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Der Tod der Kritikerin - im Präsidium

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Werner Pentz

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Mar 19, 2013, 5:16:32 PM3/19/13
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„Ich möchte die nächste gute Stunde nicht gestört werden“, sagt der Kommissar im Sekretariat beim Vorbeigehen hin zu seinem Büro weiter hinten.

„Ist klar!“, antwortet die keinen Moment den Kopf von ihrer Unterlage gebeugte Sekretärin. Merkwürdig, sieht eher aus wie eine Putzfrau denn eine Bürodame mit ihrem zersausten Haar und ihren vielfältigen Furchen im Gesicht. Das kann nur an diese harten Job liegen: randalierende Besoffene, maulende Spießbürger, sich wichtig tuende Stadträte und soweiter.

 

Ich weiß nun Bescheid, wie der Kommissar über mich denkt. Als Mörder der Kritikerin erscheine ich ihm ominös. Dazu passt nur  zu gut die unglücklichen Umstände des Grillbrandes und dessen unbeabsichtigte schreckliche Folge, der Tod der Lehrerin. Für diese Tat, leichtfertiger Umgang beim Grillen, würde ich wohl zur Rechenschaft gezogen werden. Totschlag, nicht vorsätzlicher Mord! Meine Verurteilung wird wohl so aussehen: weder Fisch noch Fleisch und angesichts meines Nicht-Vorbestraft-Seins komme ich mit ein bisschen Glück mit ein paar Jährchen davon. Es liegt im Bereich der Wahrscheinlichkeit, dass ich auf jeden Fall einsitzen werde.

Und dann? - Was ist das wert? Was ist noch von meinem Leben übrig, nachdem ich herauskomme? Von einer Schriftstellerkarriere brauche ich jedenfalls nicht mehr zu träumen.

Anderseits, aber das habe ich schon erörtert, fahre ich wegen Mordes an der Kritikerin ein, dann würde die Brandsache auch als solche erachtet werden, kurzum, ich stünde da mit einem Doppelmord auf dem Buckel. Die Sache würde Staub aufwirbeln und die notwenige Publicity wäre mir sicher, Mensch, dann bekäme mein Schriftsteller-Dasein erst die nötige Glaubwürdigkeit - aber so.

Ich gerate schwer ins Grübeln.

Je länger ich mich noch mit dem Polizisten unterhalte - besser, dieser sich mit mir, denn ich bin geistesabwesend - schält sich immer mehr die Notwendigkeit heraus, die in dieser klaren Vision gipfelt und  die mir den besten Ausweg aus meiner misslichen Lage verkündet. Zuerst ist es nur ein Impuls, sofort verworfen wegen diagnostiziertem Schwachsinn, solch eine Gedanke, aber bald kommt die Gegenreaktion: WARUM NICHT?

Ich schlucke, ich gestehe.

Nun, ich denke: Ja, wenn ich den Polizisten jetzt umbringen würde, wäre es glasklar, dass ich ein ernstzunehmender Mörder und ein solcher Mensch wäre, der seine Schriftstellerei ernst nimmt. Punktum.

Den Polizisten töten!?

Womit aber?

Natürlich, mit dessen Dienstwaffe. Groß und breit genug hängt sie ihm am Gürtel. Ich muss nur zugreifen, nein, aber schnell zufassen, irgendwie den Waffenträger übertölpeln, ein Schlag über den Kopf gezogen, damit er kurz besinnungslos wird und schon bin ich in den Besitz der Waffe. Hm.

Klang gut, klang einfach, sehr einfach.

Bin ich dazu überhaupt imstande?

Ich zweifele tatsächlich einen langen Moment, bis ich erkenne, dass diese Zögerlichkeit in meinem Mangel an Selbstwertgefühl gründet, die dadurch hervorgerufen wird, dass mich meine Umwelt nicht für solch eine konsequente Handlung stark, geeignet und willensstark genug einschätzt. Wenn ich nicht bald etwas unternehme, werde ich zu dem, wie man mich behandelt: ein schwächlicher Schwätzer und Träumer.

