Am 13.01.2018 um 19:07 schrieb Sebastian Suchanek:
> Hallo NG!
>
> Eine Arbeitskollegin
Daumen hoch für deinen Einsatz für die Kollegin! :-)
BTW: Kommen evt. noch so Markendünkel dazu? Du hast doch einen S212
E-Klasse - und irgendwie auch einen guten Draht zu MB (konkrete Umstände
weiß ich nicht). Arbeitet sie dann auch bei einer Firma mit gutem Draht
zu MB? Manchmal kommt ja dann ein Fehler bei BMW recht gelegen, um über
den Weißwurst-Konkurrenten abzustänkern.
> fährt bzw. fuhr einen 1er BMW (E87) mit
> Dieselmotor (welchen genau, weiß ich nicht).
Vorab: alle Motoren sind dort *längs* drin - versteht sich von selbst.
Aber wollte ich erwähnt haben. Ist ja schon was besonderes in der
Kompaktklasse.
So viele Motoren gab es übrigens nicht:
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E87 - 2004-2007:
M47TÜ2 im 118d und 120d.
(TÜ2 = Zweite Technische Überarbeitung, also schon der 3. Wurf des M47)
Der hat 2 Ketten:
* eine von der Kurbelwelle zur Hochdruckpumpe
* eine von der Hochdruckpumpe zu einer Nockenwelle, die andere dann per
Stirnradgetriebe
Der Kettentrieb ist vorne, also auch gut erreichbar.
Kettentrieb an sich unauffällig.
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E87N - 2007-2011:
N47 im 116d, 118d, 120d, 123d.
N47 - das ist der BMW-bekannte Problembär-Motor hinsichtlich Kettentrieb
und Steuerkette!
An sich eine ähnliche Konstruktion (auch mit den 2 Ketten), aber der
Kettentrieb ist jetzt hinten: zwischen Motor und Getriebe.
Das ist ja schon ein wichtiger Unterschied in den Diagnosemöglichkeiten.
Alles sind R4 2.0 Turbodiesel.
Der N47 hat die Steuerkettenprobleme schon auf der Wikipedia-Seite stehen:
https://de.wikipedia.org/wiki/BMW_N47#Probleme_mit_der_Steuerkette
Die Autobild hat auch drüber berichtet - im August 2013:
http://www.autobild.de/artikel/problem-mit-bmw-dieselmotoren-4346950.html
Und BMW hat Reparaturkits extra dafür, siehe
etkbmw.com
Und natürlich gab es von BMW eine Service Information REP-11 31 544 :
http://www.e90post.com/forums/attachment.php?attachmentid=1183306&d=1427723613
Garantie wurde von BMW für dieses Problem verlängert auf 8 Jahre,
200.000 km.
Ich sage es mal so: wer den hat, der sollte davon auch gewusst haben.
Und wer sein Auto bei BMW scheckheftgepflegt hat (zu prüfen), der sollte
kritisch seine BMW-Werkstatt fragen, warum die das nicht beachtet haben.
Vorher sollte der Kunde mal kritisch durcharbeiten, ob sein konkretes
Auto dort mit erfasst ist.
Und alle anderen, sollten ihre Werkstatt fragen, warum diese die Service
Infos von BMW nicht beachten.
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Sobald du die genaue Fahrzeug-Identifikation (!) weißt, hier gibt's die
Konstruktion dazu:
https://www.etkbmw.com
> Kürzlich ist ihr im
> Stop&Go-Verkehr in der Stadt der Motor unvermittelt ausgangen -
> Zitat: "wie ganz sanft abgewürgt".
> Die anschließende Diagnose der Werkstatt: Steuerkette
> übergesprungen,
Das reicht nicht als Diagnose. Und ist absolut viel zu dünn.
> (wirtschaftlicher) Totalschaden.
Das ist keine Diagnose mehr, sondern schon Glaskugel. Diagnose ist immer
nur die Aufnahme des Ist-Zustandes und die Schlussfolgerung auf die
Ursache(n).
Und beides ist die Kommunikationskette:
Werkstatt-Mechatroniker -> Service-Berater -> Kundin -> dich -> uns.
Da ist mir ein bisschen viel stille Post dabei.
Wir können auch nicht wissen, wer aus welchem Grund auf die
Schlussfolgerung wirtschaftlicher Totalschaden kommt. Also, wer sie
aufgrund welcher Kontextinformationen hinzugefügt hat.
Bei 1-2 Zähne übergesprungen merkt das Steuergerät das schon an den
Signalen von Kurbelwellen- gegen Nockenwellensensor, Aber bei 1-2 Zähnen
muss noch gar keine Berührung der Motorteile (Kolben zu Ventile)
passiert sein. Sondern dann wäre es eine Art "Soft-Off" des
Motorsteuergerätes als Motorschutz.
> So weit, so blöd. Was mich dabei irritiert: aus der
> Totalschadendiagnose schließe ich, dass Ventile und Kolben
> miteinander in Berührung gekommen sind und deswegen Ventile
> und/oder Kolben und/oder Pleuel beschädigt sind.
Eine Annahme, die stimmen kann oder nicht. Du rätst schlicht. Und das
ist Mist. Denn so geht Diagnose nicht.
