Am 12.03.19 um 18:59 schrieb O.K. Kult:
> CÄSAR VIERZEHN IST FREI
Was ist mit KAP?
> © 2006 by kap, überarbeitet 2019
04.02.07
Stadtfahrt
»Gimmirdaigeld, gimmirdaigeld, deine Kette, deine Uhr, gimmirdaigeld,
gimmirdaigeld, deine Jacke, deine Schuhe, gimmirdaigeld, gimmirdaigeld,
gib mir alles, was du hast, und ich zieh dich ab zum Spaß .
Wir kommen aus Freiburg, representen unsere Stadt, unsere Straßen,
unsere Viertel und die Homies aus dem Block. Wir leben in Freiburg,
neben Türken,
Albanern, Arabern, Afrikanern, Zigeunern, Russen und Bosniern. Wir
rappen von Freiburg, weil das Leben hier hart ist. Jeder gegen jeden,
kein Vertrauen, wie bei H-Junkies.
Fickst du mit Freiburg, wirst du platt gemacht. Fünf aufs Maul, du Napf,
von allen Seiten der Stadt. Freiburg . (Don't play with these kids .).
Freiburg . Freiburg . (Don't play with these kids .).«
*Zitat aus dem Rap: »GimmirdaigeldFreiburg«, der »Rapkillaz« (Ren da
Gemini), deren Wiege in Freiburg-Weingarten stand, einem sozialen
Brennpunkt.*
Vielleicht muss man Taxifahrer sein, um zu merken, wie abgefahren das
Ganze ist. Den Funkauftrag: »Colombi Hotel, Frau Rosenbaum«, erhielt ich
letztes Jahr, im Oktober, bei Traumwetter, einem Altweibersommer wie im
Bilderbuch, typisch für Freiburg, das an solchen Tagen seine
Schokoladenseite zeigt.
Es war wenig los, ich stand schon über zwei Stunden am Hauptbahnhof und
war somit froh, endlich wieder einen Auftrag zu bekommen, und sei es vom
Colombi, auch wenn die Gäste des Fünf-Sterne-Hotels, für ihre Arroganz und
ihren Geiz, berüchtigt waren. Mein Fahrgast, Mitte Siebzig, eine Dame,
Designerschuhe (vermutlich Sergio Rossi), elegantes, sehr geschmackvolles
Kostüm, Louis Vuitton-Täschen und silbergraues Haar, dessen Farbe und
Schnitt sofort verrieten, dass dort ein Meister seines Faches am Werke
gewesen war, erfüllte meine Erwartungen voll. Als ich ihr die Beifahrertür
öffnete, sagte sie sehr kühl und distanziert, in ausgezeichnetem, fast
akzentfreiem Deutsch:
»Wenn sie nichts dagegen haben, möchte ich hinten sitzen.«
»Ganz wie sie wünschen.«
»Zum Judenfriedhof, bitte.«
Die Fahrt zum Judenfriedhof, in der Elsässerstraße verlief schweigend.
Für mich war die Acht-Euro-Dreißig-Fahrt schon abgehakt, doch die Dame
bat mich zu warten. Ich meldete der Zentrale: »Stadtfahrt«, stieg aus
und zündete mir eine Zigarette an. Nach zwei weiteren, kam mein Fahrgast
zurück. »In die Belfortstraße 26, bitte.« Damit war auch bis zu diesem
Fahrziel alles
gesprochen.
Bei der Belfortstraße 26 handelte es sich um ein unscheinbares, sogar
ein wenig heruntergekommenes Mehrfamilienhaus, direkt gegenüber der
Universitätsbibliothek. Ich fragte mich noch, was jemand, vom »Colombi«,
in diesem alten Kasten wollte, als die Dame schon selbst die Tür öffnete
und mit einem Fotoapparat in der Hand ausstieg. Sie ließ mir nicht viel
Zeit zum Nachdenken, schoss nur drei oder vier Bilder und kam dann
gleich zurück.
»Zum Colombi?«
»Nein, ich fliege morgen zurück und möchte noch einige Eindrücke vom
gegenwärtigen Freiburg mitnehmen.«
*Aha, Madame geruhen mit den unteren Chargen zu sprechen.*
»Schwerpunkt Innenstadt?«
»Beginnen wir mit dem Platz der alten Synagoge,
und dann sehen wir weiter.«
Ich schaute verstohlen auf den Ticker: 28,70, *IMMERHIN!*, setzte den
Blinker und bog nach links ab, in den Werderring, zum Platz der alten
Synagoge, Entfernung einhundert Meter Luftlinie.
»Soll ich hier halten?«
»Nein danke! Fahren sie einfach weiter.«
Das wunderte mich nicht, am Platz der alten Synagoge gab es nichts zu sehen.
Eine Bushaltestelle, mehr nicht. Ich fuhr in die Bertoldstraße, Richtung
Bertoldsbrunnen.
»Hier beginnt die Fußgängerzone, sozusagen die Shoppingmeile Freiburgs,
weiter geht's nicht. Ich muss jetzt rechts abbiegen.«
»Dann tun sie das doch.«
*Herzlichen Dank!*
Also tuckerten wir, mit der vorgeschriebenen Schrittgeschwindigkeit, die
Universitätsstraße entlang, Richtung Martinstor. Kurz vor der Einmündung in
die Kaiser-Joseph-Straße fragte mich mein Fahrgast:
»Würden sie mir freundlicherweise ihr Alter verraten?«
*AHA!*
Ich hielt an und ließ die Straßenbahn durch.
