in einem Buch habe ich folgenden Satz gefunden:
Trotz all diesem Getue langweilte ich mich.
Hier steht also "trotz" mit dem Dativ, obwohl ich mal gelernt habe,
daß es den Genitiv bedingt.
Forme ich den Satz nun so um, daß er grammatikalisch richtig ist,
klingt er für mich irgendwie komisch:
Trotz all dieses Getues langweilte ich mich.
Ach ja, und dann gibt's ja noch folgende Möglichkeit:
Trotz all diesen Getues langweilte ich mich.
Was meint Ihr?
Für Antworten bedankt sich im voraus ganz herzlich
Reinhard
Reinhard Zwirner verwunderte sich über die Verwendung des Dativ bei "trotz ..."
Ist einigermaßen in Ordnung. Schon weil das "trotz" jeder Normalität zu
trotzen hat. Heißt ja auch "trotzdem" und nicht "trotzdessen"
Reinhard
> Trotz all diesem Getue langweilte ich mich.
>
> Hier steht also "trotz" mit dem Dativ, obwohl ich mal gelernt habe,
> daß es den Genitiv bedingt.
Im Duden wird tatsächlich der Genitiv bevorzugt. Ich halte mich an
"Richtiges Deutsch" von Walter Heuer, Max Flückiger und Peter Gallmann
aus dem Verlag Neue Zürcher Zeitung: "Der Dativ als der ursprünglichere
Fall (vgl. "jemandem trotzen") ist vorzuziehen: trotz allem, trotz dem
schlechten Wetter (neben: trotz des schlechten Wetters)." Das Gleiche
gilt für "dank" (vgl. "jemandem danken"): "dank seinem festen Auftreten".
> Forme ich den Satz nun so um, daß er grammatikalisch richtig ist,
> klingt er für mich irgendwie komisch:
>
> Trotz all dieses Getues langweilte ich mich.
Richtig.
> Ach ja, und dann gibt's ja noch folgende Möglichkeit:
>
> Trotz all diesen Getues langweilte ich mich.
Nein, diese Möglichkeit gibts nicht. Bei "dieser" und "jener" sowie bei
"ein", "kein" und den Possessivpronomen gilt nur der Genitiv auf -es als
richtig. Immer wieder gehört, aber falsch: Ende diesen Jahres (richtig:
Ende dieses Jahres).
Gruß
Armin C. Kälin
Hallo Armin,
Du siehst doch, daß es sie gibt ;-). Daß sie offenbar falsch ist
(und dazu hatte ich ja um Meinungsäußerungen gebeten), steht auf
einem anderen Blatt.
Und natürlich kenne ich auch den entsprechenden Abschnitt aus
Ralph Babels FAQ.
Danke für Deinen Kommentar.
Tschüs,
Reinhard
> Trotz all diesem Getue langweilte ich mich. =
>
>
> Hier steht also "trotz" mit dem Dativ, obwohl ich mal gelernt habe,
> da=ß es den Genitiv bedingt.
Wer hat Dir denn *das* beigebracht?
Gegenprobe: heißt es 'trotzdem' oder trotzdes'?
Sagst Du 'deswegen' oder 'demwegen'?
Bliebe die Frage, weswegen 'trotz' immer häufiger mit Genitiv zu finden
ist und 'wegen' immer häufiger mit Dativ.
<wilde Spekulation>
Könnte es an der Ähnlichkeit der Auslaute liegen?
"Tro_tz_ diese_s_ Wetter_s_"
"Wege_n_ diese_m_ Wetter"
??
Manfred
--
"Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt,
dem soll die Hand abfallen."
FJS, 1955
>in einem Buch habe ich folgenden Satz gefunden:
>Trotz all diesem Getue langweilte ich mich.
>Hier steht also "trotz" mit dem Dativ, obwohl ich mal >gelernt habe,
>daß es den Genitiv bedingt.
Tja, nicht alles was man lernt, muß auch richtig sein ...
