[Sorry, ist lang geworden. Aber ich wollte mal substanziell antworten,
auch mit Referenzen.]
Am 11.12.2023 um 11:21 schrieb Martin K.:
> Der Tesla Cybertruck wurde nach seiner Vorstellung vor ein paar Tagen
> von der Öffentlichkeit ziemlich verrissen.
>
> Wenn man aber unter das Blech schaut, wird klar, die Technik ist der
> Hammer.
Subjektiv. :-D
> Die Fahrzeugelektrik die heute immer noch im Wesentlichen
> auf den genialen Entwicklungen der Firma Bosch (*) vor über 100 Jahren
> basiert,
Diese Aussage ist grob irreführend. Sie vernachlässigt wichtige
Meilensteine wie:
* den Schritt von 6V- zu 12V-Systemen
* die massive Zunahme der Systeme - ausgehend von "Batterie, Anlasser,
Zündung und Licht", kurz später noch elektrische Wischer (dann so Ära:
Käfer und Trabant) - zu einer Vielzahl an Sicherheits- und Komfortelektronik
* die Ablöse von riemengetriebenen, hydraulischen (z.B.
Lenkunterstützung, später Klimakompressor) und pneumatischen (z.B.
Bremskraftverstärker oder Zentralverriegelungen) Funktionen durch
Elektromechanik (z.B. elektromechanische Servolenkung)
* die Ergänzung durch massive Mengen an Elektronik, also Sensoren,
Aktoren, Steuergeräte (Motorsteuergerät, Bordnetzsteuergerät, dann ABS,
dann ESP, dann immer mehr) in Abgrenzung zur reinen Elektrik mit ihren
paar Schaltern und Relais
* die Einführung von Multiplexing, dann Bus-Systemen (CAN, später: LIN,
MOST, FlexRay, ByteFlight) und Onbord-Diagnose-Funktionen als Folge der
vielen Elektronik
* die Vernetzung der Fahrzeuge: erst mobile mobile Telefone, dann Navis,
dann Car2X-Kommunikation und Remote-Anwendungen, dann Browser und
App-Plattformen; Sachen wie BMW ConnectedDrive, GM Onstar oder Ford Sync
* Toyota Prius mit seiner Hochvolt-Architektur als Hybrid. (die alten
Hybrid-Ideen waren lange verschwunden): Batterien um 200V DC
Nennspannung, die E-Motoren aber auf 650 V DC, dazwischen ein DCDC-Converter
* Chevrolet Volt, der das zum PHEV weiterentwickelte und ins Volumen
holte, dann Prius PHEV
* die ersten BEV mit Stückzahlen wie Nissan Leaf und Mitsubishi iMiev
mit ihren Li-Ionen-Batterien, die das alte BEV-Konzept der 1910er,
1920er (Bleibatterien) neu belebten
* die Einführung von Ethernet-Kommunikation (BMW, DoIP/UDS, und weitere)
* die Einführung von e-Fuses (z.B. Tesla Model 3/Y) statt klassischen
Sicherungskästen und Relaiskästen
* die "Neukonzeption der Wärme" und des Thermal Management Systems in
BEV, gegenüber ICE, z.B. elektrische Heizer und die Weiterentwicklung
Klimakompressor zur Wärmepumpe
> wurde komplett neu gedacht und neu entwickelt.
Nein, die Fahrzeugelektrik wurde nicht komplett neu gedacht und
entwickelt. Die wurde im Cybertruck evolutionär weiterentwickelt.
Man sieht das in den Tesla Slides von einem Investor Day wo es um das
25.000 USD-Auto ging. Der Entwicklungsanteil von Tesla im Bordnetz geht
zwar hoch, aber ist noch lange nicht bei 100%. Also werden weiter sowas
wie Airbagsteuerungen oder Bremsen-Steuergerät von Zulieferern gekauft.
