Am Mittwoch, 31. Juli 2019 00:13:12 UTC+2 schrieb Helmut Waitzmann:
> >>> Deine Beispiele funktionieren nur durch deine nachgeschobene
> >>> Erklärung manchmal. Ohne eine solche funktionieren sie nicht:
> >>>
> >>> – Du warst nicht an der Hintertür?
> >>> – Nein. (völlig eindeutig: nicht an der Hintertür)
> >>> – Doch. (völlig eindeutig: doch an der Hintertür)
> >>> – Ja. (ja was denn nun?)
> >>
> >>"Ja." ist für mich 100% klar: Eindeutig eine Bejahung der Frage.
> >
> >Dir entgeht offenbar, dass "Du warst nicht an der Hintertür?" keine
> >normale Frage ist.
> >Das 'nicht' ist nicht _logischer_ Bestandteil der Frage, sondern ein
> >Anzeiger der Erwartung des Fragenden.
> >
> Das empfinde ich ähnlich: Der Fragende erwartet oder wünscht die
> Antwort „Doch“. Die oben gestellte Frage geht in Richtung der
> Abrechnung „Ich habe dir doch gesagt, dass du an die Hintertür
> gehen sollst! Aber du tust ja nie, was ich sage!“
>
> Daher möchte ich das folgende etwas abwandeln:
>
> >Das ist - zugegeben - ein bisschen un-intuitiv, aber ein normal
> >begabter Zwölfjähriger hat das i.d.R. mit.
>
> Bald fällt ihm auf, dass er mit solchen verneint gestellten Fragen
> über den Tisch gezogen werden soll, denn eigentlich sind sie
> Wunschäußerungen oder Befehle, die man erhält, wenn man die
> Verneinung und das Fragezeichen streicht und die Frage zum Befehl
> umformt.
>
> Beispiel:
>
> Er will morgens zur Schule gehen, der Wetterbericht hat aber
> Regenwetter angekündigt. Als er die Wohnungstür öffnet, lässt er
> den Schirm im Ständer stehen. Seine Mutter will ja, dass ihr
> Kleiner nicht im Regen steht und fragt: „Willst du deinen Schirm
> nicht mitnehmen?“ Aber eigentlich meint sie: „Nimm deinen Schirm
> mit! Du wirst sonst nass und dann erkältest du dich!“
>
> Ihm gefällt das aber gar nicht: Erstens ist der Schirm hinderlich
> beim Toben auf dem Schulweg, und zweitens steht er dann vor den
> Klassenkameraden als Muttersöhnchen da.
>
> Also antwortet er: „Ach Mama! Die anderen Kinder haben doch auch
> keinen.“
>
> Daraufhin sagt sie: „Ich hab' dich ja nur gefragt. Aber dass du
> mir auch immer widersprechen musst!“
>
> Jetzt hat er sich zwar durchgesetzt, steht aber als Neinsager,
> Spielverderber da.
>
> Und da kommt er auf die Idee – denn die Logik und Absicht dieser
> verneinten Fragen hat er längst durchschaut –, den Griffel zu
> spitzen und die verneinten Fragen als verneinte Fragen wörtlich zu
> nehmen, statt sie als versteckte Befehle ohne Verneinung zu
> verstehen: Wenn seine Mutter ihn das nächste Mal fragt, antwortet
> er einfach auf Schellongsche Art mit „Ja“.
>
> So verhindert er, dass sie wieder mit dem Vorwurf des dauernden
> Widersprechens kommt – schließlich kann ein „Ja“ als Antwort auf
> eine Frage schlechterdings nicht als Widersprechen bezeichnet
> werden.
>
> Die Frage positiv zu formulieren („Willst du deinen Schirm
> mitnehmen?“) hilft ihr auch nichts: Wer Wünsche nicht hat, kann
> ebenfalls schlecht als Verweigerer hingestellt werden.
>
> Auf diese Weise zwingt er sie, Farbe zu bekennen und ihren Wunsch
> oder Befehl als solchen kenntlich zu machen.
>
> Wenn sie also das nächste Mal sagt „Nimm deinen Schirm mit! Du
> wirst sonst nass und dann erkältest du dich!“, antwortet er:
> „Ständig hast du etwas an mir auszusetzen. Hättest du recht,
> würde der Unterricht seit Wochen ausfallen, weil die ganze Klasse
> krank wäre“.
>
> Jetzt steht sie als Spielverderber da, und er hat sein Ziel
> erreicht.
>
> Wie lange er das Spiel weitertreibt, hängt von ihr ab und
> natürlich auch davon, ob er andere Wege findet, sich dagegen zu
> wehren, über den Tisch gezogen zu werden.
Da sich ja eigentlich herumgesprochen haben sollte, wie etwas
ältere Kinder auf imperative Aufforderungen reagieren:
"Ich verbiete Dir, rechtzeitig zur Schule zu fahren
und pünktlich zum Unterricht zu erscheinen!"
Gruß, ULF