Die Azteken Mexico von Selzer-McKenzie SelMcKenzie
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Wo der nordamerikanische Halbkontinent sich am nördlichen Wendekreis trichterförmig verengt und nur noch von Gebirgen und Hochflächen geprägt wird, beginnt einer der grössten Wüstengürtel der Erde mit Hochplateaus und tief eingeschnittenen Canyons. Er liegt zum Teil im Südwesten der heutigen USA und dehnt sich bis in den Norden Mexikos aus. Das Land ist unwirtlich und nur dünn besiedelt. Weiter südlich, in West und Zentralmexiko, erhebt sich die Kordillere zu gewaltigen Gipfeln von über 5000 Metern. Diese bieten den Wolken, die der Monsun über den Himmel treibt, genügend Widerstand, damit sie sich stauen, in die Höhe steigen und abregnen können. Die jährlichen Regen werden deswegen ergiebiger, auch weil die Landmasse sich zunehmend verengt, so dass der maritime Einfluss sich überall durchsetzen kann. Sie reichen aus, um in den Tälern und Hochebenen Landwirtschaft ohne künstliche Bewässerung zu betreiben, weswegen die Besiedlungsdichte hier höher ist als im ariden Norden. Der Isthmus von Tehuantepec, auf 16°18° nördlicher Breite in Mexiko gelegen, die nach Panamä schmalste Landenge Amerikas, gilt als die geographische Grenze Nordamerikas, das also den grössten Teil des heutigen Staates Mexiko umfasst.
Daran schliesst sich Mittelamerika mit dem Hochland von Chiapas, dem vulkanisch aktiven Gebirgsland Guatemalas und der grossen, nach Norden in Richtung Kuba ins Meer ragenden Kalksteinfläche von Yukatan an. Mittelamerika endet seinerseits an der weniger ausgeprägten Landenge beim Golf von Izabal im heutigen Guatemala. Jenseits beginnt Zentralamerika, das aus den heutigen Republiken Honduras, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica und Teilen Panamäs gebildet wird.
Das Gebiet des zentralen und westlichen Mexiko und Mittelamerikas war im Gegensatz zu seiner geographischen Zweiteilung und der Zugehörigkeit zu verschiedenen modernen Staaten in der indianisch geprägten Vergangenheit eine kulturelle Einheit und wird von der Forschung Meso amerika genannt. Der kulturgeschichtliche und geographische Begriff Mesoamerikas sollte weder mit dem modernen Staat Mexiko noch mit dem geographischen Begriff Mittelamerika verwechselt oder gleichgesetzt werden, denn die drei Begriffe decken sich nicht. Mesoamerika ist ein kulturgeschichtlicher Begriff wohingegen die beiden anderen geographische bzw. politische Begriffe sind. Aber auch die Bezeichnung <<Kulturkreis>>, den man auf Mesoamerika angewendet lesen kann, führt in die Irre, denn damit verbindet sich die längst überholte Theorie einer angeblich weltweit gültigen historischen Abfolge solcher Kulturkreise, die zum Beginn des 2o. Jahrhunderts von Leo Frobenius, Fritz Gräbner und Wilhelm Schmidt entwickelt wurde und lange Zeit die kulturwissenschaftliche Forschung in Europa geprägt hat. Hingegen bezieht sich der Begriff <<Kulturareale>>, unter den wir Mesoamerika einordnen, zwar ebenfalls auf erkennbare Kulturelemente und deren Verbreitung, neben ihrer historischen Entstehung wird jedoch auch ihre Umweltabhängigkeit berücksichtigt, und der Begriff enthält keinerlei kulturhistorische Spekulationen.
KULTURGESCHICHTE
Beim Namen Mexiko und Mexikaner gilt es zu berücksichtigen, dass diese Bezeichnungen ursprünglich nur das Volk der Azteken und ihr Siedlungsgebiet in Zentralmexiko meinten. Sie wurden aber bald auf die ganze spanische Kolonie, die offiziell Neuspanien (<<Nueva Esparia>>) hiess und auch die nichtindianischen Einwohner umfasste, ausgeweitet. Um Verwechslungen zu vermeiden, verwende ich für die indianischen Bewohner vornehmlich den Ausdruck Azteken, obwohl sie sich zur Zeit ihrer ersten Begegnung mit den Spaniern selbst <<Mexikaner>> (Müxhicah) nannten. Azteken (Aztecah) ist eine ältere Selbstbezeichnung, die schon in vorspanischer Zeit ausser Gebrauch geraten war und später nur noch zur Bezeichnung ihrer nichtsesshaften Vorfahren diente.
Für alle grossen Kulturareale der Welt ist die Wissenschaft bemüht, ihre Geschichte nach historisch sinnvollen Epochen und Perioden zu gliedern. Soweit es keine schriftliche Überlieferung gibt, geschieht das nach archäologisch erkennbaren Eigenschaften in Abhängigkeit von ihrer räumlichen Ausdehnung. Man versucht dabei Blüte und Niedergangszeiten zu kennzeichnen oder man gliedert die Geschichte einfach formal nach einem Dreiperiodenschema von Alt, Mittel und Jung. So kennen wir in Europa die AltSteinzeit (Paläolithikum), die Mittlere Steinzeit (Mesolithikum) und die JungSteinzeit (Neolithikum) oder auch die uns näher stehenden Epochen des klassischen Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit.
Stehen schriftliche Überlieferungen zur Verfügung und bilden Staaten die politische Organisationsform der Bewohner, versucht man die Geschichte nach Dynastien zu gliedern. Berühmt und hochoffiziell ist die kulturgeschichtliche Gliederung Chinas, die mit ihren fünfzehn Dynastien nahezu 4000 Jahre umfasst, oder die eine kürzere Zeitspanne von <<nur>> rund t000 Jahren umfassende Römerzeit in Republik, Frühe und Späte Kaiserzeit, wobei Letztere oft noch nach den regierenden Familien untergliedert werden. Ein komplexes Schema, das von allen geschilderten Elementen Komponenten enthält, gliedert auch die Kulturgeschichte des indianischen Amerika vor der europäischen Landnahme, wie ich sie im Folgenden schildern werde.
Die Paliioindianische Epoche
Unstrittig ist in der Wissenschaft, dass Amerika erst sehr spät in der Menschheitsgeschichte, die vor über einer Million Jahren in Afrika begann, besiedelt wurde. Die Ausbreitung des Frühmenschen aus Afrika erfolgte zunächst in den Vorderen Orient, von dort aus nach Europa und Asien; und erst danach wurden die südostasiatischen Inseln und Australien besiedelt. Amerika soll sehr viel später, vor kaum mehr als 40 000 Jahren, als letzter Kontinent erstmals von kleinen Gruppen von Jägern aus Nordasien betreten worden sein, die sich dann allerdings rasch über den ganzen Doppelkontinent ausgebreitet haben.