Und die entwickeln nicht "komplett neu". An sich adaptieren sie meistens
Lösungen, die schon da sind, an neue Anforderungen. Am liebsten greifen
sie aber einfach nur ins Regal.
Und aus Kundensicht: der Cybertruck hat immer noch 4 Räder, 5 Sitze,
eine Ladefläche. Jemand muss drin sitzen und den fahren. Wenn er
wirklich komplett neu gedacht wäre: dann könnte er auch tauchen und
fliegen. :-D Und wäre wirklich "fully self-driven" unterwegs.
Für echte Avantgardisten taugt so ein Flugauto mit Zulassung (
https://www.mdr.de/wissen/fliegendes-auto-darf-fliegen-easa-zulassung-europa100.html
) oder ein Aptera besser.
> Z.B. 48V Bordelektrik anstatt 12V
Nein, ganz sicher nicht *anstatt* (also als Komplettablöse), sondern
*zusätzlich* zu einer 12V-Ebene und eben für einige Teilsysteme:
vermutlich vor allem die Rechenknoten wie die Autopilot-ECU und ggf.
Infotainment-und Connectivity ECU (früher MCU, dann ICE).
Ggf. auch die Steer-by-Wire-Aktoren den Achsen, aber schon das ist
unsicher. Und ggf. einige Pumpen, die man leicht auf 48V ziehen konnte.
Für einige (ggf. andere) Teilsysteme sind aber andere schon den Schritt
gegangen.
Alle folgenden auf 48V DC:
* Elektromechanische Wankstabilisierung (EAWS) im MLB seit Audi Q7 4M,
dann in viele andere MLB-Fahrzeuge (z.B. Cayenne, Touareg, Bentayga,
Audi A8)
Da wird der Stabilisator geteilt in zwei Hälften, und jede Hälfte
bekommt einen Elektromotor (ca. 3 kW!) dran.
https://www.audi-technology-portal.de/de/fahrwerk/fahrwerksregelsysteme/audi-sq7-tdi-48-volt-teilbordnetz-mit-elektromechanischer-aktiver-wankstabi
* elektrisch unterstützter Antrieb des Turboladers / elektrischer
Zusatzverdichter - einige Audi, Mercedes auf 48V
https://www.auto-motor-und-sport.de/motoren/elektrische-zusatzverdichter/#!
Paar Beispiele mit elektrischem Zusatzverdichter auf 48V:
Audi SQ7, elektrisch angetriebener Verdichter 48V, 7 kW (2016-2020)
https://de.wikipedia.org/wiki/Audi_SQ7
Audi Q8 55 TFSI - 3.0 V6 Turbo Otto
MHEV, elektrisch angetriebener Verdichter 48V, 7 kW
Anfang 2019
"Das 48-V-Netz wird künftig auch weitere Aufgaben übernehmen, beispielsweise
* elektromechanische Hinterradbremsen oder
* bedarfsgesteuerte Öl- und Wasserpumpen."
Vom Q7 4M hatte ich mir damals extra die SSPs gekauft, weil es so
spannend war, was da alles passierte mit 48V im Bordnetz. Oder bei dem
Diesel-PHEV.
Mercedes C-Klasse (W206) oder GLC
dem M254 DE 20,
elektrischer Zusatzverdichter, 5 kW
https://de.wikipedia.org/wiki/Mercedes-Benz_Baureihe_206#Ottomotoren_(Daten)
Auch an manchen M256 (M 256 E30 DEH LA G)
https://de.wikipedia.org/wiki/Mercedes-Benz_M_256
AMG GT 53 4MATIC+ X 290 seit 12/2018
CLS 53 4MATIC+ C 257 seit 05/2018
E 53 4MATIC+ Baureihe 213, Baureihe 238 seit 04/2018
GLE 53 AMG 4MATIC+ V 167 seit 08/2019
GLE 53 AMG 4MATIC+ Coupé C 167 seit 11/2019
S 500 Baureihe 222, Baureihe 223 seit 07/2017/seit 12/2020
Sowie:
Maserati Levante GT Hybrid
Maserati Ghibli GT Hybrid
auch beide mit elektrischem Zusatzverdichter (48V).
