Am Sat, 18 Feb 2012 21:13:03 +0100 schrieb Joerg Digmayer:
> Liebe Leute
[...]
> Mir ist beim Ansehen des Films "Das weiße Band" aufgefallen, dass dort
> einige Kinder ihre Eltern siezten, andere nicht. (Konkret: Die Kinder
> des Pfarrers siezten, die des Arztes duzten) Die Handlung spielt im
> abgelegenen ländlichen Norddeutschland 1913/1914.
>
> Wie war das üblich im deutschen Sprachraum? Bis wann wurden Eltern
> gesiezt? Gibt es soziale und regionale Unterschiede, in denen das
> unüblich wurde? Hat das mal jemand erforscht?
In der 19. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie heißt es:
"*Anrede,* Form, in der man eine oder mehrere Personen anspricht.
[...]
/Geschichte:/ Urspr. war es üblich, bei der A. die 2. Person Singular (im
Deutschen >Du<) zu verwenden. Nachdem aber schon die röm. Kaiser seit dem
3. Jh. n. Chr. von sich im Majestätsplural (Pluralis majestatis) sprachen
und später auch Bischöfe, Äbte und Grafen in Briefen das >Wir< (Pluralis
societatis) statt des >Ich< gebrauchten, bürgerte sich im 9. Jh. in
W-Europa und Dtl. neben dem weiterhin benutzten >Du< das >Ihr< (2. Person
Plural) für die A. einer Einzelperson ein. Bis zum Ausgang des MA. wurde
die A. >Ihr< verwendet, um besondere Ehrerbietung zu bezeigen; sie wurde
gegenüber Höherstehenden, Geistlichen und Fremden und in adeligen Kreisen
wie auch im Bürgertum von Eheleuten untereinander verwendet; auch Eltern
wurden so von ihren Kindern angeredet. Das >Du< wurde von einfacheren
Leuten untereinander, von Angehörigen höheren gegenüber Angehörigen
niederen Standes und Eltern gegenüber ihren Kindern benutzt.
Im 16. Jh. wurde die A. >Ihr< durch die A. >Er< (3. Person Singular), seit
dem des 17. Jh. auch durch die A. >Sie< (3. Person Plural) abgelöst. Bes.
die A. >Er< bedeutete eine Auszeichnung, da sie die Höflichkeit des >Ihr<
noch überbot. Die Verfeinerung der Etikette im höf. Bereich ließ A.-Formen
wie >Euer Gnaden< und >Ihre Hoheit< aufkommen. Im 18. Jh. gebrauchte man
das >Er< jedoch nur noch im Verkehr gegenüber Untergebenen und Abhängigen,
nach 1800 kam es allmählich aus der Mode, hielt sich aber in einigen
Regionen bis ins 20. Jh. An die Stelle des >Er< als respektvolle A. trat zu
Beginn des 18. Jh. die die schon vorher bekannte A.-Form >Sie< (3. Person
Plural); diese A. wurde seit etwa 1740 allg. üblich.
D. Mann: Titel, A., Anschriften (1967); A. Kohz: Linguist. Aspekte des
A.-Verhaltens (1982); H. Pfeil-Braun u. I. Sollwedel: Das große A.-Buch
(1983); A.-Verhalten, hg. v. W. Winter (1984)."
Leider weiß ich nicht, in welchem der erwähnten Bücher die Geschichte der
Anredeformen Thema ist, und vermutlich gibt es auch noch aktuellere Bücher,
aber damit solltest du zumindest einen Einstieg in das Thema finden.
Gruß
Manfred.