dass das Wort "beziehungsweise" (meist abgekürzt als "bzw.") im Sinne
von "oder (auch)" verwandt wird, ist mir klar, aber was bedeutet es
eigentlich? Was bezieht sich da worauf?
Viele Grüße
Steffen
"Beziehungsweise" heißt jedenfalls nicht "oder", wie man leicht an einem
Beispiel sieht:
Die beiden Jungen, die die Schule schwänzten, waren 13 bzw. 14. Jahre
alt.
"Bzw." kann hier nicht durch "oder" ersetzt werden. Denn hier gibt es
zwei Subjekte, auf die jeweils eines der beiden Prädikate bezogen wird.
Allgemeiner gesagt: Werden auf mehrere Subjekte mehrere Prädikate
eindeutig bezogen, dann wird der Bezug mit "beziehungsweise"
hergestellt.
Es gibt allerdings auch die Fälle, in denen "beziehungsweise" gesagt
wird, obwohl es "besser gesagt" oder "oder vielmehr" heißen müßte. Die
ganz Schlimmen, die ganz wichtig tun wollen, sagen sogar nicht einfach
"beziehungsweise", sondern "respektive". Man erkennt diese Fälle daran,
daß das Prädikat *eines* Subjekts durch ein anderes ersetzt werden soll.
Ralf
Ralf....@t-online.de (Ralf Heinrich Arning) wrote:
> "Beziehungsweise" heißt jedenfalls nicht "oder",
[...]
>
> "Bzw." kann hier nicht durch "oder" ersetzt werden.
[...]
> Es gibt allerdings auch die Fälle, in denen "beziehungsweise"
> gesagt wird, obwohl es "besser gesagt" oder "oder vielmehr"
> heißen müßte.
Wahrig scheint das etwas anders zu sehen:
<Zitat>
be'zie·hungs·wei·se <Konj.; Abk.: bzw.> oder, oder auch; oder
vielmehr, besser gesagt; habt ihr, beziehungsweise haben Sie
eigentlich gewusst, dass ...; ich werde zwei Theaterkarten
bestellen, beziehungsweise drei, wenn dein Freund auch mitkommen
will
</Zitat>
Gruß,
Ralf
Zumindest ist es auch eine Art Bindewort bei Aufzählungen u.ä. - so
meinte ich das.
> Beispiel sieht:
> Die beiden Jungen, die die Schule schwänzten, waren 13 bzw. 14. Jahre
> alt.
> "Bzw." kann hier nicht durch "oder" ersetzt werden. Denn hier gibt es
> zwei Subjekte, auf die jeweils eines der beiden Prädikate bezogen wird.
Da muss ich nochmal nachfragen, was die beiden Subjekte und Prädikate,
von denen Du schreibst, mit dem "bzw." zu tun haben.
Subjekt 1: "Die beiden Jungen" - Prädikat 1: "waren"
Subjekt 2: "die" - Prädikat 2: "schwänzten"
Oder habe ich da was missverstanden? Der Satz "funktioniert" ja auch
ohne den Einschub noch:
"Die beiden Jungen waren 13 bzw. 14 Jahre alt"
SSSSSSSSSSSSSSSSS PPPPP
Hier gibt es m. E. - im grammatischen Sinne - nur ein Subjekt (S) und
v.a. nur ein Prädikat (P). Dass es sich beim Subjekt um einen Plural
handelt, spielt doch keine Rolle.
> Allgemeiner gesagt: Werden auf mehrere Subjekte mehrere Prädikate
> eindeutig bezogen, dann wird der Bezug mit "beziehungsweise"
> hergestellt.
Sorry, aber den Zusammenhang verstehe ich nicht.
Was "beziehungsweise" als Wort an sich bedeutet (das wollte ich
eigentlich wissen), haben wir allerdings noch nicht geklärt. Während man
"fälschlicherweise" oder "interessanterweise" durch "Es ist
falsch/interessant, dass ..." umschreiben kann, fällt mir für "bzw."
nichts Gescheites ein.
Viele Grüße
Steffen
Stimmt, aber manchmal könnte man es durch »oder« ersetzen.
> wie man leicht an einem
> Beispiel sieht:
>
> Die beiden Jungen, die die Schule schwänzten, waren 13 bzw. 14. Jahre
> alt.
>
> "Bzw." kann hier nicht durch "oder" ersetzt werden.
Man könnte es hier durch »und« ersetzen, was aber nicht jedem
gefällt, weshalb dann eben »beziehungsweise« verwendet wird.
> Denn hier gibt es
> zwei Subjekte, auf die jeweils eines der beiden Prädikate bezogen wird.
>
> Allgemeiner gesagt: Werden auf mehrere Subjekte mehrere Prädikate
> eindeutig bezogen, dann wird der Bezug mit "beziehungsweise"
> hergestellt.
>
> Es gibt allerdings auch die Fälle, in denen "beziehungsweise" gesagt
> wird, obwohl es "besser gesagt" oder "oder vielmehr" heißen müßte. Die
> ganz Schlimmen, die ganz wichtig tun wollen, sagen sogar nicht einfach
> "beziehungsweise", sondern "respektive". Man erkennt diese Fälle daran,
> daß das Prädikat *eines* Subjekts durch ein anderes ersetzt werden soll.