>Forme ich den Satz nun so um, daß er >grammatikalisch richtig ist,
>klingt er für mich irgendwie komisch:
>Trotz all dieses Getues langweilte ich mich.
Was heißt denn hier grammatisch (!) richtig? Da hat irgend jemand mal
behauptet, das sei nun so und so richtig, und 80 Mio. Deutsche sind so blöd,
und glauben das, und puff! sind zweitausend Jahre Sprachgeschichte und
Sprachgefühl hinüber zu Gunsten irgend einer dialektalen Variante, die für
andere den fragwürdigen Charme besitzt, in wenigen Fällen zu einer
morphologischen Verdeutlichung zu führen.
>Ach ja, und dann gibt's ja noch folgende Möglichkeit:
>Trotz all diesen Getues langweilte ich mich.
>Was meint Ihr?
>Für Antworten bedankt sich im voraus ganz herzlich
>Reinhard
Trotzdessen bleibe ich beim Dativ!
Grüße
Hubert
Generalsekretär von dem Verein
"Rettet dem Dativ!"
>in einem Buch habe ich folgenden Satz gefunden:
>Trotz all diesem Getue langweilte ich mich.
>Hier steht also "trotz" mit dem Dativ, obwohl ich mal gelernt habe,
>daß es den Genitiv bedingt.
.. daß es neuerdings den Genitiv bedingt.
Die Form mit Dativ ist die ältere, und von Deinen drei
Möglichkeiten würde ich die erste wählen - vor allem dann,
wenn das Objekt mehr als den einfachen Artikel hat.
Trotzdem oder trotzdessen?
Oder:
"Trotz alledem und alledem..."
(Liedanfang aus der Revolution 1848)
>Forme ich den Satz nun so um, daß er grammatikalisch richtig ist,
Ahem?
Richtig? Ist das in Zeiten der Rechtschreibdeform denn
überhaupt noch eine Größe?
>klingt er für mich irgendwie komisch:
>Trotz all dieses Getues langweilte ich mich.
> Ach ja, und dann gibt's ja noch folgende Möglichkeit:
> Trotz all diesen Getues langweilte ich mich.
> Was meint Ihr?
Die dritte Version ist überall gängig geworden, gerade
denen, die so sehr für den Genitiv waren, war das "dieses"
nicht mehr genehm. Ergo tagesschaut man heute eben "..
diesen Jahres"
Mit freundlichen Grüßen
Martin Gerdes
> ["trotz" mit Dativ oder Genitiv?]
>
> Und natürlich kenne ich auch den entsprechenden
> Abschnitt aus Ralph Babels FAQ.
Ich nicht. Bitte schick ihn mir doch gelegentlich.
Hallo Ralph,
diese Bemerkung bezog sich auf die 3. Möglichkeit mit
"all _diesen_ Getues" und den zugehörigen Kommentar von
Armin Kaelin.
Kleine Hilfe: Die entsprechende Thematik wird in Deiner FAQ
unter "Ende diesen Jahres?" behandelt ;-).
HTH,
Reinhard
> in einem Buch habe ich folgenden Satz gefunden:
> Trotz all diesem Getue langweilte ich mich.
> Hier steht also "trotz" mit dem Dativ, obwohl ich mal gelernt habe,
> daß es den Genitiv bedingt.
Ergänzend zu den bisherigen Bemerkungen noch der Hinweis auf ein
möglicherweise etwas altertümliches Verb "(jemandem) trotzen",
also Widerstand leisten; das wird definitiv mit Dativ benutzt.
"Trotz"+Dativ war mindestens im 18. Jahrhundert schon bekannt:
"Trotz dem alten Drachen, ..." (aus Bachs Motette: Jesu meine
Freude).
Diedrich
--
.sig still under construction
Nein, nicht schon wieder _diese_ Diskussion 8-0!
Verzweifelt,
Reinhard
... und verwies u.a. auf folgendes Beispiel für den Gebrauch von
"trotz" mit Dativ:
> "Trotz dem alten Drachen, ..." (aus Bachs Motette: Jesu meine
> Freude).