Andere Spekulation: Auch ein Steuerkettenwechsel (das große Programm mit
den Rädern, Kette, Kettenspanner, Kettengleitschienen, und es kommen am
Problemmotor N47 noch ein paar Sachen dazu, wer es BMW-konform machen
will) bei BMW könnte schon den Zeitwert überschreiten. Selbst um den
Zeitwert grob einzuschätzen, haben wir bisher nichtmal Motor, Baujahr,
km, Zustand von dir.
Bei einer anderen Werkstatt: kann es wieder wirtschaftlich werden.
Wenn ich immer "wirtschaftlicher Totalschaden" höre, dann denke ich an
Win-Win: die BMW-Werkstatt verkauft dann ein neues Auto oder Gw-Auto.
Sie repariert nicht für um 2000-8000 EUR an einem "alten" Auto rum, wo
sie nicht mal wissen, ob sie das wieder ordentlich zusammenbekommen und
wie es zum Rest passt (die Motornebenaggregate sind ja auch mit einem
gewissen Verschleiß schon versehen). Und müssen dann noch 1 Jahr
Gewährleistung drauf geben. Was ihnen sehr viel Ärger einbringen kann an
alten Autos. Ggf. weiß die Werkstatt auch, dass sie die TSI nicht sauber
abgearbeitet hat, und dann ist: Karre weg, neue Karre her doch viel
bequemer, als den Rechtsstreit einzugehen um den Beitrag am Verschulden
der verschiedenen Beteiligten.
Der Kunde freut sich nach kurzem Schock und kurzem Aufreger (mal
tränenreich, mal wütend) eigentlich, dass die "alte Schüssel" endlich
mal kaputt geht, und man sich wieder was neues aussuchen kann mit neuen
Gadgets und Features und meist auch mehr Werbe-PS und passend zu den
aktuellen Vorstellungen des Kunden/der Kundin. Die Zuverlässigkeit
stimmt wieder, der km-Stand ist wieder unter 50.000 km statt über
250.000 km, wo die meisten schon Schiss bekommen und das Autofahren
fühlt sich wieder freier und problemloser an.
Das dumme: danach verändern die Kunden ihr Muster an sich nicht. Sie
lernen nicht draus. Sie kaufen wieder ein Auto und fahren es bis zum
wirtschaftlichen Totalschaden. Sie suchen nicht anders aus, sie
verhalten sich dann nicht anders.
==> Fazit: Es gibt oft einfach auf diese Art keinen Anreiz zur echten
Diagnose und echten Suche nach einer Reparatur. Das Autodurchtauschen
ist gerade am Diesel einfach Standard geworden.
Der polnische Verwerter-Malik, der solche Autos im Dutzend-Pack nach
Polen oder in den Ostblock schaukelt, freut sich hingegen über einen
geringen Preis. Und dass man nach der Diagnose und Reparatur ein
attraktives Auto zum Verkauf hat.
> Ich hätte jetzt
> erwartet, dass wenn so etwas passiert, es einen Mörder-Schlag
> tut und nicht, dass der Motor mehr oder weniger sanft ausgeht.
Naja, oben deine Annahme ist doch schon wacklig. Dann wird jedes
Weiterspinnen erst recht eine Hätte-wäre-könnte.
> Hat jemand von Euch einschlägige (leidvolle) Erfahrung? Können
> Symptome und Diagnose tatsächlich zusammenpassen?
Deine Diagnose oben ist IMHO viel zu dünn dafür.
So geht sowas:
* Erstmal die Konstruktion ermitteln für das konkrete Auto.
* DTCs auslesen und als Protokoll sichern
* Motor von Hand vorsichtig drehen, Signale von KW-Sensor,
Hochdruckpumpe (auch die wird einen Drehzahl- und Positionssensor haben)
und NW-Sensor auswerten, um den Versatz zu ermitteln.
Parallel: Glühkerzen raus, 4 Endoskope rein und
* durch die Glühkerzenlöcher die Bewegung der Kolbenböden anschauen.
Natürlich auch nach Abdrücken der Ventile suchen. Fotos sichern für die
Diagnose-Dokumentation.
Bis hierher kann man mit einfachen Mitteln viel mehr tun!
Wenn so erhärtet, kommt dann erst das große Programm:
* Getriebe raus, dann von hinten: Kettenkasten auf - reinschauen, was
wirklich betroffen ist: nur der Spanner? Wie sieht die Kette aus? Wie
sehen die Kettenräder aus? Sind die fest?
Und das für beide Ketten im obigen Fall. Stellung Kurbelwelle zu
Hochdruckpumpe zu Nockenwelle.
Wenn noch nötig:
* Kopf runter, anschauen von Ventilen, Kolben, dann sieht man das.
(Alternativ: Motor als Gesamtes raus -> zum Motorenüberholer für die
Innendiagnose.)
Denn du kannst hier aus der Ferne auch nicht diagnostizieren, ob ich
Blasensteine oder Arthritis habe und was die Ursache dafür ist. :-)
Und ganz ehrlich: Überlegen durch Mehrheitsmeinung um das Thema
"Überspringende Steuerketten" (wie du das hier vor hast) ist doch Mist.
Konkrete Arbeit am konkreten Auto ist doch viel sinnvoller in so einem
Fall. Und dann das Zeug dokumentieren mit Fotos, Auslesen des MSG und
den DTCs, usw. Halt ein ordentliches Diagnose-Protokoll mit ordentlicher
Iststandsaufnahme.
Ich finde, du solltest es konkreter machen, damit der Telefonjoker hier
auch bisschen Sinn bekommt.
Grüße,
Ralf