* 48V-Mild-Hybrid in sehr vielen Motoren (Otto, Diesel) der letzten grob
3-6 Jahre (48V-Batterie, dazu ein E-Motor entweder als
48V-Riemenstartergenerator oder 48V-Kurbelwellenstartergenerator,
DC-DC-Wandler auf 12V), als Beispiel die Architekturen von Delphi oder Bosch
2016
https://ir.aptiv.com/investors/press-releases/press-release-details/2016/Delphi-Unveils-New-48-volt-Mild-Hybrid/default.aspx
2020: "48-Volt-Bordnetz ab Sommer 2020 in über 50 BMW-Modellen"
- natürlich als Teilbordnetz.
https://www.bimmertoday.de/2020/05/27/48-volt-bordnetz-ab-sommer-2020-in-uber-50-bmw-modellen/
Die voll-elektronischen Hinterachslenkungen (die waren übrigens immer
schon: Steer-by-Wire in Pkw, z.B. dann am Panamera II), sowie
Lenkunterstützungen bei der Vorderachslenkungen, oder auch im
Aktivfahrwerk (selbst bei Model S/X) jedoch bisher verbreitet auf 12V.
Aber sie sind natürlich Ablösekandidaten für eine Versorgung aus höherer
Spannung, wenn diese Spannungsebene "eh da" ist.
Eine etwas stimmigere Einschätzung wurde IMHO hier geschrieben, auch
wenn da immer noch eine Menge irreführender Aussagen drin sind, aber er
schreibt auch, er ist kein Elektro-Ingenieur:
"Tesla shares 48V architecture with other automakers to move the industry"
https://electrek.co/2023/12/07/tesla-shares-48v-architecture-with-other-automakers-to-move-the-industry/
Und noch immer sind die echten Informationen dünn, denn so richtig
werden wir erst wissen, was wie im Cybertruck realisiert wird, wenn man
das Fahrzeug wirklich analysieren kann.
> 800V Hochvoltspannung anstatt 400V
Hatte schon vorher:
* Porsche Taycan/Audi e-tron GT.
* Hyundai-Kia e-GMP-Fahrzeuge (Ioniq 5, 6, Kia EV-6, EV-9, Genesis GV60)
* einige BYD wie Han, Tang, dann Seal auf 570-640 V.
* Geely SEA-S (z.B. Lotus Eletre) und bestimmte der SEA-1
* Lucid LEAP-Plattform (Air)
* die GM Ultium 800 Fahrzeuge (Hummer EV, Silverado EV) dann, wenn sie
zum Laden ihre internen 2x 400V-Batterien in Reihe schalteten. Denn
sonst beim Fahren wurden die parallel geschaltet, denn die E-Motoren
laufen auf nur 400V DC (ging schneller zu adaptieren).
Hier an der Stelle wird Tesla im Cybertruck dann vermutlich die
400V-Ebene komplett abgelöst haben: also auch AC Charger,
Klimakompressor, E-Motoren, ggf. Heizelemente alle auf 800V
Spannungsebene gezogen haben.
Electrify America und ionity haben in weiser Voraussicht ihr Ladenetz
gleich so ausgebaut.
Tesla hängt mit seinem ganzen Superchager-Netz hingegen verbreitet auf
500VDC (auch daran kann ein Cybertruck laden, er schaltet seine 2
Teilsysteme in der Batterie parallel, und bekommt halt "nur" bis 250 kW
anstatt mal ganz kurz werbeversprochene 350 kW von der 800V-Ebene) und
Tesla muss nun in die Umrüstung gehen: also die echten V4 Cabinets
(800-1000V, ca. 500-700A) hinter ihre V4 Supercharger Dispenser hängen.
