mit besonderer Freude leite ich hierhin ein Zitat weiter:
--------------//schnipp //----------------
Rechtschreibkommission entmachtet:
DEUTSCHE SPRACHWELT begrüßt Entscheidung der Kultusminister
Erlangen, 6. März 2004 Die jetzt bekannt gewordene teilweise Entmachtung der
Rechtschreibkommission durch die Kultusministerkonferenz wird von der
DEUTSCHEN SPRACHWELT begrüßt. "Endlich: Das ist der erste Schritt der
Kultusministerkonferenz, das Abenteuer Rechtschreibreform zu beenden. Jetzt
ist das Tor zur Wiederherstellung der Rechtschreibeinheit aufgestoßen",
erklärte der Schriftleiter der größten deutschen Sprachzeitung (Auflage:
32.000), Thomas Paulwitz.
Anders als vorgesehen hat die Kultusministerkonferenz (KMK) den vierten
Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung
überraschend nicht verabschiedet. Statt dessen gab die KMK auf ihrer
Plenarsitzung am Donnerstag in Berlin bekannt, daß sie Gespräche mit der
Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung geführt habe. Sie habe Vertreter
aus Akademie und Kommission damit beauftragt zu prüfen, wie mit der
Rechtschreibreform weiterhin zu verfahren sei. Die Akademie hatte im
vergangenen Jahr einen Kompromiß vorgestellt, der die Rückgängigmachung
einer großen Zahl von Reformregeln vorsieht. Dieser Kompromiß war damals von
der Kommission als "krasse Fehlleistung" barsch zurückgewiesen worden. Unter
dem Druck der Kultusminister muß sie jetzt aber mit der Akademie
zusammenarbeiten.
"Die letzten Kapitel der verkorksten Rechtschreibreform werden geschrieben.
Die Neustrukturierung darf jedoch nicht dazu führen, daß jetzt ohne Ende
reformiert und reformiert wird", so Paulwitz. Ziel müsse der weitere Rückbau
der Reformregeln und die Wiederannäherung an die klassische Rechtschreibung
sein. Neben der Akademie müßten noch weitere Gruppen einbezogen werden, vor
allem die Sprachanwender. Paulwitz fordert mehr Transparenz: "Auf keinen
Fall darf wieder ein elitärer Zirkel entstehen, der selbstherrlich in dem
Allgemeingut deutsche Sprache herumpfuschen kann."
--------------//schnapp //----------------
Gruesse
Bernd
> Ein besonders freudiges Hallo,
>
> mit besonderer Freude leite ich hierhin ein Zitat weiter:
Es ist zwar OT, aber eine besondere Freude, das zu lesen. Ich benutze
ohnehin sowieso nur Altschreib, und das kann keine Kommission ändern.
Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist mir als Darmstädter
sowieso schon sympathisch, ihr Kampf gegen die Rechtschreibreform hat
sie mir nur noch näher gebracht.
--
Hendrik van Hees Cyclotron Institute
Phone: +1 979/845-1411 Texas A&M University
Fax: +1 979/845-1899 Cyclotron Institute, MS-3366
http://theory.gsi.de/~vanhees/ College Station, TX 77843-3366
> Bernd Freistedt wrote:
>
>> Ein besonders freudiges Hallo,
>>
>> mit besonderer Freude leite ich hierhin ein Zitat weiter:
>
> Es ist zwar OT, aber eine besondere Freude, das zu lesen. Ich benutze
> ohnehin sowieso nur Altschreib, und das kann keine Kommission ändern.
> Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist mir als Darmstädter
> sowieso schon sympathisch, ihr Kampf gegen die Rechtschreibreform hat
> sie mir nur noch näher gebracht.
>
Wobei man sagen muss, dass die Unterscheidung zwischen
'ss' und 'ß' in der Reform wirklich geglückt war.
Sicher liest es sich teilweise ungewohnt, aber die
Regelung ist nun konsistent.
Der Blödsinn ist halt, dass wir im Deutschen
kurze Vokale schreiben, indem wir den Konsonanten dahinter
verdoppeln.
Witzig zu sehen, wie man nach soviele Jahren noch schwierigkeiten darum
macht, während es kurz bevor im Niederländischen auch ein
Rechtschreibreform gab und, obwohl auch viel Kommentar darauf kam, dieser
immer noch da ist, und niemand mehr daran denkt, dass es überhaupt möglich
wäre die noch zu wiederrufen...
H.
Hendrik Maryns wrote:
> Witzig zu sehen, wie man nach soviele Jahren noch schwierigkeiten darum
> macht, während es kurz bevor im Niederländischen auch ein
> Rechtschreibreform gab und, obwohl auch viel Kommentar darauf kam, dieser
> immer noch da ist, und niemand mehr daran denkt, dass es überhaupt möglich
> wäre die noch zu wiederrufen...
Möglicherweise sind die neuen Regeln im Niederländischen eingängiger und
besser begründet als hierzulande.
Unabhängig davon bin ich der Überzeugung, dass man sich mit einer
Rückgängigmachung keinen Gefallen tun wird. Wer möchte das z.B. den
Schülern erklären, dass Sie nun wieder nach anderen Regeln schreiben
sollen? Alle paar Jahre mal was Neues, das wäre ja wie in der
Bildungspolitik (12/13 Jahre, Gesamtschulen etc.)...
Und ohne jetzt eine Diskussion um einzelne Regelungen losbrechen zu wollen,
aber was ist falsch daran Dinge zu vereinfachen, z.B. in Wörtern wie
Schifffahrt?
Grüße, Micha.
> Und ohne jetzt eine Diskussion um einzelne Regelungen losbrechen zu
> wollen, aber was ist falsch daran Dinge zu vereinfachen, z.B. in
> Wörtern wie Schifffahrt?
Es gibt keine wirklich akzeptablen "fff"-Ligaturen für ein
geschlossenes Schriftbild. Das war ja auch einer der Gründe,
weswegen am Wortende keine Langform eines s zur Verwendung kam.
Ästhetik im Schriftbild hat denn auch zur z-Sigel statt eines
Doppel-S geführt.
Vollkommen aus dem Ruder geraten ist die Diskrepanz zwischen
Orthographie und Drucktechnik in Griechenland: in der Schule und als
Computereingabesprache (Latin-7) existiert ein stark vereinfachtes
Einakzentsystem (was auch in amtlichen Publikationen, Mitteilungen,
Zeitungen verwendet wird), im gehobenen Buchdruck hingegen ist das
klassische Dreiakzentsystem (drei Akzente plus Spiritus) aber nach wie
vor die Regel. Die Folge: der Autor hat keine Kontrolle mehr über
(übrigens auch bedeutungsverschiebende) Feinheiten der Sprache: das
bleibt dem Setzer überlassen.
--
David Kastrup, Kriemhildstr. 15, 44793 Bochum
de.comp.text.tex FAQ: <URL:http://www.dante.de/faq/de-tex-faq>
> Wobei man sagen muss, dass die Unterscheidung zwischen
> 'ss' und 'ß' in der Reform wirklich geglückt war.
> Sicher liest es sich teilweise ungewohnt, aber die
> Regelung ist nun konsistent.
> Der Blödsinn ist halt, dass wir im Deutschen
> kurze Vokale schreiben, indem wir den Konsonanten dahinter
> verdoppeln.
Aehm, wieso ist das "Bloedsinn"? Ist uebrigens nicht nur im
deutschen so, sondern in allen europaeischen Sprachen, die
ich so kenne.
Wolfgang
Weiß ich auch nicht.
> Ist uebrigens nicht nur im deutschen so, sondern in allen
> europaeischen Sprachen, die ich so kenne.
Ich kenne nicht viele, aber finnisch (und IIRC auch estnisch) werden
kurze Vokale einfach und lange doppelt geschrieben. Doppelt
geschriebene Konsonanten bedeuten einfach doppelt gesprochene. Im
Tschechischen wird die Vokallänge IIRC (ist schon ewig her) über
Akzent geregelt, und für Russisch kann ich mich an gar keinen formalen
Zusammenhang erinnern, abgesehen von einem Verkürzungsakzent. Da muß
man einfach für jedes geschriebene Wort wissen, wie es ausgesprochen
wird, sonst entsteht ggf. halt ein neuer Dialekt. :^)
Jens
--
sigfault
> Aehm, wieso ist das "Bloedsinn"? Ist uebrigens nicht nur im
> deutschen so, sondern in allen europaeischen Sprachen, die
> ich so kenne.
>
> Wolfgang
Ja, es ist verbreitet, wahnsinnig gewohnt und funktioniert ja
auch einigermaßen. Würde man allerdings eine Orthographie von
Grund auf neu erstellen, würde man heute die Vokallänge am
Vokal markieren, und nicht am nachfolgenden Konsonanten. Das
siehst du bei Sprachen, die erst in jüngerer Zeit auf die
lateinische Schrift umgestellt wurden, wie z.B. Swahili.
>>Aehm, wieso ist das "Bloedsinn"? Ist uebrigens nicht nur im
>>deutschen so, sondern in allen europaeischen Sprachen, die
>>ich so kenne.
> Ja, es ist verbreitet, wahnsinnig gewohnt und funktioniert ja
> auch einigermaßen. Würde man allerdings eine Orthographie von
> Grund auf neu erstellen, würde man heute die Vokallänge am
> Vokal markieren, und nicht am nachfolgenden Konsonanten. Das
> siehst du bei Sprachen, die erst in jüngerer Zeit auf die
> lateinische Schrift umgestellt wurden, wie z.B. Swahili.
Das Ergebnis von solchen (meist von ahnungslosen Linguisten
entworfenen) Systemen ist dann wohl, daß die Sprache binnen
kurzem ausstirbt, weil kein Mensch sie vernünftig am
Computer schreiben kann ;-)
Gruß,
Malte
> Das Ergebnis von solchen (meist von ahnungslosen Linguisten
> entworfenen) Systemen ist dann wohl, daß die Sprache binnen
> kurzem ausstirbt, weil kein Mensch sie vernünftig am
> Computer schreiben kann ;-)
>
> Gruß,
> Malte
Jaja, die Linguisten, _keine_ Ahnung von der Sprache...
;-)
> Wobei man sagen muss, dass die Unterscheidung zwischen
> 'ss' und 'ß' in der Reform wirklich geglückt war.
Finde ich nicht. Zwar "spricht die Beweislage dagegen" (Gutenberg
Jahrbuch 2000), dass "ß" im Deutschen eine Lang-Kurz-S-Ligatur ist, aber
immerhin haben die Schreibregeln sicher kaum was mit Vokalen zu tun.
Grüße,
P.
--
Today, we explain: IKEA
Semi-disposable swedish furniture
Douglas Coupland
Zumindest in z.B. "Rossija" verwenden sie auch doppelte Konsonanten
um den Vokal davor zu verkuerzen.
> abgesehen von einem Verkürzungsakzent.
an den kann ich mich jetzt wieder eher nicht erinnern (hat aber nicht viel
zu bedeuten, ist laenger her ...).
Wolfgang
> Wobei man sagen muss, dass die Unterscheidung zwischen
> 'ss' und 'ß' in der Reform wirklich geglückt war.
> Sicher liest es sich teilweise ungewohnt, aber die
> Regelung ist nun konsistent.
Ganz und gar nicht. Die NRS-Regelung wurde m. W. bereits Ende des 19.
Jahrhunderts als untauglich verworfen.
Während die Regelung der konventionellen Rechtschreibung völlig
konsisent war, ist die neue Regelung völlig inkonsistent.
Kein Wunder, daß sie sich als ziemlich fehlerträchtig erwiesen hat.
Beispiel: Der Vokal in "das" und "dass" ist gleich lang, trotzdem wird
das eine Wort so, und das andere so geschrieben.
