Ralf Koenig wrote:
> Übrigens: im Bosch Kraftfahrtechnisches Taschenbuch [...]
> Genau so für Ottomotoren mit viel mehr Literatur. Nur auf
> Quellcode-Ebene hat das bisher vermutlich keiner in Büchern beschrieben.
Quelltexte sind nicht gerade allgemeinverständlich. Ich sehe außerdem
noch ein weiteres Argument gegen Quelltexte: die sollten nicht nur die
Schönwetterbetriebsbedingungen abbilden, sondern auch die vielen
Ausnahmefälle berücksichtigen, die auftreten können. D.h. in einem
realen Quelltext steckt typischerweise mehr Ausnahmebehandlung als
eigentlicher Algorithmus, was die Lesbarkeit nicht gerade fördert.
Was ich aus dem Vortrag als gesichertes Wissen mitnehme, ist die strikte
Zweiteilung in Algorithmen von Bosch sowie in Konfigurationsdaten von
VW. Diese Lösung hat mit traditionellen Vorstellungen von
Software-Entwicklung kaum etwas zu tun. D.h. die "Quellcode-Ebene" ist
einerseits bereits sehr gut dokumentiert, da ich davon ausgehe, daß die
Bosch-Leute eine ordentliche Doku an ihre Kunden wie z.B. VW geben,
andrerseits ist die im Sinne der Prüfung der realen Abläufe ohne die
Parametrierung nahezu wertlos.
Im Vortrag gab's das schöne Schaubild mit den merkwürdig scheinenden
Eingängen zum OR-Gatter. Das ist doch dasselbe wie in früherer, noch
ziemlich diskreter Hardware mit einzelnen 74(LS)-Bausteinen (Apple ][,
IBM PC). Da wurden z.B. OR-Gatter mit 4 Eingängen genommen, weil keine
mit 3 Eingängen zur Verfügung standen. Man brauchte nur 3 Eingänge, also
hat man den 4. mit einem "Pull-Irgendwohin" nutzlos gemacht.
> Was sie gesagt haben: mit neueren Entwicklungs/Simulationsmethoden
> können sie den Verbrennungsprozess besser simulieren.
Ok, das will ich denen sogar glauben, daß im fraglichen Zeitraum
Fortschritte zu verzeichnen waren. Ich habe bei VW keinen Einblick,
beobachte allerdings die Fortschritte in diesem Bereich bei einem
österreichischen Moppedhersteller, was der serienreif auf (oder meist
neben) die Straße stellt. Dort arbeiten die Viertakt-Otto-Motoren
mittlerweile mit zwei (unterschiedlichen) Zündkerzen pro Brennraum mit
unterschiedlichen Kennfeldern. D.h. die wissen mittlerweile sehr gut,
was da drin abläuft. Vor 10 Jahren waren die in diesem Bereich noch
nahezu blind.
Nur kann bei VW der Fortschritt nicht überragende Dimensionen angenommen
haben, denn die haben eine lange Erfahrung in der Entwicklung von
software-gesteuerten Turbodieselmotoren.
> Dabei wollen sie
> herausgefunden haben, dass die Genauigkeit des LMM-Wertes eine
> wesentliche Einflussquelle ist (kann man sich vorstellen, denn der
> bestimmt die Menge N2, die über die Ansaugluft reinkommt). Es ging also
> darum, dessen Genauigkeit zu verbessern.
