Jochen Spieker <
usenet...@well-adjusted.de> schrieb:
[...]
> Worum es geht:
>
> - Einfamilienhaus in Tafelbauweise (19cm Dämmung mit Mineralwolle, alle
> Fenster original 3-fach-verglast, auch optisch typisches
> Schwedenhaus), 155qm nach DIN, Grundfläche ca. 180qm plus 90qm
> Nutzkeller. Im Keller sind u.A. eine Garage, ein Heizungsraum und ein
> Ölraum (Batterietank aus GFK(?) mit 3x1.500l). Der Spitzboden ist kalt
> und luftig, die Geschossdecke natürlich gedämmt. Bis auf eine kleine
> Fußbodenheizung im Gästebad wird das Haus komplett mit
> Plattenheizkörpern beheizt.
[...]
> - Den Ölverbrauch kann ich leider nur sehr grob nachvollziehen, er liegt
> bei rund 1.500 bis 2.000 Litern im Jahr.[2] Wir sind eine kleine
> Familie und haben es gern eher warm (22°C im Wohnzimmer). Die Räume
> werden aber sehr unterschiedlich beheizt. Der Keller praktisch gar
> nicht. Komplett dicht ist das Haus wegen offenem Kamin und
> Abluftdunstabzug natürlich nicht. Ich gehe aber aus, dass die
> WW-Bereitung einen erheblichen Anteil am Verbrauch hat.
>
> - Da die komplette Anlage bald 30 Jahre alt ist, muss wahrscheinlich die
> komplette Anlage ausgetauscht werden. Brenner, Kessel, WW-Speicher,
> Pumpen, noch was? Einzig der Druckausgleichsbehälter ist relativ neu.
>
> Ich sehe jetzt folgende Varianten:
>
> - Neue (Brennwert-)Ölheizung. Erfordert Arbeiten am Schornstein und
> irgendwann vielleicht mal neue Tanks. Die Tanks müssen wir alle fünf
> Jahre überprüfen lassen, weil wir in einem Wasserschutzgebiet wohnen.
Ich kenne keinen GfK-Tank, der dauerhaft geruchsdicht ist.
Wenn Deine Tanks noch nicht doppelwandig sind, solltest
Du deren Austausch mit in die Kalkulation für die
Öl-Variante einbeziehen.
> - Neue Gasheizung. Erfordert einen Gasanschluss, der erst noch gelegt
> werden muss. Ist nach Auskunft der Stadtwerke jederzeit möglich.
> Außerdem sind die gleichen Arbeiten am Schornstein nötig, wie bei der
> Ölheizung. Der Tank müsste abgebaut und entsorgt werden. Um den
> Tankraum sinnvoll zu nutzen, wären aber weitere Arbeiten notwendig
> bspw. Einbau einer Tür. :)
Naja, die Tür ist ja eher eine Option, keine unbedingt
notwendige Maßnahme.
Die Gas-Variante hat natürlich den Vorteil des
Raumgewinns, Öltank fällt ersatzlos weg. Außerdem sind
die heutigen Gas-Brennwertgeräte im Gegensatz zu den
Öl-Pendants in der Lage, ihre Brennerleistung an den
aktuellen Wärmebedarf gleitend anzupassen (zu
"modulieren"). Dies hat den Vorteil, dass der Brenner
seltener taktet und Stillstandsverluste vermieden werden.
Vorraussetzung ist, dass die Leistung des Wärmeerzeugers
zur Heizlast des Gebäudes passend gewählt wird.
Eine Heizlastberechnung ist also sinnvoll. Wenn sie nicht
vorliegt, sollte sie erstellt werden. Vielleicht hast Du
ja noch die Wärmeschutznachweise in den Bauunterlagen von
1987, anhand derer liesse sich eine Heizlastberechnung
recht schnell (und damit kostengünstig) erstellen.
Weiterer Punkt für Gas vs. Öl: Es stinkt nichts und
Betriebsgeräusche sind vernachlässigbar gering. Dies ist
bei Ölbrennern nicht immer gegeben.