In den letzten Jahrzehnten entstanden vermehrt ernstzunehmende Zweifel an dem einfachen Modell der ausschliesslichen Besiedlung Amerikas zu Fuss, dem Jagdwild folgend über eine damals bestehende breite Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska. Eine alternative Route der Einwanderung aus Nordasien hätte in Booten entlang dem Küstensaum verlaufen können, der heute durch den gestiegenen Wasserspiegel überschwemmt ist und daher mögliche Zeugnisse menschlicher Anwesenheit, wie Rast oder Siedlungsplätze, nicht wieder preisgegeben hat. Die Einwanderung aus Süd oder Ostasien oder sogar von der Südsee direkt in Booten über den Pazifik ist ebenfalls erwogen worden, ohne dass dafür bisher Beweise vorgelegt wurden. Argumentiert wird stets nur mit indirekten Indizien. Als neueste These, ergänzend zu der unbestrittenen Hauptbesiedlung aus Asien, werden aufgrund von genetischen Übereinstimmungen zwischen indianischen Bewohnern des östlichen Nordamerika und Westeuropas Menschen der MagdalnienEpoche Europas für zusätzliche frühe Einwanderer gehalten. Sie wären in Booten entlang dem Rand des nördlichen Polareises nach Labrador und Neufundland gelangt, was technisch vielleicht schon damals möglich war, wobei ihnen die Inseln nördlich von Schottland, dann Island und schliesslich die Südspitze Grönlands, wenn sie nicht unter Gletscher oder Packeis verborgen waren, als Stützpunkte gedient haben könnten. Die Wikinger, die nachweislich um t000 n. Chr. Nordamerika auf dieser, jetzt nicht mehr durch einen polaren Eisschild begrenzten Route erreichten, und Kolumbus, der 1492 Amerika als letzter <<entdeckte>>, wären also gar nicht die ersten Europäer gewesen, die Amerika von Osten aus erreichten.
Es sieht also so aus, als ob die Einwanderung des Menschen nach Nordamerika zu verschiedenen Zeiten, auf verschiedenen Wegen und aus ganz verschiedenen Regionen der Alten Welt vonstatten gegangen sein könnte. Man muss diese Frage beim derzeitigen ungefestigten Stand der Wissenschaft offenhalten, da alle vorgeschlagenen Routen, mit Ausnahme der höchst unplausiblen Thesen der direkten Besiedlung über den Pazifischen Ozean, noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen oder in ihrem Ausmass und Beitrag zur späteren amerikanischen Population abgeschätzt werden können.
Kleine Gruppen arktischer Jäger, woher und wann genau sie auch gekommen sein mögen, waren es also, die als erste Menschen Amerika besiedelten. Ihre technische Ausstattung war derjenigen ähnlich, die wir ethnographisch von den Eskimo kennen. Sie war aber wahrscheinlich in den Waffen und der Bekleidung noch nicht so vollkommen. Diese frühen Einwanderer haben mit ihren Hunden und mit Speerschleudern und Speeren bewaffnet in Verfolgung von Grosswild und anderen Nahrungsquellen den ganzen Kontinent durchmessen. Modellrechnungen lassen es möglich erscheinen, dass ihre Nachkommen schon wo° Jahre nach der Ankunft der ersten Gruppen in Alaska die Südspitze Amerikas in Feuerland erreicht haben könnten. Und nur unter der Annahme der schnellen Durchdringung Amerikas ist verständlich, dass von den heute bekannten archäologischen Fundorten die bisher frühesten in Südamerika liegen.
Die <<Beringia>> genannte Landbrücke zwischen Asien und Nordamerika, über die frühe Jäger nach Amerika eingewandert sind.
Die archaische Epoche
Von solchen kleinen jagenden Gruppen, deren bedeutendste nach einem Fundort in Nordamerika als ClovisMenschen bezeichnet werden, leiten sich alle amerikanischen Indianer ab, letztlich also auch die Azteken. Im späteren Mesoamerika haben sich zwar noch keine spektakulär frühen Spuren von Clovis oder VorClovisMenschen gefunden, es ist aber sicher, dass sie da waren, denn sowohl in Nord als auch in Südamerika gibt es zahlreiche Spuren dieser frühen Menschen: Feuerstellen, Orte, wo sie erjagte Wild schlachteten, und sogar Fussspuren im Schlamm, der später von Vulkanasche verdeckt wurde.
Die berühmten Funde von Geschossspitzen in Zusammenhang mit urzeitlichen Mammuts in Tepexpan, wenige Kilometer nordöstlich von MexikoStadt, und anderswo im zentralmexikanischen Hochland, die der deutsche Geologe Helmut de Terra [19001981] in den 194oer Jahren machte, sind allerdings nicht so früh, dass sie für diesen Nachweis dienen können. Es scheint, dass sich in Zentralmexiko die urtümliche Grossfauna wegen der günstigen Lebensbedingungen im damals sehr viel feuchteren Hochland mit vielen Seen und üppigem Pflanzenbewuchs noch sehr lange gehalten hat. Die archaischen Jäger konnten grossen Tieren dort länger nachstellen als in Nordamerika, wo man sich schon viel früher auf die Jagd von Kleintieren umstellen musste, weil das Grosswild ausgerottet oder ausgestorben war. Und zu solchen relativ späten Grosswildjägern gehören die TepexpanFunde.
Das Frühformativum
Nach einer langen Zeit, in der die Menschen ausschliesslich von der Jagd lebten und nicht sesshaft waren, hat sich vor etwa 7000 Jahren an mehreren Stellen in Mesoamerika die Entwicklung zur Hochkultur mit Sesshaftigkeit, Pflanzendomestikation, Töpferei und anderen Kulturtechniken angekündigt. Diese Entwicklungen bildeten sich zunächst zeitlich und örtlich getrennt heraus. Sie sind dann um 3000 v. Chr. in Zentralmexiko zusammengekommen und haben synergetisch, wie man es in der modernen Unternehmenssprache ausdrücken würde, die Kulturentwicklung beschleunigt. Damit verbreitete sich auch die Sesshaftigkeit, die anfangs nur auf wenige günstig gelegene Kleinräume an Küsten, vor allem im Grenzgebiet des heutigen mexikanischen Bundesstaates Chiapas und Guatemalas und in gut bewässerten Tälern in Zentralmexiko, zum Beispiel im Tal von Tehuacän, beschränkt gewesen war.
Schon in dieser frühen Zeit wurden Mais, Kürbis, Tomate, Bohnen, Avocado und Baumwolle angebaut -- so wie über mehrere tausend Jahre bis in die Gegenwart. Und die immer ertragreichere Züchtung, verbunden mit geschicktem Mischanbau, hat zu Nahrungsmittelüberschüssen geführt, die es den Menschen ermöglichten, einen Grossteil ihrer Energie für andere, nämlich zivilisatorische Ziele einzusetzen.
Die Wissenschaft hat diese Epoche der Kulturentwicklung <<(Früh) formativum>> genannt, um damit anzudeuten, dass bedeutende Entwicklungen begonnen wurden, die die späteren Hochkulturen präformierten.
Das Spätformativum: Die Olmeken
Auf der Grundlage einfacher, aber ertragreicher Landwirtschaft frühformativer Dorfgesellschaften haben Olmeken an der atlantischen Golfküste im heutigen mexikanischen Bundesstaat Veracruz und Frühzapoteken im Hochtal von Oaxaca im gleichnamigen mexikanischen Bundesstaat ab 1500 v. Chr. erstmals monumentale Steingebäude in gross angelegten Kultzentren errichtet. Damit begründeten sie eine öffentliche repräsentative Kunsttradition, die ihre Wurzeln in bescheidener Kleinkunst aus Ton hatte, die aber seither vornehmlich monumentale Steingebäude und skulpturen umfasste. In dieser Zeit sind auch einige Dörfer so stark gewachsen, dass man sie mittels Infrastrukturmassnahmen zu veritablen Städten ausgebaut hat. San Lorenzo Tenochtitlän, La Venta und Monte Albän waren die bedeutendsten. Komplexe arbeitsteilige Gesellschaften, die durch produktive Landwirtschaft so viel Überschuss produzierten, dass sie sich den Luxus der Stadtentwicklung, der Kunst und der Errichtung von Monumentalbauten erlauben konnten, bezeugen das.