>
Hallo Diedrich,
bist Du sicher, daß dieses Beispiel bzgl. meiner Frage relevant ist?
IIRC:
Trotz dem alten Drachen,
Trotz dem Todesrachen,
Trotz der Furcht dazu!
Tobe, Welt, und springe,
ich steh hier und singe
in gar sichrer Ruh.
Ich sehe hier das Wort "Trotz" als Substantiv an! Dem alten Drachen
wird getrotzt (wie später dem Todesrachen), also Trotz gezeigt (?).
Und das sicherlich _trotz_des_ furchterregenden Drachenverhaltens.
OT: IMHO gab es erst den Choral, um den dann Bach seine wunderschöne
Motette geschrieben hat <schwelg>.
Tschüs,
Reinhard
> ... und verwies u.a. auf folgendes Beispiel für den Gebrauch von
> "trotz" mit Dativ:
>> "Trotz dem alten Drachen, ..." (aus Bachs Motette: Jesu meine
>> Freude).
>> > Hallo Diedrich,
> bist Du sicher, daß dieses Beispiel bzgl. meiner Frage relevant ist?
>[...]
> Ich sehe hier das Wort "Trotz" als Substantiv an! Dem alten Drachen
> wird getrotzt (wie später dem Todesrachen), also Trotz gezeigt (?).
Ich hatte zunächst nur darauf hinweisen wollen, dass "trotzen" und,
wie Du richtig bemerkst, auch das Substantiv "Trotz" mit dem Dativ
gebraucht wird. Immerhin liegt da ja nahe, dass "trotz_dem_" von
daher gesehen gar nicht verwunderlich ist.
> Und das sicherlich _trotz_des_ furchterregenden Drachenverhaltens.
Ja, hier würde ich persönlich auch den Genitiv verwenden. Das könnte
aber auch eine Hyperkorrektur wg. "wegen" sein (?).
In meinen Deutsch-/[verschiedene Fremdsprachen] Wörterbüchern steht
jedenfalls immer "(gen. und dat.)" bei der Präposition "trotz".
Und da fügt sich der Dativ bei "trotzen" und "Trotz" eben nahtlos ein.
> OT: IMHO gab es erst den Choral, um den dann Bach seine wunderschöne
> Motette geschrieben hat <schwelg>.
ebenfalls <schwelg>. Muss gleich mal wieder die CD rauskramen...
Gruß, Diedrich
> ... und verwies u.a. auf folgendes Beispiel für den Gebrauch von
> "trotz" mit Dativ:
>
> > "Trotz dem alten Drachen, ..." (aus Bachs Motette: Jesu meine
> > Freude).
> >
> Hallo Diedrich,
>
> bist Du sicher, daß dieses Beispiel bzgl. meiner Frage relevant ist?
>
> IIRC:
> Trotz dem alten Drachen,
> Trotz dem Todesrachen,
> Trotz der Furcht dazu!
> Tobe, Welt, und springe,
> ich steh hier und singe
> in gar sichrer Ruh.
>
> Ich sehe hier das Wort "Trotz" als Substantiv an! Dem alten Drachen
> wird getrotzt (wie später dem Todesrachen), also Trotz gezeigt (?).
Das Nebeneinanderstellen zweier Substantive im verblosen Imperativ,
wobei das zweite Substantiv im Dativ steht, um anzudeuten, daß dem
zweiten das erste zukommen soll, ist mir eher aus dem Russischen
geläufig.
Wie war es in der DDR? Hieß es da "Ruhm den Helden!"?
"Trotz der Furcht dazu!" könnte ich mir nicht anders erklären denn als
Verbalimperativ.
Das fragliche Wort ist hier aber nicht Präposition und paßt deswegen
nicht ganz zur Ausgangsfrage.
Gruß, ULF
--
_______________________________________________________________________________
Ulf Kutzner
Backhaushohl 46
D-55128 Mainz
_______________________________________________________________________________
>Das Nebeneinanderstellen zweier Substantive im verblosen Imperativ,
>wobei das zweite Substantiv im Dativ steht, um anzudeuten, daß dem
>zweiten das erste zukommen soll, ist mir eher aus dem Russischen
>geläufig.