Tu es, gebiete ich mir.

Die Zeit läuft ab.

Wie solle ich es anstellen? Ich muss vom Rücken des Polizisten her ihn überwältigen können.

Nur wie machen, dass ich hinter diesem zum Stehen komme?

Wollte ich um Austreten bitten, würde man mich geleiten, stets sich mir gegenüber eine Person befinden, niemals würde es dabei eine Gelegenheit geben, hinter dem Rücken des Polizisten oder eines seiner Kollegen zu gelangen.

Es klopft gerade an die Tür.

Ich erinnere mich, dass er zur Sekretärin gesagt hat, er wolle die nächste  Stunde unter keinen Umständen gestört werden. Es muss es sich um etwas Dringendes handeln, dass die Sekretärin an die Tür klopft und unsere Unterhaltung stört. Aber herein traut sie sich auch nicht. Der Polizist steht auf, wendet sich um und geht zur Tür, öffnet diese nur eine Spaltbreit, mit dem ganzen Rücken zu mir gekehrt.

Jetzt, denke ich, jetzt ist die Chance da, ein sehr gute Gelegenheit. Die Tür ist schalldicht. Sobald er sie schließt, kann ich ihn übertölpeln, zum Bespiel von hinten meine Arme um seinen ganzen Körper schlingen, damit er blockiert ist. Der Vorteil liegt darin, dass ich ihn nicht niederschlagen bräuchte.

Aber mir graut davor.

Wer weiß, welch Kollateralschäden entstehen? Ich bin völlig ungeübt. Ich weiß weder wie stark noch wohin ich am geschicktesten und effektivsten schlagen müsste, um einerseits keinen neuen Toten zu produzieren, zumindest so schnell nicht, andererseits aber dann noch nach Aufwachen des Kommissars weiter mit ihm verhandeln zu können.

 

Ich versuche es mit einem Trick. Ja wirklich. Keiner wird es mir glauben. Aber ich begehe diese Provokation, von der sie gleich hören werden, voll bewusst. Natürlich werden viele abwinken, sagen, kennen wir schon, Psychologie-Erstsemester, nichts besonderes. Stimmt! Aber es wird klappen. Das ist das Tollste.

Ich frage also den Polizisten, indem ich richtiggehend mit der Faust auf den Tisch schlage, was in Gottes Namen er überhaupt von mir denkt? Theatralik ist wichtig, aber nur nicht übertreiben.

Er blinzelt mit den Augen, zieht die Brauen zusammen und gibt sich einen Ruck. Ich würde übermütig und größenwahnsinnig werden, zu behaupten, dass dies Zeichen von Angst und Eingeschüchtertheit sind. Aber ein bisschen Respekt tut sich darin schon kund. Zumindest sind seine Lauscher mehr als üblich gespitzt.

Ich schreie nahezu also: „Aha, Sie halten mich wohl für Gaga! Aber das bin ich nicht. Ich entspreche überhaupt nicht dem Bild, das Sie von mir haben. Ich weiß, Sie denken das, was die meisten Bürger über Dichter, Denker und Philosophen so meinen: von denen geht keinerlei Gefahr aus, denn bei denen verpufft diese auf dem Blatt Papier sozusagen, bei diesen Tintenklecksern, denn, geht bei denen etwas daneben, dann höchstens ein paar Tropfen Tinte von ihrem Füllfederhalter, sonst nichts.“

Pause. Schweigen.

„Stimmt’s nicht?“

Der Polizist ist einfach zu paff, um zu antworten. Außerdem meint der Ton meiner Rede, sag nichts, unterbreche mich nicht, mehr als eine rhetorische Floskel ist das nicht.

„Und wie komme ich darauf, dass Sie so denken?“

Kunstpause.