Es ist ein anderes Vorgehen: billigerer Ausbau, schnellerer Ausbau, aber
eben mit Technischen Schulden für Tesla an eine Zukunft, die
vorhersehbar war.
Jene Schwarz-Weiß-Denker, die aber die 400V-Systeme nun gleich als
veraltet sahen, hatten auch nicht recht: Heute ergibt sich eine bunte
Mischung aus Fahrzeugen von ca. 280V bis ca. 820V Nennspannung.
> Ethernet anstatt Can-Bus
Ist wieder irreführend mit dem "anstatt".
Sondern ganz sicherlich: Ethernet *als Ergänzung* zu CAN-Bus-Kommunikation.
Schon Model S, 3, X, Y haben einige Ethernet-Links.
Model 3 (2019) z.B. sieht so aus: 1x Gigabit Ethernet, 2x100 MBit/s
BR MCU<=>APU white blue Two wire BroadR Reach 1000BASE-T1
MCU<=>DLC yellow/blue white/violet Four wire 100BASE-TX
BR MCU<=>Radio Tuner white blue Two wire BroadR Reach 100BASE-T1
Sind also 3 Ethernet-Links ausgehend von der MCU, die als Gateway fungiert:
MCU zur APU (Autopilot-ECU)
MCU zum Tesla-proprietären Diagnostic Link Connector, den man so unter
einer Abdeckung vorfingern muss. Jedoch nicht auf dem Standard-DLC.
MCU zum Radio Tuner.
Und diese Fahrzeuge haben auch einige CAN-Busse.
Wieder Model 3 (2019) als Beispiel: 12 CAN-Busse
3 große mit vielen Teilnehmern:
Vehicle CAN
Chassis CAN
Party CAN
Bis zu 9 kleinere mit jeweils wenigen Teilnehmern:
OBD CAN
Autopilot-Park CAN (später entfallen)
Charge Port CAN
GB/T CAN (China)
Primary Radar CAN (später entfallen mit dem Radar)
Secondary Radar CAN (später entfallen mit dem Radar)
BLE Left B-Pillar CAN
BLE Right B-Pillar CAN
BLE Rear CAN
Der Cybertruck wird nur das Verhältnis etwas verschieben: ein paar
*mehr* ECUs per Ethernet vernetzt, vielleicht einige 100 MBit/s auf 1000
gezogen, weniger mit CAN-Bus.
Oder ggf. mit einiger CAN-Bus-Kommunikation (dann OSI-Ebene 3 und höher
der Specs) over Ethernet-Kommunikation (was OSI-Layer 2 darstellt).
Oder ggf. nun noch mit Power over Ethernet (48V DC) dazu. Das sind aber
alles eher evolutionäre Veränderungen.
Dass die 12V-Ebene aber komplett entfallen ist im Cybertruck - daran
glaube ich nicht. Da hängt einfach sehr viel dran. Ich spare mir mal die
Liste aus einem Model 3 (2019), wo ich das aus dem Schaltplan erfasst habe.
> Bidirektionaler AC 11kW OnBoard-Charger
Bidi-Laden an sich hat Nissan seit einigen Jahren im Leaf als 7 kW,
jedoch DC. Ebenso die CHAdeMO-Fahrzeuge.
Bidi auf AC: mit kleinen 3-7 kW bei vielen chinesischen Marken (BYD,
Geely, SAIC/MG, oder auch Hyundai-Kia oder Fisker). Zulieferer, u.a. aus
China, haben solche V2G-fähigen AC-Charger schon fertig.
Wer sonst ein Interesse daran hat: nutzt eine Stromversorung aus einem
Hybrid-Pickup (z.B. F-150 Hybrid). Oder stellt einen klassischen
Generator auf die Ladefläche seines Verbrenner-Pickups. Einen Job "im
Feld" bekommt man so auch fertig.