Eine andere häufige Fehlerquelle ist ss nach Umlauten und Diphthongen.
Das Problem bei der alten Regelung war, daß sie viel zu kompliziert
erklärt wurde.
In desd hat mal jemand die alte Regelung wie folgt erklärt: Eszett
schreibt man immer dann, wenn man nach den Regeln der Silbentrennung
nicht als s-s trennen kann.
Diese Regelung führt zu denselben Ergebnissen wie die alte Regelung, ist
aber um Längen leichter als die NRS-Regelung, und es gibt wenig, was man
damit falsch machen könnte.
Weil wahrscheinlich die meisten beim Schreiben leise mitsprechen, kann
man mit dieser Regel sogar schreiben, ohne auf Vokallängen usw. zu
achten.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß typographische Aspekte
bei der RSR völlig unberücksichtigt geblieben sind. Über Jahrhunderte
hat man Verfahren entwickelt, wie man Texte möglichst lesefreundlich
macht, und bei der Konzeption der RSR hat man diese Dinge offenbar nicht
mal zur Kenntnis genommen.
In typographischer Hinsicht ist die RSR ein riesengroßes Unglück. Vor
allem die neue ss-Regelung, weil sie Wortkonturen und Wortgrenzen
einebnet und Ungetüme wie "Nassauskiesung" (Nass-Auskiesung,
Nassau-Skiesung oder gar Nassaus-Kiesung?) produziert, die kaum
Oberlängen haben.
M.
> Unabhängig davon bin ich der Überzeugung, dass man sich mit einer
> Rückgängigmachung keinen Gefallen tun wird. Wer möchte das z.B. den
> Schülern erklären, dass Sie nun wieder nach anderen Regeln schreiben
> sollen?
Es ist niemals etwas Falsches daran, einen Fehler einzugestehen.
> Alle paar Jahre mal was Neues, das wäre ja wie in der
> Bildungspolitik (12/13 Jahre, Gesamtschulen etc.)...
So etwas kann man durch Übergangsfristen lösen.
> Und ohne jetzt eine Diskussion um einzelne Regelungen losbrechen zu wollen,
> aber was ist falsch daran Dinge zu vereinfachen, z.B. in Wörtern wie
> Schifffahrt?
Der grundlegende Fehler der Rechtschreibreform war, nur auf
Vereinfachung der Schreibung zu schauen, und völlig außer acht lassen,
daß die Rechtschreibung vor allem dazu dienen sollte, das Lesen und
Verstehen zu vereinfachen und zu erleichtern.
Ein Text wird ja nur einmal geschrieben, aber ungleich häufiger gelesen.
M.
> > Und ohne jetzt eine Diskussion um einzelne Regelungen losbrechen zu
> > wollen, aber was ist falsch daran Dinge zu vereinfachen, z.B. in Wörtern
> > wie Schifffahrt?
>
> Es gibt keine wirklich akzeptablen "fff"-Ligaturen für ein geschlossenes
> Schriftbild.
Das wäre wohl auch nicht sinnvoll.
Meines Wissens wurde auch bei alter Rechtschreibung drei fff
geschrieben, wenn eine ff-Ligatur benutzt wurde, d. h. die Wortfuge war
klar erkennbar.
So sollte es auch bei NRS gehandhabt werden.
M.
Tsja, ich kann wenig dazu sagen, da ich die deutsche Rechtschreibung (alt
oder neu) noch gar nicht mächtig bin (bin ja niederländischsprachig)...
Die Argumente von Markus Gail scheinen mir aber stichhaltend: abwohl es
auch in der niederländischen Rechtschreibreform Ausnahmen auf Ausnahmen auf
Ausnahmen gibt, ist wohl Etymologie und Tradition einigermasse
berücksichtigt.
Meiner Meinung nach hat es aber auch viel mit dem Volksart zu tun!
Gruss, H.
> Während die Regelung der konventionellen Rechtschreibung völlig
> konsisent war, ist die neue Regelung völlig inkonsistent.
>
> Beispiel: Der Vokal in "das" und "dass" ist gleich lang, trotzdem wird
> das eine Wort so, und das andere so geschrieben.
>
> In desd hat mal jemand die alte Regelung wie folgt erklärt: Eszett
> schreibt man immer dann, wenn man nach den Regeln der Silbentrennung
> nicht als s-s trennen kann.
Und wie passt in diese völlig konsistente Regelung "das" und "daß"?
Warum "Ergebnis" aber "Kongreß" und "Miß"?
Ich fände die Diskussionen über die Rechtschreibreform viel angenehmer,
wenn die alte Rechtschreibung nicht so glorifiziert würde. Die
Rechtschreibung ist nun mal ein historisches Gebilde, sie hat eine
lange Geschichte hinter sich, und derartige Gebilde sind nie "völlig
konsistent".
--
Ulrike Fischer
e-mail: zusätzlich meinen Vornamen vor dem @ einfügen.
e-mail: add my first name between the news and the @.
[...]
> Ich fände die Diskussionen über die Rechtschreibreform viel angenehmer,
> wenn die alte Rechtschreibung nicht so glorifiziert würde. Die
Da stimme ich Dir vollkommen zu! Aus diesem Grund halte ich mich
auch aus solchen Diskussionen einfach raus.
> Rechtschreibung ist nun mal ein historisches Gebilde, sie hat eine
> lange Geschichte hinter sich, und derartige Gebilde sind nie "völlig
> konsistent".
Viele Dinge, bei denen ich mich in meiner Schulzeit gefragt habe
warum das wohl so geschrieben wird, werden mit der RSR so
geschrieben wie ich es logisch fand. Andere dafür vielleicht nicht
mehr ... (so gut kenne ich die RSR nicht)
Grüße
--
Christoph Bier, Dipl.Oecotroph.
»Unix is very user friendly, it's just picky about who its friends are.«
--Autor unbekannt
> > In desd hat mal jemand die alte Regelung wie folgt erklärt: Eszett
> > schreibt man immer dann, wenn man nach den Regeln der Silbentrennung
> > nicht als s-s trennen kann.
>
> Und wie passt in diese völlig konsistente Regelung "das" und "daß"?
> Warum "Ergebnis" aber "Kongreß" und "Miß"?
Die Regel betrifft nur die Unterscheidung von ss und ß, und dieses
Problem löst sie offenbar ohne irgendwelche Ausnahmen.
> Ich fände die Diskussionen über die Rechtschreibreform viel angenehmer,
> wenn die alte Rechtschreibung nicht so glorifiziert würde.
So ist es durchaus nicht. Reformgegner sehen die Schwächen der alten
Rechtschreibung durchaus, halten sie aber für besser als die so
offensichtlich wenig durchdachte Neuregelung.
> Die Rechtschreibung ist nun mal ein historisches Gebilde, sie hat eine
> lange Geschichte hinter sich, und derartige Gebilde sind nie "völlig
> konsistent".
Richtig.
M.
> > Und ohne jetzt eine Diskussion um einzelne Regelungen losbrechen zu
> > wollen, aber was ist falsch daran Dinge zu vereinfachen, z.B. in Wörtern
> > wie Schifffahrt?
>
> Es gibt keine wirklich akzeptablen "fff"-Ligaturen für ein geschlossenes
> Schriftbild.
Das wäre wohl auch nicht sinnvoll.
Meines Wissens wurden auch bei alter Rechtschreibung drei fff
> In desd hat mal jemand die alte Regelung wie folgt erklärt: Eszett
> schreibt man immer dann, wenn man nach den Regeln der Silbentrennung
> nicht als s-s trennen kann.
Wahrscheinlich setze ich mich wieder in die Nesseln, aber darf man nicht
Straße gemäß Stras-se (alte Rechtschreibung) trennen?
> > In desd hat mal jemand die alte Regelung wie folgt erklärt: Eszett
> > schreibt man immer dann, wenn man nach den Regeln der Silbentrennung
> > nicht als s-s trennen kann.
>
> Wahrscheinlich setze ich mich wieder in die Nesseln, aber darf man nicht
> Straße gemäß Stras-se (alte Rechtschreibung) trennen?
Nein, die Regel führt auch in diesem Fall zum richtigen Ergebnis.
Die Silbentrennung läuft grundsätzlich nach Sprechsilben, und die lauten
"Stra-ße" (mit langem a). "Sta-ße" kann man nicht als s-s trennen. Man
schreibt also Eszett.
M.
> Ich fände die Diskussionen über die Rechtschreibreform viel angenehmer,
> wenn die alte Rechtschreibung nicht so glorifiziert würde. Die
> Rechtschreibung ist nun mal ein historisches Gebilde, sie hat eine
> lange Geschichte hinter sich, und derartige Gebilde sind nie "völlig
> konsistent".
Volle Zustimmung. Zudem: die Rechtschreibung kann gar nicht völlig
konsistent sein, allein schon, weil es die Sprache nicht ist. Sie
wird schließlich ständig umgebaut.
Ja, ein paar derartiger Fälle gibt es.
>> abgesehen von einem Verkürzungsakzent.
>
> an den kann ich mich jetzt wieder eher nicht erinnern
über'm "i" ...
> (hat aber nicht viel zu bedeuten, ist laenger her ...).
Eben, bei mir auch, und dazu hatte ich meinen bisher einzigen
Wildbahneinsatz vor über 14 Jahren ausgerechnet in der Ukraine. :^)))
Jens
--
sigfault
Bernd Freistedt schrieb:
> Erlangen, 6. März 2004 Die jetzt bekannt gewordene teilweise
> Entmachtung
Oh weh. Der Autor war offenbar der deutschen Sprache nur teilweise
mächtig. Was soll man von diesem Text halten, wenn sich schon im
ersten Satz gravierendes grammatikalisches Unverständnis zeigt?
Teilweise ist ein Adverb. Auch wenn es leider immer häufiger als
Adjektiv verwendet wird ist das falsch.
> "Endlich: Das ist der erste Schritt der Kultusministerkonferenz, das
> Abenteuer Rechtschreibreform zu beenden. Jetzt ist das Tor zur
> Wiederherstellung der Rechtschreibeinheit aufgestoßen",
Sehr vernünftig. Vor allem ein großer Fortschritt für alle Schüler,
die von Anfang an die konsistenteren aktuellen Regeln gelernt haben.
> Ziel
> müsse der weitere Rückbau der Reformregeln und die Wiederannäherung an
> die klassische Rechtschreibung sein.
Was heißt hier "klassisch"? Die Regeln von vor 1900? Interessanter
Ansatz.
> Neben der Akademie müßten noch
> weitere Gruppen einbezogen werden, vor allem die Sprachanwender.
> Paulwitz fordert mehr Transparenz: "Auf keinen Fall darf wieder ein
> elitärer Zirkel entstehen, der selbstherrlich in dem Allgemeingut
> deutsche Sprache herumpfuschen kann."
So ein Quatsch. Die alten Regeln wurden doch auch nicht vom
"Sprachanwender" entwickel, sondern von einem "elitären Zirkel". Was
ist daran schlimm. Am Ende dürfen doch eh die meisten schreiben, wie
sie wollen.
Gruß, Harry
--
When you are in it up to your ears, keep your mouth shut.
> Der grundlegende Fehler der Rechtschreibreform war, nur auf
> Vereinfachung der Schreibung zu schauen, und völlig außer acht lassen,
> daß die Rechtschreibung vor allem dazu dienen sollte, das Lesen und
> Verstehen zu vereinfachen und zu erleichtern.
Nö. Die Rechtschreibung dient dazu, dass möglichst viele Menschen
nach möglichst ähnlichen Regeln schreiben. Beim Lesen stört sie
eigentlich gar nicht, wenn man nicht darauf achtet. Gelesen werden
nicht Buchstaben sondern Wortbilder, und die haben sich durch die
Reform kaum oder gar nicht verändert. Insbesondere sind Anfangs- und
Endbuchstaben wichtig und mir fällt gerade kein Wort ein, bei dem sich
diese geändert hätten.