Dagegen stelle ich meinen Einwand der Blowby-Gase, die beim typischen
Turbodieselmotor nach(!) dem LMM und vor dem Lader in den Ansaugtrakt
eingeleitet werden. Bei kaltem Motor sind diese Mengen erheblich, und
natürlich zunehmend mit dem Alter und Verschleiß von Kolben,
Kolbenringen und Zylinder. Diese Gasmenge ist der Motorsteuerung völlig
unbekannt, vermute ich, da mir kein Sensor einfällt, der das erfassen
könnte. D.h. die wissen, daß es hier eine unbekannte Ungenauigkeit gibt,
die weit über das hinausgeht, was ein LMM an Fehlertoleranz hat. Noch
viel schlimmer: die kennen weder die Quantität der zusätzlichen
Gasmenge, die kennen nicht mal die Qualität. Das, was aus der
Motorentlüftung rauskommt, enthält je nach Temperatur ggf. hohe
Motorölanteile oder hohe Dieselanteile (die mineralischen, nicht die
Agrardieselanteile, weil die auf immer und ewig im Motoröl verbleiben)
sowie einen unbekannten Anteil an Sauerstoff. Bei der erfaßten Menge am
LMM wird vom Sauerstoffanteil in "typischer" Umgebungsluft ausgegangen.
Nicht zu vergessen: wenn es Abgasrückführung gibt, dann läßt sich die
Luftqualität im Brennraum noch viel weniger genau bestimmen, da ein
AGR-Ventil mitnichten ein Präzisionsteil ist.
BTW kennst Du reale Werte von den Toleranzen eines LMM? Wenn VW
tatsächlich Transparenz demonstrieren möchte, könnten sie Angaben
veröffentlichen, die z.B. beschreiben, daß die Herstellerangaben bei
+/-25% Meßwertgenauigkeit über die gesamte Lebensdauer des Bauteils
liegen, dazu natürlich eine Beschreibung, ab welchem Verschleißmerkmal
der Sensor als "verbraucht" gilt und wie das die Steuerung bemerkt. VW
könnte argumentieren, daß sie in den realen Algorithmen bisher von
+/-20% ausgingen und mit dem neuen Nudelsieb [1] +/-18% annehmen.
In meinem Modell der Motorsteuerung dient der LMM hauptsächlich der
Drehzahlbegrenzung des Turboladers sowie der Fehleranalyse unter
Ausnahmebedingungen. Im Vortrag stand auf einer der Folien als
Eingangswert eine Höhe über Meeresspiegel. Genau das ist zu detektieren,
will man den Lader in großer Höhe nicht einen Drehzahltod sterben
lassen. Druck außerhalb vom Motorinnern, Ladedruck im Ansaugbereich
sowie die geförderte Luftmenge lassen ganz gut auf die Drehzahl
schließen, ob das Luftfilterelement sauber ist und wenig Widerstand
bietet oder verschmutzt und mit hohem Widerstand im Ansaugweg bremst.
> Was fehlt: Vergleich LMM im 1.2 TDI, 1.6 TDI, 2.0 TDI
> Denn der Strömungsberuhiger ist ja nur beim 1.6 TDI geplant. Warum?
Die entwickeln wie immer auf vorgegebene Zielwerte hin. Nehmen wir mal
an, daß das Sieb tatsächlich einen positiven Einfluß auf die
Fehlertoleranz des LMM hätte, dann könnte es sein, daß sie im kleinen
und im großen Motor ihre Ziele haarscharf ohne Zusatz-Hardware
erreichen, beim 1.6 TDI aber etwas nachhelfen müssen. Warum auch immer.
Wenn das Sieb allerdings nur einen zu vernachlässigenden Nutzen haben
sollte, dann stellt sich eher die Frage nach den innerbetrieblischen
Entscheidungsabläufen.
Großer Chef: "Macht was!!1elf!! SOFORT!"
Abteilungschef: "Ja, öh, eigentlich können wir nichts machen, das ganze
Konzept ist vermurkst."
Großer Chef: "Wollten Sie nicht in unsere Filiale in Timbuktu versetzt
werden?"
Abteilungschef: "Nein, großer Häuptling. Ja, also ... meine Entwickler
meinten, daß man vielleicht eine Ansaugluftströmungsberuhigungsinstanz
einbauen könnte, was uns 0,1% näher an die Grenzwerte bringt.
Vermutlich. Vielleicht."