In der Umgangssprache kommt das vor, wenn man eine Aussage korrigieren
will - beziehungsweise wenn man sie präziser formulieren will. ;-)
Ansonsten ist »respektive« nicht schlimmer als »beziehungsweise«,
sondern es ist einfach das entsprechende Fremdwort. Es klingt
natürlich unter Umständen ziemlich geschwollen. »Respektive« wurde
früher mit »beziehentlich« verdeutscht, was aber Anfang des 20. Jh.
unterging. »Beziehungsweise« war früher die Verdeutschung von
»relativ« (das deutsche Wort konnte man allerdings nur adverbial
verwenden). Im Laufe des 19. Jh. wurde »beziehungsweise« dann
aber immer öfter im Sinne von »respektive« verwendet.
Adelung verwendete das Wort noch in seiner alten Bedeutung:
| Klein, -er, -ste, adj. et adv. welches allemahl beziehungsweise
| gebraucht wird, ein geringeres Maß der Ausdehnung habend als
| ein anderer Körper; [...]
Als Stichwort kommt es in seinem Wörterbuch nicht vor.
Auch bei Schiller hat es noch nicht die moderne Bedeutung:
| Meinungen, welche in diesen Briefen vorgetragen werden, können
| also auch nur beziehungsweise wahr oder falsch sein, gerade so,
| wie sich die Welt in dieser Seele und keiner andern spiegelt.
[Schiller: Philosophische Briefe, S. 3. Digitale Bibliothek Band 1:
Deutsche Literatur, S. 148669 (vgl. Schiller-SW Bd. 5, S. 337)]
»Beziehungsweise« bedeutet hier ungefähr »je nach ihrer Beziehung«.
Schöne Grüße,
Wolf
Diese Art der Verwendung ist bei den meisten Stilisten verpönt (siehe Wolf
Schneider) und gilt als Bürokratendeutsch.
Gruß
Armin
> dass das Wort "beziehungsweise" (meist abgekürzt als "bzw.") im Sinne
> von "oder (auch)" verwandt wird, ist mir klar, aber was bedeutet es
> eigentlich? Was bezieht sich da worauf?
Die beiden Autos waren grün bzw. rot.
"grün" bezieht sich auf das eine Auto, "rot" auf das andere.
Wenn man nicht mehr weiß, ob die Autos rot oder grün
waren, ist "oder" richtig.
Wenn beide Autos rot-grün waren, ist "und" richtig.
Wenn ein Auto rot, das andere grün war, ist "bzw." richtig.
Nach meinem Gefühl ist die Verwendung von "bzw." der Versuch,
die (logische) Uneindeutigkeit des Wortes "oder" zu vermeiden.
Gruß
Andreas
> Subjekt 1: "Die beiden Jungen" - Prädikat 1: "waren"
> Subjekt 2: "die" - Prädikat 2: "schwänzten"
>
> Oder habe ich da was missverstanden?
Ja.
Subjekt 1: Junge 1
Subjekt 2: Junge 2
Prädikat 1: war 13 Jahre alt
Prädikat 2: war 14 Jahre alt
Ralf Heinrich hatte das IMHO etwas ungeschickt formuliert. Mit "zwei"
war der Plural gemeint.
Ein "oder" ließe mehrere Optionen offen: Waren beide Jungen 13 oder 14
Jahre alt? War jeder der beiden 13 oder 14 Jahre alt?
Ein "und" ist völlig unsinnig: Ein Junge kann nicht 13 und 14 Jahre alt
sein, und zwei Jungen können das auch nicht.
Nur das "beziehungsweise" stellt die richtige Zuordnung her: Ein Junge
war 13, der andere 14 Jahre alt.
vG, seine 2*10^-2 EUR beisteuernd
--
Volker Gringmuth http://www.volker-gringmuth.de
"Use any version of Microsoft Frontpage to create your site. (This won't prevent
people from viewing your source, but no one will want to steal it.)"
Tipp gegen Quellcode-Klau <http://www.vortex-webdesign.com/help/hidesource.htm>
Deskriptiv ist das richtig. Deshalb schrieb ich:
> > Es gibt allerdings auch die Fälle,
Der letzte Beispielsatz aus dem Wahrig paßt aber nicht ganz zu den
angegebenen Wortbedeutungen, denn es werden zwei verschiedene
Situationen vorgestellt, für die es jeweils genau eine Konsequenz gibt.
Man könnte hier vielleicht "oder aber" statt "beziehungsweise" sagen.
Ralf
> Ralf Heinrich Arning schrieb:
>
> > "Beziehungsweise" heißt jedenfalls nicht "oder", wie man leicht an einem
>
> Zumindest ist es auch eine Art Bindewort bei Aufzählungen u.ä. - so
> meinte ich das.
Ja, es ist eine Konjunktion, die aus einem Adverb entstanden ist.
>
> > Beispiel sieht:
> > Die beiden Jungen, die die Schule schwänzten, waren 13 bzw. 14. Jahre
> > alt.
> > "Bzw." kann hier nicht durch "oder" ersetzt werden. Denn hier gibt es
> > zwei Subjekte, auf die jeweils eines der beiden Prädikate bezogen wird.
>
> Da muss ich nochmal nachfragen, was die beiden Subjekte und Prädikate,
> von denen Du schreibst, mit dem "bzw." zu tun haben.
>
> Subjekt 1: "Die beiden Jungen" - Prädikat 1: "waren"
> Subjekt 2: "die" - Prädikat 2: "schwänzten"
Ich meine sachliche Subjekte, nicht grammatische. Die zwei Subjekte in
diesem Satz sind der eine und der andere Junge.