> Michael Holtermann <spamn...@gmx.de> writes:
>
>> Und ohne jetzt eine Diskussion um einzelne Regelungen losbrechen zu
>> wollen, aber was ist falsch daran Dinge zu vereinfachen, z.B. in
>> Wörtern wie Schifffahrt?
>
> Es gibt keine wirklich akzeptablen "fff"-Ligaturen für ein
> geschlossenes Schriftbild.
Braucht man die im Deutschen? Bei Schifffahrt zumindest braucht man
nur eine ff-Ligatur für die ersten zwei.
> Vollkommen aus dem Ruder geraten ist die Diskrepanz zwischen
> Orthographie und Drucktechnik in Griechenland: in der Schule und als
> Computereingabesprache (Latin-7) existiert ein stark vereinfachtes
> Einakzentsystem (was auch in amtlichen Publikationen, Mitteilungen,
> Zeitungen verwendet wird), im gehobenen Buchdruck hingegen ist das
> klassische Dreiakzentsystem (drei Akzente plus Spiritus) aber nach wie
> vor die Regel. Die Folge: der Autor hat keine Kontrolle mehr über
> (übrigens auch bedeutungsverschiebende) Feinheiten der Sprache: das
> bleibt dem Setzer überlassen.
Warum sollte der Autor keine Wünsche dazu äußern können?
Harry Schmidt <sch...@web.de> writes:
> Ich finde es verblüffend, wie man sich immer noch über die
> Rechtschreibreform aufregen kann und jemals aufregen konnte.
> Rechtschreibung ist Privatsache,
So behandle ich das auch seit 1996. Das heisst, ich uebernehme ein
paar gute Elemente aus der NDR und entwickle die Rechtschreibung an
sehr wenigen Stellen noch privat weiter, wenn ich glaube, dass es
der Lesbarkeit dient. Ich habe mich damals wutschnaubend aus der
Deutschen Rechtschreibung verbschiedet, fuer immer.
Allerdings ist es katrastophal, dass dadurch die Einheitlichkeit zum
Teufel gegangen ist. Dafuer gibt es keine Entschuldigung, es war
einfach ueberfluessig. Wenn ich nach Stichworten suche, darf ich
jetzt mehrfach suchen, sofern ich mir ueberhaupt ueber beide
Schreibweisen im klaren bin.
> (fast) jeder darf so schreiben wie er will, und wer es ablehnt die
> offensichtlich konsistenteren
In welcher Einheit misst man Konsistenz?
> Regeln der (aktuellen) deutschen Rechtschreibung zu verwenden,
> darf gern die alten benutzen. Aber warum sollen die Schüler
> leiden?
Das habe ich mich 1996 auch gefragt.
> Für Schreibanfänger ist die aktuelle ("neue") Rechtschreibung
> offensichtlich wesentlich leichter zu erlernen.
Ein Maerchen. Zeig mir eine Studie, die das behauptet, und ich
zeige dir, welche systematischen Fehlerquellen die Studie nicht nur
bedrohen, sondern vernichten.
Welche Rechtschreibung fuer Anfaenger die "beste" ist, wird
unbeweisbar bleiben und ist auch irrelevand, weil ohnehin ein
vernachlaessigbarer Effekt.
> [...]
>
>> Ziel müsse der weitere Rückbau der Reformregeln und die
>> Wiederannäherung an die klassische Rechtschreibung sein.
>
> Was heißt hier "klassisch"? Die Regeln von vor 1900?
> Interessanter Ansatz.
Vor 1996 natuerlich.
> [...]
>
> So ein Quatsch. Die alten Regeln wurden doch auch nicht vom
> "Sprachanwender" entwickel, sondern von einem "elitären Zirkel".
> Was ist daran schlimm.
Nichts. Schlimm ist nur, wenn es aus Aktioniesmus heraus gechieht.
> Am Ende dürfen doch eh die meisten schreiben, wie sie wollen.
Schade.
Tschoe,
Torsten.
Crosspost & Followup-To: de.etc.sprache.deutsch
--
Torsten Bronger, aquisgrana, europa vetus
> > Der grundlegende Fehler der Rechtschreibreform war, nur auf
> > Vereinfachung der Schreibung zu schauen, und völlig außer acht lassen,
> > daß die Rechtschreibung vor allem dazu dienen sollte, das Lesen und
> > Verstehen zu vereinfachen und zu erleichtern.
>
> Nö. Die Rechtschreibung dient dazu, dass möglichst viele Menschen
> nach möglichst ähnlichen Regeln schreiben.
Und warum sollten sie das?
> Beim Lesen stört sie eigentlich gar nicht, wenn man nicht darauf achtet.
Erstaunlich. Nicht zuletzt durch die vermehrte Auseinanderschreibung und
die daraus folgenden Hyperkorrekturen gibt es sehr viel mehr
Holzwegsätze als früher.
> Gelesen werden nicht Buchstaben sondern Wortbilder, und die haben sich
> durch die Reform kaum oder gar nicht verändert.
Das ist sicher nicht richtig. Vor allem durch die seltenere Verwendung
des Eszetts sind zahllose Oberlängen weggefallen.
> Insbesondere sind Anfangs- und Endbuchstaben wichtig und mir fällt gerade
> kein Wort ein, bei dem sich diese geändert hätten.
daß/dass
M.
> Nicht zuletzt durch die vermehrte Auseinanderschreibung und
> die daraus folgenden Hyperkorrekturen gibt es sehr viel mehr
> Holzwegsätze als früher.
Auch wenn ich ahne, worauf Du hinauswillst: was sind Holzwegsätze?
Mir jedenfalls fällt es durch die (zumeist) sinnentleerte
Auseinanderschreibung schwer beim ersten Lesen den Satz sinngemäß im
Voraus zu 'komplettieren'. Ähnliche Erfahrungen?
>>Insbesondere sind Anfangs- und Endbuchstaben wichtig und mir fällt gerade
>>kein Wort ein, bei dem sich diese geändert hätten.
>
> daß/dass
.= muß/muss . Kongreß/Kongress ... u.v.m.
Aber das Schmerzhafteste und Unverständlichste war für mich immernoch:
Delphin -> Delfin
mark
--
The Feynman Problem Solving Algorithm
1) Write down the problem
2) Think real hard
3) Write down the solution
--
>> Beim Lesen stört sie eigentlich gar nicht, wenn man nicht darauf
>> achtet.
>
> Erstaunlich. Nicht zuletzt durch die vermehrte Auseinanderschreibung
> und die daraus folgenden Hyperkorrekturen gibt es sehr viel mehr
> Holzwegsätze als früher.
Ich habe die alte Rechtschreibung gelernt und bin erst vor ein paar
Jahren (im Wesentlichen) auf die neue umgestiegen. Daher hab ich mit
Zusammen- und Auseinanderschreibung auch noch meine Probleme. Das
liegt aber nicht an den Regeln -- die empfinde ich als sinnvoller. Es
liegt einfach an mir und meiner Gewohnheit.
>> Gelesen werden nicht Buchstaben sondern Wortbilder, und die haben
>> sich durch die Reform kaum oder gar nicht verändert.
>
> Das ist sicher nicht richtig. Vor allem durch die seltenere Verwendung
> des Eszetts sind zahllose Oberlängen weggefallen.
Zugegeben. Doch hierbei sind mir die imo wesentlich einfacheren und
eingängigeren Regeln der neuen Rechtschreibung wichtiger als die
wegfallenden Oberlängen. Dem Deutschen fehlen ja eh mehr die
Unterlängen als die Oberlängen :-)
>> Insbesondere sind Anfangs- und Endbuchstaben wichtig und mir fällt
>> gerade kein Wort ein, bei dem sich diese geändert hätten.
>
> daß/dass
Tja, wie ich das vergessen konnte... :-)
Liegt wohl daran, dass für mich "daß" und "muß" inzwischen schon
falsch aussieht. An "dass" und "muss" hab ich mich überraschend
schnell gewöhnt.
Yep. Geht mir genauso.
>
>
>>>Insbesondere sind Anfangs- und Endbuchstaben wichtig und mir fällt gerade
>>>kein Wort ein, bei dem sich diese geändert hätten.
>>
>>daß/dass
>
> .= muß/muss . Kongreß/Kongress ... u.v.m.
>
> Aber das Schmerzhafteste und Unverständlichste war für mich immernoch:
> Delphin -> Delfin
Sah anfänglich komisch aus, hat mich beim Lesen aber nicht gestört.
> Markus Gail wrote:
> > Harry Schmidt <sch...@web.de> wrote:
>
> > Nicht zuletzt durch die vermehrte Auseinanderschreibung und die daraus
> > folgenden Hyperkorrekturen gibt es sehr viel mehr Holzwegsätze als
> > früher.
>
> Auch wenn ich ahne, worauf Du hinauswillst: was sind Holzwegsätze?
Sätze, die den Leser in die Irre führen oder länger als nötig im
Unklaren lassen.
> Mir jedenfalls fällt es durch die (zumeist) sinnentleerte
> Auseinanderschreibung schwer beim ersten Lesen den Satz sinngemäß im
> Voraus zu 'komplettieren'.
Genau das.
M.
> Ich finde es verblüffend, wie man sich immer noch über die
> Rechtschreibreform aufregen kann und jemals aufregen konnte.
> Rechtschreibung ist Privatsache, (fast) jeder darf so schreiben wie er
> will, und wer es ablehnt die offensichtlich konsistenteren Regeln der
> (aktuellen) deutschen Rechtschreibung zu verwenden, darf gern die alten
> benutzen.
Wenn es nur das wäre. Es wird einem aber direkt oder indirekt
vorgeschieben, was man zu lesen hat.
> Aber warum sollen die Schüler leiden? Für Schreibanfänger
> ist die aktuelle ("neue") Rechtschreibung offensichtlich wesentlich
> leichter zu erlernen.
Lies mal das: <http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/119/26093/>.
Das größte Ärgernis bei der konventionellen Rechtschreibung waren die
unmständlichen und spitzfindigen Duden-Regeln.
> So ein Quatsch. Die alten Regeln wurden doch auch nicht vom
> "Sprachanwender" entwickel, sondern von einem "elitären Zirkel".
... der nicht den Anspruch hatte, gesellschaftsverändernd tätig zu sein,
sondern vielmehr im wesentlichen nur die Sprachentwicklung dokumentierte
und in Regeln zu fassen.
M.
PS: Es wird langsam OT; Durchschlag und Umleitung nach desd.
> Zugegeben. Doch hierbei sind mir die imo wesentlich einfacheren und
> eingängigeren Regeln der neuen Rechtschreibung wichtiger als die
> wegfallenden Oberlängen.
Wenn Du mal die Regeln sehen würdest, die Ickler in seinem
Rechtschreibwörterbuch formuliert, würden Dir wahrscheinlich Zweifel
kommen. (Möglicherweise sind sie auch irgendwo auf
rechtschreibreform.com zu finden.)
> >> Insbesondere sind Anfangs- und Endbuchstaben wichtig und mir fällt
> >> gerade kein Wort ein, bei dem sich diese geändert hätten.
> >
> > daß/dass
>
> Tja, wie ich das vergessen konnte... :-)
Es hatt zudem dank der RSR dieselbe Wortkontur wie "denn". Großartig!
M.
PS: Durchschlag und Umleitung nach desd.
Damittnicht je Derschreibt wiawill?! Es Gibtda sicher bessere Beisch
Biele vühr.
Ein Akzent, den es nur für einen einzigen Buchstaben gibt? Nein, "i" und
"i kratkoje" sind nicht einfach "i" und "kurzes i", sondern zwei
unterschiedliche Buchstaben.