»Ich darf hier nicht schneller fahren, und keine Angst, meine letzte
Fahrtüchtigkeitsprüfung liegt erst drei Monate zurück.«
»Meine Frage hat einen anderen Hintergrund. Sind sie Freiburger?«
»Ja.«
»Dann wissen sie vielleicht, ob dies hier die frühere
Adolf-Hitler-Straße ist?«
»So ist es.«
Die Straßenbahn war vorbei. Wir passierten das Martinstor, und ich
ordnete mich links, in Richtung Schloßbergring ein. Die übliche Route,
weiter durch
das Schwabentor, in die Konviktstraße, mit ihren jahrhundertealten
Fachwerkhäusern, dann über die Schoferstraße zum historischen Kaufhaus.
Fotomotive ohne Ende, doch mein Fahrgast schwieg und bat mich nirgends
anzuhalten. Nicht einmal auf dem Münsterplatz, wo eine Gruppe Japaner das
Münster um die Wette knipste und Touristen aus aller Herren Länder umher
schwärmten. Die vielen Fußgänger verlangten meine volle Konzentration,
so dass ich sogar die im Fond sitzende Dame vergaß. Erst in der
Mozartstraße, die ich routinemäßig wegen ihrer prächtigen Kastanienbäume
und sehenswerten, alten Villen angesteuert hatte, als sie sagte:
»Freiburg soll ja heute eine multikulturelle, weltoffene, sehr tolerante
Stadt sein«, wurde mir wieder bewusst, dass die Fahrt recht lukrativ zu
werden versprach. Der Ticker stand
bei: 38,20. »In der Tat, eine multikulturelle, weltoffene sehr
tolerante Stadt, so sagt man«, bestätigte ich. Inzwischen waren wir an
der Kreuzung
Hauptstraße angekommen, in unmittelbarer Nähe der Sonnhalde.
*Hoch auf den Sonnenhügel, rauf zu denen, die einen Platz an der Sonne
ergattert haben!*
Die Sonnhalde wurde ihrem Namen gerecht, und um das Maß voll zu machen,
ging es auch noch auf den Abend zu. Ich konnte meinem Fahrgast einen
Sonnenuntergang der Güteklasse 1A bieten. Ideale Bedingungen. Und so glitten
wir schweigend die Sonnhalde entlang. Vorbei an dem noch verhältnismäßig
schlichten, hinter einer hohen Hecke verborgenen, von zwei wild
bellenden Deutschen Schäferhunden bewachten Haus des Chefredakteurs
eines vorbildlich liberalen Blattes (Ein Kunde von uns). Vorbei an
mittelprächtigen Villen diverser Manager und Geschäftsleute, von denen
etliche im Stadtrat saßen,
bis hin zu jenem Prunkbau, nahe der Wendeplatte, wo die Argusaugen
zahlreicher Videokameras argwöhnisch die Umgebung beobachteten. Dem
schönsten Platz an der Sonne, mit einem überwältigenden Blick auf das
weltoffene Freiburg.
»Halten sie bitte an, ich möchte aussteigen.«
*Na also!*
Mein Fahrgast stieg aus, ging einige Schritte und schaute, in Gedanken
versunken, auf die Stadt hinunter. Der Fotoapparat blieb auch diesmal
auf dem Rücksitz liegen. Die Dame schien mehr als nur ihn vergessen zu
haben.
Endlich konnte ich mir die heiß ersehnte Zigarette gönnen. Nach einer
Weile rollte ein schwerer Mercedes heran. Schwarz, mit dunkel getönten
Scheiben.
Die Videokameras schwenkten sichernd hin und her, das riesige Tor zum
Hof der festungsartigen Villa öffnete sich - fast geräuschlos, wodurch
der Vorgang etwas unwirkliches, beinahe mystisches bekam. »Sesam öffne
dich!«, kommentierte die Dame, die unbemerkt neben mich getreten war,
leicht lächelnd. Wir sahen uns an. Zum ersten Mal richtig. Ein Moment
des gegenseitigen Verstehens - ein Moment. Mit den Worten: »Würden sie
mich jetzt bitte ins Hotel zurückfahren?«, zerriss die Dame das dünne
Band zwischen uns.
»Selbstverständlich.«
Für die Abfahrt vom Sonnenhügel wählte ich die Wintererstraße, am
Caritas-Schulungscenter und der katholischen Akademie vorbei. Beim
Colombi angekommen, zahlte die Dame in bar. Ich durfte sie ins Foyer
begleiten, wo sie mir die Hand reichte und sich mit einem knappen: »Auf
Wiedersehen!«,
verabschiedete. Nachdenklich verließ ich das Hotel.
»Cäsar Vierzehn!«, »Cäsar Vierzehn!«, »CÄSAR V-I-E-R-Z-E-H-N!«.
Cäsar Vierzehn war nicht zu sprechen. Ich schaltete das Funkgerät aus,
griff mir meinen MP3 Player, brachte den Sitz in eine bequemere
Position, lehnte mich zurück, und schloss die Augen. REM. Genau das
Richtige! Irgendwann
stieg ich aus, ging zum Empfang und bat um Briefpapier. Die wenigen
Zeilen waren schnell geschrieben: Sehr verehrte Frau Rosenbaum, Endlösung
Wer schwer Worte findet,
darf nicht viele verlieren.
Freiburg, 11. Oktober 2005
Eine Zigarette später saß ich wieder in meinem Taxi, schaltete das Funkgerät
ein, und meldete der Zentrale: »Cäsar Vierzehn ist frei.«
© 2006 by kap
kap
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Eine Spezies, die auf Arschlöcher angewiesen ist,
kann nicht die Krone der Schöpfung sein.
aus
https://groups.google.com/forum/#!search/C%C3%A4sar$20Vierzehn$2C$20C%C3%A4sar$20Vierzehn$20lyriky/de.etc.schreiben.lyrik/iShXLLrS334/yx4OTm5zMkUJ
und 2007:
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