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GreenCard - Das Märchen vom Fachkräftemangel (lang)

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Erik Hoffmann

unread,
Jul 31, 2002, 2:27:23 PM7/31/02
to
In den VDI-Nachrichten (VDI = Verein Deutscher Ingenieure) habe ich einen
Artikel gelesen, den ich sehr interessant finde. Auch in Deutschland suchen
einige Auftraggeber die eierlegende Wollmilchsau für 50 Euro/Std. Zwar geht
es in dem Artikel hauptsächlich um Arbeitnehmer, doch kann man dies auch
auf freiberufliche IT-Leute übertragen.

<begin>
IT-Fachkräfte: Was US-Ingenieure von der Green Card halten - Für das Gehalt
eines amerikanischen Ingenieurs werden zwei aus dem Ausland eingestellt

Das Märchen vom Fachkräftemangel in den USA

VDI nachrichten, New York, 26. 7.02
Mit Green Cards für IT-Spezialisten aus dem Ausland wurden in den USA die
Löhne gedrückt, räumen Chefs von Computerunternehmen und Headhunter ein.
Die Zuwanderung gehe auch zu Lasten älterer Mitarbeiter, die aus ihren
Arbeitsplätzen gedrängt würden, kritisieren US-Ingenieure.

Jedes Mal, wenn John Miano das Wort Fachkräftemangel hört, kommt ihm die
Galle hoch. Der Softwareingenieur aus New Jersey kann es nicht mehr hören,
wenn US-Technologieunternehmen über zu wenig heimische Computerspezialisten
klagen. "Das ist schlicht eine Lüge", empört er sich. "Die Industrie
behauptet das, damit sie billige Arbeitskräfte aus dem Ausland importieren
kann."

US-Ingenieure sorgen sich um ihre Jobs. "Der Arbeitsmarkt ist eine
Katastrophe. So wenig Angebote wie jetzt hat es seit 18 Jahren nicht mehr
gegeben", sagt Miano. Die indische Konkurrenz verdränge heimische Experten
aus ihren Jobs.

Die Industrie sieht das anders. Rund 10 % der offenen Stellen können nicht
besetzt werden, weil IT-Spezialisten dafür fehlen, klagt der IT-Verband
ITAA. Die Lobbygruppe erreichte beim US-Kongress, dass die Quote für so
genannte H-1B Arbeitsvisa für Ausländer massiv heraufgesetzt wurde. Seit
2000 können jedes Jahr 195 000 solcher Papiere an Unternehmen vergeben
werden. Fast alle Firmen nutzen die Visa zur Einstellung von
Softwarespezialisten. "Wir versuchen alles, um US-Mitarbeiter zu finden",
sagt Zoanne Hennigan von Intel", aber wenn Fachkräfte fohlen, müssen wir
auf H-1B Visa zurückgreifen. Das Programm ist elementar wichtig für den
Erfolg unserer Firma. "

Reine Heuchelei, schäumt Informatikprofessor Norman Matloff von der
University of California in Davis. "In der Öffentlichkeit behauptet Intel
immer, dass sie H-lBs einstellen müssen, weil es auf dem US Markt zu wenig
gut ausgebildete Ingenieure gibt. Als ein Team von Intel Managern einmal
bei mir an der Uni war, um Nachwuchs zu finden, schlug ich einige
Doktoranden vor. Darauf sagte man mir: 'Nein danke, Intel ist nicht
interessiert an Leuten mit Doktortitel.'"

Matloff hält die Rede vom Fachkräftemangel für ein Märchen. "Die Arbeit
geber wollen vor allem junge Leute, die wenig kosten und die problemlos
viele Überstunden schieben, weil sie keine Familie haben", sagt er. Als
Beleg führt Matloff den Fall der Firma AIG in Livingstone an, die vor drei
Jahren 249 Eingesessene IT-Mitarbeiter feuerte, nur um die Stellen
anschließend wie der mit billigeren Ingenieuren aus dem H-1B Programm zu
ersetzen.

Die Angst gebt um, von Ausländern aus dem Markt gedrängt zu werden.
"Ich habe ganz sicher nichts gegen Imrnigranten, denn meine Eltern kommen
selbst aus Asien", sagt Samuel Lin. "Aber meine Erfahrung zeigt, dass die
Geschichte mit dem Fachkräftemangel einfach nicht wahr ist.Ich habe mich
jetzt schon 500 Mal beworben und habe immer noch keinen Job." Dabei dachte
Lin, er habe mit seinem Studium in Princeton und dem Master für
Halbleiterelektronik an der renommierten Cornell University alles richtig
gemacht.

Eigentlich müssten die Unternehmen ihren H-1B Angestellten das gleiche
Gehalt zahlen wie einem Amerikaner. Dazu sind sie laut Gesetz verplichtet.
Doch die Realität sieht anders aus. Mehrere Studien haben ergeben, dass
fremde Computerspezialisten 20 % bis 30 % weniger verdienen als
einheimische IT Angestellte. Manche Firmen zahlen ihren ausländischen
Ingenieuren sogar nur 30 000 bis 35 000 Dollar.Zum Vergleich: Ein einfacher
Mechaniker bei der Washingtoner U-Bahn geht mit 49 000 Dollar im Jahr nach
Haus.