Ciao,
Micha
> >>>Der grundlegende Fehler der Rechtschreibreform war, nur auf
> >>>Vereinfachung der Schreibung zu schauen, und völlig außer acht lassen,
> >>>daß die Rechtschreibung vor allem dazu dienen sollte, das Lesen und
> >>>Verstehen zu vereinfachen und zu erleichtern.
> >>
> >> Nö. Die Rechtschreibung dient dazu, dass möglichst viele Menschen
> >>nach möglichst ähnlichen Regeln schreiben.
> >
> >
> > Und warum sollten sie das?
>
> Damittnicht je Derschreibt wiawill?! Es Gibtda sicher bessere Beisch
> Biele vühr.
Das ist natürlich keine Begründung.
M.
PS: Durchschlag und Umleitung nach desd; daher komplett zitiert.
Wo kommst Du denn her? Im Hochdeutschen ist der Vokal in "das" lang,
daher konsequenterweise einfaches "s". Im Bayerischen hat der Vokal auch
eine andere Qualität, man sagt ungefähr "des". Deshalb verwechseln
Bayern auch nie "das" und "dass", wenn sie sich die einfache Regel
merken: Überall, wo man statt "das" "des" sagen kann, schreibt man
einfaches "s". Außerdem haben die Wörter eine komplett andere Funktion.
Längen sind auch sonst vom Dialekt abhängig; meine Großmutter aus
Schlesien sprach z.B. Fuß mit kurzem "u" aus, das müsste sie
konsequenterweise "Fuss" schreiben, "Doss Fussbadd" hat sie öfter gesagt
;-) Oder ich erinnere mich, einmal in Hamburg am Bahnhof angeschissen
worden zu sein, weil ich mit dem Fahrrad ein Stück abgekürzt habe: "Der
Bahnsteich is kein Raddweech", bei uns heißt es immer "Rad" mit langem "a".
Christian
> Wobei man sagen muss, dass die Unterscheidung zwischen
> 'ss' und 'ß' in der Reform wirklich geglückt war.
gerade diesen Teil der Reform finde ich besonders katastrophal (fast
so schlimm wie die neue 'getrennt Schreibung').
Es ist überhaupt nicht konsistent; man kann nur richtig schreiben,
wenn man weiß wie es vorher ging. Eine logische Regel wäre "scharfes s
nach kurzem Vokal => ss", aber die Reform brachte nur "scharfes s nach
kurzem Vokal wird ss wenn es vorher ein ß war". Da wo früher ein
einfaches s stand, steht es auch weiterhin. Konsequenz: Überall lese
ich jetzt 'Bündniss' und 'Verzeichniss'. Im Spiegel wurde sogar mal
'Alkoholissmuss' als Beispiel genannt.
Naja, Grüße,
Henning Buddenbaum, der seine Diplomarbeit in alter Rechtschreibung
abgegeben hat, und hofft daß sich niemand drüber beschwert.
Ein doppelter Konsonant wird auch im Russischen lang gesprochen und
hat nichts mit einem kurzen Vokal davor zu tun, kommt auch nicht oft
vor. Die Vokallänge ist im Russischen nicht von Bedeutung, wohl aber
ihre Betonung, und die wird nicht bezeichnet.
> > abgesehen von einem Verkürzungsakzent.
>
gibt es nicht, der Bogen beim i kratkoje ist kein Verkürzungsakzent,
er macht aus dem i eine Art j.
Konrad
Die zwanghafte Auseinanderschreibung ist teilweise sinnentstellend.
Die neuen Regeln zu ss und \ss finde ich hingegen nicht so schlimm.
Die angeblichen Schwierigkeiten der Schueler mit dass und da\ss
wird man auf diese Weise allerdings kaum beheben: das Problem liegt ja
nicht in der Schreibweise, sondern in der unterschiedlichen grammatischen
Funktion der beiden Worte.
Marc
Gemäß Duden werden Ausdrücke wie "nach teilweiser Erneuerung" und "eine
probeweise Einstellung" als korrekt angesehen.
Grüße,
Marc
Rein formal.
> Nein, "i" und "i kratkoje" sind nicht einfach "i" und "kurzes i",
Phonetisch ist es schon eine Abwandlung wie "i" und "j".
> sondern zwei unterschiedliche Buchstaben.
Ja, das sind "je" und "jo" aber auch (in den meisten Alphabeten, die
ich bisher gesehen habe) und dennoch verdammt verwandt.
Jens
--
sigfault
Mark Rossi schrieb:
> Aber das Schmerzhafteste und Unverständlichste war für mich immernoch:
> Delphin -> Delfin
Die Spanier/Lateinamerikaner kennen das seit langer Zeit und stören
sich nicht daran. Ja, ich weiss, dass es aus Latein kommt, aber
Veränderungen haben so einige lateinische Wörter (nehmen wir mal den
"Zirkus") durchgemacht.
V-Li
--
Fingerprint: 68C5 D381 B69A A777 6A91 E999 350A AD7C 2B85 9DE3
http://www.gnupg.org
> Mark Rossi schrieb:
> > Aber das Schmerzhafteste und Unverständlichste war für mich immernoch:
> > Delphin -> Delfin
>
> Die Spanier/Lateinamerikaner kennen das seit langer Zeit und stören
> sich nicht daran. Ja, ich weiss, dass es aus Latein kommt,
Aua.
--
David Kastrup, Kriemhildstr. 15, 44793 Bochum
de.comp.text.tex FAQ: <URL:http://www.dante.de/faq/de-tex-faq>
> Aber das Schmerzhafteste und Unverständlichste war für mich immernoch:
> Delphin -> Delfin
Ich habe eine Zeitlang ziemlich gelitten, als immer mehr Leute
"Telefon", "Graf" und "Foto" schrieben, aber unverständlich fand ich
es nicht.
--
Ulrike Fischer
e-mail: zusätzlich meinen Vornamen vor dem @ einfügen.
e-mail: add my first name between the news and the @.
Und mal ehrlich: Graf hat im Deutschen schon eine andere Bedeutung. Muß
das Auftreten von Mehrdeutigkeiten wirklich gefördert werden?
mark
--
Committee: The unwilling, selected from the unfit, to do the unnecessary.
--
> Hmmm. Also ich finde es unverständlich, wenn ein Wort nicht nach seinem
> Wortstamm gebildet wird, sondern so wie es ein 7jähriger Schüler am
> leichtesten erlernen kann....
Ähm, in der ganzen Diskussion fehlt etwas der Blick zur Realität. Realität
ist nämlich, dass Grundschüler zunehmend erst einmal so schreiben dürfen,
wie sie wollen und erst frühestens in der dritten Klasse Rechtschreibung
gelehrt wird. Schulen und Lehrer, die das noch nicht so machen, sind nicht
so ganz up-to-date. Man hört dann gerne Argumente wie: "Wir haben gute
Erfahrungen mit unserer Lehrmethode gemacht."
Noch ein Hinweis: Die Kultusminister haben die jüngsten Vorschläge zur
Rechtschreibreform u. a. wohl auch deshalb abgelehnt, weil die Novelle
vorsah, dass zukünftig nicht mehr die Kultusminister über die deutsche
Rechtschreibung entscheiden sollen, sondern allein ein Gremium von
Experten ...
Gruß
Markus
> Ulrike Fischer wrote:
>> Ich habe eine Zeitlang ziemlich gelitten, als immer mehr Leute
>> "Telefon", "Graf" und "Foto" schrieben, aber unverständlich fand ich
>> es nicht.
> Hmmm. Also ich finde es unverständlich, wenn ein Wort nicht nach seinem
> Wortstamm gebildet wird, sondern so wie es ein 7jähriger Schüler am
> leichtesten erlernen kann....
Ich glaube nicht, dass die siebenjährigen Schüler an der
ph-zu-f-Wandlung schuld sind. Fremdwörter werden halt immer mal wieder
eingedeutscht. Man mag es bedauern, wenn Bureau zu Büro, Friseur zu
Frisör oder Circus zu Zirkus wird, aber verhindern kann man es auf
Dauer nicht.
> Und mal ehrlich: Graf hat im Deutschen schon eine andere Bedeutung. Muß
> das Auftreten von Mehrdeutigkeiten wirklich gefördert werden?
Naja. Mehrdeutigkeiten sind ja nicht gerade selten, da machen einige
mehr oder weniger nicht so viel aus.
Nimm mal eine beliebige Witzesammlung und schau mal nach, wieviele auf
dem Prinzip "Wie fanden Sie das Steak? Ich schob das Salatblatt zu
Seite und da war es" beruhen.
Und wir kommen ja (im Gegensatz zu diversen Übersetzungprogrammen)
meist gut damit zurecht. Ich kann mich an keinen Text erinnern, wo ich
im Zweifel war, was mit "Graf" nun eigentlich gemeint ist.
Ich habe mir während der Hochkonjektur der Klagen über das angebliche
Problem mit den mehrdeutigen Wörter aus der neuen Rechtschreibung, die
Texte angeblich unleserlich machen, immer mal wieder den Spaß gemacht
und geprüft, welche unabsichtlichen "alten" Mehrdeutigkeiten die
Leserbriefe und Artikel enthalten. In der FAZ z.B. gab es einen Artikel
über die mißlungene Mißwahl...
Danach nimmt man das Thema nicht mehr ernst.
Markus Kohm wrote:
> Ähm, in der ganzen Diskussion fehlt etwas der Blick zur Realität.
> Realität ist nämlich, dass Grundschüler zunehmend erst einmal so
> schreiben dürfen, wie sie wollen und erst frühestens in der dritten
> Klasse Rechtschreibung gelehrt wird. Schulen und Lehrer, die das noch
> nicht so machen, sind nicht so ganz up-to-date. Man hört dann gerne
> Argumente wie: "Wir haben gute Erfahrungen mit unserer Lehrmethode
> gemacht."
Oh Gott. Nichts aus PISA gelernt.
Da braucht man sich dann nicht mehr wundern, daß die Hälfte der
deutschen Schüler die kulturellen Grundfertigkeiten Lesen, Rechnen und
Schreiben nur unzureichend beherrschen.
Gruß,
MM
--
===================================================================
Matthias Mühlich mueh...@iap.uni-frankfurt.de
Institut für Angewandte Physik J.W.Goethe-Universität Frankfurt
===================================================================
> Mark Rossi <mark....@de.bosch.com> schrieb:
>
>> Ulrike Fischer wrote:
>>> Ich habe eine Zeitlang ziemlich gelitten, als immer mehr Leute
>>> "Telefon", "Graf" und "Foto" schrieben, aber unverständlich fand ich
>>> es nicht.
>
>> Hmmm. Also ich finde es unverständlich, wenn ein Wort nicht nach seinem
>> Wortstamm gebildet wird, sondern so wie es ein 7jähriger Schüler am
>> leichtesten erlernen kann....
>
> Ich glaube nicht, dass die siebenjährigen Schüler an der
> ph-zu-f-Wandlung schuld sind. Fremdwörter werden halt immer mal wieder
> eingedeutscht. Man mag es bedauern, wenn Bureau zu Büro, Friseur zu
> Frisör oder Circus zu Zirkus wird, aber verhindern kann man es auf Dauer
> nicht.
Ulrike, Du hattest _eine Zeitlang_ gelitten. Ich kann mich jedoch noch
immer nicht abfinden mit der allgegenwärtigen Verflachung des
Kulturellen, das Generationen für uns erarbeitet haben.
Es schmerzt, wenn Überlieferungen, wie z. B. (und da sind wir wieder on
topic *g*)
\selectlanguage{greek}
>'Andra moi >'ennepe, Mo~usa, pol'utropon, <'os m'ala p'olla \\
[...]