>
Und fragte:
>Wie war es in der DDR? Hieß es da "Ruhm den Helden!"?
>
Hm. Tatsächlich. Solcherart Losungen waren hier ziemlich häufig.
(Vorausgesetzt: "Helden" im o.g. Beispiel ist Plural)
Möglicherweise war da Überväterchen Stalin aktiv. Sein hiesiges Entsprecherchen
jedenfalls hat ja (dem Ave Cäsar abgeluchst) gänzlich auf die Präposition
verzichtet.
Kampf dem internationalen Kapital!
Reinhard
(meine Kto.-Nr. lautet .....)
[...]
> >"Ruhm den Helden!"
[...]
> Kampf dem internationalen Kapital!
[...]
Friede den Hütten!
Tod dem Verräter!
Gruß
Torsten
Trotzdem steht die Präposition "trotz" mit Dativ.
^^^
Der Genitiv wurde ihr erst später zuteil, wohl als Analogiebildung zu
"wegen"; ich denke schon im 18. Jahrhundert. -- deswegen werde ich aber
diese Mode noch lange nicht mitmachen. ^^^
Gruß,
Otto stolz
Ich fände eine Parallelität von "wegen" und "trotz" (also: beides mit
Genitiv, da ich "wegen" mit Dativ als falsch empfinde) einfach schöner.
Gruß,
Wolfgang
Und bei mir ist es genau umgekehrt: Ich empfinde in beiden
Fällen den Genitiv als häßlich. Im übrigen beweist die ganze
Diskussion, daß beide Varianten lebendig sind, und da frage
ich mich, weshalb der Drang besteht, trotz einer solchen
Empirie in die eine oder die andere Richtung verbindlich
normieren zu wollen.
Grüße
Hubert
>Könnte das Schwanken zwischen Genitiv und Dativ vielleicht nicht so sehr
>auf die Präpositionen sondern vielmehr auf die (nach Empfinden des
>Sprachgebrauchers seltsam anmutende) Genitiv-Form des Substantivs
>zurückzuführen sein. Bei den femininen Substantiven Einzahl ist ja
>formal kein Unterschied zu erkennen; bei den maskulinen / neutralen
>Formen sowie in der Mehrzahl wohl.
Ich sehe im wesentlichen regionale Unterschiede.
Der Genitiv und das "e" bei Genitiv und Dativ halte ich für
norddeutsch.
Süddeutsche Dialekte weichen gern auf Dativ aus
"Dem Fritz sein Vater", wo hochsprachlich Genitiv steht.
Davon losgelöst sind - wie dargestellt - die Dativformen
nach bestimmten Präpositionen sprachgeschichtlich die
älteren ("trotzdem")
>Kann es sein, daß der Trend zum Dativ darauf zurückzuführen ist, daß die
>Genitivformen (vor allem weniger häufiger Substantive) immer mehr als
>seltsam empfunden werden?
Eher nicht, siehe oben.
Ich sehe eher den Trend zum Genitiv, der in hiesigen Kreisen
den Ruch des Präziseren und des feineren Ausdrucks genießt.
"Trotz" wurde ursprünglich mit Dativ gebraucht, diese Form
gilt auch heute noch als grammatikalisch gilt - neben der
Konstruktion mit dem Genitiv.
Es gibt wohl keinen Hannoveraner (das sind die mit dem
vermeintlich raansten Doitsch), der einem dies glaubt, ohne
daß er es in einer Grammatik schwarz auf weiß gedruckt
gesehen hat.
putmans schrieb:
>
Hallo Jean,
> Hier ein kleiner Beitrag eines ausländischen Germanisten:
> Der "bedeutungsirrelevante" Wechsel kommt, nur beim Genitiv und beim
> Dativ vor (und dann auch noch vorwiegend in der Einzahl und auch nur
> bei den Präpositionen, die nach den "Grammatik-Regeln" der Lehrbüchert
> grundsätzlich den Genitiv fordern).
