Hier werden ja gelegentlich Redensarten erklärt, ich wüßte da gerne mal,
woher die obige stammt.
Bedeuten soll sie wohl etwas mit unangemessen vornehmem Gehabe.
--
Mit freundlichen Eifeler Grüßen
Hubert Behrendt
Hubert Behrendt wrote:
> Bedeuten soll sie wohl etwas mit unangemessen vornehmem Gehabe.
Meines Wissens wurde dieser Begriff in Berlin erfunden, andererseits
verweisen andere Quellen auf Vergarbeiterjargon im Ruhrgebiet - was mir
eher suspekt erscheint.
Der Terminus bezeichnet wohl eher angeberisches, rücksichtsloses
Benehmen als unangemessen vornehmes Gehabe, also jemanden, der meint,
ihm stünde alles zu. Übertrieben vornehme Leute nennt man "feine
Pinkel".
"Kommt der Kerl hier reingerauscht wie Graf Koks von der Gasanstalt und
bildet sich ein, er müsse sich nicht hinten anstellen wie alle anderen
auch, oder wie oder was!"
Auch wenn ich es nicht weiß, möchte ich doch meinen Senf dazu geben:
Stadtgas wurde früher bei der Koksherstellung gewonnen. So kommt der
Zusatz "Gasanstalt" zum "Grafen Koks".
--
Tschö, wa!
Thorsten
Im Pott heißen und ich nenn' die "Kohlebarone". Auch wenn sie Stahl
machten.
> vorstellen, also den Leuten, die bei der Industrialisierung (Kohle,
> Stahl; das eine macht man zu Koks, das andere mit Koks) Ende des 19.
> Jahrunderts zu Wohlstand kamen und sich dann ein künstlich-feines
> Benehmen zulegten, auf das die (nach ihrer eigenen Meinung) wirklich
> feinen Leute etwas spöttisch herabsahen. Aus Koks wurde durch
> Verschwelung das sog. "Stadtgas" erzeugt.
>
> Alles nur Vermutung.
Aber IMHO sehr naheliegend.
Bloß mit dem "künstlich-feinen Benehmen" stimme ich nicht überein.
Es ging damals auch bei den richtigen "Kohlebaronen" tatsächlich darum,
neureich _sichtbar_ zu protzen, weil sie ja nur Parvenus, Emporkömmlinge
waren, deren Macht sich nur auf Geld stützte.
Es handelt sich um neureich (bezogen auf die Jhrhdrt.wende zum 20.
Jhrhdrt.) protziges Benehmen, um das Benehmen von "Snobs" (in des Wortes
ursprünglicher Bedeutung: gewiß reich, aber eben "sine nobilitas").
Die Kohlebarone (Hugo Stinnes, Alfried Krupp etc.) waren ja tatsächlich
nicht von Adel, bloß stinkreich, bis Wilhelm II. den Krupp adelte.
Immerhin hat Krupp dazu in Essen-Hügel einen eigenen Kaiserbahnhof
(heute an der S6 D'dorf-Essen) mit einem großen Tor mit echtvergoldeten
Spitzen sowie eine neue Straße bauen lassen, damit Wilhelm II. ihn in
Villa Hügel (sein Protz-Schloß über dem Baldeneysee) komfortabel
besuchen konnte. Und natürlich hat er ihn im neumodischen "Automobil"
mit Chauffeur am Bahnhof abgeholt.
Wer so mit seinem Geld protzen konnte, daß sogar der "Allerhöchste, den
ich hier nicht zu nennen brauche," (H. Mann) beeindruckt war, war
vermutlich ein _echter_ "Graf Koks". Wer sich aber nur so benahm, erst
recht bei unpassender Gelegenheit, über den wurde gelästert, er agiere
"...wie Graf Koks...": etwa ein breitspurig auftretender Proll mit
Taiwan-Rolex und Plastkferrari, der in der Kneipe mit Hunnis wedelt.