\selectlanguage{german}
aus dem Gedächtnis einer ganzen Generation getilgt werden mit dem
Argument, das alles sei "tot", nur weil selbst "Entscheidungsträger"
nicht mehr über das Wissen verfuegen.
Gruss
Bernd
Ach was, tot. Ennepetal hat sogar ein eigenes KFZ-Kennzeichen. Aber
jetzt mal im Ernst: die Musenanrufung der Odyssee am Zeilenende
abgewürgt rezitieren zu können, ist kein Kulturwert. Das ist schlicht
lächerlich, weil es nicht impliziert, daß man mit dem Text umgehen
könnte. Es ist Namedropping.
Von jeher sind die einzigen, die sich _ernsthaft_ mit sowas
beschäftigten, Geeks gewesen, abgedrehte. Das Problem, das durch den
Verfall der Bildungsbürgerhalbbildung entsteht, ist lediglich, daß die
dünne Schicht derjenigen, die letztlich überhaupt fähig wären,
produktiv von tiefergehenden Kulturwerten zu profitieren, nicht mehr
auf den Gedanken verfällt, sich damit zu beschäftigen.
Und bestenfalls deswegen wäre es darum schade, wenn weitgehend
stereotype Rezitate klassischer Bildung mit ihrer letzthaft weitgehend
lächerlich plakativen Funktion tiefer in der Versenkung verschwänden
als bisher schon.
> Noch ein Hinweis: Die Kultusminister haben die jüngsten Vorschläge zur
> Rechtschreibreform u. a. wohl auch deshalb abgelehnt, weil die Novelle
> vorsah, dass zukünftig nicht mehr die Kultusminister über die deutsche
> Rechtschreibung entscheiden sollen, sondern allein ein Gremium von
> Experten ...
Siehe <http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/119/26093/>.
Gemeint ist die Zwischenstaatliche Kommission, besetzt mit den
personifizierten Mindermeinungen ihres Fachs, die auch die
Rechtschreibreform verbrochen hat.
Sehr interessant ist auch der Brief am Ende dieser Seite:
<http://rechtschreibreform.de/Forum/showthread.php?threadid=423>.
M.
So sehr ich mich auch darüber ärgern mag (und ich mich /sehr/ darüber
freuen würde), muß ich doch einigen anderen Vorrednern darin zustimmen,
daß man ja wohl kaum die Änderungen wieder rückgängig machen und damit
einer Generation (die der Schüler der betroffenen Periode) symbolisch
den Stinkefinger zeigen kann.
Nichtsdestotrotz zeigt sich das Experiment NDRS als ein erstaunlich
undemokratischer Prozeß, der so in anderen Staaten/Ländern (ich schiele
jetzt bewußt gen Süden und/oder Norden) nicht hätte vonstatten gehen
können... Und es sei den vielen unflexiblen Besserwissern (wozu ich mich
wohl auch zählen muß) verziehen, daß sie diese Entscheidung als
unangemessene Bevormundung empfinden.
Um wenigstens scheinbar on topic zu sein: ich bin froh, daß man
zumindest in (La)TeX noch die Wahl hat, also daß 'ngerman' nicht einfach
'german' ersetzt hat, sondern ein zusätzliches Paket geworden ist. An
dieser Stelle bin ich mir jedoch nicht ganz sicher, ob dieses Vorgehen
nicht aus der 'Politik' entstand, abwärts-(bzw. rückwärts-)kompatibel zu
bleiben ;-))
mark
--
The first time you'll get a Microsoft product, that doesn't suck, will
be the day they start producing vacuum cleaners.
--
> Mark Rossi <mark....@de.bosch.com> schrieb:
>
>> Aber das Schmerzhafteste und Unverständlichste war für mich immernoch:
>> Delphin -> Delfin
>
> Ich habe eine Zeitlang ziemlich gelitten, als immer mehr Leute
> "Telefon", "Graf" und "Foto" schrieben, aber unverständlich fand ich
> es nicht.
Graf wie in "der Graf der Funktion"? Brrrrr... andererseits fällt mir
Telephon schon als betont urtümlich auf. Ach, wie das halt so ist: die
eine Hälfte sagt "Früher war alles besser und das ist Tradition, und
das Neue ist alles Moppelkotze", und die andere Hälfte sagt "Wir sind
nicht so verkrustet und kämmen da mal den ganzen Staub 'raus, das Alte
war ja Moppelkotze".
Worüber soll man sich auch sonst an der Bushaltestelle unterhalten.
Ulrich
(die Rechte für M~ liegen wohl beim NDR)
--
"Krautsalat für alle!"
(The New Rose Hotel)
Das ist natürlich nur Panikmache. "Graph" schreibt sich auch weiterhin
"Graph".
Gruß,
Holger
--
| Holger Uhr
| Universität Paderborn Phone : +49 5251 60-6625
| Fürstenallee 11 Fax : +49 5251 60-6619
| 33102 Paderborn E-Mail: hu...@uni-paderborn.de
| Germany www.uni-paderborn.de/cs/Holger.Uhr.html
|
| How to become immortal: Read this signature tomorrow
| and follow its advice.
> Oh Gott. Nichts aus PISA gelernt.
Mal abgesehen von Bremen schneiden die deutschen Grundschulen bei
Vergleichstests noch ziemlich gut ab. Tragisch wird es erst danach.
Gruß
Markus
> > Beispiel: Der Vokal in "das" und "dass" ist gleich lang, trotzdem wird
> > das eine Wort so, und das andere so geschrieben.
>
> Wo kommst Du denn her?
Mir ist bisher nur eine einzige Person aufgefallen, die "das" lang
ausgesprochen hat.
> Im Hochdeutschen ist der Vokal in "das" lang, daher konsequenterweise
> einfaches "s".
Tatsächlich? Wo steht das?
M.
PS: Durchschlag und Umleitung nach desd.
Ich bin auch der Meinung, dass nur Süddeutsche »das« mit langem Vokal
sprechen, wenn sie versuchen, hochdeutsch zu sprechen. Mir fallen
da gerade die Schwaben mit ihrem gigantisch guten Hochdeutsch ein,
zum Beispiel meine Mutter (die es mittlerweile gelernt hat :-). Von
einem von Natur aus hochdeutsch sprechenden habe ich noch nie
ein langes a in »das« gehört.
Viele Grüße
Harald
--
Harald Harders Langer Kamp 8
Technische Universität Braunschweig D-38106 Braunschweig
Institut für Werkstoffe Germany
E-Mail: h.ha...@tu-bs.de Tel: +49 (5 31) 3 91-3062
WWW : http://www.ifw.tu-bs.de Fax: +49 (5 31) 3 91-3058
> PISA zeigt, dass das klassische dreigliedrige Schulsystem nicht das
> Gelbe vom Ei ist.
Das ist auch schon wieder ene Interpretation. Tests in den 70er und 80er
Jahren des letzten Jahrhunderts haben gezeigt, dass das dreigliedrige
Schulsystem in Deutschland den deutschen Gesamtschulen überlegen war. Das
Fazit war dann nicht, dass man schauen muss, warum die deutschen
Gesamtschulen in den Vergleichstests schlechter abgeschnitten haben und was
man daran verbessern kann. Das Fazit war: Gesamtschulen sind grundsätzlich
schlecht und deshalb soll es zumindest in BW keine neuen geben.
Das ist ist immer das Problem mit diesen Vergleichstests. Man kommt zu einem
einfachen Ergebnis: Das Eine ist in der jetzigen Situation besser als das
Andere. Dann schließt man daraus: Das Eine ist grundsätzlich besser als das
Andere. Ergebnis sind hecktische Veränderungen. Dabei werden Einzelfaktoren
viel zu wenig unter die Lupe genommen, viel zu viele Faktoren auf einmal
geändert und Reformen bereits erneut reformiert bevor sie sich überhaupt
vollständig auswirken können.
Das ist als würde man feststellen, dass die Züge bei Überwinden eines
bestimmten Berges zu langsam sind, man dann gleichzeitig schnellere und
stärkere Züge einführt und einen Tunnel baut, im Ergebnis sich zwei Züge
mit 200 km/h im Tunnel begegnen, durch die aufeinanderprallenden
Druckwellen erheblich beschädigt werden und daraufhin sowohl der Tunnel
stillgelegt wird als auch die neuen Züge grundsätzlich auch 80 km/h
gedrossel werden.
Was eindeutig fehlt ist ein Konzept, vom Kindergarten bis zum Diplom unter
Berücksichtigung aller möglichen Wege dort hin (einschließlich Lehre und
Meisterprüfung). Bisher gibt es immer nur Konzepte für einzelne Abschnitte,
die gerne ohne Berücksichtigung der Abhängigkeiten reformiert werden.
Gruß
Markus
--
Fragen zu LaTeX? --> http://www.dante.de/faq/de-tex-faq/
Fragen zu KOMA-Script? --> Anleitung z. B. auf CTAN (--> FAQ)
Die Verwendung einer falschen From-Angabe wäre ein Verstoß gegen rfc1036.
> Was eindeutig fehlt ist ein Konzept, vom Kindergarten bis zum Diplom unter
> Berücksichtigung aller möglichen Wege dort hin (einschließlich Lehre und
> Meisterprüfung). Bisher gibt es immer nur Konzepte für einzelne Abschnitte,
> die gerne ohne Berücksichtigung der Abhängigkeiten reformiert werden.
Wahre Worte. Ich denke Du hast Deine Berufung verfehlt ;-))
Das Gleichnis von den Zügen und dem Tunnel bekommt einen festen Platz in
meiner Argumentationsliste. Es verdeutlicht extrem gut die Misere mit
den Bildungsreformen in Deutschland.
Ich denke auch, daß die Deutschen in der PISA-Studie unter Wert
geschlagen wurden. Auch zeigten Untersuchungen (leider kein Link;
irgendwo gelesen), daß besondere Bildungssysteme überdurchschnittliche
Ergebnisse bei bestimmten Formen von Tests hervorbrachten. Z.B.
erreichen japanische Schüler sehr gute Ergebnisse, da ihr Bildungssystem
ähnlich dieser Tests arbeitet: viel Wissen auswendig lernen und in
Prüfungsähnlichen Situationen in kurzer Zeit wiederholen.
Die Fähigkeit zur Übertragung von Lösungsstrategien und Entwicklung
eigener, neuer war aber hingegen deutlich unterentwickelt.
Ich bezweifle, daß das Versagen der deutschen Schüler (allein) auf ein
Versagen des deutschen Bildungssystems zurückzuführen ist. Die Fehler
werden an anderer Stelle gemacht (Erziehung?). Wie sonst kann trotzdem
weiterhin ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Ausgebildeten zu
beachtlichen Leistungen fähig sein [1]?
Andererseits muß ich zugeben, daß ich häufig genug zweifelnd vor
Studenten im Vordiplom [2] stand, die mir doch ernsthaft weismachen
wollten, daß Integralrechnung für sie ein neues Konzept sei und
Differentiation lediglich ein Mittel zur Kurvendiskussion.
Und wenn ich Gesprächen einiger Jugendlicher in der S-Bahn lausche (n
muß), sehe ich mit Schrecken dem Untergang der deutschen Sprache und dem
Entstehen eines LAN-Slang-Deutsches entgegen.
Vielleicht liegt es ja doch an der teilweise zutage gelegten
Null-Bock-Haltung einiger Lehrer?...
mark
[1] Beispiele fallen mir gerade keine ein, aber ich habe in den letzten
Jahren eine Menge höchst innovative Arbeiten in den Händen gehalten und
mit einer Vielzahl von Leuten gesprochen, die alle den Eindruck auf mich
machten, als wären die PISA-Tests 'Nasenwasser' für sie.