Mit monumentalen Porträtköpfen von Herrschern -- bisher sind i6 bekannt, die meist mehrere Tonnen wiegen und mühsam aus den Steinbrüchen in den Bergen an ihre in der Ebene gelegenen Aufstellungsorte gebracht werden mussten -- zeigen die Olmeken in San Lorenzo Tenochtitlän, dass hier auch eine geschichtete, staatsähnliche politische Verfassung entwickelt worden war, die in der Lage war, Arbeitskräfte für ihre Zwecke einzuspannen. Dass diese Herrscher auch Kriege führten und sich damit brüsteten, beweisen die bei den frühen Zapoteken gefundenen Steinreliefs getöteter Gefangener. Sie wurden früher in der Literatur irreführend als <<Tänzer>> (span. danzantes) bezeichnet (Abb. Was früheren Archäologen als idyllische oder berauschte Tänze erschien, verstehen wir heute eher als Darstellung von Geopferten und Verstümmelten im Todeskampf.
Damit einher gingen komplexe religiöse Systeme, die wir allerdings kaum direkt fassen können, weil sie sich nur indirekt und symbolisch in erhaltenen Artefakten, wie jaguar und schlangenartigen Wesen, Altären und zeremoniellen Opferdepots manifestiert haben.
Diese frühen Hochkulturen haben auch auf Zentralmexiko ausgestrahlt. Der grosse Friedhof von Tlatilco aus dieser Periode, der heute von der auswuchernden Hauptstadt Mexikos überbaut ist, ist indirektes Zeugnis für eine dichte bäuerliche Besiedlung und ihren Grabkult auch dieser Zwischenregion zur damaligen Zeit. Wir finden im Hochtal von Mexiko aber auch spektakulärere Zeugnisse zeitgenössischer Zivilisation, zum Beispiel die gestufte Rundpyramide in Cuicuilco, am Südrand der modernen Stadt Mexiko. Die damit begründete Tradition von Tempelbauten erhielt sich durch alle späteren geschichtlichen Epochen, wurde aber mit runden Formen auf Bauten zur Verehrung des Windgottes eingeschränkt, während für andere Göttern Pyramiden mit rechteckigem Grundriss er richtet wurden. Die bedeutende zu Cuicuilco gehörige Siedlung und die Kultanlage fielen im 'Jahrhundert v. Chr. einem Ausbruch des Vulkans Xitle zum Opfer. Er hat die Siedlung und das Kultzentrum vollständig mit Lavaströmen begraben. Möglicherweise führte das aber nicht zu einer menschlichen Katastrophe, da die Mehrheit der Bevölkerung sich in ein nördliches Seitental rettete, wo sie zum Aufblühen der später Bedeutung erlangenden Siedlung Teötihuahcän beitrug.
Die Hochkulturen des olmekischen Horizontes und ihre örtlichen Ableger in den zentralen Hochtälern waren längst vergangen oder, wie Cuicuilco, sogar unsichtbar unter Vulkanablagerungen begraben, als die Azteken das Land betraten. Sie waren schon so lange vergangen, dass nicht einmal Mythen der ansässigen Bevölkerung den aztekischen Neuankömmlingen von ihnen berichten konnten. Daher ist über sie mündlich oder bilderschriftlich nichts überliefert.
Ein Danzante aus San Jose Mogote (Oaxaca, Mexiko). Archäologen fanden diese skulptierte Steinplatte als Schwelle eines Eingangs in ein bescheidenes Bauwerk in der formativen Siedlung San Jos Mogote und datierten sie aufgrund des baulichen Zusammenhangs auf etwa 60o v. Chr. Auf ihr ist ein Mann reliefiert, dessen Gliedmassen nach allen Seiten ausgestreckt bzw. gebeugt und abgespreizt sind. Seine Augen sind geschlossen, der Mund ist leicht geöffnet. Aus seinem Leib quellen die Gedärme hervor, begleitet von einem Blutstrom. Dadurch wird deutlich, dass dies ein Geopferter ist, dem vermutlich das Herz aus dem Leib gerissen wurde, was auch später in bestimmten Opferritualen üblich war. Es handelt sich also nicht um einen Tänzer, wie der spanische Name <<Danzante>> suggeriert. Zwischen seine Beine ist aus zwei einfachen Hieroglyphen sein Name geschrieben
Das Klassikum: Teötihuahcän
Ganz anders war es mit der Überlieferung zu der seit etwa Christi Geburt aufblühenden Kultur von Teötihuahcän und der noch späteren der Tolteken, die beide ihre Zentren im nördlichen Hochtal von Mexiko hatten. Ihre Bauten und die damals noch aufrecht stehenden steinernen Götterbilder beeindruckten die neuankommenden aztekischen Siedler und regten sie zum Nachdenken über die Erbauer und ehemaligen Bewohner an. Schon der Name der älteren dieser beiden Kulturen, die bis etwa 60o n. Chr. bestand, Teötihuahcän, birgt in sich einen aztekischen Mythos, der besagt, dass Und von dort in Tamoanchan, von wo sie aufgebrochen waren, machten sie Opfer am Ort namens Teötihuahcän. Und jedermann errichtete dort Pyramiden für Sonne und Mond. Dann stellten sie alle kleinen Pyramiden her, wo sie Opfer darbrachten, weswegen man den Ort Teötihuahcän nennt. Und dort liessen sich ihre Anführer nieder, so dass man den Ort Teötihuahcän nennt. Und wenn die Herrscher starben, begruben sie sie dort. Dann errichteten sie über ihnen Pyramiden. Die Pyramiden sind heute noch da, wie kleine Berge, jedoch von Hand gemacht. Höhlungen sind dort, von wo sie die Steine genommen haben, um die Pyramiden zu errichten. Und sie errichteten die Pyramiden der Sonne und des Mondes sehr gross, gewissermassen wie Berge. Es ist aber unglaubwürdig, wenn man sagt, dass sie von [Menschen]Hand gemacht sind, denn damals lebten noch Riesen [die das leisteten]. (Sahagün, Historia General, Buch To, Kapitel 29)
An diesem Bericht zeigt sich, dass die Azteken den Ort genau kannten und studiert haben. Steinbrüche werden erwähnt und dass in den Pyramiden Herrscher bestattet wurden. Beides trifft zu, wie die moderne Archäologie herausgefunden hat. Beim Wunsch, diese monumentalen Bauten und ihre Funktion zu erklären, ist der Autor des zitierten Berichtes, ein Azteke der Nacheroberungszeit, der dies dem Franziskanermönch Bernardino de Sahagün erzählte, allerdings schnell bei der Hand, sie <<Riesen>> zuzuschreiben, die es angeblich in der Vorzeit in Mexiko gab. Ob er damit auf Funde von vorzeitlicher Megafauna Bezug nimmt, die man nicht erst bei modernen wissenschaftlichen Ausgrabungen gemacht hat, sondern schon in der Kolonialzeit und vielleicht auch schon in altaztekischer Zeit, oder ob die Erklärung durch <<Riesen>> als archetypischer Topos zu verstehen ist, wie wir ihn allenthalben in den Mythen der Völker finden, mag dahingestellt bleiben. Die Deutung von prähistorischen Knochenfunden als Gebeine von Riesen blieb in Mexiko auch weiterhin verbreitet. Anlässlich von Kanalgrabungen im Norden des Tales im Jahr 1608, wo viele tausend Indianer zwangsverpflichtet wurden, hat man auch solche Funde gemacht und darüber berichtet:
Und sie haben dort Knochen von Toten herausgeholt. Es sind einzelne Gebeine derer, die irgendwann einmal hier in diesem Land gelebt haben, die die Alten, unsere Grossmütter [und] unsere Grossväter als Riesen bezeichnen [und] benennen. Es waren grosse Leute. Und diese vereinzelten Gebeine, die sie dort bei der Kanalgrabung herausgeholt haben, brachten sie dorthin nach San Pablo, damit der Vizekönig sie sehe. (Chimalpahin, Tagebuch, Jahr 16o8,g)
Auch die Bezeichnungen der nordsüdlichen Wegachse in Teötihuahcän als (Miccaohtli) stammt von den Azteken und knüpft an die früher zitierten Vorstellungen, dass der Ort Begräbnisstätte von Herrschern sei, an.