„Ganz einfach, Sie finden es nicht einmal für notwendig, mir Handschellen umzulegen. Das ist geradezu beleidigend, Herr Ordnungshüter. Sie signalisieren mir damit: der ist es nicht mal wert, dass man Vorkehrungen zur Verhinderung seiner Flucht trifft: Wie wenn ich nicht richtig vollgenommen werden kann. - Andere Menschen können gefährdet sein, wenn ich ausraste, einen Fluchtversuch mache, dabei Geiseln nehme und und und. Aber nein! Muss man aber nicht mit allem rechnen und besonders solchen Menschen, die ihre Nachbarhäuser in Brand gesteckt haben wie ich, alles zutrauen? - Geht nicht die Sicherheit des Bürgers über alles? - Aber nein, nicht bei einem Schriftsteller.“

Ich merke, der Polizist macht jetzt eine abwehrende Handbewegung, vielleicht als Einleitung zu einem Gegenrede. Schnell füge ich noch hinzu: „So sieht’s aus!“

Der Polizist ist unterbrochen worden. Gut so.

Sobald er erneut anheben wird, wird er wieder unterbrochen werden. Das muss sein, das muss sogar ein paar Mal sein, jawohl.

Ich muss seinen Widerstand anregen, das ist die Strategie.

Bevor er ansetzt, wage ich das Absolute.

„Sehen Sie, Sie würden mir sogar die Waffe achtlos auf den Tisch liegen lassen. Würden sie Sie liegen lassen, zu ihrem Aktenordner dort gehen, um einen Leitzordner herauszuholen, ja sogar schnell mal auf den Lokus verschwinden, während die Knarre arglos hier auf dem Tisch liegen bliebe. Sie würden denken: keine Gefahr. Von dem nicht. Das ist der Letzte. Er ist von der Sorte, der keiner Fliege etwas zuleiden tun könnte.“

Wieder versucht er zu reden.

Ich beuge mich jetzt nach unten, drücke meinen Rücken ist durch und bilde so nahezu einen Buckel. Die Absicht ist klar, ich will mich kleiner machen als ich bin, will mich unter dem Schicksal gebeugt zeigen, aber um mich schießend, das ja.

„Aber haben Sie denn keine Angst, das ich vielleicht bluffe? Das ich nicht so harmloser als harmlos bin, wie der Anschein glaubt vorzutäuschen? Vielleicht bin ich gar nicht zu bedauern. Bin durchtriebener als sie vermuten? Eine gescheiterte Existenz, das ja. Aber immer noch gefährlich. Möglicherweise gerade deswegen!“

Die Strategie liegt natürlich wieder allen Hobby-Psychologen eindeutig auf der Hand. Sage etwas in der Richtung, in der in der entgegengesetzten Du eigentlich hinauswillst. Provoziere das Gegenteil dessen, was Du vorgibst anzuprangern. Stiere auf, entfache das Feuer der Vorurteile, unterstelle diese dem Polizisten, auf dass er das Gegenteil bestätigen und zum Eintreten herbeiführen gedrängt wird und es letztendlich tun muss.

Jetzt bin ich also an einem besonders kritischen Punkt angelangt. Denn ich unterstelle ihm nämlich, dass er mich ehrrührig beleidigt. Jetzt muss ganz vorsichtig am offenen Herzen operiert werden, sonst geht dieselbige noch in die Binsen. Also, Vorsicht, vorsichtig, vor...

Und tatsächlich, er, der nicht zu Wort kommt, als Pfiffikus ist er mir doch immer schon erschienen, legt seine Dienstwaffe ab. Zwar nicht auf den Tisch offen hin, für mich leicht zu erreichen, aber er legt sie eher entnervt also demonstrativ, versteht sich, in eine Schublade seines großen Schreibtisches, schiebt dazu eine Lade auf, tut sie hinein und schließt sie wieder.

Ist ihm alles zu viel geworden? Zu bunt geworden? Muss er sich von überflüssigem Ballast befreien? Wahrscheinlich. Mir jedenfalls will er nichts demonstrieren und beweisen, das ist gewiss.

