Evgueni Goutyrtchik schrieb:
>
> Hallo zusammen,
>
> wieder etwas gefunden, was ich nicht verstehe. "GOtt" - ist es (mit
> zwei Großbuchstaben am Anfang) ein Versuch das Wort "groß" zu machen?
Ja, so kann man es sagen. In der Barockzeit war es Mode,
ehrfurchtsvolle Namen - vor allem den Namen Gottes - durch zwei
Kapitalen am Wortbeginn zu unterstreichen.
> Hing es mit der heutigen Regeln deutscher Großschreibung zusammen,
> oder gab es diese Form schon vorher (eventuell bei Luther?)?
Diese Form gab es erst seit der Zeit, als die generelle Großschreibung
von Substantiven im Deutschen verbindlich wurde, sie also nicht mehr
stilistischen Zwecken dienen konnte. Anders das Englische, wo
großgeschriebenes "God" oder "Love" eine besondere Hervorhebung
bedeutet.
> Einige Male habe ich sowas auch bei anderen Wörtern bemerkt,
Zum Beispiel "HErr"? ;-) Oder "JEsus CHristus"? ;-)
> aber damals dachte ich, es seien Tippfehler. Irrte ich mich?
Nein, du irrst nicht. Mein Befremden war ebenfalls sehr beträchtlich,
als ich zum ersten Mal auf diese absonderlichen und veralteten
Schreibungen gestossen bin. Riecht mir ein bißchen nach theologischem
Wortfetisch. ;-)
> "Religion ist das Opium des Volkes" (Marx)
"Opium ist die Religion der Herrschenden" (Amrhein) ;-)
Grüße,
Jürgen
> wieder etwas gefunden, was ich nicht verstehe. "GOtt" - ist es (mit zwei
> Großbuchstaben am Anfang) ein Versuch das Wort "groß" zu machen? Hing es
> mit
> der heutigen Regeln deutscher Großschreibung zusammen, oder gab es diese
> Form schon vorher (eventuell bei Luther?)?
>
> Einige Male habe ich sowas auch bei anderen Wörtern bemerkt, aber damals
> dachte ich, es seien Tippfehler. Irrte ich mich?
Ich lese gerade ein Skriptum zur Literatur des Barock, wo in zitierten
Texten manchmal das Wort am Satzanfang mit zwei Großbuchstaben geschrieben
wird. Zum Beispiel:
"WEil die Poesie/ wie auch die Rednerkunst/ in dinge vnd worte abgetheilet
wird;" [Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey. 1624. Kap. 5]
"JNdem vnser gantzes Vatterland sich nuhmehr in seine eigene Aschen
verscharret/ vnd in einen Schawplatz der Eitelkeit verwandelt;" [Andreas
Gryphius: Leo Armenius. 1650. Vorrede.]
"JN meinem Gäns=Stall concipirte ich/ was beydes vom Tantzen und Sauffen
ich im ersten Theil meines Schwartz und Weiß hiebevor geschrieben/" [Hans
Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. 1669/70.
Einleitung zu Buch II/1]
Die Originaldrucke habe ich nicht gesehen. Es scheint sich aber in all
diesen Fällen um Kapitelanfänge zu handeln, deren erster Buchstabe gerne
als ausgeschmückte Initiale dargestellt wurde. Nun kann es sich bei den
beiden Großbuchstaben um den Versuch handeln, dies beim Zitieren
wiederzugeben, oder beide Buchstaben waren Initialen, oder (was mir am
plausibelsten erscheint) nur der erste Buchstabe war als Initiale
dargestellt, aber der erste normale Buchstabe wurde auch groß geschrieben.
Also etwa so:
| N meinem Gäns=Stall concipirte ich
| was beydes vom Tantzen und Sauffen ich im ersten
_| Theil meines Schwartz und Weiß hiebevor geschrieben
Das nur so als Idee. Ob das auch auf den "GOtt" zutrifft, ist eine andere
Frage. Wenn es im fließenden Text vorkommt, dürfte es sich um eine Art
Verehrung handeln. (Goethe soll ja auch vor allem groß geschrieben haben,
was ihm wichtig war.)
Eigenartig auch folgender Buchtitel:
"SATYRIscher Pilgram/ Das ist: Kalt und Warm/ Weiß und Schwartz/ Lob und
Schand/ über guths und böß/ [...]" [Grimmelshausen: Satyrischer Pilgram.
1667]
Hier hätte ich einen Zeilenumbruch vermutet. (Also erste Zeile
Großbuchstaben, Rest klein.) Ein Zeilenumbruch wäre aber wohl durch einen
Schrägstrich gekennzeichnet worden. Hat jemand Zugang zu einem
Originaldruck?