Entscheidend ist wohl die Attitüde "Mir gehört die Welt, weil ich bar
zahle."
> Mag inzwischen eine etwas andere Bedeutung haben, insbesondere in
> Fußballerkreisen :-)
Ja, wenn die Nase läuft...
Wie wird das denn in Berlin ausgesprochen? Hier im Ruhrgebiet ehesten
"Graf Kox vonne Gass-Anstalt", also mit kurzem o (in Koks) und kurzem a
(in Gas).
Karsten
--
Das Weiße im Auge / des Feindes zu sehen /
heißt nichts als geduldig / vorm Spiegel zu stehen
Heinz Rudolf Kunze
Fsayannes SF&F-Bibliothek: http://fsayanne.tprac.de/
> Wie wird das denn in Berlin ausgesprochen? Hier im Ruhrgebiet ehesten
> "Graf Kox vonne Gass-Anstalt", also mit kurzem o (in Koks) und kurzem a
> (in Gas).
Bei "Graf Koks" könnte es sich auch um eine Verballhornung des "Grafen
Kux" handeln, wobei die Kuxe aktienähnliche Anteilsscheine
bergbaulicher Gesellschaften sind.
(Gibt es eigentlich noch Kuxe? Etymologie?)
Gruß aus Bremen
Ralf
Heute auch noch. Allerdings gibt's kaum noch Stadtgas, sondern (fast)
nur noch Erdgas.
Karsten Düsterloh schrieb:
>
> mkhan wrote:
> > Meines Wissens wurde dieser Begriff in Berlin erfunden, andererseits
> > verweisen andere Quellen auf Vergarbeiterjargon im Ruhrgebiet - was mir
> > eher suspekt erscheint.
>
> Wie wird das denn in Berlin ausgesprochen? Hier im Ruhrgebiet ehesten
> "Graf Kox vonne Gass-Anstalt", also mit kurzem o (in Koks) und kurzem a
> (in Gas).
Langes o, kurzes a. Und natürlich "j" im Anlaut, nich' zu vajessen.
Jraf Ko:x vonn[epsilon] 'Jasan'schtalt. (Zweite Hebung als Nebenhebung)
--
Dr. Christian E. Naundorf alias CEN
"Solange dsrm keine gesetzgeberische Kompetenz hat, kann man
von einem Thread wirklich nicht mehr erwarten."
(Bernhard Muenzer in dieser Gruppe)
>> Wie wird das denn in Berlin ausgesprochen? Hier im Ruhrgebiet ehesten
>> "Graf Kox vonne Gass-Anstalt", also mit kurzem o (in Koks) und kurzem
a
>> (in Gas).
>
>Langes o, kurzes a. Und natürlich "j" im Anlaut, nich' zu vajessen.
>
>Jraf Ko:x vonn[epsilon] 'Jasan'schtalt. (Zweite Hebung als Nebenhebung)
Also, "Jraf" ist ja wohl eine Hyperkorrektur. So schnell, wie die
Berliner sprechen, wäre ihnen die Kombination "jr" viel zu anstrengend.
Nicht jedes anlautende g wird j; ich sage weder Jraf noch jroß.
chr
Ralf Kusmierz schrieb:
> (Gibt es eigentlich noch Kuxe? Etymologie?)
In der Rechtssprache ja, schon. Sowohl im DepotG
wie im HGB etc. Aber die sind ja auch aus der
Hoch-Zeit des Bergbaus in diesen Gegenden ...
Christina Kunze schrieb:
> >Langes o, kurzes a. Und natürlich "j" im Anlaut, nich' zu vajessen.
> >
> >Jraf Ko:x vonn[epsilon] 'Jasan'schtalt. (Zweite Hebung als Nebenhebung)
>
> Also, "Jraf" ist ja wohl eine Hyperkorrektur. So schnell, wie die
> Berliner sprechen, wäre ihnen die Kombination "jr" viel zu anstrengend.