[2] Studenten der Natur- und Ingenieurswissenschaften
--
Logic is a little bird, sitting in a tree, that smells AWFUL.
--
Heiko Schlenker wrote:
> PISA zeigt, dass das klassische dreigliedrige Schulsystem nicht das
> Gelbe vom Ei ist.
Begründung?
Kaum vorhandene Allgemeinbildung unter den Schulabsolventen hat relativ
wenig mit der Schulform zu tun (DAS sind IMHO die ideologischen
Scheindebatten), sondern eher mit der richtigen Einstellung zum Lernen
(im Sinne von "etwas dafür tun müssen"). Man will ja kein "verspannter
Spießer" sein und lieber "Spaß haben"; das ist doch, was zählt in
unserer Gesellschaft. In Interviews z.B. im Fernsehen könnten Leute
sogar noch mit Stolz erzählen, in Mathe immer schlecht gewesen zu
sein...
Und wenn dann Jugendliche, die keinen vernünftigen Brief schreiben
können oder keinen Dreisatz lösen können, dann keinen Ausbildungsplatz
bekommen (man höre sich mal an, wie die Ausbilder, z.B.
Handwerksmeister, über die Masse der Bewerber schimpfen!), dann macht
man einfach den Staat dafür verantwortlich...
Klar, es gibt wesentlich mehr Lehrstellenbewerber als offene Stellen, da
gibt es einen gewissen Handlungsbedarf, aber solange derartig viele
Stellen wegen mangelnder Qualifikation der Bewerber nicht besetzt
werden können, sind mMn die Prioritäten völlig falsch gesetzt.
Gruß,
MM
PS: Nach dem, was man so hört, scheint dies eine überwiegend
westdeutsche Krankheit zu sein. In der DDR war es wohl nicht "cool",
die Schule zu schwänzen, und besonders gute Schüler wurden auch eher
gefördert, als auf das Niveau der Schwächsten heruntergebremst.
Bevor Du weiterhin unfundierte Äußerungen zu dem Thema von Dir gibst,
sei Dir die Lektüre von z.B. "Die sogenannte Rechtschreibreform" von Th.
Ickler ans Herz gelegt. Die "Rechtschreibreform" ist weder konsistent,
noch einfach zu lernen, wobei die leichte Erlernbarkeit überhaupt kein
zulässiges Argument ist.
~sun
--
Raum für Notizen:
Ebend. Es ist vollkommen *irrelevant*, ob die Rechtschreibung für eine
völlig uninteressante Randgruppe "schwer zu erlernen" ist oder sonstwas,
es geht darum, daß sie auf den *Leser* zugeschnitten ist.
Was man von der RSR ja nicht gerade behaupten kann...
--
Raum für Notizen:
> So sehr ich mich auch darüber ärgern mag (und ich mich /sehr/ darüber
> freuen würde), muß ich doch einigen anderen Vorrednern darin zustimmen,
> daß man ja wohl kaum die Änderungen wieder rückgängig machen und damit
> einer Generation (die der Schüler der betroffenen Periode) symbolisch
> den Stinkefinger zeigen kann.
Damit niemandem ein Nachteil ensteht, gibt es Übergangsfristen.
Im übrigen ist die alte Rechtschreibung eigentlich ziemlich schnell
erklärt, wenn man den (alten) Duden links liegen läßt.
Ickler faßt die alte Rechtschreibung auf 16 Seiten in
Oma-und-Opa-tauglicher großer Schrift zusammen. Die Langfassung umfaßt
gerade mal ca. 30 Seiten, ebenfalls in großer Schrift.
Mehr als das muß man eigentlich nicht wissen.
Wer das gelesen hat, wird sich wahrscheinlich spätestens dann die Augen
reiben und sich fragen, weswegen man eine Rechtschreibreform in
Deutschland brauchte.
M.
> Ein Kernproblem des gegenwärtigen Schulsystems ist: Das
> eigenständige Lernen, das selbständige Erarbeiten neuer Inhalte
> steht praktisch nicht auf dem Lehrplan. Die traurige Realität sieht
> doch überspitzt formuliert so aus: Lehrer sind Produzenten, Schüler
> Konsumenten. Die negativen Folgen werden verstärkt, wenn die Schüler
> im Elternhaus keine Impulse bekommen.
>
> Ein weiteres Problem ist: Erziehung und Bildung werden hier getrennt
> betrachtet. Das ist z.B. in den skandinavischen Ländern anders. Dort
> geht beides Hand in Hand.
Gleichzeitig gibt's in D Schulpflicht (und nicht nur
Ausbildungspflicht). Das heißt, man ist gezwungen seine Kinder in diese
Einrichtungen zu stecken. Dabei sind bornierte Lehrer und gewalttätige
Mitschüler nur das eine Problem. Diese Parasiten, die Beamten bringen
eine Schulreform nach der anderen. Jeder Landeskultusminster ist
praktisch wie ein Pascha, der das Schulwesen so biegt, dass indirekt,
sein Ministerium, seine Partei oder er selbst daran profitieren. Kommt
der nächste Parasit, geht's von vorne los. (Die Beamten müssen ja auch
Tätigkeiten simulieren, sonst streicht man deren Budget, ja gar die
Stellen weg.) Die Schulkinder sind wie bei einem Russischen Roulette, je
nachdem wer grade an dem Machtknüppel saugt. Und je dunkler das
Hinterland (wie Sachsen-Anhalt z. B.), desto krasser die Schwankungen.
Mit den Hochschulen sieht's ähnlich aus. Und das Ganze nennt sich dann
Föderalismus.
Gleichzeitigt maßt sich dieser Staat an, dass er alleine die Ausbildung
der Kinder gewärleisten kann und soll. Unverschämtheit.
Grüße,
P. (der sich neulich vom einem Kind mit der T-Shirt-Aufschrift "Schulen
laufen für Olympia" zurückversetzt in den dunklen sozialistischen Jahre
gefühlt hat)
--
Today, we explain: The Question of Life, the Universe and Everything
Which did you like better? "Jedi" or "The Empire Strikes Back?"
Randal Graves, Clerks
> Ein Kernproblem des gegenwärtigen Schulsystems ist: Das
> eigenständige Lernen, das selbständige Erarbeiten neuer Inhalte
> steht praktisch nicht auf dem Lehrplan. Die traurige Realität sieht
> doch überspitzt formuliert so aus: Lehrer sind Produzenten, Schüler
> Konsumenten.
Das kann ich nur teilweise unterschreiben. Im Prinzip bin ich ein
absoluter Anhänger von selbständigem Erarbeiten von Wissen, aber meine
Erfahrung zeigt (u.a. durch Nachhilfe-Geben; überwiegend Mathe, aber
auch andere Fächer), daß das nur bei einem kleinen Teil der Schüler
(nämlich den überdurchschnittlich Begabten) funktioniert. Der
durchschnittliche bis schwache Schüler nutzt große Freiheiten leider im
Sinne von Schwänzen, Faulenzen, Nichtstun aus.
BTW: die immer stärkere Verschulung der Unis (d.h. völlig weg von
eigenständigem Lernen) geht mir auch ein wenig gegen den Strich. Aber
das ist die logische Konsequenz, wenn man es als vordringliches Ziel
versteht, einer großen Masse berufsqualifierende Abschlüsse zu
verpassen, anstatt für eine kleinen Elite auf Forschung und
Wissenserweiterung optimiert.
Gruß,
MM
Dann hätte man sich ja die ganze PISA-Studie sparen und RTL
glotzen können ...
c
--
Sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen lassen.
--Theodor W. Adorno
Eigentlich ist es doch umgekehrt.
--Frank-Patrick Steckel
> Hallo!
>
>> Ein Kernproblem des gegenwärtigen Schulsystems ist: Das
>> eigenständige Lernen, das selbständige Erarbeiten neuer Inhalte
>> steht praktisch nicht auf dem Lehrplan. Die traurige Realität sieht
>> doch überspitzt formuliert so aus: Lehrer sind Produzenten, Schüler
>> Konsumenten.
>
> Das kann ich nur teilweise unterschreiben. Im Prinzip bin ich ein
> absoluter Anhänger von selbständigem Erarbeiten von Wissen, aber meine
> Erfahrung zeigt (u.a. durch Nachhilfe-Geben; überwiegend Mathe, aber
> auch andere Fächer), daß das nur bei einem kleinen Teil der Schüler
> (nämlich den überdurchschnittlich Begabten) funktioniert. Der
> durchschnittliche bis schwache Schüler nutzt große Freiheiten leider im
> Sinne von Schwänzen, Faulenzen, Nichtstun aus.
Womit du Heikos Statement eigentlich nur untermauerst. Es geht ja nicht
nur darum, dass eigenständiges Lernen nicht verlangt würde. Vielmehr
müsste es erst mal _gelehrt_ werden. In den Grundschulen scheint das ja
teilweise besser zu laufen, aber kaum ist man da raus, wird es zumindest
denen, die zu Faulheit neigen, wieder ausgetrieben.
> BTW: die immer stärkere Verschulung der Unis (d.h. völlig weg von
> eigenständigem Lernen) geht mir auch ein wenig gegen den Strich.
ACK.
> Aber
> das ist die logische Konsequenz, wenn man es als vordringliches Ziel
> versteht, einer großen Masse berufsqualifierende Abschlüsse zu
> verpassen, anstatt für eine kleinen Elite auf Forschung und
> Wissenserweiterung optimiert.
Möglicherweise ist es aber auch die Folge dessen, dass sie es nie anders
gelernt haben. Mittlerweile sind Studis (3. Semester Biochemie, Potsdam)
nicht mal mehr in der Lage, Versuchsprotokolle von Kommilitonen
abzuschreiben, sehr zum Bedauern der Assistenten.
Gruß, Frank
--
> <fluester> psst.. David - dein irony-detect.el ist kaputt! </fluester>
Ich benutze GNU Emacs, nicht XEmacs. irony-detect.el ist letztlich
von RMS abgelehnt worden, weil es vornehmlich Nutzern proprietärer
Systeme zugute käme [S.G. u. D.K. in dce]
Frank Küster wrote:
> Mittlerweile sind Studis (3. Semester Biochemie,
> Potsdam) nicht mal mehr in der Lage, Versuchsprotokolle von
> Kommilitonen abzuschreiben, sehr zum Bedauern der Assistenten.
Frankfurt, Physik: ähnlich.
Ja, ja, man ist in gewisser Weise froh, wenn Protokolle abgeschrieben
werden. Wer kann denn heute noch selbst solche geistigen Großtaten
vollbringen wie ein vernünftig strukturiertes und halbwegs fehlerfreies
Protokoll zu schreiben? Durch das Herunterladen von Protokollen aus dem
Netz zeigen die Studenten doch ihre Internetfähigkeiten, das ist doch
in unserer modernen Gesellschaft viel wichtiger als der
Leistungsterror, der mit selbstgeschriebenen Protokollen verbunden ist.
> Hallo!
> Frank Küster wrote:
>> Mittlerweile sind Studis (3. Semester Biochemie,
>> Potsdam) nicht mal mehr in der Lage, Versuchsprotokolle von
>> Kommilitonen abzuschreiben, sehr zum Bedauern der Assistenten.
> Frankfurt, Physik: ähnlich.
Globales Phänomen. Glasgow, Physik: dito.
> Ja, ja, man ist in gewisser Weise froh, wenn Protokolle abgeschrieben
> werden. Wer kann denn heute noch selbst solche geistigen Großtaten
> vollbringen wie ein vernünftig strukturiertes und halbwegs fehlerfreies
> Protokoll zu schreiben? Durch das Herunterladen von Protokollen aus dem
> Netz zeigen die Studenten doch ihre Internetfähigkeiten, das ist doch
> in unserer modernen Gesellschaft viel wichtiger als der
> Leistungsterror, der mit selbstgeschriebenen Protokollen verbunden ist.