Andernorts, z. B. im Zweifelsfallduden, wird das Problem mit dem
Ausdruck "Substantiv" erklärt. Meines Erachtens bezeichnet "Substantiv"
eine Wortart. Darum geht es aber nicht. "Subjekt" ist dagegen
mehrdeutig. Eine der Bedeutungen paßt hier.
>
> Oder habe ich da was missverstanden? Der Satz "funktioniert" ja auch
> ohne den Einschub noch:
>
> "Die beiden Jungen waren 13 bzw. 14 Jahre alt"
> SSSSSSSSSSSSSSSSS PPPPP
Der Einschub war irreführend. Vergiß ihn.
>
> Hier gibt es m. E. - im grammatischen Sinne - nur ein Subjekt (S) und
> v.a. nur ein Prädikat (P). Dass es sich beim Subjekt um einen Plural
> handelt, spielt doch keine Rolle.
Doch, das ist genau der Punkt. Es ist auch nicht einfach ein Plural. Die
Mehrzahl ist abgezählt.
>
> > Allgemeiner gesagt: Werden auf mehrere Subjekte mehrere Prädikate
> > eindeutig bezogen, dann wird der Bezug mit "beziehungsweise"
> > hergestellt.
>
> Sorry, aber den Zusammenhang verstehe ich nicht.
In einem Satz gibt es mehrere *sachliche* Subjekte, denen im selben Satz
jeweils ein anderes Prädikat zugewiesen wird (z. B. 13 Jahre alt sein,
14 Jahre alt sein, 15 Jahre alt sein; oder: rothaarig sein, blond sein,
schwarzhaarig sein). Man kann nun mit Hilfe von "beziehungsweise" einen
einzigen Satz (mit genau einer finiten Verbform) bilden, in dem jedem
Subjekten genau eines der Prädikate zugeordnet wird.
"Max und Moritz sind blond bzw. schwarzhaarig."
Es gibt noch Varianten dieses Gebrauchs von "beziehungsweise", auf die
ich in meine Antwort auf Wolf eingehe, der mit Quellenforschung
angefangen hat.
>
> Was "beziehungsweise" als Wort an sich bedeutet (das wollte ich
> eigentlich wissen), haben wir allerdings noch nicht geklärt.
Wir werden dem zumindest nahe kommen. Nicht aufgeben!
> Während man
> "fälschlicherweise" oder "interessanterweise" durch "Es ist
> falsch/interessant, dass ..." umschreiben kann, fällt mir für "bzw."
> nichts Gescheites ein.
Da bestehen zwei wichtige Unterschiede: Erstens ist "Beziehung" ein
Substantiv; "fälschlich" ein Adverb, "interessant" ist ein Adjektiv, das
als Adverb verwendent werden kann. Zweitens wird "beziehungsweise" heute
nicht mehr als Adverb gebraucht wie noch im 18. Jahrhundert von Kant und
Schiller.
Hier ein Beispiel von Kant:
| In dieser Beurteilung des an sich Guten und Bösen, zum
| Unterschiede von dem, was nur beziehungsweise auf Wohl oder
| Übel so genannt werden kann, kommt es auf folgende Punkte an.
[Kant: Kritik der praktischen Vernunft, S. 108. Digitale
Bibliothek Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und
Denker, S. 24670 (vgl. Kant-W Bd. 7, S. 179)]
Anstelle von "beziehungsweise" würden wir heute "in bezug" schreiben.
Aber filtern wir einmal den für uns relevanten Satz heraus und lösen
"beziehungsweise" auf.
Manches wird nur beziehungsweise auf Wohl oder Übel gut und böse
genannt.
Es ist die Beziehung auf das Wohl oder die Beziehung auf das Übel, die
bestimmt, daß etwas gut oder aber böse genannt wird.
Oder: Man nennt manches gut wegen seiner Beziehung auf das Wohl und böse
wegen seiner Beziehung auf das Übel.
Um "interessanterweise" mit "beziehungsweise" zu vergleichen, muß man
also gleichartige Verwendungen heranziehen. Dabei müssen wir auf einen
heute unüblichen Wortgebrauch zurückgreifen.
Wir können die beiden Adverbien aber nicht in völlig gleiche Strukturen
auflösen, weil sie nicht aus den gleichen Wortarten zusammengesetzt
sind.
Ralf
> Ralf Heinrich Arning schrieb:
>
> > > dass das Wort "beziehungsweise" (meist abgekürzt als "bzw.") im Sinne
> > > von "oder (auch)" verwandt wird, ist mir klar, aber was bedeutet es
> > > eigentlich? Was bezieht sich da worauf?
> >
> > "Beziehungsweise" heißt jedenfalls nicht "oder",
>
> Stimmt, aber manchmal könnte man es durch »oder« ersetzen.
Und das wirft jedesmal die Fragen auf, ob die Sätze dann dasselbe
aussagen und stilistisch gut sind.
>
> > wie man leicht an einem
> > Beispiel sieht:
> >
> > Die beiden Jungen, die die Schule schwänzten, waren 13 bzw. 14. Jahre
> > alt.
> >
> > "Bzw." kann hier nicht durch "oder" ersetzt werden.
>
> Man könnte es hier durch »und« ersetzen, was aber nicht jedem
> gefällt, weshalb dann eben »beziehungsweise« verwendet wird.
Eben. So etwas haben wir hier erst vor kurzem diskutiert.
>
[...]