> Der Umbau von Gas auf Öl dürfte grob genau so viel kosten, wie eine
> neue Ölheizung. Die Anlage ist vielleicht etwas billiger, dafür kommen
> Anschlusskosten dazu.
Über das Budget, das Dir vorschwebt, hast Du ja noch
nichts geschrieben. Die beiden obigen Varianten dürften
sich im Bereich von 10k€ bewegen, ganz grober Daumen.
> - Pelletheizung. Platz für Pellets ist ja da, wenn ich die Tanks
> entsorgen lasse. Kann ich davon ausgehen, dass ein Pelletschlauch
> überall da ankommt, wo der Schlauch des Öltankwagens hinkommt? Sind
> vom Straßenrand grob 25-30 Meter.
Das sollte kein Problem sein.
Aber: Die eingelagerte Energiemenge wird drastisch
sinken, wenn das Pelletlager die gleichen Maße behalten
soll wie die jetzige Öltankanlage. Jetzt kannst du mit
mit 4,5m³ Heizöl 45.000kWh Wärmeenergie "bevorraten", mit
4,5m³ Pellets werden es nur etwa 14.000kWh sein.
Heißt: Dein Pelletlager reicht nicht zuverlässig für eine
komplette Heizperiode. Kann man machen, schränkt aber die bisher
gewohnte Flexilibilität beim "Nachtanken" ein.
Auf den August warten, um möglichst niedrige
Einkaufspreise zu erzielen, könnte mit Pellets dann
schwierig werden.
> Kostenmäßig schätze ich das als nicht wettbewerbsfähig ein (teure
> Anlage, Brennstoff nicht mehr so günstig wie zu der Zeit, als das
> gehypet wurde).
Es kommt noch ein Punkt hinzu, der die Kosten treibt und
der deshalb gern "vergessen" wird: Wenn man mit einem
Pelletkessel wirklich effektiv heizen will, dann kommt
man um die Kombination mit einem Pufferspeicher nicht
herum. Damit vermeidet man zu häufigen Taktbetrieb
(die Zündung erfolgt in der Regel mit einem
Heißluftgebläse, elektrische Leistung ab 500W aufwärts,
Laufzeit typischerweise ein paar Minuten pro Zündvorgang.
Wenn der Kessel zu häufig taktet, weil er die produzierte
Wärme nicht loswird, kann man dann auch gleich elektrisch
heizen).
Der Pufferspeicher bedingt zusätzlichen Aufwand bei
Hydraulik (Pumpe, Mischer, Rohrleitungen) und
Regelungselektronik, die Kosten dafür muss man natürlich
noch zu den sowieso schon höheren Kosten für den
Pelletskessel, Pelletlager und ggf. Fördertechnik
hinzurechnen.
> - Wärmepumpe. Da habe ich Null Ahnung von. Ist das grundsätzlich mit
> vertretbarem Aufwand nachträglich zu machen?
Wie hoch ist "vertretbar"?
Es ist machbar, aber für Deinen Fall wahrscheinlich nicht
sinnvoll.
> Bringen die auch genug
> Leistung für meinen Fall, oder sind die nur bei aktuellen KfW-Häusern
> mit Fußbodenheizung und Vorlauftemperaturen knapp über dem Nullpunkt
> sinnvoll? Kommen Erd- oder Grundwassersysteme überhaupt in Betracht,
> oder müsste die Energie aus der Luft geholt werden? -Einen lauten
> Klotz will ich nicht am Haus haben.
Grundsätzlich benötigt jede Wärmepumpe für den
effizienten Betrieb niedrige Systemtemperaturen.
Ideale Auslegungstemperaturen sind Vorlauf 35, Rücklauf
28. Man kann sie auch noch mit 45/35 einigermaßen
sinnvoll und effektiv betreiben.
Diese Systemtemperaturen sind typisch für Fußboden-
oder Wandheizung, es gibt aber auch Heizkörper, die mit
solchen Temperaturen noch eine anständige Heizleistung
bringen.