Das ist gut, sehr gut, mehr als ich erhofft habe. Ich rede weiter und weiter, ich weiß gar nicht, was, aber ich durfte jetzt an diese Chance nicht erinnert werden, diese muss ich aus meinen Kopf tilgen, ins hinterste Hinterstübchen schieben, um so instinktiver, zügiger, unbesonnener, unbelasteter, kurzum kaltblütiger zuzupacken, sobald die Gelegenheit da ist. Das ist sehr wichtig. Kopf-Kampf oder so ähnlich nennt das der Amerikaner, nur hier verdeutscht. Das war jetzt ultrawichtig – nicht den Kopf zu verlieren.

 

 

Buch erhältlich unter:

pentzw.homepage.t-online.de

 

Werner Pentz

unread,
Apr 8, 2013, 2:20:08 PM4/8/13
to

„Ich möchte die nächste gute Stunde nicht gestört werden!“ Und wir schreiten durch den langen weiten Gang im Präsidium zum Zimmer des Kommissar.

„Ist klar! Herr Kommissar“, hat die gestresst wirkende Sekretärin geantwortet, um sich sofort wieder mit ihrem Kopf in die Unterlagen zu vertiefen. Welch Putzfrauen- und Graue-Maus-Gesicht, hat mich ihr Anblick befremdet. Zersauste Haare und durchfurchtes Gesicht hat wenig gemein mit einer modernen Bürodame. Muss ein harter Job sein, Bürokraft bei der Polizei – Mensch, ich bin doch nicht hier, um Mitleid mit anderen zu empfinden. Mir selbst geht es ja an den Kragen.

Ich weiß nun Bescheid, wie der Kommissar über mich denkt. Als Mörder der Kritikerin erscheine ich ihm zwielichtig. Er sieht mich wohl als schrägen Vogel, zu dem solche unglücklichen Umstände des Grillbrandes und deren unbeabsichtigte schreckliche Folge, der Tod der Lehrerin, passen. Für diese Tat, leichtfertiger Umgang beim Grillen, würde ich wohl zur Rechenschaft gezogen werden. Totschlag, nicht vorsätzlicher Mord! Meine Verurteilung wird weder Fisch noch Fleisch sein: angesichts meines Nicht-Vorbestraft-Seins komme ich mit ein paar Jährchen davon. Es liegt im Bereich der Wahrscheinlichkeit, dass ich dennoch einsitzen werde.

Was ist das wert? Was ist noch von meinem Leben übrig, wenn ich rauskomme? Von einer Schriftstellerkarriere brauche ich jedenfalls nicht mehr zu träumen.

Anderseits, fahre ich wegen Mordes an der Kritikerin ein, dann würde die Brandsache einen anderen Stellenwert bekommen. Sie würde auch als ein kapitales Verbrechen erachtet werden. Danach hätte ich endlich einen Doppelmord auf dem Buckel. Das würde so viel Staub aufwirbeln und genügende Publicity hervorrufen, das mein Schriftsteller-Dasein die nötige Glaubwürdigkeit bekäme.

So aber?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr schält sich eine Notwendigkeit heraus, die in einer klaren Vision gipfelt und die mir den besten Ausweg aus meiner misslichen Lage verkündet. Zuerst ist es nur ein Impuls, sofort verworfen wegen diagnostizierten Schwachsinns, aber bald kommt die Gegenreaktion: WARUM NICHT?

Ich schlucke.

Brächte ich den Polizisten jetzt um, wäre glasklar, dass ich ein ernstzunehmender Mörder und ein solcher Mensch wäre, der nicht ein Schaumschläger, Larifari-Kasper und Budenzauberei ist, sondern ernsthaft hinter seiner Schriftstellerei stünde.

Punktum.

Von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet, mutierte ich damit sogar zum richtigen Autoren.

Verlockend.

Den Polizisten töten!?

Sehr verlockend sogar.

Womit aber?

Natürlich mit dessen Dienstwaffe. Groß und breit genug hängt sie ihm am Gürtel. Ich muss nur zugreifen, halt schnell zufassen, irgendwie den Waffenträger übertölpeln, ein Schlag über den Kopf gezogen, damit er besinnungslos wird und schon bin ich in den Besitz des Todbringers.