> > Es gibt allerdings auch die Fälle, in denen "beziehungsweise" gesagt
> > wird, obwohl es "besser gesagt" oder "oder vielmehr" heißen müßte. Die
> > ganz Schlimmen, die ganz wichtig tun wollen, sagen sogar nicht einfach
> > "beziehungsweise", sondern "respektive". Man erkennt diese Fälle daran,
> > daß das Prädikat *eines* Subjekts durch ein anderes ersetzt werden soll.
>
> In der Umgangssprache kommt das vor, wenn man eine Aussage korrigieren
> will - beziehungsweise wenn man sie präziser formulieren will. ;-)
... oder wenn man vielmehr gleich "oder ... vielmehr" hätte sagen
sollen.
Diese Verwendung von "beziehungsweise" ist in den Wörterbüchern
verbreitet, im Zweifelsfallduden von 1985 aber berechtigterweise nicht
anerkannt.
>
> Ansonsten ist »respektive« nicht schlimmer als »beziehungsweise«,
> sondern es ist einfach das entsprechende Fremdwort.
Genau. Aber nur /ansonsten/.
> Es klingt
> natürlich unter Umständen ziemlich geschwollen. »Respektive« wurde
> früher mit »beziehentlich« verdeutscht, was aber Anfang des 20. Jh.
> unterging. »Beziehungsweise« war früher die Verdeutschung von
> »relativ« (das deutsche Wort konnte man allerdings nur adverbial
> verwenden). Im Laufe des 19. Jh. wurde »beziehungsweise« dann
> aber immer öfter im Sinne von »respektive« verwendet.
(... wobei sich die Beseutung von "respektive" geändert zu haben
scheint. Vergleiche mal Feuerbach oder Hegel mit Fontane.
>
> Adelung verwendete das Wort noch in seiner alten Bedeutung:
>
> | Klein, -er, -ste, adj. et adv. welches allemahl beziehungsweise
> | gebraucht wird, ein geringeres Maß der Ausdehnung habend als
> | ein anderer Körper; [...]
Ja, das entspricht der Bedeutung von "relativ".
Im Handwörterbuch der Philosophie von Rudolf Eisler (1873-1926)
beginnt der Artikel "Relativ" so:
| Relativ: der Relation nach, beziehungsweise, (nur) in
| bestimmter Beziehung oder Abhängigkeit gültig, nicht an und für
| sich, nicht unabhängig, selbständig, nicht absolut (s. d.).
| Relativität ist der Charakter des Relativen. Relative
| Eigenschaften sind solche, welche ein Ding nur in Beziehung zu
| anderen Dingen, insbesondere aber zum erkennenden Subject hat.
[Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 4544. Die
digitale Bibliothek der Philosophie, S. 6175 (vgl.
Eisler-Begriffe Bd. 2, S. 251-252)]
Offenbar ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts fachsprachlich noch bekannt,
daß "beziehungsweise" die Übersetzung von "relativ" ist.
> Auch bei Schiller hat es noch nicht die moderne Bedeutung:
>
> | Meinungen, welche in diesen Briefen vorgetragen werden, können
> | also auch nur beziehungsweise wahr oder falsch sein, gerade so,
> | wie sich die Welt in dieser Seele und keiner andern spiegelt.
> [Schiller: Philosophische Briefe, S. 3. Digitale Bibliothek Band 1:
> Deutsche Literatur, S. 148669 (vgl. Schiller-SW Bd. 5, S. 337)]
Paul bringt das Beispiel auch. Welcher Brief ist das?
>
> »Beziehungsweise« bedeutet hier ungefähr »je nach ihrer Beziehung«.
Oder: "In bezug auf ihren jeweiligen Zusammenhang". Wie bei Adelung ist
es keine Konjunktion.
Im 18. Jahrhundert findet man des öfteren die Verwendung als Adverb, das
eine Relation deutlich machen soll, z. B. hier:
| Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d.i. ein Begriff von
| irgend etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen
| könne. Es ist bloß die Position eines Dinges, oder gewisser
| Bestimmungen an sich selbst. Im logischen Gebrauche ist es
| lediglich die Kopula eines Urteils. Der Satz: Gott ist
| allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihre Objekte haben: Gott
| und Allmacht; das Wörtchen: ist, ist nicht noch ein Prädikat
| oben ein, sondern nur das, was das Prädikat beziehungsweise
| aufs Subjekt setzt. Nehme ich nun das Subjekt (Gott) mit allen
| seinen Prädikaten (worunter auch die Allmacht gehöret)
| zusammen, und sage: Gott ist, oder es ist ein Gott, so setze
| ich kein neues Prädikat zum Begriffe von Gott, sondern nur das
| Subjekt an sich selbst mit allen seinen Prädikaten, und zwar
| den Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff. Beide müssen
| genau einerlei enthalten, und es kann daher zu dem Begriffe,
| der bloß die Möglichkeit ausdrückt, darum, daß ich dessen
| Gegenstand als schlechthin gegeben (durch den Ausdruck: er ist)
| denke, nichts weiter hinzukommen.
[Kant: Kritik der reinen Vernunft, S. 696 f. Digitale
Bibliothek Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und
Denker, S. 24244 f. (vgl. Kant-W Bd. 4, S. 533-534)]
Man kann die entscheidende Phrase umformen in:
"das Wörtchen: ist, ist nicht noch ein Prädikat oben ein [= dazu],
sondern nur das, was das Prädikat in der Art einer Beziehung aufs
Subjekt setzt."
(Ich hätte noch eine Satz von Schopenhauer bringen können, der 148
Wörter lang ist!)