Die Kulturepoche, in der Teötihuahcän der führende Staat in Mesoamerika war, nennt die Forschung <<Horizont>>, weil der kulturelle Einfluss, vielleicht sogar die politische Macht Teötihuahcäns um 600 n. Chr. fast in ganz Mesoamerika spürbar und dominant war. Selbst im ansonsten sehr isoliert und eigenwillig sich formierenden MayaGebiet sind in dieser Zeit Einflüsse Teötihuahcäns zu bemerken; und die örtlichen MayaDynastien scheinen sich aus Prestigegründen oder vielleicht sogar aufgrund tatsächlicher dynastischer Zusammenhänge von Teötihuahcän abzuleiten.
Das Frühe Nachklassikum: Die Tolteken
Ähnliche legendäre und mythisch gefärbte Vorstellungen hatten die Azteken über die Tolteken, die nach archäologischer Datierung etwa um 8001000 n. Chr. in Zentralmexiko einen mächtigen, wenn auch kurzlebigen Staat bildeten. Über sie haben sich mehr und ausführlichere aztekische Berichte erhalten als über Teötihuahcän. Freilich sind auch sie in der Überlieferung schon stark zu Legenden und Mythen verformt worden. Toltekische Herrscher wie Quetzalcöätl oder Huemac und die Paläste, in denen sie in ihrer Hauptstadt Tollän lebten, sind kaum mehr mit archäologischen Hinterlassenschaften zu verknüpfen. Und das Ende der Tolteken mit einer Serie göttlich herbeigeführter Katastrophen und der Abwanderung eines Grossteils der Bevölkerung hat zwar tiefe Spuren in der Geschichtsüberlieferung bis in die Endzeit der Azteken und räumlich bis nach Yukatan und Guatemala hinterlassen, aber wir können in ihnen Mythos und Geschichte kaum auseinanderhalten, wie folgende kurze Episode aus den Annalen von Quauhtitlan zeigt:
Schon in ihm, diesem Jahr Eins Rohr, erzählt man, sagt man, kam [Quetzalcöätl] am Götterwasser, am Himmelswasserrand an und stellte sich dann aufrecht hin und weinte. Er nahm, womit er sich als Tracht geschmückt hatte: seinen ApanecatlFederschmuck und seine Türkismaske usw Und als er sich fertig geschmückt hatte, verbrannte er sich aus freien Stücken, übergab sich den Flammen. Deswegen trägt der Ort, wo sich der Quetzalcöatl verbrannt hat, den Namen .Und es wird gesagt, dass seine Asche, gleich als er verbrannte, emporstieg. Und es erschienen, sie sahen alle möglichen Schmuckvögel zum Himmel emporsteigen. Man sah dort rote Löffelreiher, TürkisCotingas, Trogone, Reiher, grüne Papageien, Feuerararas, Papageien, weisshäuptige Papageien und auch alle anderen Schmuckvögel. Und als er dort ganz zu Asche verbrannt war, stieg sein Herz gleich als QuetzalVogel zum Himmel empor. So sahen sie es, so wussten sie es: Er ging zum Himmel, trat in den Himmel ein. (Annalen von Qauhtitlan, §§ 146a15ob)
Das Späte Nachklassikum: Die unmittelbaren Vorläufer der Azteken
Die Kulturen von Teötihuahcän und der Tolteken, die in der klassischen und frühen nachklassischen Epoche den Ton angegeben hatten, waren auch schon wieder vergangen, als die Azteken in Mesoamerika einwanderten. Sie hatten also keine direkte Berührung mit diesen Altvölkern. Hingegen trafen sie auf andere, sesshafte oder schweifend lebende Stämme und Staaten: die Otömih, Totonaken, Matlatzinkaner, Popolticah, Mixteken und Michhuahkaner. Sie alle waren den aztekischen Neueinwanderern sprachlich und zunächst auch kulturell fremd und zivilisatorisch oft überlegen.
Diese von den Azteken vorgefundenen Völker bildeten ein politisch komplexes Gefüge, in das die Azteken sich zunächst als unbedeutende neue Gruppe einpassten, bevor sie später, etwa roo Jahre nach ihrer Sesshaftwerdung, selbst eine führende Rolle spielten. Stets aber blieben die Azteken sich dessen bewusst, dass sie Spätankömmlinge waren. Der Stadtstaat von Culhuahcan, der sich direkt von den Tolteken herleitete, und die in Äculhuahcän ansässigen Chichimeken mit ihrer Hauptstadt Tetzcuhco galten ihnen als altehrwürdig. Auch die materiellen Hinterlassenschaften längst verschollener Einwohner, vor allem die Pyramiden in Teötihuahcän, die sie als Kultstätten nutzten, und die Palastruinen in Töllän, der Hauptstadt der Tolteken, nötigten ihnen grosse Bewunderung ab. Auch lernten sie in dieser Frühzeit die Andersartigkeit ihrer Nachbarn zu respektieren: Fremde Sprachen, fremde Götter und ihnen unbekannte Kulte sahen sie als etwas ganz Selbstverständliches an und waren bereit, einiges davon zu übernehmen, also von anderen Völkern zu lernen. Fremdenfeindlichkeit im heutigen Sinne oder gar Angst vor Überfremdung kannten sie nicht. Andererseits haben sie jedoch durchaus Unterschiede in Sitten und Bräuchen und in der Kleidung wahrgenommen und zum Teil auch im Vergleich zu ihren eigenen Sitten missbilligt.
Die Tatsache, dass die Azteken späte Einwanderer waren, ist der Grund dafür, dass sich heute noch in entlegenen Gebieten Nachkommen verschiedener voraztekischer Kulturen und Sprachen finden, denn assimiliert wurden die altansässigen Völker in der kurzen Zeit der Vormacht des aztekischen Reiches nicht. Otömih, Matlatzinkaner, Pohpolocah, Totonaken in der nächsten Umgebung der Azteken und viele weiter entfernt siedelnde, wie die Mixe, Huaxteken, Mixteken und Zapoteken heben sich zumindest sprachlich auch heute noch von der ländlichen mestizischen Bevölkerung Mexikos ab.