> Nicht jedes anlautende g wird j; ich sage weder Jraf noch jroß.
Jloob ma Pappi.
SCNR
>Jloob ma Pappi.
Dit gloobste selba nich!
chr
Her mit dem Küpper "Wörterbuch der deutschen Umgangssprache"!
blätterblätterblätter
"Koks"
[...]
5. steifer Herrenhut. Herzuleiten von dem Engländer Wiliam Coke, der
dem Hut Volkstümlichkeit zu verschaffen wußte. 1900 ff.
6. Graf ~ = junger Stutzer; Vornehmtuer. Er trägt einen steifen Hut
und tut wie einer vom Adel. 1900 ff
7. Graf ~ von der Gasanstalt (vom Gaswerk) = eitler Geck; einer, der
vornehm tut, aber linkisch ist.
Ich vermute ja, dass man hier die Gasanstalt hinzugenommen hat, um zu
verstärken, dass es kein echter Graf ist. Die Gasanstalt bot sich an,
denn: Kokerei (dtv-Lexikon): Betrieb zur Gewinnung von Koks und
Heizgas.
mfg
Heinz Lohmann
-- *
----------------------------------- * ----------------------
Dr. Heinz Lohmann Soochow University
* * * German Department
heinzl...@yahoo.com Taipei, Taiwan
--------------------------------- * --------------------------
Wie Thorsten schon anmerkte:
>Stadtgas wurde früher bei der Koksherstellung gewonnen. So kommt der
>Zusatz "Gasanstalt" zum "Grafen Koks".
>
--
mfg
Heinz Lohmann
Taipei, Taiwan
Jenauu denn ne juut jebratene Jans iss ne juute Jabe Jottes ,mit joldene
Jabels jejesse. ;-))
bis denn
Gerd
be kenne Wenk vlücht nix, be vüel Wenk och den Dakpanne
hallo,
berlinisch heeßt et det und nich dit!
th. strasser
So! Sachste! Komisch, wat isn dit denn fürn balinerisch, wat ick seit 30
Jahre red?
chr
Mann, ihr seid wie Didi und Stulle. Sie konnte ich ja nie verstehen :)
grüss,
Antti
> >berlinisch heeßt et det und nich dit!
>
>
> So! Sachste! Komisch, wat isn dit denn fürn balinerisch, wat ick seit 30
> Jahre red?
>
> chr
>
Ich denke mal, es handelt sich einfach um einen anderen Stadtteil von
Berlin!
Lautverschiebungen bestehen hier bei uns auch von Dorf zu Dorf!
hallo,
heeßt et 'icke dette kieke mal...' oder 'icke ditte kieke mal...' ??
na siehste! ^^^^^ ^^^^^
th. strasser
> > >berlinisch heeßt et det und nich dit!
> >
> >
> > So! Sachste! Komisch, wat isn dit denn fürn balinerisch, wat ick seit 30
> > Jahre red?
> >
> > chr
> >
> Ich denke mal, es handelt sich einfach um einen anderen Stadtteil von
> Berlin!
> Lautverschiebungen bestehen hier bei uns auch von Dorf zu Dorf!
Das ist wohl der Grund. Angeblich gab es auch in Berlin Leute, die die
Mundart bestimmten Stadbezirken zuordnen konnten.
Ralf
"Th. Strasser" schrieb:
> heeßt et 'icke dette kieke mal...' oder 'icke ditte kieke mal...' ??
> na siehste! ^^^^^ ^^^^^
Kein Argument für oder gegen "dit".
In einsilbigen Worten findet sich oft die
gegenüber einem zweisilbigen Verwandten
abgelautete Form. :-)
--
Dr. Christian E. Naundorf alias CEN
"In Christus liegen verborgen alle Schätze
der Weisheit und der Erkenntnis." (Kolosser 2, 3)