Ob es dann für Deinen Anwendungsfall reicht, sagt dir die
Heizlastberechnung und die Nachrechnung des Rohrnetzes für
den Hydraulischen Abgleich. Diese Berechnungen sind bei
Einsatz einer Wärmepumpe auf jeden Fall wichtig. Sonst
heizt man später mehr mit Strom als mit Energie aus der
Umwelt.
Mit den vorhandenen Heizkörpern wird man eine Wärmepumpe
jedenfalls nicht sinnvoll betreiben können --> größere
Umbauarbeiten an der Wärmeverteilung sind auf jeden Fall
nötig.
Achja: Einen Pufferspeicher braucht die WP auch.
>
> - Blockheizkraftwerk? Der Heizungsraum ist schon ein paar Quadratmeter
> groß.
Du merkst schon, dass Du dich kostenmäßig immer weiter
steigerst?
Für ein BHKW braucht man einen Wärme"verbraucher", der
die produzierte Wärme möglichst gleichmäßig abnimmt.
Leute, die den eigenen Pool beheizen wollen, können
soetwas gut gebrauchen. Wer keinen Pool hat, der braucht,
genau, einen Pufferspeicher :o)
Und in der Regel braucht man zusätzlich einen
zweiten Wärmeerzeuger für Spitzenlast.
Wenn es Dir um zusätzliche Produktion von elektrischer
Energie geht: Es gibt inzwischen erdgasbetriebene
Brennstoffzellen-Heizgeräte (Viessmann hat sie am Markt,
Vaillant ist wohl im Testbetrieb), in denen eine
Brennstoffzelle Strom produziert und die Grundwärmelast
abdeckt. Für Wärme-Spitzenlast ist dann noch ein
Gas-Brennwertgerät eingebaut.
Die Technik ist aber m.E. noch so neu, dass sie nur
experimentierfreudige Zeitgenossen ernsthaft in Erwägung
ziehen sollten.
> Ich wäre grundsätzlich auch offen gegenüber ergänzender Solarthermie
> (45°-Satteldach Richtung Südwesten ist vorhanden, Standort ist Raum
> Hamburg), das müsste sich aber rechnen. Da das Dach auch 30 Jahre alt
> ist, würde ich es tendenziell lieber neu decken lassen, bevor ich da
> Kollektoren draufsetze.
Vielleicht ist hier "sowohl als auch" eine Alternative zu
"entweder oder". Es gibt "In-Dach" Kollektoren in
verschiedenen Varianten, die einfach anstelle der
Dachziegel eingebaut werden.
Wenn eine Solaranlage, dann aber gleich so groß, dass sie auch zur
Heizungsunterstützung genutzt wird. Solarthermie nur zur
Trinkwassererwärmung amortisiert sich in 20 Jahren nicht.
Man kann auch erst die Heizungsanlage erneuern und für
den Anschluss einer Solarthermieanlage vorbereiten, und
die Solarkollektoren später nachrüsten, z.B. im Zuge von
oder nach einer Dachsanierung.
> Habe ich interessante Optionen vergessen? Welche Aspekte habe ich nicht
> bedacht? Lohnt es überhaupt, Pellets, Wärmepumpe oder Solarthermie mit
> in die Betrachtung einzubeziehen? Welche Gesamtleistung brauche ich
> grob? Welche Förderungen sind sinnvoll? Soll ich einen hydraulischen
> Abgleich machen lassen?
Letzteres auf jeden Fall: Ja.
Die dazugehörende Heizlastberechnung verrät Dir dann auch
gleich die genaue Antwort auf die Frage nach der
benötigten Leistung. Vorsichtig geschätzt kommst Du mit
15kW aus, wahrscheinlich weniger.
Interessante Optionen: Wie wird denn der offene Kamin zur
Zeit genutzt? Man könnte überlegen, ob man stattdessen
nicht einen Kaminofen mit Wasserführung einbaut und
diesen dann zur Beheizung des ganzen Hauses und für die
Warmwasserbereitung mitnutzen will.