SOZIALE ZEIT, SPRACHE, SCHRIFT UND ÜBERLIEFERUNG DER AZTEKEN
Muy reuerendo padre, ca niquittac nicinavieo y mihiyotzin in itechcopa y canin auh yn quiyacantiaya quipeualtiaya yn ueuetque yn ce xiuitl o nitlatlan auh niquittac yn imamauh in yca conitoa
Sehr verehrter Pater,ich habe deine Anfrage gesehen und mit Ehrfurcht in Bezug darauf betrachtet, wie die Alten ein Jahr anführten und begannen. Ich habe sie befragt und habe auch ihre Bücher diesbezüglich angesehen. (Brief des Juan Pedro de San Buenaventura an Bernardino de Sahagün)
Festkreise und Kalender
Zeitvorstellungen und deren strukturierende Einflüsse auf das gesellschaftliche Leben zu verstehen und zu erfassen, ist eine Grundvoraussetzung kulturhistorischer Arbeit. Für die Geschichte der Azteken und ihre Kultur genügt es, die Mechanik der beiden Grundsysteme desJahreskalenders und des Wahrsagekalenders zu kennen, um die Zyklizität der öffentlichen Feste und die grosse Rolle der Wahrsagerei in der Gesellschaft zu begreifen. Der Leser braucht sich also keine genaueren Kenntnisse des altindianischen Kalenderwesens mit seinen beiden konkurrierenden, aber verzahnten Festzyklen und den Tutelargottheiten für die Zeitperioden anzueignen; der folgende Abriss sollte genügen.
Jahreskalender
Jedes Jahr wird mit einem zweiteiligen Namen bezeichnet, der aus dem Nebeneinanderherlaufen der Zahlen i bis 13 und aus fünf Namen von Tieren, Naturerscheinungen und kulturellen Gegenständen gebildet wird. Dadurch entstehen 52 verschieden bezeichnete Jahre. Eine kurze Sequenz solcher Jahre ist zum Beispiel: Das Jahr mit dem Namen <<Eins Kaninchen>>
Töchtli), das darauf folgende mit dem Namen << Zwei Rohr>> (2 /kat!), das daran anschliessende namens <<Drei Feuerstein>> (3 Tecpatl) und das vierte der Reihe mit dem Namen <<Vier Haus>> (4 Calli). Das Ende eines solchen Zyklus, den die Azteken <<Jahresbindung>> (Xiuhmolpilli) nannten, wurde auf das Jahr <<Zwei Rohr>> festgelegt, das zweite der oben gegebenen Kurzsequenz. Danach beginnt ein neuer Zyklus mit dem Jahr <<Drei Feuerstein>>. Ausser diesem sind andere Jahre nicht besonders hervorgehoben. Sie folgen einfach ununterbrochen aufeinander, und die Namen des vorangegangenen Zyklus wiederholen sich nach 52 Jahren in genau der gleichen Abfolge.
Kulturell interessant ist, dass die Azteken ihr soziales Leben der Mechanik dieses Kalenders angepasst haben. Ein aztekischer Mann tritt daher mit 52 Jahren in den Ruhestand: Zu diesem Zeitpunkt erlischt seine Steuerpflicht und seine Pflicht, sich an kommunalen Arbeiten zu beteiligen. Er hat dann einen ganzen Jahreszyklus als gesellschaftlich aktiver Mensch durchlaufen und sich nun einen unbeschwerten Lebensabend verdient. Dazu gehört auch der freie Genuss des alkoholischen Agaveweins Octli, der ihm zuvor streng untersagt war.
Da wir wissen, dass das aztekische Jahr <<Drei Haus>> (3 calli) dem christlichen Jahr der spanischen Eroberung 1521 entsprach, können wir aztekische Jahre beliebig weit in die Vergangenheit zurück mit christlichen korrelieren.
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I tecpatl
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Korrelation aztekischer und christlicher Jahre.
Die Geschichtsschreibung, der es nicht auf Tagesgenauigkeit ankommt, sieht davon ab, dass aztekisches und europäisches Jahr nicht am gleichen Tag anfangen und dass auf lange Sicht eine Verschiebung zwischen den beiden Jahresarten dadurch entsteht, dass das aztekische Jahr genau 365 Tage lang ist, während das europäische durch Schalttage alle vier Jahre etwas länger ist. In den 200 Jahren, die wir für geschichtliche Rekonstruktionen vor 1521 zurückrechnen müssen, macht das maximal eine Verschiebung von 5o Tagen aus. Selbst wenn wir noch weiter zurückschauen, zum Beispiel auf den mythischen Anfang der aztekischen Wanderung im Jahre 1064, beträgt die Diskrepanz immer noch weniger als ein Jahr.
Ein gravierenderer Fehler, der schon in der eigenen indianischen Geschichtstradition zur Wirkung kommen kann, ist das fehlerhafte Einschalten oder das Tilgen eines (oder mehrerer) 52Jahreszyklen. Doch spielt diese Fehlerart in den kurzen Zeitspannen, die uns beschäftigen werden, kaum eine Rolle. Eine gewisse Relevanz hat sie lediglich für die ereignisarme Frühzeit ab 1064 bis zur Sesshaftwerdung in Chapultepec und für die noch ältere mythische Zeit. Schliesslich ist noch eine Eigenheit mexikanischer Datierung für Abweichungen von Zeitangaben um ein bis höchstens zwei Jahre verantwortlich. In den meisten Geschichtstraditionen wird der Regierungsantritt eines neuen und das Regierungsende des alten Herrschers jeweils der Regierungszeit eines der beiden ganz zugerechnet, selbst wenn der Regierungswechsel mitten im Jahr stattfand und also beide während eines Teils des betreffenden Jahres herrschten. Je nachdem, welchem der Herrscher man das ganze Jahr zuschlägt, kann so zwischen zwei Traditionen eine Diskrepanz von einem oder zwei Jahren für die Herrschaftsdauer entstehen.
Mit all diesen Fehlermöglichkeiten und Ungenauigkeiten dürfte klar sein, dass Jahresdaten der aztekischen Geschichte cum grano salis aufzufassen sind, dass sie aber dennoch einen hinreichend genauen Bezugsrahmen für einen Geschichtsabriss bieten.
Der Wahrsagekalender
Der zweite Kalender zählt nicht Jahre, sondern Tage. Auch mit seinen Grundzügen sollte sich der Leser vertraut machen. Es handelt sich um 20 nach Tieren, Naturerscheinungen und Ähnlichem benannte Einheiten, denen jeweils eine der Zahlen i bis 13 vorangestellt wird. Diese beiden Reihen werden permutiert, wie wir es schon vom Jahreskalender her kennen, und ergeben dadurch einen Zyklus von 26o verschieden benannten Tagen. So lautetet ein Tag zum Beispiel <<Vier Blume>> (4 Xöchitl), der darauffolgende <<Fünf Krokodil>> (5 Cipactli) und so fort. Ein Fünftel dieser Tagesnamen dient übrigens zur Benennung der Jahre. Doch kann man in der Hieroglyphenschrift der Indianer Jahresnamen von den gleichbezeichneten Tagesnamen dadurch unterscheiden, dass Jahresnamen immer in Rechtecke eingeschlossen sind, während Tagesnamen nicht gerahmt sind.