Zu der Zeit, als Eisler "beziehungsweise" noch als Bedeutung von
"relativ", mithin als Adverb kannte, war bereit die Verwendung des Worts
als Konjunktion verbreitet.
Unter dem Stichwort "Aufmerksamkeit" zitiert Eisler in seinem
Wörterbuch:
| KREIBIG: »Die Aufmerksamkeit ist ein Wollen, das darauf
| gerichtet ist, einen äußeren Eindruck oder eine reproducierte
| Vorstellung, beziehungsweise bestimmte Einzelheiten darin klar
| und deutlich bewußt zu machen« (Die Aufm. als Willensersch. S.
| 2, vgl. S. 68, 76 ff. 83 ff.).
[Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 571. Die
digitale Bibliothek der Philosophie, S. 2202 (vgl.
Eisler-Begriffe Bd. 1, S. 106-107)]
(Josef Klemens Kreibig, *1863. Das zitierte Buch "Die
Aufmerksamkeit" erschien 1897.)
"Beziehungsweise" leitet hier keine Korrektur ein, bedeutet
also nicht "oder" oder "oder vielmehr". Was "klar und deutlich
bewußt" gemacht werden soll ist erstens ein äußerer Eindruck
als Ganzer, zweitens bestimmte Einzelheiten in einem äußerem
Eindruck, drittens eine reproduzierte Vorstellung als Ganze und
viertens bestimmte Einzelheiten in einer reproduzierten
Vorstellung. Mit "beziehungsweise" kann man das natürlich kürzer sagen.
Ein derartiger Wortgebrauch verführt aber dazu, auch in den Fällen, in
denen "oder aber" besser wäre, auch "beziehungsweise" zu sagen.
Noch Problematischeres finden wir im Artikel "Gefühl", in dem Eisler
Eduard von Hartmann(1842-1906) zitiert:
| E. v. HARTMANN bestimmt (wie schon SCHOPENHAUER) Lust und
| Unlust als »Willensbefriedigung« und »Repression des Willens«
| (Kateg. S. 66). Sie sind »bloße Affectionen oder Modi des
| Willens«.(S. 64), »Formen der Bewußtwerdung des Willens in
| seiner Collision mit anderm Wollen« (S. 63). Das bewußte Gefühl
| ist »Reaction des Wollens auf eine ihm widerfahrene Hemmung;
| beziehungsweise auf die Überwindung dieser Hemmung« (Mod. Ps.
| S. 199; Ph. d. Unb.10, 34 ff., 41 ff.; Neukant. 296 f.,
| 359 ff.).
[Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 1807. Die
digitale Bibliothek der Philosophie, S. 3438 (vgl.
Eisler-Begriffe Bd. 1, S. 359)]
Auch hier ist "beziehungsweise" eine Konjunktion. Man könnte
das Wort durch "oder" ersetzen. Der Satz hätte dann aber nicht exakt
denselben Sinn. Dem Sinn von Hartmanns Aussage käme näher, wenn
man ein Entweder-oder-Gefüge bildete. In der Formulierung des
Zitats werden aber zwei Zusammenhänge als Möglichkeiten
vorgestellt, die weder als alternativ noch als gleichwertig
gedacht werden, sondern als relativ verschieden.
In gewissen Sinne liegen auch hier zwei Subjekte vor, nämlich zwei
verschiedenen "Reactionen des Wollens". Sie werden aber hier unter einem
Oberbegriff zusammengefaßt.
Bei Fontane findet man beide Verwendungen der Konjunktion.
Zunächst zwei Beispiele, in denen zwei Prädikate in Beziehung
zu je einem sachlichen Subjekt gesetzt werden:
| Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel
| beziehungsweise die Mitte des Tisches bildeten.
[Fontane: Der Stechlin, S. 144. Digitale Bibliothek Sonderband:
Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 5997 (vgl.
Fontane-RuE, Bd. 8, S. 97)]
Doppelbödig:
| Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter beziehungsweise
| Schwiegerväter.
[Fontane: Der Stechlin, S. 483. Digitale Bibliothek Sonderband:
Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 6336 (vgl.
Fontane-RuE, Bd. 8, S. 311)]
Nun ein Beispiel für den stilistisch fraglichen Fall, in dem
"beziehungsweise" durch "oder vielmehr" oder "genauer gesagt"
ersetzt werden könnte:
| Die Nachricht davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches
| Interesse, weil die gesamte Bevölkerung nicht nur dem Frieden
| mißtraute, den Haugwitz mit heimgebracht hatte, sondern auch
| mehr und mehr der Überzeugung lebte, daß im letzten immer nur
| unsre eigene Kraft auch unsre Sicherheit beziehungsweise unsre
| Rettung sein werde.
[Fontane: Schach von Wuthenow, S. 97. Digitale Bibliothek
Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 4676
(vgl. Fontane-RuE, Bd. 3, S. 433-434)]
Hier könnte "beziehungsweise" durch "oder auch" ersetzen:
| Es versteht sich von selbst, daß die Strophe noch an
| demselben Abend auswendig gelernt, aber doch
| nebenher auch auf ihre Schönheit beziehungsweise
| Nicht-Schönheit kritisch geprüft worden war.
[Fontane: Effi Briest, S. 368 f. Digitale Bibliothek
Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 5739
(vgl. Fontane-RuE, Bd. 7, S. 239)]
Die Beispiele zeigen zum einen einen adverbiellen Wortgebrauch, der
heute unüblich ist, zum anderen zwei Verwendungen als Konjunktion, von
denen der eine die Herkunft vom Adverb inhaltlich erkennen läßt.