Grüße,
Martin
Martin Braun wrote:
> Ich lese gerade ein Skriptum zur Literatur des Barock, wo in zitierten
> Texten manchmal das Wort am Satzanfang mit zwei Großbuchstaben geschrieben
> wird. Zum Beispiel:
>
> "WEil die Poesie/ wie auch die Rednerkunst/ in dinge vnd worte abgetheilet
> wird;" [Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey. 1624. Kap. 5]
>
> "JNdem vnser gantzes Vatterland sich nuhmehr in seine eigene Aschen
> verscharret/ vnd in einen Schawplatz der Eitelkeit verwandelt;" [Andreas
> Gryphius: Leo Armenius. 1650. Vorrede.]
>
> "JN meinem Gäns=Stall concipirte ich/ was beydes vom Tantzen und Sauffen
> ich im ersten Theil meines Schwartz und Weiß hiebevor geschrieben/" [Hans
> Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. 1669/70.
> Einleitung zu Buch II/1]
>
> Die Originaldrucke habe ich nicht gesehen. Es scheint sich aber in all
> diesen Fällen um Kapitelanfänge zu handeln, deren erster Buchstabe gerne
> als ausgeschmückte Initiale dargestellt wurde.
Korrekt.
> Nun kann es sich bei den
> beiden Großbuchstaben um den Versuch handeln, dies beim Zitieren
> wiederzugeben,
Ja.
> oder beide Buchstaben waren Initialen, oder (was mir am
> plausibelsten erscheint) nur der erste Buchstabe war als Initiale
> dargestellt, aber der erste normale Buchstabe wurde auch groß geschrieben.
Genau. Die Initiale galt nicht als Satz- bzw. Wortanfang, deswegen hat man den
nächsten folgenden Buchstaben auch groß geschrieben.
> "SATYRIscher Pilgram/ Das ist: Kalt und Warm/ Weiß und Schwartz/ Lob und
> Schand/ über guths und böß/ [...]" [Grimmelshausen: Satyrischer Pilgram.
> 1667]
>
> Hier hätte ich einen Zeilenumbruch vermutet. (Also erste Zeile
> Großbuchstaben, Rest klein.)
Wäre möglich, möglich ist aber auch die gewollte Hervorhebung, die durch einen
Zeilenumbruch unterstützt wird. An der für heutige Augen ungewohnten Trennung
darf man sich nicht stören. Der fehlende Schrägstrich erklärt sich vielleicht
dadurch, daß man im Wortinnern auf die explizite Darstellung des
Zeilenumbruchs verzichtet hat.
> Ein Zeilenumbruch wäre aber wohl durch einen
> Schrägstrich gekennzeichnet worden.
Wird er auch.
Grüße.
Guido
> Hallo zusammen,
>
> wieder etwas gefunden, was ich nicht verstehe. "GOtt" - ist es (mit zwei
> Großbuchstaben am Anfang) ein Versuch das Wort "groß" zu machen? Hing es mit
> der heutigen Regeln deutscher Großschreibung zusammen, oder gab es diese
> Form schon vorher (eventuell bei Luther?)?
Mit den heutigen Rechtschreibregeln hat das nichts zu tun. Vielmehr war
es in früheren Jahrhunderten stark verbreitet, die Wörter "Gott" und
"Herr" besonders hervorzuheben, z. B. durch die Großschreibung der
ersten beiden Anfangsbuchstaben.
>
> Einige Male habe ich sowas auch bei anderen Wörtern bemerkt, aber damals
> dachte ich, es seien Tippfehler. Irrte ich mich?
Als Tippfehler gibt es das natürlich auch.
Ralf
>Zum Beispiel "HErr"? ;-) Oder "JEsus CHristus"? ;-)
>> aber damals dachte ich, es seien Tippfehler. Irrte ich mich?
>Nein, du irrst nicht. Mein Befremden war ebenfalls sehr beträchtlich,
>als ich zum ersten Mal auf diese absonderlichen und veralteten
>Schreibungen gestossen bin. Riecht mir ein bißchen nach theologischem
>Wortfetisch. ;-)
Die Schreibung "HErr" ist auch verwendet worden, um die Stellen zu
kennzeichnen, an denen im hebräischen Urtext der Gottesname JHWH steht, im
Gegensatz zu denen, wo einfach das Wort "Herr" steht. Die englischen
Übersetzungen machen das bis heute so; allerdings setzen sie das ganze
Wort in Kapitälchen, was entschieden weniger barock aussieht.
Die Tradition, den Gottesnamen anders zu behandeln (zum Beispiel ihn in
althebräischer Schrift zu setzen, obwohl der restliche Text in
Quadratschrift ist - oder sogar mitten im griechischen Text) ist schon
alt.