Die Festkreise
Offizielle Feste gab es bei den Azteken in mehreren Festkreisen, deren Abfolge und Dauer von den eben dargestellten kalendarischen Zyklen strukturiert werden. Zwei Festkreise folgen dem Jahr von 365 Tagen; darunter einer, der die Binnengliederung des Jahres widerspiegelt und ein anderer, der das Vielfache von Jahren zur Grundlage seiner Zyklizität nimmt. Ein dritter Festkreis folgt dem Wahrsagezyklus von 26o Tagen. Es gab ausserdem Feste, die anderen Zeitzyklen folgten oder deren Rhythmus und Anlässe uns unbekannt sind bzw nicht zeitbestimmt, sondern ereignisbestimmt waren. Zu den ereignisbestimmten gehören die Verdienstfeste der Kaufmannschaft, die nach erfolgreichen Fernhandelsreisen ausgerichtet wurden.
Das Jahr von 365 Tagen (Xihuitl) war in ig Monate (Mütztli) eingeteilt, von denen r8 jeweils 20 Tage umfassen und einer nur fünf Tage. Der fünftägige Kurzmonat entsteht dadurch, dass bei der Teilung des Jahres von 365 Tagen durch 20 ein Rest von 5 übrigbleibt. Dementsprechend heisst dieser Kurzmonat im Aztekischen Nemontümi mit der Bedeutung was (lediglich) zum Auffüllen (des Jahres) dient>. Diese fünf Tage galten als unheilvoll und wurden nicht für Feste genutzt. Die Monate tragen verschiedene Namen, die, wie fast alle Bezeichnungen der aztekischen Welt, sprechend sind (Tab. 2). Das heisst, sie machen verständliche Aussagen über das Fest, denn jeder der zwanzigtägigen Monate hatte sein eigenes grosses öffentliches Fest. Im beschreibenden Charakter der Monatsnamen liegt auch ihre Variation begründet. Man kann die Feste nämlich nach verschiedenen wichtigen Merkmalen beschreiben undbenennen oder nach einem jahreszeitlichen Phänomen, das mit dem Fest zusammenfiel. Eine Fest legung auf nur einen Namen, also eine strikte Terminologie, hatte sich offenbar erst bei wenigen Festen herausgebildet. In Tabelle 2 sind die am häufigsten gebrauchten Bezeichnungen aufgelistet.
Die Feste sind zum Teil paarig: Dabei kommt zunächst das (NNtöntli) Fest und wird unmittelbar von dem (huei NN) Fest gefolgt. Was es mit dieser Paarung auf sich hat, ist noch unerforscht. Andere Aspekte dieses Festkreises sind Dauer und Gewichtung einzelner Feste. Die Dauer eines Festes könnte als Korrelat zu seiner Bedeutung angesehen werden. Das Fest Tläcaxrpehualiztli, das in Kapitel III genauer geschildert wird, wäre dann eines der bedeutendsten gewesen. Es dehnte sich nämlich über 4o Tage aus, beschränkte sich also nicht auf den nach ihm benannten Monat. Ferner hatten die Feste, die mit den vier Steuerterminen im Jahr zusammenfallen, eine hervorgehobene Bedeutung, was verständlich wird, wenn wir bedenken, dass weltweit Markttage oder Steuertage auch Gelegenheiten für Feste sind, und sich bei solchen Anlässen besonders viel Volk versammelt, also ein besonders grosses Fest gefeiert werden kann. Den Höhepunkt, den eigentlichen Festtag, feierte man immer am zo., also dem letzten Tag des Monats, einerlei, wie ausgedehnt die Feierlichkeiten im Übrigen waren.
Als was sind diese Feste zu deuten? Dass sie religiöse Bedeutung haben, ist unstrittig, da das ganze Leben der Azteken von religiösen Bezügen durchdrungen ist. Der religiöse Gehalt beschränkt sich dabei offensichtlich auf Dienst an den Göttern, um sie geneigt zu stimmen, dem Menschen Nahrung und Wohlergehen zukommen zu lassen; zu diesem Gottesdienst gehören ganz wesentlich die verschiedenen Formen des Menschenopfers. Eine naheliegende weitergehende Interpretation dieser Feste ist die, dass sie den witterungsmässigen und vegetationsmässigen Lauf des Jahres symbolisieren und feiern, wie man es in allen agrarischen Gesellschaften findet. Tläcaxtpehualiztli wird in dieser Interpretation als gedeutet. Und das Fest fitemoztli () kann unschwer als Feier des Beginns der Regenzeit, deren pünktliches Eintreffen und ergiebige Niederschläge so wichtig für die Landwirtschaft sind, aufgefasst werden. Schliesslich weisen die Alternativbezeichnungen für das Festpaar Xocotl hualahci (alias: Miccailhuitl) und Xocotl huetzi (alias: Hui miccüilhuitl) auf die allmähliche Reifung der Früchte hin. Diese jahreszeitliche Interpretation, die vor allem im interkulturellen Vergleich viel für sich hat, stösst aber auf ein Problem, wenn man bedenkt, dass die Azteken das Sonnenjahr in ihrem Kalender mit 365 Tagen um 1/4 Tag zu kurz ansetzten. Ihre Feste verschieben sich nach diesem 365tägigen Sonnenkalender folglich im Laufe der Zeit gegenüber den natürlichen Jahreszeiten immer mehr, so dass schon nach wo Jahren die Feste Tläcaxrpehualiztli und iitemoztli, wie auch alle anderen, 20 Tage (also einen ganzen Monat) früher liegen als ursprünglich. Dadurch stimmen sie nicht mehr gut mit den entsprechenden Wetter und Vegetationsereignissen überein, für die sie eigentlich gefeiert werden. Eine einfache Lösung des Problems bietet sich nicht an. Sollte ursprünglich eine Übereinstimmung der Festthemen mit den Jahreszeiten gegeben gewesen sein, wäre der Festkalender um das Jahr i000 n. Chr., also in voraztekischer Zeit, eingeführt und dann nicht mehr an den wahren Verlauf der Jahreszeiten angepasst worden.
Wir kommen nun zu den Festen, die nicht jedes Jahr, sondern in grösseren Jahresabständen gefeiert werden. Alle vierJahre wurde im Monat Izcali ein Übergangsritus für Kleinkinder gefeiert. Den Kindern werden jetzt die Ohrläppchen durchbohrt, damit entsprechend der Sitte der Azteken Schmuck eingehängt werden kann. Sie bekommen ausserdem Paten und werden dadurch in den grösseren Gesellschaftsverband eingeführt. Es handelt sich offensichtlich um ein typisches Rite de passageFest gemäss der Theorie Arnold van Genneps. Seine Studie, die er 1909 veröffentlichte, weist nach, dass alle Völker wichtige Übergänge im gesellschaftlichen Leben feiern. Zu solchen Übergängen gehören vor allem die, die mit dem Wachsen, Älterwerden, der Fortpflanzung und dem Tod verknüpft sind. Aber auch Übergänge im räumlichen Sinne gehören dazu, zum Beispiel Abschiedsfeste vor langen Reisen oder das Fest anlässlich der Rückkehr von einer Reise. Auf einige werde ich in Kapitel VI noch ausführlich eingehen.