Wann "beziehungsweise" zu Konjunktion wurde kann ich nicht sagen. Hat
jemand gerade Grimms Wörterbuch parat oder kommt in die Webausgabe rein?
Ralf
> Die beiden Jungen, die die Schule schwänzten, waren 13 bzw. 14. Jahre
> alt.
Auf Englisch hieße das: The two boys [...] were 13 and 14 years old,
respectively.
--
"Prust* Das ist jetzt aber nicht Dein Ernst Uta: "Wann gibt es endlich den
PLUS - Purzelpreis - Werbefilm bei Aldi?" Da liege ich ja mit meinem Wunsch nach
einem Aldi auf Pellworm noch besser im Rennen..." - Hartmut 'Hardy' Schiszler
in <a9sbbr.3...@ID-82801.user.dfncis.de> in de.alt.fan.aldi
> Steffen Kuß <ma...@steffenkuss.de> wrote:
>
>> Hallo,
>>
>> dass das Wort "beziehungsweise" (meist abgekürzt als "bzw.") im Sinne
>> von "oder (auch)" verwandt wird, ist mir klar, aber was bedeutet es
>> eigentlich? Was bezieht sich da worauf?
>
> "Beziehungsweise" heißt jedenfalls nicht "oder", wie man leicht an einem
> Beispiel sieht:
>
> Die beiden Jungen, die die Schule schwänzten, waren 13 bzw. 14. Jahre
> alt.
>
> "Bzw." kann hier nicht durch "oder" ersetzt werden. Denn hier gibt es
> zwei Subjekte, auf die jeweils eines der beiden Prädikate bezogen wird.
Es kann hier aber hervorragend durch "und" ersetzt werden. Vorher
wird nicht zwischen den Jungen unterschieden, deswegen ist es auch
nachher egal, welcher von beiden 13 und welcher 14 Jahre alt ist.
Das sind ja mal wieder typische Hegel-Sätze, die man da findet. ;-)
Das Wort »respektiv« bedeutete früher auch »jeweils, jedesmalig«.
| Indem Signora unser Gespräch, das wir größtenteils auf englisch
| führten, nicht verstehen konnte, geriet sie, Gott weiß wie! auf
| den Gedanken, wir stritten über die Vorzüglichkeit unserer
| respektiven Landsleute. Sie lobte nun die Engländer ebenso wie
| die Deutschen, obgleich sie im Herzen die ersteren für nicht
| klug und die letzteren für dumm hielt.
[Heine: Reisebilder. Vierter Teil, S. 57. Digitale Bibliothek Band 1:
Deutsche Literatur, S. 77087 (vgl. Heine-WuB Bd. 3, S. 394)]
Hier ist gemeint: ... unserer jeweiligen Landsleute ...
Bei Kant hat »respektiv« wohl eher die Bedeutung »in Bezug (auf)«,
ich habe mir die Belege nur oberflächlich durchgelesen.
Im Fremdwörterbuch von Kiesewetter (3. Aufl. 1858) steht folgendes:
| *respectiv, -tive,*
| rücksichtlich, bezüglich, mit Hinsicht, gebührend,
| nach Verhältniß, Befinden, Umständen; gegen- od. wechselseitig,
| anderseitig; oft für *respectirlich*, und oft ganz überflüssig,
| z. B. dessen *resp.* Ehefrau u. Kinder
Das Wort hatte also eine Menge Bedeutungen.
Es hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, aber weil ich's gerade
sehe ... Drei Zeilen tiefer steht dies:
| *Respectuöse, f.*
| durchsichtige Bedeckung des weiblichen Busens
Wieder ein neues Wort gelernt. ;-)
Ah ja, bei Friedrich Nicolai kommt sie auch vor:
| Eine respectueuse ist eine Bedeckung des Busens mit Spitzen,
| Filet und anderm durchsichtigen Zeuge, die vermutlich den Namen
| davon führt, weil sie nicht Ehrfurcht veranlaßt.
[Nicolai: Sebaldus Nothanker, S. 625. Digitale Bibliothek Band 1:
Deutsche Literatur, S. 134467]
Aber zurück zum Thema, wir wollen uns dadurch nicht ablenken lassen. ;-)
> > Adelung verwendete das Wort noch in seiner alten Bedeutung:
> >
> > | Klein, -er, -ste, adj. et adv. welches allemahl beziehungsweise
> > | gebraucht wird, ein geringeres Maß der Ausdehnung habend als
> > | ein anderer Körper; [...]
>
> Ja, das entspricht der Bedeutung von "relativ".
Oder vielleicht auch einer alten Bedeutung von »respektiv«,
die möglicherweise ungefähr in diese Richtung ging. Vielleicht hat
sich ja die Bedeutung von »beziehungsweise« im selben Maße wie die
Bedeutung von »respektiv(e)« geändert.
[...]
> > | Meinungen, welche in diesen Briefen vorgetragen werden, können
> > | also auch nur beziehungsweise wahr oder falsch sein, gerade so,
> > | wie sich die Welt in dieser Seele und keiner andern spiegelt.
> > [Schiller: Philosophische Briefe, S. 3. Digitale Bibliothek Band 1:
> > Deutsche Literatur, S. 148669 (vgl. Schiller-SW Bd. 5, S. 337)]
>
> Paul bringt das Beispiel auch.
In Trübners Wb. wird es ebenfalls zitiert.
> Welcher Brief ist das?
Das Zitat stammt aus der »Vorerinnerung«, die am Anfang steht
(dort der vierte Absatz).