Da der wassergeführte Kaminofen dann auch wieder einen
Pufferspeicher benötigt, kann man ihn mit allen Deinen
Varianten sinnvoll kombinieren, auch mit Solarthermie und
vielleicht sogar als Spitzenlastkessel für ein BHKW.
Damit sich der Spaß dann lohnt müsste man aber den Ofen
recht regelmäßig betreiben und dafür natürlich günstige
Bezugsquelle für Scheitholz und entsprechende
Lagermöglichkeiten haben...
Im Endeffekt musst Du Dir zunächst darüber klarwerden,
wieviel Geld Du für den Spaß in die Hand nehmen willst.
Wir haben hier jetzt so ziemlich alle Preislagen zwischen
10.000€ und 40.000€ behandelt.
> Bonusfrage: gibt es überhaupt Heizungen, wo ich selbst Daten zum
> Monitoring abgreifen kann (Zustand, Durchsatz, Temperaturen)? Ich habe
> hier ausgiebig Homematic mit FHEM verbaut und würde das gern
> integrieren. Auf Cloudgedöns beim Hersteller kann ich verzichten.
FHEM bringt ein Device namens "HEATRONIC" mit, damit soll
man die Daten aus den Heatronic-3 Reglern von Junkers
(und vielleicht auch Buderus) lesen und loggen können.
Ob man bei aktuellen Geräten dieser Hersteller damit noch
etwas auslesen kann, wage ich zu bezweifeln.
Mir ist kein Heizgeräthersteller bekannt, der auf die
Cloud verzichtet, leider.
Man hat zwar fast immer eine Schnittstelle am Heizungsregler
bzw. an der Elektronik des Heizgerätes, an die man einen
Laptop anstöpseln und Daten auslesen kann, das geht aber nur
mit dem offiziellen Wartungsprogramm des Herstellers.
Dauerhaftes loggen ist da ohne weiteres nicht vorgesehen.
Einige Hersteller bieten Schnittstellenmodule zu
Hausautomationssystemen an, Viessmann z.B. kann man mit
dem EBus verbinden. Ob man FHEM dann da dranstricken
könnte, weiß ich aber nicht.
Es gibt auch Heizungsregler von Fremdherstellern,
die wohl etwas auskunftsfreudiger sind. Aber die muss man
dann wieder zur reibungslosen Zusammenarbeit mit der
Elektronik des jeweiligen Heizgerätes überreden und ob
sie FHEM-kompatibel wären weiß ich ebenfalls nicht.
> Ich weiß, dass es auch Energieberater gibt, die man bezahlt. Hätte ich
> auch nichts gegen, allerdings ist mein generelles Vertrauen in die
> Branche nicht sonderlich hoch. Wer jemanden im Nordwesten von Hamburg
> empfehlen kann, trete bitte vor.
Energieberater sind ja eigentlich eher interessant, wenn
man das Haus energetisch sanieren will, aber nicht weiß,
ob nun Fenster oder Dach neu mehr bringt als
Fassadendämmung. Oder wenn man bestimmte Förderungen von
Vater Staat abgreifen will.
Eine Heizungssanierung bzw. die Entscheidung für das eine
oder andere Heizsystem kann ein Energieberater imho nicht
maßgeblich unterstützen. Such' Dir drei, vier
Heizungsbauer in der Gegend, die sich Dein Haus ansehen
und entsprechende Lösungsvorschläge (aka Angebote)
unterbreiten und die nicht schräg gucken, wenn Du nach
"Heizlastberechnung" und "Hydraulischem Abgleich" fragst.
Aber nochmal: Werde dir vorher klar, in welche Richtung die
Reise finanziell gehen soll und teile dies den
potentiellen Auftragnehmern auch so mit.
Bringt ja nichts, wenn Dir einer eine Anlage mit
Brennstoffzelle, Solarthermie, Kaminofen und
Pufferspeicher plant und anbietet, wenn du nur 10k€
auszugeben gedenkst.
--
______________
/schüüüüüüüüß Martin Kienaß
Hamburg (Germany)