Wenn sie wenigstens das täten. Dann bestünde ja die Möglichkeit daß zu
Praktikumsbeginn mal jemand weiß, worum sich der Versuch dreht...
--
Space - the final frontier
Hm, es kann aber auch am Praktikum liegen, das wenig Begeisterung
aufkommen läßt. Das war jedenfalls das einzige, was mich an meinem
Physikstudium genervt hat, ansonsten war es big fun ;-)). Ich weiß, es
ist kein Geld da, aber man kann doch wenigstens mal ein oder zwei
Experimente aufbauen, wo die Studenten dann auch mal wirklich basteln
dürfen.
--
Hendrik van Hees Cyclotron Institute
Phone: +1 979/845-1411 Texas A&M University
Fax: +1 979/845-1899 Cyclotron Institute, MS-3366
http://theory.gsi.de/~vanhees/ College Station, TX 77843-3366
> Ich glaube nicht, dass die siebenjährigen Schüler an der
> ph-zu-f-Wandlung schuld sind. Fremdwörter werden halt immer mal wieder
> eingedeutscht. Man mag es bedauern, wenn Bureau zu Büro, Friseur zu
> Frisör oder Circus zu Zirkus wird, aber verhindern kann man es auf
> Dauer nicht.
Friseur ist doch eine rein deutsche Erfindung, oder? Nenne die Franzosen den
nicht Coiffeur?
Nicht dass das besonders wichtig wäre...
Karsten
> mit besonderer Freude leite ich hierhin ein Zitat weiter:
>
> --------------//schnipp //----------------
>
> Rechtschreibkommission entmachtet:
>
> DEUTSCHE SPRACHWELT begrüßt Entscheidung der Kultusminister
>
> Erlangen, 6. März 2004 Die jetzt bekannt gewordene teilweise Entmachtung der
> Rechtschreibkommission durch die Kultusministerkonferenz wird von der
> DEUTSCHEN SPRACHWELT begrüßt.
Ist es nur mein persönlicher Eindruck, dass es vor allem die Gegner
der Rechschreibreform sind, die mit Emotionen um sich werfen und
zu markigen Worten wie "Entmachtung" greifen?
Weit interessanter ist aber, dass diesen Leuten die KMK jahrelang
als Hort des Bösen galt, und die Rechtschreibkommission als deren
willfährige Kreatur. Und nun plötzlich sind die Kultusminister
die Guten, die sich aus dem Würgegriff der Kommission befreit haben
sollen? Wie konnte es so weit kommen? Das Rätsel löst sich, wenn
man das Wort "Entmachtung" hinterfragt:
Entmachten kann man nur den, der die Macht hat. Auf die Kommission
trifft das aber gar nicht zu: Ihre Vorschläge flossen nämlich
nur insoweit in die amtlichen Schreibregeln ein, als die KMK sie
bestätigte. Und das tat sie keineswegs immer: Man erinnere sich
daran, wie die KMK kurz vor der Einführung der neuen Schreibregeln
-- quasi in letzter Sekunde -- die radikalen Vorschläge zur
Eindeutschung von Fremdwörtern weitgehend zusammenstrich.
In ihrem "vierten Bericht" hat die Kommission nun -- vereinfacht
gesagt -- u.a. vorgeschlagen, dass sie in Zukunft bei Bedarf
_selbständig_ über die eventuell nötige Weiterentwicklung der
Rechtschreib-Regeln entscheiden will. Wenn sich die KMK _das_
nicht gefallen lässt, dann ist das nur zu verständlich. Aber es
ist keine "Entmachtung".
> "Endlich: Das ist der erste Schritt der
> Kultusministerkonferenz, das Abenteuer Rechtschreibreform zu beenden.
Es war von Anfang an vorgesehen, die Akzeptanz und die praktische
Umsetzung der neuen Rechtschreibung bis 2005 zu prüfen und ggfl.
Details zu präzisieren oder zu überarbeiten. Man kann sich darüber
streiten, ob das eine gute Idee war (ich finde: nein), aber wenn
sie jetzt in die Tat umgesetzt wird, dann kann nicht von einem ersten
Schritt zur "Rücknahme" der Reform gesprochen werden.
Fazit: Was die DEUTSCHE SPRACHWELT hier betreibt, ist Demagogie,
hart an der Grenze zur Lüge. Und Wunschdenken.
mit den besten Grüßen
Walter
>
> Friseur ist doch eine rein deutsche Erfindung, oder? Nenne die
> Franzosen den nicht Coiffeur?
Hätte ich nicht gedacht, aber du scheinst recht zu haben. Der Larousse
kennt nur friser und frisure.
--
Ulrike Fischer
e-mail: zusätzlich meinen Vornamen vor dem @ einfügen.
e-mail: add my first name between the news and the @.
> > Erlangen, 6. März 2004 Die jetzt bekannt gewordene teilweise Entmachtung
> > der Rechtschreibkommission durch die Kultusministerkonferenz wird von
> > der DEUTSCHEN SPRACHWELT begrüßt.
>
> Ist es nur mein persönlicher Eindruck, dass es vor allem die Gegner der
> Rechschreibreform sind, die mit Emotionen um sich werfen und zu markigen
> Worten wie "Entmachtung" greifen?
Nein, denn die Gegenseite drückt gerne auf die Tränendrüse und
verschanzt sich hinter den armen bemitleidenswerten Schülern.
> Entmachten kann man nur den, der die Macht hat. Auf die Kommission trifft
> das aber gar nicht zu: Ihre Vorschläge flossen nämlich nur insoweit in
> die amtlichen Schreibregeln ein, als die KMK sie bestätigte. Und das tat
> sie keineswegs immer: Man erinnere sich daran, wie die KMK kurz vor der
> Einführung der neuen Schreibregeln -- quasi in letzter Sekunde -- die
> radikalen Vorschläge zur Eindeutschung von Fremdwörtern weitgehend
> zusammenstrich.
Richtig, und kurz nach der Einführung der RSR hat die ZK einige ihrer
Fehler eingesehen und Nachbesserung in einigen Punkten vorgeschlagen,
ist dabei bei der KMK abgeblitzt.
> In ihrem "vierten Bericht" hat die Kommission nun -- vereinfacht gesagt --
> u.a. vorgeschlagen, dass sie in Zukunft bei Bedarf _selbständig_ über die
> eventuell nötige Weiterentwicklung der Rechtschreib-Regeln entscheiden
> will. Wenn sich die KMK _das_ nicht gefallen lässt, dann ist das nur zu
> verständlich. Aber es ist keine "Entmachtung".
Der Ausdruck "Entmachtung" ist wahrscheinlich tatsächlich etwas
übertrieben, hat aber seinen Grund eher darin, daß der ZK anheimgestellt
wurde, künftig mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung
zusammenzuarbeiten. In der Vergangenheit war diese eine entschiedene
Gegnerin der RSR.
Im Artikel steht, wie ich an dem, was Du zitierst, gerade sehe, übrigens
"teilweise Entmachtung".
M.
> Das kann ich nur teilweise unterschreiben. Im Prinzip bin ich ein
> absoluter Anhänger von selbständigem Erarbeiten von Wissen, aber
> meine
> Erfahrung zeigt (u.a. durch Nachhilfe-Geben; überwiegend Mathe, aber
> auch andere Fächer), daß das nur bei einem kleinen Teil der Schüler
> (nämlich den überdurchschnittlich Begabten) funktioniert.
Das kann ich nur unterschreiben. Das gilt insbesondere für Mathe und die
Naturwissenschaften.
Die neuen Bildungspläne in BW sehen das verstärkt vor (was ich
befürworte). Will man das jedoch richtig angehen, bedeuet das einen hohen
Betreungsaufwand, den Lehrer derzeit kaum leisten können (und in Zukunft
noch weniger leisten werden können). Betreut man eine solche Arbeit nicht
intensiv, kann man das Ganze nochmal im klassischen Unterrichtsstil
durchziehen - frudtrierend für beide Seiten.
Die Kultusminister reden in leeren schönen Floskeln, wie sehr unser neues
System nun auf Schlüsselkompetenzen achten wird und drücken immer mehr
Arbeit nach unten ab. Das nötige Knowhow wird weder an die Ausbilder noch
an die Auszubildenden gegeben. Zusätzliche Man-power wird auch nicht
bereit gestellt.
> Der
> durchschnittliche bis schwache Schüler nutzt große Freiheiten leider
> im
> Sinne von Schwänzen, Faulenzen, Nichtstun aus.
Oder ist schlichtweg überfordert. Gib mal einem 3-er Schüler ein Mathebuch
in die Hand, er möge sich eine Lehrplaneinheit selbst erarbeiten. Das kann
man vergessen. Geschweige denn die Kellerkinder mit 5 oder schlechter.
Maurice
> Oder ist schlichtweg überfordert. Gib mal einem 3-er Schüler ein
> Mathebuch in die Hand, er möge sich eine Lehrplaneinheit selbst
> erarbeiten. Das kann man vergessen. Geschweige denn die Kellerkinder
> mit 5 oder schlechter.
Es wäre schon viel geholfen, wenn die Kids Mathebücher hätten. Die
Schulbücher taugen doch alle nichts, es sei denn es hätte sich seit
1990 (mein Abijahrgang) nichts entscheidendes verbessert, aber das
gehört ja wirklich nicht hierher.
> Maurice Bonnet wrote:
>
> > Oder ist schlichtweg überfordert. Gib mal einem 3-er Schüler ein
> > Mathebuch in die Hand, er möge sich eine Lehrplaneinheit selbst
> > erarbeiten. Das kann man vergessen. Geschweige denn die Kellerkinder
> > mit 5 oder schlechter.
>
> Es wäre schon viel geholfen, wenn die Kids Mathebücher hätten. Die
> Schulbücher taugen doch alle nichts, es sei denn es hätte sich seit
> 1990 (mein Abijahrgang) nichts entscheidendes verbessert, aber das
> gehört ja wirklich nicht hierher.
Abi 84, und mein Vektorgeometrielehrbuch war so gut, daß es irgendwie
nicht mit der Rückgabe geklappt hat...
--
David Kastrup, Kriemhildstr. 15, 44793 Bochum
de.comp.text.tex FAQ: <URL:http://www.dante.de/faq/de-tex-faq>
Warum die Icklerschen Regeln eine echte Erleichterung darstellen, zeigt
sich bereits beim Vergleich ihres Umfanges (gemessen in der Anzahl der
Druckseiten bei gleichem Layout, gleicher Schriftart und -größe) mit dem
der reformierten amtlichen Regelung:
http://www.vrs-ev.de/welches_regelwerk.pdf
Icklers Rechtschreibwörterbuch ist insgesamt sehr empfehlenswert; eine
Besprechung von Prof. Munske, dem ehemaligen Mitglied des Reformarbeits-
kreises und der Rechtschreibkommission (!), findet sich hier:
http://www.rechtschreibreform.com/Buch/921FAZMunskeIcklerWB.pdf
Die Icklerschen Regeln sind auf rechtschreibreform.com leider etwas
versteckt plaziert, deshalb gebe ich die Adresse hier explizit an:
http://rechtschreibreform.com/Seiten2/Wissenschaft/970IcklerWBRegel.html
Es handelt sich dabei um eine frühe Fassung; im Rechtschreibwörterbuch
sind sie in leicht überarbeiteter Form enthalten. Gleich zu Anfang
stellt Ickler klar, daß die Schrift nicht zum Schreiben, sondern zum
Gelesenwerden da ist (was eigentlich klar sein sollte: Wenn ich weiß,
daß etwas nie gelesen werden würde, auch nicht von mir selber -- warum
sollte ich es dann aufschreiben?), und daß dementsprechend die Recht-
schreibung nicht zur Beschäftigung des Schreibenden da ist, sondern zum
Ziel haben muß, gut lesbare Texte zu ergeben. Die Rechtschreibreform geht
aber hauptsächlich vom Schreiben aus und stellt gleichzeitig die Anfor-
derungen an die Lesbarkeit vollkommen in den Hintergrund -- und deshalb
ist die Reformschreibung so schlecht.