[viele interessante Belege]
> Die Beispiele zeigen zum einen einen adverbiellen Wortgebrauch, der
> heute unüblich ist, zum anderen zwei Verwendungen als Konjunktion, von
> denen der eine die Herkunft vom Adverb inhaltlich erkennen läßt.
>
> Wann "beziehungsweise" zu Konjunktion wurde kann ich nicht sagen. Hat
> jemand gerade Grimms Wörterbuch parat oder kommt in die Webausgabe rein?
Das Lemma »beziehungsweise« gibt es nicht im (alten) DWB. Man müßte
also in die Neubearbeitung schauen. »Bezieh(ent)lich« steht drin:
| BEZIEHLICH, relativus, bezüglich: [Zitat von Jean Paul]
| man hört auch /beziehentlich/.
Sehr schön ist dieses »man hört auch«, das ist typisch für den
ersten Band des DWB. Man kann's zwar gerade nicht belegen, aber
man wollte es doch erwähnt haben. ;-)
Kluge (21. Aufl.) meint, daß das »unklare Adv. /beziehungsweise/«
zum ersten Mal 1755 auftaucht. Eine Belegstelle wird dort nicht
genannt.
Stieler (Sprachschatz, 1691) hat »beziehlicher weise«:
| Beziehlicher weise / remissive.
Leider gibt er hier kein Anwendungsbeispiel. Die lat. Übersetzung
hilft auch nicht viel weiter. ;-)
Es kann natürlich auch sein, daß sich Stieler dieses Wort
ausgedacht hat; es muß damals nicht unbedingt gebräuchlich
gewesen sein.
Noch in der 12. Aufl. des Duden wird »beziehungsweise« mit »Uw.«
markiert (Umstandswort). Eigentlich war es damals doch schon ein
»Bw.« (Bindewort). Im Kluge (21. Aufl.) wird es ja auch als
Adverb bezeichnet, wie oben erwähnt. Den Übergang zur Konjunktion,
der wohl im (späteren) 19. Jh. stattfand, erwähnt er gar nicht.
Umgekehrt spricht Pfeifer nur von einer Konjunktion.
Eine Suche nach »beziehungsweise« in der Sammlung »Deutsche
Literatur von Lessing bis Kafka, Studienbibliothek« ergibt
48 Fundstellen, davon allein 40(!) bei Fontane (alle im heutigen
Sinne, wenn ich das richtig gesehen habe). »Beziehentlich« kommt
dreimal vor (alle bei Fontane).
Das Ungewöhnliche an »beziehungsweise« ist eben, daß es (heutzutage)
eine Konjunktion und kein Adverb (wie andere Wörter auf -weise) ist,
deshalb hat Steffen wohl auch nach der Bedeutung und Herkunft
dieses Wortes gefragt.
Schöne Grüße,
Wolf
Darüber wird in dieser Gruppe gelegentlich gestritten.
Ich gehöre zu der "Und"-ist-nicht-so-gut-Fraktion.
Ralf
> Ralf Heinrich Arning schrieb:
>
> > (... wobei sich die Beseutung von "respektive" geändert zu haben
> > scheint. Vergleiche mal Feuerbach oder Hegel mit Fontane.
>
> Das sind ja mal wieder typische Hegel-Sätze, die man da findet. ;-)
> Das Wort »respektiv« bedeutete früher auch »jeweils, jedesmalig«.
>
> | Indem Signora unser Gespräch, das wir größtenteils auf englisch
> | führten, nicht verstehen konnte, geriet sie, Gott weiß wie! auf
> | den Gedanken, wir stritten über die Vorzüglichkeit unserer
> | respektiven Landsleute. Sie lobte nun die Engländer ebenso wie
> | die Deutschen, obgleich sie im Herzen die ersteren für nicht
> | klug und die letzteren für dumm hielt.
> [Heine: Reisebilder. Vierter Teil, S. 57. Digitale Bibliothek Band 1:
> Deutsche Literatur, S. 77087 (vgl. Heine-WuB Bd. 3, S. 394)]
>
> Hier ist gemeint: ... unserer jeweiligen Landsleute ...
Ähnlich ist dabei -- wie es bei Schopenhauer für "beziehungsweise" auch
möglich ist -- der attributive Gebrauch. Allerdings sieht das Wort
"respektive" zunächst nicht nach einem Adverb aus.
>
> Bei Kant hat »respektiv« wohl eher die Bedeutung »in Bezug (auf)«,
> ich habe mir die Belege nur oberflächlich durchgelesen.
Zum Teil hat es diese Bedeutung. Siehe aber:
| Weil nun durch die respective Bewegung der beiden Körper gegen
| einander in B eine Geschwindigkeit 3 gesetzt wurde, die B
| beziehungsweise auf den äußern Raum nicht gänzlich, sondern nur
| davon 2 Grade hat, so wird [...]
[I. Kant, Neuer Lehrbegriff der Bewegung und der Ruhe (1758), Werke II,
S. 25, nach: Kant im Kontext plus. Werke auf CD-ROM, Karsten Worm
InfoWare, Berlin]
"Respective" ist hier ein Adjektiv, "beziehungsweise" ein Adverb.
Bei Kant ist "beziehungsweise" durch die Bank ein Adverb. Ich fand 26
Belege. In 23 davon heißt es "in bezug", zweimal "in wechselseitiger
Beziehung", einmal "jeweils für beide".