Alle acht Jahre fand ein Fest statt, das nach der Festspeise (iitamalguäliztli) genannt wurde. Es wird als Fest geschildert, das den Mais regenerieren soll. Als moderner Forscher denkt man dabei sogleich an die landwirtschaftliche Technik der Brache, dass man also ein Feld nach mehreren Jahren intensiver Nutzung ruhen (brach liegen) lässt, damit es sich regenerieren kann. Die Festbeschreibung legt tatsächlich nahe anzunehmen, dass die Beobachtung sich mindernder Erträge eines Maisfeldes nach mehrjährigem ununterbrochenem Anbau den Anlass für das Fest gibt. Allerdings scheint der Festabstand von acht Jahren etwas hoch gegriffen, denn schon nach drei bis fünf Jahren ist auf den zum Teil kargen Böden im zentralmexikanischen Hochland eine Brache oder ein Fruchtwechsel nötig. Möglicherweise konnten die Abstände bei geschicktem Mischanbau von Mais, Bohnen, Kürbis u.a. aber tatsächlich auf acht Jahre ausgedehnt werden.
Alle 52Jahre ist ein kalendarischer Jahreszyklus abgeschlossen. Danach kehren dieselben Jahresnamen wie vor 52 Jahren wieder. Das Endjahr eines Zyklus war bei den Azteken zunächst Eins Kaninchen und später das folgende Zwei Rohr. Es ist mit ihm gewissermassen ein Ende der Zeiten erreicht, und ein Neuanfang ist angesagt. Um das zu kennzeichnen, mussten in spätindianischer Zeit überall im Land und in allen Haushalten die Herdfeuer gelöscht werden, schwangere Frauen wurden in grossen Vorratskrügen versteckt, um sie vor bösen Geistern (Tzitzimitl u.a.) zu schützen, die in dieser Übergangszeit ihr Unwesen trieben, und der Hausrat wird zerbrochen (Abb. 2). War das alles geschehen, entzündete der höchste Priester des Reiches auf der Brust eines geopferten Mannes nachts auf dem Berg Huixachtücatl, etwa to Kilometer südlich der Stadt Mexiko bei der Seeuferstadt Itztapaläpan, das Feuer von Neuem und verteilte es von dort an die Tempel im Tal und von den Tempeln in jeden einzelnen Haushalt (Abb. 42). Die neun Neufeuerbohrungen, die in altindianischer Zeit von den Azteken zunächst auf ihrer Wanderung an verschiedenen Orten und ab 1403 auf dem Huixachtücatl gefeiert wurden, sind in der Zeittafel im Anhang verzeichnet. Der 26otägige Wahrsagekalender (Tönalpöhualli) bildete auch einen Festkreis. Da der Tönalpöhualli 260 Tage umfasst, könnte dieser Festkreis grundsätzlich ebenso viele verschiedene Feste aufweisen. Das ist jedoch nicht so. Anscheinend bevorzugten die Azteken bestimmte Wahrsagetage ihren Eigenschaften entsprechend zur Durchführung von Festen und mieden andere. Offensichtlich war der erste Tag, der eine t3tägige Woche eröffnet und immer die Zahl (t) führt, der bevorzugte Festtag. Z.B. ist <<Eins Blume>> der Festtag von Herrschern und Fürsten. Und auch die Götter feiern in diesem Festkreis ihren Geburtstag, der Kulturheros Quetzalcöät1 zum Beispiel am Tag <<Eins Rohr>>. Bisweilen waren auch die Feste des Wahrsagekalenders grosse öffentliche Veranstaltungen, wie das Fest am Tag <<Vier Bewegung>>, an dem man den Sonnengott Tönatiuh feierte. Oft aber waren diese Feste verglichen mit den Jahresfesten bescheidener. Im Gegensatz zu ihnen waren sie nur Feste einer Berufs oder Siedlungsgruppe, weil die an ihm gefeierte Gottheit ihr Schutzpatron war. Das Fest am Tag <<Sieben Blume>> wurde zum Beispiel von den Webern und Malern gefeiert.
Schwangere in Tonkrug. Ein Mann mit Agavemaske, Schild und Schwert schützt seinen Haushalt gegen Dämonen (Tzitzimitl), während eine hochschwangere Frau, ebenfalls mit Agavemaske geschützt, in einem grossen Tonkrug Zuflucht gefunden hat.
1. Xtlomanaliztli ((Spriessender Mais>) oder Ad cahualo ((Ende der Regen>) oder Quahuitl ehua () oder Cihuäilhuitl ()
2. Tläcaxrpehualiztli () oder Cmilhuitl () oder Xfiöpehualiztli ((Maiskolben spriessen>)
3. Tözoztöntli () oder Xöchimanaloyän ()
4. Huei tözoztli ((Grosse Wache>)
5. Toxcatl ((Trockenes>) oder Tepopochtli ()
6. Etzalquäliztli ()
7. Tecuilhuitöntli ()
8* Huei tecuilhuitl ((Grosses Herrenfest>) oder Xilötlaxcalqualoyän ((Fla
den grünen Maises essen>)
9. Miccäilhuitl () oder Tlaxöchimaco ((Überreichen von Blumen>) oder Xocotl hualahci (10. Huei miccailhuitl ((Grosses Totenfest)) oder Xocotl huetzi ((Früchte fallen herab>, d.h. sie sind reif?)
11. Ochpanaliztli ()
12. Pachtli () oder Teötleco ((die Gottheit kommt herab>)
13. Huei pachtli ((Grosse Flechte>) oder Tepeilhuitl ()
14. Quecholli ()
15. Panquetzaliztli ((Fahnenaufrichten>)
16. Ätemoztli ((Das Wasser kommt herab>)