>
https://www.youtube.com/watch?v=gB-3S-0Fq9s
Er hat "Tesla Fanboy" auf dem T-Shirt stehen - und das ist Programm. :-D
Viele seiner Behauptungen sind schlicht falsch, von irgendwo
nachgeplappert, gerade immer dann, wenn er sagt: andere hätten das nicht
und wären damit "veraltet" und "nur" der Cybertruck hätte es.
Man hat auch nicht immer mehr Kupfer in die Autos gepackt, sondern teils
Aluminium als Leiter gewechselt für höhere Ströme. Dann wurde es zwar
noch dicker, aber billiger.
CAN-Bus hat man längst (2021 standardisiert) erweitert auf CAN-FD
(CAN-Flexible Datarate), das nun zwischen 1 und 10 MBit abdeckt:
https://cdn.vector.com/cms/content/know-how/_technical-articles/CAN_FD_ElektronikAutomotive_201304_PressArticle_DE.pdf
Eingesetzt für einige Kommunikationslinks u.a. im VW Golf 8 (seit 2020),
also "MQB evo".
https://wiki-online.vcds.de/de/Allgemein/Grundlagen_Fahrzeugdiagnose_Volkswagen_Konzern
https://www.hella.com/press/de/Werkstatt-Service-10-12-2020-19235.html
Flexray (bis 10 MBit/s) hat man eingeführt (maßgeblich BMW E70 (2007),
F30, F10, aber auch Audi und Mercedes, siehe
https://en.wikipedia.org/wiki/FlexRay ), um eben einen standardisierten
Bus mit mehr Speed für jene Komponenten zu haben, die es brauchen.
Hier ein Video von 2017 (!):
https://www.youtube.com/watch?v=cbwvXO3Y9kI
Und schon dort siehst du mindestens den Diagnose-Link zwischen Fahrzeug
und in Ethernet realisiert. (BMW seit mehr als 10 Jahren mit DoIP -
Diagnostics over IP.)
ISO 14229-1, Road vehicles -- Unified diagnostic services (UDS) -- Part
1: Specification and requirements, 2013
Im MEB (2019 erste Fahrzeuge: id.3, ...) von Volkswagen hat man dann -
genau wie in Tesla 3 und Y - Automotive-Ethernet-Links eingesetzt.
Herr Pliquet hat sicherlich so einige Tesla-Aktien und man jubelt sich
in der Tesla-Echokammer (jeder erzählt das, was ihm andere gepostet
haben) die Sache innovativ, um Investoren bei Laune zu halten oder neue
zu gewinnen. Aber zu oft ist es eben das: Irrige Werbekommmunikation mit
blumigen Übertreibungen von Innovationen und Neuerungen und
Alleinstellungsmerkmalen, die sich eigentlich relativieren.
Auch das ist einfach Bullsh*t und eine Medien-Maßnahme. Die Konkurrenten
und auch die Zulieferer wissen seit Jahren, was geht. Und überlegen auch
immer neu, wägen ab in den Aufwänden zwischen Fahrzeughersteller,
Zulieferern, Kosten, Stückzahlen.
Der Hintergrund ist ein anderer: Damit Tesla wirklich irgendeinen
Mehrwert zieht, brauchen der Zulieferer mehr Volumen.
Sie wollen also: den Rest der Industrie auf Ihre Tesla-Art rüberziehen,
wie sie 48V implementieren.
Ach so: das Dokument mal öffentlich wäre interessant. Dann könnte man
wirklich über den Inhalt reden.
Vergleichbarer Stoff kommt aber seit Jahren in Automotive
Elektronik-Zeitschriften.