Hm.

Klingt gut, klingt einfach, sehr einfach.

Bin ich dazu überhaupt imstande?

Ich zweifele tatsächlich, bis ich erkenne, dass diese Zögerlichkeit in meinem Mangel an Selbstwertgefühl gründet, dadurch hervorgerufen, dass mich meine Umwelt nicht für solch eine konsequente Handlung stark, geeignet und willensstark genug einschätzt. Wenn ich nicht bald etwas unternehme, werde ich zu dem, wie man mich behandelt: ein unglaubwürdiger Schwätzer und Träumer.

Die Zeit läuft.

Tu es, gebiete ich mir.

Die Zeit läuft ab.

Wie soll ich es anstellen? Ich muss vom Rücken des Polizisten her ihn überwältigen.

Nur wie machen, dass ich hinter diesem zum Stehen komme?

Wollte ich um Austreten bitten, würde man mich geleiten, stets sich mir gegenüber eine Person befinden, niemals würde es dabei eine Gelegenheit geben, hinter der Rückseite des Polizisten oder eines seiner Kollegen zu gelangen.

Es klopft gerade an die Tür.

Ich erinnere mich, dass er zur Sekretärin gesagt hat, er wolle die nächste  Stunde unter keinen Umständen gestört werden. Es muss es sich um etwas Dringendes handeln, dass diese ihn unterbricht und die Unterhaltung stört. Aber herein traut sie sich nicht. Der Polizist steht auf, wendet sich um und geht zur Tür, öffnet diese nur einen Spaltbreit, mit der breiten Hinterfront zu mir gekehrt.

Jetzt, denke ich, jetzt ist die Chance da, ein sehr gute Gelegenheit. Die Tür ist schalldicht. Sobald er sie schließt, kann ich ihn übertölpeln, zum Bespiel von hinten meine Arme um seinen ganzen Körper schlingen, damit er blockiert ist. Das ist ein eminenter Vorteil, von hinten, jetzt.

Aber mir graut davor.

Wehrte er sich, bin ich gezwungen, ihn kopfvoran an die Wand zu donnern. Wie stark oder auf welche Weise oder wohin am geschicktesten und effektivsten muss der Kopf geschlagen werden, ohne ihn nachhaltig zu schädigen, gar einen Toten zu produzieren, zumindest ihn vorübergehend außer Gefecht zu setzen? Der Kommissar muss anschließend noch aufwachen, damit ich mit ihm verhandeln kann.

Nein, dass ist zu risikobehaftet.

Du bist darin völlig aus der Übung.

 

Ich versuche es mit einem Trick. Mag es mir keiner glauben, aber ich provoziere ihn voll bewusst. Natürlich werden viele abwinken, sagen, den kennen wir schon, Psychologie-Erstsemester, nichts besonderes. Stimmt! Aber es muss klappen.

Ich frage also den Polizisten, indem ich mit der Faust auf den Tisch schlage, was in Gottes Namen er überhaupt von mir denkt? Theatralik ist wichtig!

Er blinzelt mit den Augen, zieht die Brauen zusammen und gibt sich einen Ruck. Es wäre überzogen zu behaupten, dass dies Zeichen von Angst und Einschüchterung wären. Aber Respekt tut sich darin schon ein bisschen kund.

Ich schreie nahezu: „Aha, Sie halten mich wohl für Gaga! Aber das bin ich nicht. Ich entspreche überhaupt nicht dem Bild, das Sie von mir haben. Ich weiß, Sie denken das, was die meisten Bürger über Dichter, Denker und Philosophen meinen: von denen geht keinerlei Gefahr aus, deren Wut und Frust verpufft auf dem Blatt Papier sozusagen, bei diesen Tintenklecksern, denn, geht bei denen etwas daneben, dann höchstens ein paar Tropfen Tinte von ihrem Füllfederhalter.“

Schweigen.