"Das ist ein moderner Sklavenmarkt", schimpft John Miano. "Die H-1B Leute
sind ihren Arbeitgebern ausgeliefert, weil ihr Aufenthaltsrecht an einen
festgelegten Job und ein einmal vereinbartes Gehalt gebunden ist. Wechsel
oder Beförderung sind kaum möglich." Kein Wunder, dass ausländische
Ingenieure so beliebt bei den Firmen sind. Im Jahr 2000 waren laut Auskunft
des Wirtschaftsministeriums 28% aller IT-Jobs, die einen
Universitätsabschluss erforderten, mit H-1B Leuten besetzt. "Das Programm
ist eine fantastische Quelle für kosteneffektive- Arbeitskräfte", schwärmt
Raj Shah, Chef der Sofftwarefirma CTIS.

Die Möglichkeit, auf ausländische Ingenieure zurückgreifen zu können,
drückt die Gehälter auf dem US Markt, besonders jetzt, wo der
Technologieboom abebbt. "Wenn man einen guten Preis zahlen will, kann man
natürlich auch hier Leute finden", so der Chef von eBlastventures, Pete
Georgiadis. "Wenn man aber ein begrenztes Budget hat, bekommt man nicht die
Leute, die man will."

Erstaunlicherweise hat der amerikanische Gewerkschaftsbund sich nie gegen
die Ausweitung der H-1B Visa gewehrt. Einzig Gewerkschaftsführer Paul
Almeida hat das Programm öffentlich verurteilt: "Das wird nur dazu
be-nutzt, die Löhne zu drücken", kritisiert er. Den Preis für diese
Entwicklung zahlen vor allem ältere Arbeitnehmer. "Die Firmen feuern die
älteren Mitarbeiter, die etwa 80 000 Dollar kosten. Und dafür stellen sie
frisch aus dem Flieger zwei neue Leute für je 45 000 Dollar ein", so die
Erfahrung der SiliconValley Headhunterin Linda Tuerk.

Der Informatiker Terry Vaughn kann das nur bestätigen. Jedes Mal, wenn er
eine Bewerbung abschickte, waren die Firmen von seiner Qualifikation
begeistert. Doch als sie merkten, dass er 45 Jahre ist, hatten sie
plötzlich kein Intoresse mehr. "Es heißt nicht Fachkräftemangel, sondern
Altersdiskriminierung", meint Vaughn.

Viele entlassene Computerspezialisten haben ihre Arbeitgeber wegen
Diskriminierung verklagt. Lediglich in einem Gerichtsverfahren gegen
Siemens Minneapolis konnten elf gefeuerte Programmierer über 40 nachweisen,
dass sie wegen ihres Alters rausgeschmissen worden waren. Fred Fehrer, ein
Ingenieur, der 13 Jahre bei Hewlett-Packard gearbeitet hat, fasst seine
Berufserfahrung so zusammen: "Es gibt definitiv eine begrenzte Lebensdauer
für Ingenieure. Sie scheinen am wertvollsten zu sein, wenn sie fünf bis
zehn Jahre aus dem College raus sind. Danach geht es langsam bergab."
STEFANIE WÄTJEN
</end>


--
eri...@gmx.de

Bernd Braeuer

unread,
Aug 2, 2002, 10:31:50 AM8/2/02
to
"Erik Hoffmann" <runda...@firemail.de> schrieb im Newsbeitrag
news:c6a9ia...@ID-26206.news.dfncis.de...

> In den VDI-Nachrichten (VDI = Verein Deutscher Ingenieure) habe ich einen
> Artikel gelesen, den ich sehr interessant finde. Auch in Deutschland
suchen
> einige Auftraggeber die eierlegende Wollmilchsau für 50 Euro/Std. Zwar
geht
> es in dem Artikel hauptsächlich um Arbeitnehmer, doch kann man dies auch
> auf freiberufliche IT-Leute übertragen.

Diese Unternehmen beschäftigen einen großen Stab an Mitarbeitern, um die
Wichtigkeit der Vorgesetzten zu steigern. ("... führe 50 Fachkräfte" ist
natürlich erheblich besser als "... führe 30 Fachkräfte") In der Realität
sitzt dann ein einzelner Guru in einer Ecke und entwickelt vor sich hin,
dabei schleppt er die anderen Mitarbeiter mit durch. Er kann natürlich
beruflich nie weiterkommen, weil keiner seine Arbeit übernehmen kann. Die
anderen vertreiben sich tagtäglich die Zeit mit Berichten und Meetings oder
hauen sich die Taschen voll mit den neuersten Schlagwörtern, von denen sie
mal gelesen haben.

Gruß Bernd


Lutz Schulze

unread,
Aug 3, 2002, 1:46:22 PM8/3/02
to
On Sat, 03 Aug 2002 11:56:33 +0200, Erik Hoffmann
<runda...@firemail.de> wrote:

>Du meinst, diese GreenCardler sind nur nutzloses Beiwerk? Eine gewagte
>These, aber das würde vermutlich erklären, warum es mit der Wirtschaft
>z.Zt. bergab geht.

Ich fürchte, die Gründe dafür sind weitaus fundamentaler.

Lutz
--
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