Hier ein Beispiele:
2015 - "48-Volt-Bordnetz – Schlüsseltechnologie auf dem Weg zur
Elektromobilität"
https://www.zvei.org/fileadmin/user_upload/Presse_und_Medien/Publikationen/2015/dezember/48-Volt-Bordnetz_-_Schluesseltechnologie_auf_dem_Weg_zur_Elektromobilitaet/ZVEI-Leitfaden-48-Volt-Bordnetz-2015.pdf
"Serienfertigung läuft binnen 18 Monaten an - 48-V-Mild-Hybrid von Delphi"
2016 -
https://www.all-electronics.de/automotive-transportation/48-v-mild-hybrid-von-delphi.html
dSpace 2016
"Bosch – 48-Volt-Hybrid schnell und zuverlässig evaluiert"
https://d2368tcediwknr.cloudfront.net/bkm/magazin_2016_02_de/catalogs/magazin_2016_02_de/pdf/complete.pdf
2017 - Rebholz, HTWG Konstanz
"48V Bordnetzsysteme - Die nächste Generation der Spannungsversorgung?"
https://wiki.ei.htwg-konstanz.de/_media/professoren_webseiten/rebholz/rebholz_48v_systeme_htwg-konstanz.pdf
Juli 2023
https://www.electronicdesign.com/markets/automotive/article/21269271/electronic-design-48v-systems-what-you-need-to-know-as-automakers-say-goodbye-to-12-v
Dann sieht man schon in den Referenzen ganz unten: 2016 ging das beim
VDA los. Und dann zur ISO zur Standardisierung.
Was dort aber tatsächlich fehlte: der Blick z.B. auf "Power over
Ethernet". Von WLAN-Access-Points, IP-Telefonen und manchen
Überwachungskameras kennt man das (abseits von Automotive) natürlich
schon lange. Aber die jetzigen Standards enden bei 15, 30, 60, 100 Watt
über Cat5 Twisted-Pair Kabel.
Siehe:
https://en.wikipedia.org/wiki/Power_over_Ethernet#Standard_implementation
Das ist ziemlich überschaubar. Natürlich kann PoE aber eine Chance sein,
falls es sich auch im Automotive-Einsatz bewähren sollte. Aber es birgt
erstmal eben auch Risiken in Bezug auf Stabilität, Robustheit, oder wie
Werkstätten damit klarkommen. Denn die werden alles mögliche machen:
z.B. jede Art von Prüflampen (Halogen, LED, Glimm, Phasenprüfer für
diverse Spannungsniveaus) da dranhängen, um die Spannungsversorgung zu
testen, dann wäre es doof, wenn die Datenverbindung gestört würde.
Teslas letztes "großes" White Paper mit "Master Plan Part 3" hat
(bisher) am Ende nicht wirklich eine Welle der Innovation ausgelöst.
Hier dieses:
https://www.tesla.com/de_de/blog/master-plan-part-3
Sondern als die Kundennachfrage nach BEV nicht so da war (die man jedoch
auch mit hohen Abwehrpreise gebremst hat), haben Hersteller ihre eigenen
BEV-Planungen eher in Richtung HEV und PHEV umgeschichtet.
Tesla mäandert dazwischen ziemlich erratisch mal mit Preiserhöhungen und
besserer Marge, mal mit Preissenkungen und Zugeständnissen bei der
Marge, um Marktanteile zu halten oder zu gewinnen.
> Ich bin sicher, bei den Fahrzeugherstellern und Zulieferern rauchen jetzt
> mal wieder die Köpfe, was sie mit Teslas Vorgaben machen sollen ;-)
Das glaube ich nicht, Martin.
Dafür ist der Cybertruck erstmal ca. 2 Jahre zu unwichtig, weil nur 1
Markt: Nordamerika (erstmal USA, dann ggf. Kanada und Mexiko) und zu
geringe Stückzahl, um dort wirklich "alles umzuwerfen".