17. Tititl ((Verschrumpelt>)
18. Izcali ((Grossziehen>).
Die Namen der Monate des 365tägigen Jahres
AZTEKISCHE SPRACHE UND IHRE VERSCHRIFTUNG
can ticnehuihuiliya chalchihuitl in acatic in motlatol ct yn toconmaca quetzal huitolli hui yehuaya oncuicayhuixochiyapipixauhtimani yn mochaua ohuaya ohuaya
Wir verwandeln deine Worte einfach in Jadeperlen, wir geben ihm Quetzalfedergirlanden, Federblumenlieder regnen auf sein Haus, oh ja, oh ja. (Cantares Mexicanos, Lied 7o)
Die Sprache der Azteken ist dank intensiver Bemühungen früher katholischer Missionare durch Übersetzungen christlicher Texte ins Aztekische, durch Sprachlehrbücher und durch Wörterbücher vorzüglich dokumentiert. Sie kann, wie Latein, Altgriechisch, Sanskrit oder andere Kultursprachen vergangener Zeiten, ohne Probleme erlernt werden. Empfehlenswert hierfür ist das spanische Wörterbuch des Alonso de Molina, das 1555 in einer ersten Auflage und 1571 in einer zweiten, erweiterten in Mexiko gedruckt wurde und auch in neueren Nachdrucken zugänglich ist. Ähnlich umfangreich und nützlich ist das auf ihm aufbauende französische Wörterbuch von Remi Simon aus dem ig. Jahrhundert sowie das die aztekische Sprache in Lateinisch und Deutsch erläuternde von Johann Carl Eduard Buschmann. Buschmann war übrigens der erste deutsche Forscher, der sich in Zusammenarbeit mit Wilhelm von Humboldt der aztekischen Sprache zugewandt hat. Sein Wörterbuch, das er im Auftrag Humboldts verfasste, wurde aber erst 150 Jahre nachdem er es erarbeitet hatte, im Jahre 2000 veröffentlicht. Unabhängig von diesen umfassenden Wörterbüchern hat die finnische Linguistin Frances Karttunen 1983 ein knapp gefasstes, modernen sprachwissenschaftlichen Standards entsprechendes englisches Wörterbuch zusammengestellt. Wo immer es auf die genaue Rechtschreibung des Aztekischen ankommt, orientiere ich mich an Karttunens Schreibung, denn nur sie folgt dem gültigen linguistischen Standard. An Grammatiken ist die spanische des vermutlich aus Österreich stammenden Jesuiten Horacio Carochi von 1645 immer noch die genauste. Sie ist in zahlreichen Bearbeitungen und Neuauflagen leicht zugänglich. Daneben gibt es unzählige für das Selbststudium mehr oder minder geeignete, von denen ich persönlich die französische von Michel Launey für die beste halte, während die deutsche von Wilhelm von Humboldt und die spanische von Fernando Horcasitas jeweils nur einen vereinfachten ersten Einblick in den Sprachbau des Aztekischen gewähren. Selbstverständlich werden heute auch im Internet Sprachhilfen für das Aztekische angeboten. Manche sind sogar recht zuverlässig; doch keine reicht an den Standard der genannten gedruckten Werke heran.
Die altindianische Verschriftung der aztekischen Sprache hat nicht den Perfektionsgrad der sehr viel älteren MayaHieroglyphenschrift erreicht. Sie blieb auf dem Stand einer Partialschrift stehen, mit der man zwar konkrete Dinge, Kalenderdaten und Namen von Menschen und Städten wiedergeben konnte, nicht jedoch einen gesprochenen Text mit allen seinen sprachlichen Feinheiten und seinem Satzbau. In diese Richtung fortzuschreiten hat nur ein anonymer Schreibkundiger im Reich von Arciilhuahan versucht, als er den historischgeographischen Codex Xolotl malte und hieroglyphisch erläuterte. Es ist immer noch strittig, ob das eine genuin indianische Entwicklung darstellt oder eine Anregung durch die spanische Schrift ist, die dieser Indianer, der den Codex in der frühen Kolonialzeit gemalt hat, wohl schon kannte. Solche Anregungen zur Schrifterfindung oder, wie hier, Schriftverbesserung gibt es auf der Welt zahlreiche. Die bekannteste ist die Erfindung der CherokeeSchrift, mit der CherokeeIndianer in Nordamerika eine Zeitlang sehr erfolgreich ihre Sprache geschrieben haben. Diesen Prozess der kulturellen Anregung ohne direkte Übernahme nennt die Ethnologie eine StimulusDiffusion.
Die aztekische Partialschrift hatte das Aussehen einer mit bunten Bildchen geschriebenen <<Bilderschrift>>. Diese Bildzeichen geben meist einen Wortkern (Lexem), gelegentlich auch ein Suffix oder ähnliche Funktionsbestandteile von Wörtern -- man nennt sie in der Linguistik Morpheme -- wieder. Da es bei aztekischen Schreibern nicht üblich war, alle Teile eines komplexen Wortes wiederzugeben und es auch keine festen Regeln der Anordnung der Bildzeichen zueinander gab, muss man bereits ein solides Wissen von der Sprache und vom Sachverhalt, über den etwas geschrieben wird, haben, um Zeichen und Zeichenfolgen dieser Bilderschrift zu sinnvollen Wörtern zu verknüpfen und in der richtigen Abfolge zu lesen. Das ist auch deswegen nötig, weil viele Zeichen sprachlich mehrdeutig sind. Zum Beispiel wird das Abbild eines Beines mit Fuss für so verschiedene Wörter wie , , , , , verwendet. Es sind zwar alles Begriffe und auf die Sprache bezogene Lexeme des Wortfeldes , aber welches genaue Wort gemeint ist, kann nur der Zusammenhang klären. Wenn das Abbild des Beines ausserdem mit Punkten oder Strichen ausgemalt wird, ist die Bedeutung eine ganz andere, nämlich . Das ist die Bedeutung, die das Bild im Namen des aztekischen Herrschers Tizocicatzin hat (Abb. 32). Ich möchte hier nicht auf weitere Einzelheiten eingehen, da in den folgenden Kapiteln die Namen und Namenshieroglyphen aller aztekischen Herrscher ausführlich analysiert werden.
Dieser ersten, indianischen Verschriftung folgte mit Beginn der Kolonialzeit ein zweite, die nun versuchte, den Lautstand des Aztekischen mittels der Buchstaben des lateinischen Alphabets und der Lautwerte der spanischen Sprache abzubilden. Diese Verknüpfung hat ihre Ursache darin, dass es spanische Geistliche wie die genannten Molina und Carochi waren, die das Aztekische verschriftet haben und denen alle späteren Autoren gefolgt sind. Wer Spanisch lesen kann, braucht daher nur wenige Abweichungen zu beachten. Glücklicherweise ist auch für den deutschen Leser die Aussprache des Aztekischen nicht schwierig zu erlernen. Berücksichtigt man zunächst die spanische Lautung von ch als [tsch], von c vor e und i als [s], sonst als [k], bzw vor u, also die Buchstabenfolge cu als [qu], wie in Quelle oder Qual, ferner von hu und uh als [w], kommt einem gelegen, dass tz wie deutsch [tz] wie in Nutzen bzw. als [z] wie in Zug ausgesprochen wird und tl wie Bayrisch [dl] am Wortende, etwa wie in Kindl oder Madl. Der Amtstitel Cihuacöatl, als [siwakoadl] geschrieben, und der Ortsname Tetzcuhco, als [tetzkuko] geschrieben, könnten von jedem Deutschen nahezu korrekt ausgesprochen werden. Die Vokallänge, die durch einen Querstrich über dem entsprechenden Buchstaben gekennzeichnet wird, ist uns aus dem Deutschen als phonologisch relevante Eigenschaft ebenfalls bekannt, denn auch wir unterscheiden kurze und lange Vokale, allerdings nicht mit solchen zusätzlichen Zeichen, sondern auf andere, sehr komplexe Weise. Im Aztekischen macht es einen Unterschied, ob ich Quauhcalli oder Quctuhcalli schreibe. Ersteres bedeutet , Letzteres , womit die Versammlungsstätte eines Kriegerordens gemeint ist. Auch Textli und Textli haben ganz verschiedene Bedeutungen: Textli bezeichnet das Maismehl, während Textli den Schwager eines Mannes meint. Auch bei den beiden an Nomina angehängten Suffixen tzin und tzin ist die Unterscheidung der Vokallänge wichtig: tzin bedeutet nämlich Höflichkeit oder Zärtlichkeit seitens des Sprechers oder einfach , während tztn keinerlei emotional positive Konnotation hat und einfach , , und Aztekische Wortwurzeln können durch Aneinanderfügen (Komposition) neue komplexe Bedeutungen und Bilder erzeugen, ganz ähnlich wie im Deutschen. Das aztekische Chölchiuhnenetzin -- aus Chalchiuh , Nene