Kommen nicht sicher ist -
nach Alltagsmaßstäben beurteilt. Nie kann irgendetwas sicher sein,
das in der Zukunft stattfinden soll, von Sonderfällen wie 'der
Apfel fällt bereits und wird sicher gleich aufschlagen' abgesehen,
die wiederum auch nur extrem wahrscheinlich aber auch nicht absolut
sicher sind.
> >Andererseits
> >scheint mir eine Meinungsäußerung oder Vermutung etwas zu sein, bei
> >dem das Anlegen einer Wahrheits-Messlatte einem Versuch am untaug-
> >lichen Objekt gleichkommt.
>
> Wenn jemand eine Meinung äußert oder eine Vermutung in den Raum
> stellt, kommt das de facto einer Behauptung gleich, auch wenn sie
> nicht im Brustton der Überzeugung vorgetragen wird.
>
> "Ich glaube, sie werden sich schon zusammenraufen."
> Der Sprecher ist sich nicht sicher, aber er vermutet es.
>
> "Das bezweifle ich aber!" sagt der andere.
> Der Zweifel bezieht sich auf die Wahrheit der Prognose.
Ich interpretiere das anders: Die erste Äußerung ist eine Vermutung,
eine Wahrscheinlichkeitsaussage. Bei 'ich glaube' würde ich eine
Wahrscheinlichkeit von mehr als 50% ansetzen. Die Gegenvermutung ist
eine Zurückweisung dieser Wahrscheinlichkeit, jedenfalls wird von
der Gegenseite eine Wahrscheinlichkeit von unter 50% veranschlagt.
Was wirklich geschehen wird, weiß im Vorhinein keiner. Selbst wenn
sich hinterher das Kommen oder Ausbleiben der betreffenden Person
herausgestellt hat, lässt sich nicht feststellen, ob die eine oder
die andere Wahrscheinlichkeitsaussage zutreffend war. M.a.W.: Die
Wahrheit oder Unwahrheit einer Vermutung lässt sich nicht überprüfen,
das ist ja gerade der eigentliche Sinn des Vermutens. Deswegen
lässt sich eine Vermutung auch nicht anzweifeln, wohl aber eine
Behauptung. Es ließe sich allenfalls anzweifeln, dass eine Vermutung tatsächlich geäußert wurde. Eine 'Vermutung bezweifeln' wäre hingegen
eine verkürzte Ausdrucksweise für 'zu der in der Vermutung enthaltenen
Wahrscheinlichkeitsaussage Zweifel äußern.'
Allerdings kann eine zukunftsbezogene Wahrscheinlichkeitsaussage mehr
oder weniger _plausibel_ sein, und darüber mag man füglich streiten.
Vermutungen müssen nicht zukunftsbezogen sein, sie können auch eine
Art Ersatz im Falle nicht-vorliegender oder nicht-beschaffbarer
Informationen darstellen. Sie können sich auch auf die Vergangen-
heit beziehen (ich vermute, dass er gestern Abend nicht zu Hause war),
aber selbst in diesen Fällen lässt sich nachträglich bestenfalls feststellen, ob die Vermutung zutraf oder nicht, das schafft jedoch
nicht die Vermutung als solche aus der Welt und nimmt ihr auch nicht
die Berechtigung.
> Natürlich ist
> das eine andere Qualität, als wenn es darum geht, ob Otto blonde oder
> rote Haare hat. Aber im Prinzip sehe ich nicht den fundamentalen
> Unterschied, den Du zu sehen scheinst. Der Zweifler prüft Gründe und
> Gegengründe, die für oder gegen die Prognose sprechen,
das heißt, er checkt die Plausibilität
> um herauszufinden, ob an ihr etwas dran ist, ob sie wahr ist oder,
> präzise gesagt, wahr werden kann.
Da ließe sich nur durch eine Serie von Zufallsexperimenten mit
statistischer Signifikanz plausibilisieren, was sich aber bei den
meisten Vermutungen nicht durchführen lässt, da sich gleiche Ausgangsbedingungen für jedes Element der Serie nicht herstellen
lassen. Und: Plausibilität und Wahrheit sind zwei verschiedene
Dinge.
> Sobald seine Gegengründe das Abwägen
> gewonnen haben, äußert er seinen Zweifel: "Das bezweifle ich aber!"
Das wäre ein quasi umgangssprachlicher Erklärungsversuch. Logisch
betrachtet funktioniert das nach meinem Eindruck wohl nicht so.
Da ich Philosophie und Logik nicht studiert habe, kann ich das
leider nicht so trennscharf formulieren, wie ein Logiker das
(vermutlich!) könnte.
Grüße: Ralf Joerres