Nein, letzteres ist ein gelehrter Irrtum bzw. auf eine präskriptive
Bevorzugung des Genitivs zurückzuführen. Im Deutschen gibt es eine große
Gruppe von Präpositionen, die ursprünglich den Dativ hatten und jetzt
zum Genitiv überwechseln bzw. bereits fast völlig gewechselt sind.
Solche einstigen Dativpräp. sind:
inmitten (97%), trotz (91%), dank (78%), samt (4%)
(ursprüngl. Prästellung/Präpositionen)
entlang (75%), gemäß (25%), entsprechend (11%), nahe (8%), ähnlich (7%),
entgegen (5%), gleich (2%), gegenüber (<1%),
(ursprüngliche Poststellung/Postpositionen)
(In Klammern der prozentale Anteil der Genitivformen in heutigen Texten.
Nur kasuseindeutige Formen wurden statistisch erfaßt. Hier und im
Folgenden beziehe ich mich auf den Aufsatz eines befreundeten Kollegen -
Claudio Di Meola - der seine Untersuchungen bei der letzten DGfS-Tagung
zum Thema "Sprachwandel" in Konstanz vorgestellt hat. Übrigens haben ihm
die Zuhörer bestätigt, daß bislang keiner eine überzeugendere Erklärung
gefunden habe als er.)
Aus den Zahlen kann man folgende Schlüsse ziehen:
a.) Der prozentuale Verteilung zwischen Dativ- und Genitivrektion ist
äußerst individuell. Neben den einstigen Dativ-Präp., die heute (in
Schrifttexten) fast ausschließlich den Genitiv fordern (inmitten, trotz,
dank, entlang), gibt es die übrige Gruppe derer, die nur in geringem
Ausmaß schon ihre alte Dativ-Rektion aufgegeben haben.
b.) Der präpositionale Genitiv scheint daher nicht vom Aussterben
bedroht zu sein. (Hier differiere ich allerdings etwas. Die fehlende
statistische Mittelzone zw. 25% und 75% könnte daraufhin deuten, daß der
Genitivwechsel nicht mehr produktiv ist. Einige Präp. haben es noch bis
ans "rettende Ufer" der Genitivseite geschafft, dahinter könnte die
Entwicklung abgerissen sein.) Nichtsdestotrotz gibt auch etliche
ursprüngliche Genitivpräp., die partout an ihrem Kasus "kleben", z.B.
"innerhalb", "während", "kraft", "wegen" (siehe ganz unten).
> Der Wechsel zwischen Akkusativ und
> Dativ ist, so weit ich sehen kann, immer bedeutungsunterscheidend
> ("Lage" / "Richtung").
> Könnte das Schwanken zwischen Genitiv und Dativ vielleicht nicht so
> sehr auf die Präpositionen sondern vielmehr auf die (nach Empfinden
> des Sprachgebrauchers seltsam anmutende) Genitiv-Form des Substantivs
> zurückzuführen sein. Bei den femininen Substantiven Einzahl ist ja
> formal kein Unterschied zu erkennen; bei den maskulinen / neutralen
> Formen sowie in der Mehrzahl wohl.
Diese Kasussynkretismen (formaler Zusammenfall von Genitiv und Dativ)
sind in der Tat eine destabilisierende Ursache, die den Kasuswechsel
beschleunigt bzw. sogar erst ermöglicht. Entscheidend scheint allerdings
ein "Prinzip der maximalen Differenzierung" (Di Meola) zu sein:
Wenn ein Substantiv (oder eine Partizipform) zur Präposition
grammatikalisiert, legt es mit der Zeit den alten Kasus ab und wechselt
zur Konkurrenzform (Dativ --> Genitiv, Genitiv --> Dativ). Übrigens
vollzieht sich der Übergang zum Genitiv leichter und schneller als der
zum Dativ! Auch das wieder ein Argument gegen eine angebliche Präferenz
für den Dativ. (In der Schriftsprache mag sich hier die normative
Diskriminierung des Dativs zuungunsten des Genitivs auswirken.)