Großer Chef: "Geben Sie dem Teil einen besseren Name! Und was soll das
kosten?"
Abteilungschef: nuschelt eine Zahl.
Großer Chef: rechnet den Wert auf die Stückzahl hoch "Lassen Sie das in
den einen Motor einbauen, und geben Sie mir bis morgen ein Powerpoint,
das ich der Presse zeigen kann! Wg. der anderen schenken Sie dem Müller
vom TÜV einen Satz Winterreifen für sein Privatauto, so wie letztes Jahr
auch schon! Wenn er murrt, kriegt er einen Passat aus der
unverkäuflichen Serie!"
> Und es fehlt ein Vergleich:
Genau, da fehlt sehr viel.
> Naja, und Vergleich mit andren Konstruktionen, die den gleichen LMM und
> vergleichbaren ECU-Code in gleicher geometrischer Konstellation
> einsetzen. Haben die solche Strömungsberuhiger? Warum ja? Warum nein?
> Wie wirkt er dort?
Ich fahre in meinem Blechgehäuse eine Bosch 17C10 spazieren. Mein Motor
findet sich nicht nur in zahlreichen PSA-Fahrzeugen, sondern auch im
Focus, im Mini und noch ein paar anderen. Auf Fotos vom Motorraum vom
Focus erkenne ich, daß der gesamte Ansaugtrakt vor dem Turbolader
komplett anders aufgebaut ist. Auch die Bauweise vom Ladeluftkühler ist
ganz anders. Hm, wenn ich forschen wollte, dann müßte ich schauen, wie
bei den anderen die Parametrierung der Motorsteuerung aussieht.
Dasselbe müßte auch innerhalb der VAG-Welt vergleichbar sein. Diese
Motoren sind doch nur als Rumpfmotoren in den VW, Audi, Skoda und Seat
gleich. Die Peripherie dürfte den Zwängen des Platzangebots im Motorraum
unterliegen, so daß typischerweise der Einbauort des Luftfilterkastens
eine der Variablen ist. Das hat Auswirkungen auf die
Strömungsverhältnisse. Und das Sieb hat größere?
> Schon diese gesetzlichen Vorgaben waren also irgendwie widersprüchlich.
... was von den Herstellern erwünscht (und selbst geschrieben) war. Nur
so kann man sich Freiheitsgrade für einen Interpretationsspielraum
erhalten.
> * so billig wie möglich aus der Sache rauskommen, negative Publicity
> klein halten, Diskussionen um den gesetzten Verbrennungsmotor und
> insbesondere den Dieselmotor nicht unnötig anfachen, selbst nicht die
> Hosen runterlassen => das darf von VW-Seite als gesetzt angenommen werden
In letzterem Punkt wird VAG sicher von den anderen unterstützt werden.
Die können kein Interesse daran haben, daß auch ihre Fahrzeuge genauer
angeschaut werden, denn deren Probleme sind weitgehend identisch. Die
Lösungen ebenfalls. Die verbrauchen alle nicht die Harnstoffmengen, die
zur Einhaltung der Grenzwerte aus Gründen der Chemie nötig wären.
> > "Damals", als Motoren noch aus purer Mechanik und sonst nichts
> > bestanden,
>
> Für die Zündung brauchte es schon bei den ersten Verbrennern auch
> Thermodynamik (Glührohrzündung). Später Zündkerzen/Magnetzündung (und
> damit Elektrik). Und die Verbrennung ist ein chemischer Prozess. In dem
> Sinne gab es pure Mechanik bei Verbrennungsmotoren nie wirklich.
Du weißt, wie ich das gemeint habe :-) BTW ein Unterbrecherkontakt ist
für mich immer noch Mechanik, auch wenn er aufgrund der Elektrizität
funkt.
Gruß, Ralf
[1] Ich schaffe es einfach noch nicht einem bisher öffentlich völlig
unbekannten Bauteil den Namen aus der VW-Marketingabteilung zu geben:
Strömungsberuhiger.