Helmut Richter
Ralf Heinrich Arning schrieb:
> > Einige Male habe ich sowas auch bei anderen Wörtern bemerkt, aber
> > damals dachte ich, es seien Tippfehler. Irrte ich mich?
>
> Als Tippfehler gibt es das natürlich auch.
Ein Barockautor müsste bei MS-Word erstmal die automatische
Fehlerkorrektur überlisten. ;-)
Jürgen
Juergen Amrhein wrote:
> Ein Barockautor müsste bei MS-Word erstmal die automatische
> Fehlerkorrektur überlisten. ;-)
Die kann man doch ohne viel List und Tücke einfach ausschalten. Wußtest
du das nicht?
Grüße.
Guido
> Zum Beispiel "HErr"? ;-) Oder "JEsus CHristus"? ;-)
>
> > aber damals dachte ich, es seien Tippfehler. Irrte ich mich?
>
> Nein, du irrst nicht. Mein Befremden war ebenfalls sehr beträchtlich,
> als ich zum ersten Mal auf diese absonderlichen und veralteten
> Schreibungen gestossen bin. Riecht mir ein bißchen nach theologischem
> Wortfetisch. ;-)
>
> > "Religion ist das Opium des Volkes" (Marx)
>
> "Opium ist die Religion der Herrschenden" (Amrhein) ;-)
Jetzt fehlt eigentlich nur das Ding von der Sprache als
Unterdrückungsinstrument der Herrschenden... Kinder, dis is doch nu oll.
FR
Auch im studentischen gebräuchlich: burschikos wurde ursprünglich so
schrieben, daß 'burschi' in Kurrent oder, im Drucke, in Fraktur, das
Suffix 'kos' griechisch geschrieben wurde.
FR
[...]
> z. B. durch die Großschreibung der
> ersten beiden Anfangsbuchstaben.
^^^^^^ ^^^^^^^
Ich bekenne, ich habe gefehlt.
Ralf
Die Lutherbibel schreibt im Alten Testament das Wort "Herr" heute in
Großbuchstaben, um anzuzeigen, wo im hebräischen Urtext der Gottesname
steht.
Gruß
Frank
>Ich lese gerade ein Skriptum zur Literatur des Barock, wo in zitierten
>Texten manchmal das Wort am Satzanfang mit zwei Großbuchstaben geschrieben
>wird. Zum Beispiel:
>
>"WEil die Poesie/ wie auch die Rednerkunst/ in dinge vnd worte abgetheilet
>wird;" [Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey. 1624. Kap. 5]
>Eigenartig auch folgender Buchtitel:
>
>"SATYRIscher Pilgram/ Das ist: Kalt und Warm/ Weiß und Schwartz/ Lob und
>Schand/ über guths und böß/ [...]" [Grimmelshausen: Satyrischer Pilgram.
>1667]
>
>Hier hätte ich einen Zeilenumbruch vermutet. (Also erste Zeile
>Großbuchstaben, Rest klein.) Ein Zeilenumbruch wäre aber wohl durch einen
>Schrägstrich gekennzeichnet worden. Hat jemand Zugang zu einem
>Originaldruck?
Das Original-Titelblatt ist wiedergegeben
im Abdruck des Textes der Erstausgabe,
der 1970 in Tübingen erschienen ist. Der Titel
von 1667 sieht wie folgt aus (hier linksbündig,
aber im originalen Zeilenumbruch):
SATYRIscher
Pilgram/
Das ist:
Kalt und Warm/Weiß
und Schwartz/Lob und Schand/
ueber guths und boeß/Tugend und
Laster/auch Nutz und Schad
vieler Staendt und Ding
der Sichtbarn und Unsicht=
barn der Zeitlichen und
Ewigen Welt.
Beydes lustig und nuetzlich zulesen/
von Neuem zusamen getragen
durch SAMUEL GREIFENSON,
vom Hirschfeld.
Daselbst drucktes
HIERONYMUS GRISENIUS,
und in Leipzig
Bey Georg Heinrich Fromannen
Buchhaendlern zufinden/
Anno 1667.
Orthografie und Typografie sind
also ziemlich wirr und willkürlich;
man wechselt außerdem munter zwischen
Antiqua und Fraktur, beim Wort "SATYRIscher"
besteht sogar die erste Hälfte aus Antiqua
und die zweite aus Fraktur, während auf dem
gegenüberliegenden Bildtitel die Worte
"Satyrischer (hier mit einem Trema über dem y!)
Pilgram" ganz in Fraktur gesetzt sind. -
Man sollte also vielleicht nicht allzuviel Bedeutung
in den Wildwuchs der barocken Typografie
hineinlegen, wenn auch beim lieben GOtt
und ähnlich wichtigen Leuten eine gewisse
Regelmäßigkeit geherrscht haben dürfte.
M. Kranz
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