"Respective" habe ich 20 mal gezählt. Meistens wird es adverbiell
gebraucht, davon wiederum meistens (14 mal) ungefähr in der Bedeutung
von "in bezug (auf), "in Bezug (auf)", "bezüglich", "mit Blick (auf)",
einmal "jeweils" und zweimal "relativ". Als Attribut bedeutet es auch
ungefähr "relativ" oder "relational". Das fand ich aber nur dreimal.
Meine o. a. Behauptung vom Bedeutungswandel von "respektive" korrigiere
ich dahingehend, daß bestimmte Verwendungen, nämlich als Attribut und
als Adverb in der Bedeutung von "bezüglich" und "im Blick (auf)" etc.,
sowie die Bedeutungen "relativ" und "jeweils" weggefallen sind.
"Relativ" hat schon im 18. Jh. -- s. z. B. den Gebrauch bei Goethe und
Kant -- mit "respective" als Adverb und Attribut konkurriert und bedeute
nicht nur "verhältnismäßig". Im 19. Jh. hat es in diesen Bedeutungen
"respektive" dann verdrängt. Schon bei Hegel wird es oft verwendet im
Sinne von "in bezug (auf)".
[...]
>
> Wieder ein neues Wort gelernt. ;-)
> Ah ja, bei Friedrich Nicolai kommt sie auch vor:
>
> | Eine respectueuse ist eine Bedeckung des Busens mit Spitzen,
> | Filet und anderm durchsichtigen Zeuge, die vermutlich den Namen
> | davon führt, weil sie nicht Ehrfurcht veranlaßt.
> [Nicolai: Sebaldus Nothanker, S. 625. Digitale Bibliothek Band 1:
> Deutsche Literatur, S. 134467]
Der Erklärung glaube ich nicht. Mein Weis/Mattutat von 1974 kennt neben
"respektvoll, ehrerbietig" die humoristische Bedeutung "Dirne". Diese
Bedeutung wird wohl auf dieses durchsichtige Zeug übertragen worden
sein.
[...]
> Vielleicht hat
> sich ja die Bedeutung von »beziehungsweise« im selben Maße wie die
> Bedeutung von »respektiv(e)« geändert.
Es blieb jedenfalls nur die Konjunktion übrig. Die beiden Wörter sind
nun gleichbedeutend.
[Schillerzitat]
>
> > Welcher Brief ist das?
>
> Das Zitat stammt aus der »Vorerinnerung«, die am Anfang steht
> (dort der vierte Absatz).
Ich hab's im Netz gefangen:
<http://www.odysseetheater.com/schiller/schiller_philosophische_briefe.h
tm>
[...]
>
> Kluge (21. Aufl.) meint, daß das »unklare Adv. /beziehungsweise/«
> zum ersten Mal 1755 auftaucht. Eine Belegstelle wird dort nicht
> genannt.
Kant benutzt es 1758 im o. a. Werk immerhin viermal.
So unklar ist das Wort doch nun auch nicht. Die Geschichte seiner
Anwendung ist eigentümlich.
Mit "beziehungsweise" wird die Gültigkeit von Aussagen eingeschränkt auf
bestimmte Relationen, die aus dem Kontext ersichtlich sind.
>
> Stieler (Sprachschatz, 1691) hat »beziehlicher weise«:
>
> | Beziehlicher weise / remissive.
>
> Leider gibt er hier kein Anwendungsbeispiel. Die lat. Übersetzung
> hilft auch nicht viel weiter. ;-)
> Es kann natürlich auch sein, daß sich Stieler dieses Wort
> ausgedacht hat; es muß damals nicht unbedingt gebräuchlich
> gewesen sein.
Pfeifer wird es wohl daher haben.
> Noch in der 12. Aufl. des Duden wird »beziehungsweise« mit »Uw.«
> markiert (Umstandswort). Eigentlich war es damals doch schon ein
> »Bw.« (Bindewort). Im Kluge (21. Aufl.) wird es ja auch als
> Adverb bezeichnet, wie oben erwähnt. Den Übergang zur Konjunktion,
> der wohl im (späteren) 19. Jh. stattfand, erwähnt er gar nicht.
> Umgekehrt spricht Pfeifer nur von einer Konjunktion.
Das ist ziemlich seltsam, denn das müßte den Lexikographen doch
aufgefallen sein, und bemerkenswert ist es allemal.
>
> Eine Suche nach »beziehungsweise« in der Sammlung »Deutsche
> Literatur von Lessing bis Kafka, Studienbibliothek« ergibt
> 48 Fundstellen, davon allein 40(!) bei Fontane (alle im heutigen
> Sinne, wenn ich das richtig gesehen habe). »Beziehentlich« kommt
> dreimal vor (alle bei Fontane).
Die relative Häufigkeit von "beziehungsweise" und "respektive" bei
Fontane ist mir mit meiner Sparversion der Digitalen Bibliothek auch
aufgefallen. Ich vermute, daß es sich nicht um eine persönliche Marotte
des Schriftstellers handelt, sondern daß ein verbreiteter Wortgebrauch
abgebildet wird.
Andererseits ist verblüffend, daß "relativ" bei ihm nicht vorkommt,
jedenfalls nicht in dieser Auswahl:
Gedichte [Ausgabe 1898]: Lieder und Sprüche, Bilder und Balladen,
Gelegenheits-Gedichte, Lieder und Balladen, frei nach dem Englischen
Romane und Erzählungen: Grete Minde, Schach von Wuthenow, Irrungen,
Wirrungen, Frau Jenny Treibel, Effi Briest, Der Stechlin.
Ralf