Am 08.11.2021 um 07:52 schrieb F. W.:
> Hallo,
>
> ich habe eine Frage zu Hybrid-Fahrzeugen.
>
> Ich bin nur einmal mit einem solchen Fahrzeug gefahren. Das war 2016 mit
> einem Toyota Prius durch Kassel. Ich war nicht auf der Autobahn.
>
> Der Eigentümer erklärte mir, dass der Prius ab einer Geschwindigkeit von
> 50 km/h den Verbrenner einschaltet. Darunter fährt er elektrisch.
Kommt bisschen drauf an, was für ein Prius das war.
Bis 2016 gab es viele Modelle, in denen du alles hättest mitgefahren
sein können:
* [Prius I] (kann man ausschließen, gab es hier nur ganz wenige)
* Prius II (2003–2009) - ein Voll-Hybrid
* Prius III (2009–2016) - ein Voll-Hybrid
* Prius IV (seit 2016) - ein Voll-Hybrid, der wäre damals ganz neu gewesen
und prallel:
* Prius III PHEV (2010–2016) - Plug-in Hybrid
Jeder von denen hat eine etwas andere Grenzgeschwindigkeit, bis zu der
er im EV-Modus elektrisch fahren kann. Das ist immer auch abhängig von
der konkreten Anforderung an Motorleistung.
Es liegt aber zwischen 58-69 km/h (für die Prius Voll-Hybriden) und 135
km/h (Prius III Plug-in Hybrid). Offenbar warst du einem Prius
Voll-Hybrid mit unterwegs. Dann war es kein allzu großer Unterschied, ob
Prius II, III oder IV.
Diese Grenzgeschwindigkeiten heißen nicht, dass sie dann *immer*
elektrisch fahren. Sie heißen nur, dass bis dahin elektrisches Fahren
möglich ist, *wenn* die Leistungsabforderung gering genug ist und
Umgebungsbedingungen stimmen.
Abhängig von den Umgebungsbedingungen kann jedoch auch mal der
Verbrenner parallel mit angehen, z.B. um:
* den Innenraum zu heizen
* den Kat vorzuheizen
* im Wohnwagenbetrieb bei erkannter Nutzung der AHK
* die Batterie vom Ladestand zu erhalten (Hold), oder gar aufzuladen
(abhängig vom Fahrmodus, in manchen PHEV gesperrt)
> Jetzt lese ich, dass der Cupra Formentor, der interessant sein könnte,
> bis zu 69 km elektrisch fährt. Wie ist das zu sehen? Fährt er
> elektrisch, solange man 69 km lang unter 50 km/h fährt?
Das wäre zu pessimistisch. Du kannst auch schon mal schneller fahren.
Der Formentor PHEV hat ja mehr elektrische Leistung als die Priusse.
Du brauchst aber für eine große elektrische Reichweite (wie hier die 69
km) immer mal verbrauchsarme Abschnitte drin, das sind z.B. so
Segelphasen oder ruhige Stadtfahrabschnitte, weitgehend eben.
> Oder könnte ich
> eine Strecke von 100 km 69 km elektrisch und den Rest mit Verbrenner
> fahren?
Das wäre zu optimistisch.
Erklärbär-Modus an:
Der Cupra Formentor ist ein Plug-In-Hybrid.
Er hat damit zwei nutzbare Energiequellen:
* Super-Sprit aus dem Tank
* Ladestrom aus der Steckdose/von der Wallbox
Der Antrieb des Cupra Formentor 1.4 e-Hybrid hat diese Parameter:
1.4 Liter R4 Otto-Motor Direkteinspritzer mit Turbo-Aufladung (bis 110
kW/150 PS)
bis 85 kW / 115 PS vom E-Motor zwischen Verbrenner und dem 6-Gang-DSG
13.1 kWh Batteriekapazität, davon 12.4 kWh nutzbar
3.7 kW Onbordlader, eine komplette Aufladung an einer Wallbox, Ladesäule
oder CEE blau dauert so 4h
2.3 kW Schuko-Ladeziegel, eine komplette Aufladung an einer Schuko-Dose
dauert so 6h
Dadurch, dass der E-Motor vor dem DSG ist, kann er über den gesamten
Geschwindigkeitsbereich unterstützen. Sein Drehmoment geht also noch
durch das 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe.
> Ich frage mich das deshalb, weil CUPRA mir ein Angebot geschickt hat, in
> dem steht, dass der Verbrauch dieses immerhin mit 204 PS ausgestatteten
> Fahrzeugs 1,2 l/100 km liegt. Das spricht doch für elektrischen Betrieb,
> unabhängig von der Geschwindigkeit.
Nein, natürlich nicht. Der elektrische Betrieb ist immer von mehreren
Sachen abhängig, nicht nur von der Geschwindigkeit.
> Oder wie ist das?
Die 1,2 Liter Super auf 100 km sind ein Kunstwert nach einer bestimmten
von den Verbrauchs-Rechenvorschriften vorgegebenen Formel.
Dabei fährt ein Fahrzeug rechnerisch so:
Es startet mit voll geladenem Akku. Dafür muss man die Batterie vorher
extern am Strom voll aufgeladen haben.