> Kann es sein, daß der Trend zum Dativ darauf zurückzuführen ist,
> daß Genitivformen (vor allem weniger häufiger Substantive) immer mehr
> als seltsam empfunden werden? ("Getue" im Genitiv mutet seltsam an,
> weshalb man auf den Dativ ausweicht).
Wie gesagt, der angebliche Trend zum Dativ ist zweifelhaft. Das ist ein
Vorurteil, das selbst noch in neuesten Publikationen reproduziert wird.
Es gibt zwei weitere Faktoren, die das Wirken des allgemeinen
Differenzierungsprinzips hemmen oder beschleunigen können. Nämlich der
Numerus (Singular oder Plural) sowie die Komplexität der nachfolgenden
Nominalphrase (Substantiv mit seinen möglichen Begleitern wie Artikel
und Adjektive). Das Prinzip ist:
a.) einfaches Nomen --> Dativ
b.) Plural --> Genitiv
Oder in den Worten von Di Meola:
a.) "Ist die NP [Nominalphrase] singularisch und/oder besteht sie aus
einem einfachen Nomen, scheint allgemein eine Präferenz für den Dativ
vorzuliegen: Dativ-Präpositionen bewahren eher ihren ursprünglichen
Kasus, Genitiv-Präpositionen gehen eher zum Dativ über."
b.) "Ist die NP hingegen pluralisch und/oder enthält sie ein Adjektiv
bzw. Determinans [Artikelform], scheint eine Präferenz für den Genitiv
vorzuliegen: Genitiv-Präpositionen bewahren eher ihren ursprünglichen
Kasus, Dativ-Präpositionen gehen eher zum Genitiv über. Den Gründen für
dieses Verteilungsmuster ist noch im einzelnen nachzugehen."
Folgende Ursache für diese Präferenzen sind wahrscheinlich:
a.) Es wird diejenige Form bevorzugt, die stilistisch am unauffälligsten
ist. Im Singular ist dies der Dativ (/des Getues/ vs. /dem Getue/), im
Plural aber der Genitiv (/der Kinder/ vs. /den Kindern/).
b.) Wenn der Kasus mehrfach markiert ist - in einer komplexen Phrase -,
wird der Genitiv bevorzugt. Hier scheint "Seltsamkeit" sogar erwünscht
zu sein. ("Trotz des heftigen Regens" eher als "trotz dem heftigen
Regen", aber "trotz Regen" eher als "trotz Regens".)
Das "Seltsamkeitsargument" ist also a.) nur bei einfachen Nomen richtig,
und b.) betrifft es nicht nur den Genitiv, sondern auch den Dativ!!
> Und wenn's denn bei den seltsam
> anmutenden Formen so gemacht wird, ist ja der Schritt zur allgemeinen
> Bevorzugung des Dativs nicht mehr weit. Dies könnte vielleicht dazu
> führen, daß es in Zukunft keine Präpositionen mehr gibt, die den
> Genitiv erfordern.
Das halte ich für ausgeschlossen. Einige Präpositionen, die ursprünglich
den Dativ hatten, regieren heute beinahe ausschließlich den Genitiv.
(Siehe oben: "inmitten", "trotz", "dank", "entlang"). Wie könnte diese
feste Zuordnung in nächster Zukunft völlig auf den Kopf gestellt sein?
Daneben gibt es eine größere Zahl von ursprünglichen
Genitivpräpositionen, die ziemlich hartnäckig ihren angestammten Kasus
behalten wollen:
innerhalb (1% Dativ), während (2%), hinsichtlich (7%), kraft (8%),
bezüglich (10%), wegen (16%).
Auch hier dürfte der endgültige Schritt zum Dativ noch einige Zeit
dauern.
Viele Grüße, Jürgen
P.S.: Auf Anfrage schicke ich gerne jedem Interessierten eine Kopie des
Aufsatzes von Di Meola als Word-Dokument zu!