„Stimmt’s nicht?“

Der Polizist ist einfach zu paff, um zu antworten. Mehr als Rhetorik ist das ja nicht, denn der Ton meiner Rede gebietet: sag nichts, unterbreche mich nicht, hör zu.

„Und wie komme ich darauf, dass Sie so denken?“

Kunstpause.

„Ganz einfach, Sie finden es nicht einmal für notwendig, mir Handschellen umzulegen. Das ist geradezu beleidigend. Sie signalisieren mir damit: der ist es nicht mal wert, dass man Vorkehrungen zur Fluchtverhinderung trifft. - Ich frage Sie, kann ich denn nicht richtig vollgenommen werden? - Andere Menschen können gefährdet sein, wenn ich ausraste, einen Fluchtversuch mache, dabei Geiseln nehme und und und. Aber nein! Muss man aber nicht mit allem rechnen und besonders solchen Menschen alles zutrauen, die ihre Nachbarhäuser in Brand gesteckt haben wie ich? - Geht nicht die Sicherheit des Bürgers über alles? - Aber nein, nicht bei einem Schriftsteller.“

Ich merke, der Polizist macht jetzt eine abwehrende Handbewegung, vielleicht als Einleitung zu einer Gegenrede. Schnell füge ich noch hinzu: „So sieht’s aus!“

Der Polizist ist unterbrochen worden. Gut so.

Sobald er erneut anheben wird, wird ihm wieder in Wort gefallen.

Schon regt sich etwas.

„Habe ich denn nicht auch ein Anrecht dazu?“

Ein bisschen schwach, weinerlich, kläglich, aber es muss sein, das muss sogar noch ein paar Mal sein. Die Strategie ist, seinen Widerstand herauszukitzeln.

Bevor er wieder ansetzt, wage ich das Absolute.

„Sehen Sie, Sie würden sogar vor mir die Waffe achtlos auf den Tisch legen und liegen lassen, arglos zu ihrem Aktenschrank dort gehen, um einen Leitzordner herauszuziehen, notabene gemütlich mal auf den Lokus verschwinden, während die Knarre gefahrlos hier auf dem Tisch liegen bliebe. Sie würden denken: keine Gefahr. Von dem nicht. Das ist der Letzte. Er ist von der Sorte, der keiner Fliege etwas zuleiden tun könnte.“

Erneut schnappt er nach Luft.

Ich beuge mich nach unten, drücke den Rücken durch, um so einen gedrückten Menschen mit Buckel zu bilden. Kleiner will ich mich machen als ich bin, mich unter dem Schicksal gebeugt zeigen. Jedoch schieße ich noch um mich.

„Haben Sie keine Angst, das ich vielleicht bluffe? Dass ich nicht so bin wie ich erscheine, harmloser als harmlos? Vielleicht bin ich gar nicht zu bedauern? Bin durchtriebener als sie vermuten? Eine gescheiterte Existenz, ja. Aber immer noch gefährlich. Möglicherweise gerade deswegen!“

Die verborgene Absicht liegt natürlich wieder allen Hobby-Psychologen auf der Hand. Schreite in eine Richtung, damit du in der entgegengesetzten herauskommst. Provoziere das Gegenteil dessen, was Du vorgibst anzuprangern. Stiere das Feuer der Vorurteile auf, unterstelle es kaltschneuzig, auf dass er sich dazu animiert fühlt, dieses zu leugnen, wobei er gerade dieses durch sein Handeln wird bestätigen und zum Eintreten herbeiführen gedrängt wird, so dass er es letztendlich tun muss.

Jetzt bin ich also an einem besonders kritischen Punkt angelangt.

„Herr Kommissar, Sie beleidigen mich zutiefst. Wirklich, Sie tasten die Würde eines Menschen an!“

Dabei verenge ich meine Augen, um einen finsteren Blick zu machen.

Nun operiere ich am offenen Herzen. Also, Vorsicht...

 

Das vollständige Buch erhältlich unter:

http://www.pentzw.homepage.t-online.de/literatur.html

 

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