Und bei Model 3 und Y (die machen das Volumen bei Tesla!) bleibt ja
alles erstmal gleich:
* kein V2G oder V2L oder V2V
* keine 48V-Komponenten, sondern die Low-Voltage-Komponenten eben auf
12V/16V-Spannungsebene; aber das ist eh schon entlastet durch die
HV-Komponenten
* wenige Ethernet-Links, einige CAN-Busse, einige LIN-Busse
* kein 800V, sondern 400V-Hochvoltnetz
* kein Steer by Wire
* teilweise nicht mal "Gigacastings" (z.B. Model 3 Highland hat keine
bekommen, sondern Tesla schweißt schön weiter die Karossen aus
Einzelteilen zusammen)
Der Cybertruck ließe also, wenn die Leute alle Innovationen so glauben,
auch die Tesla-Volumenmodelle 3 und Y "alt" aussehen. Bis man erkennt:
ein Auto, das gleich eine halbwegs vernünftige Größe hat, brauchte
Jahrzehnte auch keine Hinterachslenkung. Und ein BEV mit so 60-80 kWh,
braucht auch nicht zwingend ein 800V-System.
Ich werde mir wieder - genau wie bei id.3/id.4 und Model 3 und Y die
Schaltpläne auch beim Cybertruck anschauen, sobald Tesla die auf seinem
Service-Portal veröffentlicht. Und dann hier vielleicht Listen posten,
was *wirklich* an Veränderung passiert ist, z.B. im Vergleich zu einem
Model 3 Vor-Highland oder Model 3 Highland, was sonst den letzten Tesla
Entwicklungsstand darstellt, aber natürlich nicht für Pickup Trucks.
Leider sieht man in den Schaltplänen nicht immer die Spannungsebene,
sondern müsste sie z.B. aus der Benennung der Pins oder
Kabelquerschnitten schätzen. Und leider gibt Tesla z.B. für die
Hochvolt-Ebene erst gar keine Schaltpläne raus.
Denn schon bei 3 und Y haben manche Leute (ich glaube, du warst dabei)
nachgequakt: "nur noch 4 große Steuergeräte in 3/Y, wo andere 50-100
(größere Anzahl ad libitum einsetzen) brauchen". REVOLUTION! INNOVATION!
Wie komme ich auf "größere Anzahl" ad lib?
Z.B. Mr Munro spricht in
https://www.youtube.com/watch?v=J5zDNaY1fvI&t=28s
gleich mal von "210 little boxes that each have their own software", was
in der Anzahl unrealistisch ist - oder aber noch die kleinsten Sensoren
und Aktoren einschließt. Er ist auf der ganzen IT-technischen Seite
wirklich zum Fremdschämen.
Dabei ist das natürlich falsch. Ja, es kamen in 3/Y vier
Domain-Controller dazu (VC Right, VC Left, VC Front, Security Controller
- letzterer entfiel inzwischen und wurde wieder woanders integriert),
diese integrierten auch bestimmte Funktionalitäten (gerade die der
Sicherungskästen davor, nun mit e-Fuses, aber auch z.B. ADAS in der AP
ECU, oder Infotainment und Communication), aber es blieben trotzdem noch
bis zu ca. 25 Steuergeräte an Ethernet und CAN-Bus ringsrum in einem
Model 3/Y.
So diese Liste:
1 MCU (Media Control Unit) (& Gateway)
2 Autopilot ECU
3 Body Controller Left
4 Body Controller Right
5 Body Controller Front
6 Drive Inverter Front & Resolver
7 Drive Inverter Rear & Resolver
8 EPAS ECU 1 (Electric Power Assisted Steering)
8 EPAS ECU 2
9 HCU (Hydraulic Control Unit)/ESP
10 iBooster+DTS (Dynamic Traction System)
11 Restraints Controller
12 OCS (Occupant Classification System) - Passenger Seat
13 TPMS (Tire Pressure Monitoring System)
14 HV (High Voltage) Controller
15 HV (High Voltage) Compressor
16 PTC Heater (Positive Temp Coefficient)
17 Security Controller
18 Steering Angle and Stalk ECU
19 Premium Audio Amp (opt.)
20 (OBD-2 Diagnostic Link Connector)
21 BLE Rear (Bluetooth Low Energy)
22 BLE Left (Bluetooth Low Energy)
23 BLE Right (Bluetooth Low Energy)
24 Overhead Console Front
25 Front Radar
26 Radio Tuner
27 Home Link
(Drei davon an Ethernet+CAN-Bus, der Rest an diversen CAN-Bussen. Die
LIN-Bus-ECUs kämen nochmal extra dazu. Einiges an Kleinzeug wie:
Ultraschallsensoren der Einparkhilfe (später entfallen), Homelink, die
Lenkradtasten, Wischersteuerung, vordere Scheinwerfer, Lumbarstütze,
Licht- und Feuchtigkeitssensor, die Bedienelemente am Dachhimmel).
