Aus der "Siegener Zeitung", Ausgabe Siegerland, von heute, 26.Mai
1999:
Wenn die Bahn nichts kostet, sind alle dafür
Erste Stellungnahmen zur Reaktivierung der Kleinbahn _ Anhörung im
Kreisverkehrsausschuß
Netphen. Zur möglichen Reaktivierung der Johannlandbahn haben jetzt
auch die Kommunen und Verkehrsträger erste Stellungnahmen abgegeben.
Gestern beschäftigte sich der Kreisverkehrsausschuß im Rahmen einer
Anhörung im Netpher Rathaus damit. Die Gemeinde Netphen wie auch die
Stadt Siegen zeigten sich grundsätzlich einverstanden mit der
Wiederaufnahme des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV), sofern ihre
Haushalte nicht durch erhebliche Folgekosten belastet würden. Der
Kreis hielt das bestehende Angebot für gut und ausbaufähig. Eine
SPNV-Reaktivierung könne nur in enger Verknüpfung mit dem Bus
betrieben werden. Die Deutsche Bahn als Netzbetreiberin zwischen
Siegen und Weidenau bekundete grundsätzliche Zustimmung. Eine
Entscheidung über die Reaktivierung wird vermutlich so schnell nicht
fallen. Damit müsse sich der neue Verkehrsausschuß nach der
Kommunalwahl auseinandersetzen, so der Vorsitzende des Gremiums, Paul
Breuer (CDU-MdB).
Wird die Bahnstrecke reaktiviert, interessieren sich DB, Siegener
Kreisbahn wie auch die Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd (VWS) für die
Durchführung des SPNV. _Wir warten darauf, daß der Kunde zur
Feinplanung auf uns zukommt_, sagte Hans-Walter Bock für die Deutsche
Bahn. Mit der Folgekosten-Abschätzung der Gutachter, die von einem
Zuschußbedarf von bis zu 3Mill.DM jährlich ausgehen, befinde man sich
_nach unseren Erfahrungen auch mit der Hellertalbahn auf der sicheren
Seite_, urteilte Klaus Harth von der Siegener Kreisbahn. VWS-Vorstand
Dr. Heinz Schaldach dagegen sah neben dem Fehlbetrag der Bahn auch
einen durch den Parallelverkehr entstehenden Zuschußbedarf in seinem
Unternehmen auf die kommunalen Aufgabenträger zukommen: Er sprach von
_größenordnungsmäßig zwei Millionen_ im Jahr, es könnten jedoch auch
vier Millionen sein. Durch Einsparungen von Bussen oder
Fahrpreiserhöhungen sei ein solches Defizit nicht zu decken.
Schaldach befand das Nahverkehrsgutachten für eine realistische
Einschätzung der Folgekosten als zu eng gefaßt. Nicht die Bahn
isoliert, sondern der gesamte ÖPNV in Südwestfalen müsse strategisch
untersucht werden. Nur durch ein größeres Konzept lasse sich die
nötige Kampfstärke entwickeln, um auf die Dauer auch ohne jährliche
Zuschüsse bestehen zu können. Den Bus als reines Zubringer-System zur
Bahn hielt Schaldach jedoch für wirtschaftlich problematisch: Während
auf der Hauptstrecke Einnahmen wegbrächen, müßten für die Bedienung
der Seitentäler fast ebensoviele Fahrzeuge eingesetzt werden wie
bisher. Bessere Chancen traute er einem kombinierten System nach Art
des Spurbusses zu. Das Gegenstück, ein Schienenfahrzeug, daß auch auf
die Straße ausscheren könne, werde gerade in Frankreich getestet.
_Unter strategischen Gesichtspunkten_ könne ein solches, innovatives
System von Vorteil sein, so Schaldach. Und Netphen habe schließlich
einst schon mit dem ersten Motorbus der Welt die nötige
Innovationsbegeisterung bewiesen.
Aloys Hoffmann (CDU) sah den Knackpunkt bei den Folgekosten: Weder die
betroffenen Kommunen Netphen und Siegen wollten zahlen, noch der
Kreis, der in weiten Teilen von dem Angebot auch gar nicht profitiere,
noch der Zweckverband Personennahverkehr: _Wenn wir den nicht finden,
der bereit ist, die Defizite zu decken, sitzen wir noch in ein paar
Jahren hier_, sagte er. Es gelte, politisch zu entscheiden, ob man
sich die Region an einer Anschubfinanzierung beteiligen wolle, so
Heinz Schaldach. Während z.B. der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr jährlich
1,1Mrd. DM für den ÖPNV-Betrieb zuschieße, verlange man hier noch die
absolute Kostenneutralität bei verbessertem Angebot. avb