Die Außenbedingungen und Fahrweise ist so, dass man zuerst im EV-Modus
die Batterie leer fährt und dabei einen WLTP-artigen Fahrzyklus hat. Da
kommt eine gewisse elektrische Reichweite raus, die mit null Sprit
gerechnet wird, z.B. 69 km. In dieser Phase muss man sich so zügeln (und
das Terrain so gemacht sein und das Auto in einen Modus gezwungen
haben), dass man nie in den Verbrennerbetrieb kommt. Man sollte dabei
weder Heizung noch Klimaanlage nutzen. Und die Umgebungstemperatur
sollte um 20°C sein.
Dann fährt man nach Leerfahren der Batterie noch weitere 25 km im
Mischbetrieb auf Sprit/Reku-Energie hybridisch, auch wieder WLTP-artig.
Dabei werden auf den 25 km dann z.B. 1,128 Liter Sprit (absolute Menge)
verbraucht.
Als Normverbrauch ergibt sich dann:
1,128 Liter Super / (69 + 25) km =
1,128 Liter Super / 94 km =
1,2 Liter Super/100km Normverbrauch.
(Ich nenne das die "PHEV-Wunderformel", denn ich wundere mich, wie die
Autoindustrie dieses Greenwashing bis in die offizielle
Verbrauchsermittlung für die EU durchsetzen konnte.)
Es ist also eine Mischkalkulation über die elektrisch (soweit eine volle
PHEV-Batterie mit sanftem Stromfuß halt trägt), hier die rechnerisch 69
km, und eine fixe weitgehend vom Verbrenner+Reku hybridisch gefahrene
Strecke von 25 km. Der zweite Teil (die 25 km) bleibt hybridisch, denn
auch bei leerer Batterie kann das Fahrzeug ja Energie in die leere
PHEV-Batterie reinkuperieren (bei Verzögerungen, Bremsen, Schubbetrieb,
bergab), und dann von dort auch wieder für elektrische Anteile nutzen.
Es ist also kein Teil mit irgendwie x km/h konstant.
Eigentlich sollte man sich das aber so merken:
* Wenn ich elektrisch fahre (dafür müssen Bedingungen passen), brauche
ich keinen Sprit, sondern ich verfahre die vorher geladene elektrische
Energie aus dem Akku. Das können mal 30 km sein, mal 40, mal 50, im
Bestfall auch mal 70 km.
Es können im Winter aber auch mal nur 2 oder 15 km sein, oder der
Verbrenner kann direkt mit dem Fahrzeugstart anspringen. Immer wird er
anspringen, wenn du richtig Leistung abforderst, z.B. mit Wohnwagen
einen Berg hoch oder Kickdown irgendwo rausbeschleunigen. Schließlich
bringt der E-Motor maximal 85 kW/115 PS als kurzzeitig Peakleistung, und
wer mehr will, dann muss die Antriebssteuerung zwingend Leistung vom
Verbrennungsmotor dazu nehmen.
* Wenn man stärkere Steigungen fährt oder Landstraße bergauf oder
Autobahn über 100 m/h bergauf oder Autobahn über 135 (auch flach und
bergab mit Gas), wird in der Regel der Verbrenner zugeschaltet. Gleiches
im Winter, um die Heizung zu unterstützen.
* Wenn ich dann auf dem Verbrenner fahre, brauche ich im Normverbrauch
ca. 1,128 * (100 / 25) = 4,5 Liter Super/100 km. Das ist ein Verbrauch
aus einem hybridischen Betrieb, der immer noch teilelektrische Anteile
hat. Siehe oben zum hybridischen Teil.
Realitätsabgleich
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mit Spritmonitor.de und mal für Eintrageprofile, die mindestens 5000 km
eingetragen haben:
https://www.spritmonitor.de/de/uebersicht/269-Cupra/1880-Formentor.html?minkm=5000&powerunit=2
Anzahl Kraftstoff min Ø max
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44 Benzin 5,92 9,01 11,92
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17 Plug-in-Hybrid Benzin 0,89 4,40 7,43
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2 Hybrid Benzin 3,35 5,20 6,30
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Ganz oben die 44 sind reine Benziner vom Formentor => hier nicht relevant.
Dann die 17 Einträge (die Datenlage ist also noch recht dünn) verteilen
sich dort so:
Liter Super /100 km - Anzahl Fahrprofile
0,9 - 1
2,7 - 3
3,1 - 2
4,0 - 3
4,6 - 2
5,4 - 2
6,9 - 3
7,4 - 1
Je nach Ladeverhalten, Streckenprofil und Stromfuß/Bleifuß-Schwere
kommen also zwischen 1 Liter Super / 100 km und 7 Liter Super /100 km
raus. Mit einem Schwerpunkt so um 4,5 Liter Super/100 km.
Die 2 ganz unten haben ihr Fahrzeug nicht kapiert und die Daten falsch
klassifiziert (Hybrid Benzin). Denn es gibt vom Formentor keine
Voll-Hybriden, für die diese Kategorie eigentlich gedacht ist. Oder sie
wollen indirekt ausdrücken, dass sie zwar einen PHEV nutzen, aber den
nie aufladen.
Sonst: Naheliegend wäre doch, die oder den Verkäufer/in zu fragen?
Schließlich verdient sie oder er im Erfolgsfall das Geld. Dann soll sie
oder er auch ordentlich beraten und was fürs Geld tun. ;-)
Grüße, Ralf