Viele der ECUs in einem Model 3 kommen von Zulieferern, die jetzt nicht
nur für Tesla was neues backen, sondern aus ihrem Regal etwas nehmen,
damit sie auf Volumen kommen. Am Cybertruck designt Tesla mehr in-house,
aber eben nicht alles.
Und VW / Conti hatte mit dem MEB auch schon 2 Zentralsteuergeräte: ICAS
1 und ICAS 3. Der ICAS 2 (ADAS) sollte noch kommen. Dazu kommen die
großen Steuergeräte für Infotainment und Konnektivität. Dazwischen:
Ethernet.
https://www.meinid.com/wiki/entry/17-icas1/
https://www.meinid.com/wiki/entry/19-icas3-icas3-gp/
Auch BMW ist z.B. am iX schon weiter bei der Integration. Conti hat das
im wesentlichen entwickelt.
https://www.continental.com/en-us/press/press-releases/20220325-bmw-ix/
"The electronics architecture in the BMW iX bridges the gap from
today’s distributed to an integrated and centralized vehicle
architecture of the future. Instead of relying on multiple electronic
control units, BMW’s new electric vehicle concentrates the computing
power of various functions in a few central computers."
Auch da passiert Integration, aber nicht gleich auf "nur noch" 4
zentrale Module, sondern z.B. von "bis zu" 80 auf "bis zu" 40 oder 50 ECUs.
In der Neuen Klasse von BMW geht es dann mit Valeo/Qualcomm weiter beim
ADAS Domain Controller:
https://www.elektroniknet.de/automotive/assistenzsysteme/valeo-liefert-adas-domain-controller-an-bmw.197095.html
Ich würde es nochmal aus der Endkundenbrille sehen. Der Kunde sieht
1) das Design
2) den Preis des Fahrzeugs und
3) die Reichweite
4) die Möglichkeiten und seine Bedürfnisse.
Zu 1) Ist Geschmackssache.
Zu 2) Der Cybertruck ist erstmal teuer: 80.000 oder 100.000 USD für
Bestell-Fahrzeuge. Die ersten 1000 der "Foundation Series" (Cyberbeast,
mit FSD und den V2H-Komponenten, aber ohne REx) jetzt 120.000 USD. Wenn
man dem Kunden erzählt, Tesla hätte bei der Realisierung deutlich Geld
gespart, dann sieht der Kunde das nicht im Endpreis.
Zu 3) Und seine Reichweite mit 320 oder 340 Meilen (später noch RWD mit
250 Meilen, jeweils EPA) erstmal überschaubar, mindestens im Vergleich
zu den versprochenen 500 Meilen. Denn es ist inzwischen bekannt ist,
dass sich das bei Kälte, Anhängerfahrten deutlich reduziert.
Mal schauen, wer sich wirklich für den Range Extender Batterie erwärmen
kann, um dann die 440 oder 470 Meilen (EPA geschätzt) zu erreichen.
Aus Kundensicht: Wirklich viel geholfen haben die Maßnahmen, die Tesla
da angestellt hat, also nicht wirklich. Wenn es beim Kunden nicht
ankommt, kann Tesla sich die Taschen füllen, aber ein Wettbewerber wird
sie flott preislich unterbieten. Dann brauchen sie einen Art
Apple-artigen Nimbus und eine Fanbase, die groß genug und
zahlungsbereitwillig genug ist.
4) Streut breit.
Grüße, Ralf