Ich will damit nicht gesagt haben, daß es keine gute Idee wäre, das
richtige Schreiben leichter zu machen -- das kann man aber auch ohne
eine so weitgehende Rechtschreibreform erreichen; Ickler ist ja eben
das gelungen! Dazu muß man analysieren, worin genau das Problem besteht,
und dann verschiedene Lösungsmöglichkeiten prüfen. Bei der Reform stand
aber von vornherein fest, daß es komplett neue Regeln geben soll, und
daß damit der Paradigmenwechsel von deskriptiven zu präskriptiven Regeln
verbunden ist (weil man das für leichter beherrschbar hielt, aber das
ist eine unbewiesene Behauptung): Mit Ausnahme der Laut-Buchstaben-
Beziehungen sollen alle Schreibungen aus den Regeln ableitbar sein.
Abgesehen davon, daß dann im Regelwerk vorhandene Fehler (wie etwa Lücken
und Widersprüche -- und das reformierte amtliche Regelwerk weist einiges
davon auf, und auch die im 4. Bericht der Rechtschreibkommission avisier-
ten Nachbesserungen sind nicht frei davon) verheerende Auswirkungen haben,
ist damit aber zum einen ein Teil der möglichen Lösungen bereits ausge-
schlossen (Dinge exakt so zu lassen, wie sie sind, weil es nicht besser
geht oder weil eine Veränderung keine Verbesserung bewirken würde), zum
anderen werden die Rechtschreibregeln damit von der selbständigen Sprach-
und Schreibentwicklung abgekoppelt: Bei präskriptiven Regeln ist nicht
der Schreibgebrauch maßgeblich, sondern es wird quasi verlangt, daß sich
dieser nach den Regeln richtet. Ändert sich der Schreibgebrauch entgegen
den Regeln, muß das Regelwerk amtlicherseits geändert werden -- d. h., es
ist eine offizielle Rechtschreibreform fällig, weil dann alle anders
schreiben müssen (das bedeutet präskriptiv).
Bei einem deskriptiven Regelwerk folgen die Regeln (mit einem gewissen
Zeitversatz) dem allgemeinen Schreibgebrauch, ohne daß dies als Recht-
schreibreform amtlich gemacht werden muß. So hat es die Dudenredaktion
jahrzehntelang gehandhabt (man vergleiche verschiedene ältere Duden-
Auflagen miteinander!), und offenbar ist dieser Weg von der Konzeption
her der sinnvollere. Es muß allerdings verhindert werden, daß -- wie es
bei der Dudenredaktion der Fall war -- zu viele Spitzfindigkeiten und
Einzelfallregelungen entstehen. Da aber (zumindest in Deutschland; in der
Schweiz gilt es noch!) das Dudenprivileg aufgehoben worden ist, würde es
diese Willkür nicht mehr geben, wenn man das Wörterbuchmachen den Wörter-
buchredaktionen überließe. Wie bei anderen Schulbüchern auch, müßten diese
dann einer schulbehördlichen Prüfung unterzogen werden, um die Zulassung
für den schulischen Gebrauch zu bekommen.
Würde dagegen die Zwischenstaatliche Rechtschreibkommission -- egal in
welcher Besetzung -- als Institution im Amt bleiben, wäre nichts gewonnen:
Sie würde die Stelle der Dudenredaktion einnehmen, so daß es *ihre* will-
kürlichen Entscheidungen wären, die die nächste(n) Rechtschreibreform(en)
erforderlich machen würden. Genau das ist jetzt bereits absehbar, denn die
im 4. Kommissionsbericht vorgeschlagenen Nachbesserungen sind willkürlich
(siehe den Vorschlag zu §36E2) und insuffizient; sollte die Reform in der
entsprechend modifizierten Fassung beschlossen werden, wären bald die
nächsten Korrekturen fällig, d. h. wieder andere Regeln, wieder neue
Wörterbücher, in denen wieder mehr der herkömmlichen Schreibweisen ent-
halten wären. Das können wir auch anders haben, kurz und schmerzlos und
mit deutlich weniger Kosten verbunden.
Jan-Martin
(Rien n'est plus dangereux qu'une idée, quand on n'a qu'une idée.
-- Émile Chartier, dit Alain)
> Ist es nur mein persönlicher Eindruck, dass es vor allem die Gegner
> der Rechschreibreform sind, die mit Emotionen um sich werfen und
> zu markigen Worten wie "Entmachtung" greifen?
Mal andersherum gesehen: Warum sollten die Befürworter das tun?
Ein konkretes Beispiel: Wenn einer dem anderen auf den Fuß tritt,
wer von beiden schreit? -- Ohne daß ich derartige Äußerungen gut-
heißen will, finde ich es doch sehr nachvollziehbar, daß sie,
wenn sie denn auftreten, ungleich verteilt sind.
Aber es sind durchaus nicht nur die Reformkritiker und -gegner, die
mit harten Bandagen antreten. Unter den Reformern ist Prof. H. Zabel
nicht zu verachten; was er in seinem Bändchen "Widerworte" (Unter-
titel: "Lieber Herr Grass, Ihre Aufregung ist unbegründet") als
"Antworten an Gegner und Kritiker der Rechtschreibreform" bereithält,
ist teilweise unerträglich.
> Es war von Anfang an vorgesehen, die Akzeptanz und die praktische
> Umsetzung der neuen Rechtschreibung bis 2005 zu prüfen und ggfl.
> Details zu präzisieren oder zu überarbeiten.
Was das Prüfen der Akzeptanz betrifft, so ist das zu bezweifeln:
Seit es Umfragen zur Rechtschreibreform gibt, fallen sie deutlich
zu deren Ungunsten aus. Entsprechende Konsequenzen werden aber
nicht gezogen. Der Volksentscheid (!) in Schleswig-Holstein gegen
die reformierte Rechtschreibung (27. September 1998; siehe
http://www.statistik-sh.de/m4/m4_05_ve.htm) wurde ein knappes Jahr
später vom Landtag kassiert -- obwohl in dieser Zeit noch Plebis-
zite in anderen Bundesländern liefen, deren Ergebnis man hätte
abwarten können.
Auch muß die Ernsthaftigkeit bezeifelt werden, die Reform dort
nachbessern zu wollen, wo es nötig ist. Das sieht man bereits
daran, wie mit der sachlichen Kritik umgegangen wird. Bereits
1995 wurde erste, sehr vereinzelte Kritik an der Reform vorge-
bracht (unter anderem in Form der Dissertation "Rechtschreib-
reform und Verfassungsrecht" von W. Kopke); sie wurde aber schon
damals als "zu spät" bezeichnet. (Ich bin da kürzlich drüber
gestolpert, kann mich jetzt aber nicht an den konkreten Fall
erinnern. Wenn gewünscht, liefere ich den Beleg nach.)
In der am 1. Juli 1996 unterzeichneten Wiener Absichtserklärung
steht, daß die Reform zum 1. August 1998 -- also erst zwei Jahre
später -- in Kraft treten sollte. Sie wurde aber in vielen deutschen
Bundesländern schon im Herbst 1996 eingeführt. Gleichzeitig setzten
massive Proteste ein, insbesondere auf der Frankfurter Buchmesse.
Die damals erhobenen sachlichen Einwände wurden ignoriert -- die
Antworten der Verantwortlichen beschränkten sich auf ein Zurück-
weisen der unsachlichen, polemischen und überzogenen Anmerkungen.
(Zur Wiener Absichtserklärung siehe
http://rechtschreibung.ids-mannheim.de/kommission_wienerErklaerung.html)
[Einschub: Wenn jemand polemisch argumentiert, bedeutet das nicht,
daß er unrecht hat -- er hat sich lediglich im Ton vergriffen; das
wird sehr gern übersehen. (Daß er sich damit kaum Freunde macht,
ist klar -- aber auch das ist ein anderer sachfremder Aspekt.)
Natürlich kann man sich dann fragen, ob er nötig hat, polemisch zu
werden, etwa, weil es ihm an Argumenten gebricht. Aber das ist nur
eine Möglichkeit. Eine andere ist, daß die Situation dadurch nur
überzeichnet wird und das Hahnebüchene daran deutlicher zum Vor-
schein gebracht wird -- so etwa in dem (sehr empfehlenswerten)
Büchlein "Die sogenannte Rechtschreibreform -- Ein Schildbürger-
streich" von Th. Ickler.]
Anfang 1997 konstituierte sich (gemäß der Wiener Absichtserklärung)
die "Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung"
(hier kurz Rechtschreibkommission). Sie hat folgende Aufgaben:
"Die Kommission wirkt auf die Wahrung einer einheitlichen Recht-
schreibung im deutschen Sprachraum hin. Sie begleitet die Einführung
der Neuregelung und beobachtet die künftige Sprachentwicklung. Soweit
erforderlich erarbeitet sie Vorschläge zur Anpassung des Regelwerks."
(Artikel III der Wiener Absichtserklärung)
Bereits Ende 1997 stellte sie im Entwurf zu ihrem ersten turnusmäßigen
Bericht gravierende Mängel fest, die einen Eingriff in das Regelwerk
unumgänglich notwendig machten. Anfang 1998 fand die "Mannheimer An-
hörung" statt, aufgrund derer die Politiker zu dem Fazit kamen, daß
das Regelwerk nicht geändert wird. Wichtig sind hierbei drei Dinge:
1.) Die Kommission war (und ist) mehrheitlich mit Urhebern des neuen
Regelwerkes besetzt. An dieser Rechtschreibreform haben sie bereits
gearbeitet, bevor sie den staatlichen Auftrag dazu bekamen; dabei
haben sie selber nachgeholfen (O-Ton Reformer: [sich den Auftrag]
geholt). Mit der Wirklichkeit gewordenen Rechtschreibreform ist
quasi ihr Lebenswerk vollendet.
Trotzdem hielten es die Politiker nicht für nötig -- obwohl selbst
die Experten, denen man in dieser Position eigentlich ob ihrer
Befangenheit nicht trauen dürfte (und denen man auch heute noch aus
demselben Grund nicht trauen darf), dies forderten -- die Regeln zu
ändern.
2.) Es waren zu dieser Anhörung vor allem Vertreter von Interessen-
gruppen eingeladen, die die Reform befürworteten. Zudem wurde ver-
sucht, diejenigen zu behindern, von denen man wußte, daß sie sich
kritisch äußern würden: Ihnen wurden die Unterlagen, über die beraten
werden sollte, nicht bzw. nur wenige Tage vor dem Termin zugeschickt,
so daß sie sich nur ungenügend vorbereiten können sollten. Insofern
hätte man das Ergebnis dieser Anhörung nicht ernst nehmen dürfen.
(Die Kritiker waren dann aber doch gut vorbereitet, weil sie auf
anderem Wege am die Unterlagen gelangt waren. Siehe dazu Th. Ickler:
"Kritischer Kommentar zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung",
2., wesentlich erweiterte Auflage 1999; leider ohne den Anhang zur
Mannheimer Anhörung abrufbar unter http://www.vrs-ev.de/KritKomm.pdf)
3.) Diese Änderungen wären vor dem vereinbarten Start der Reform
wirksam geworden, und dadurch hätte die "Vorlaufphase" einen Sinn
bekommen: Kinderkrankheiten hätten im Vorfeld ausgeräumte werden
können. Dies wäre umso wichtiger gewesen, da die Reform komplett
am "grünen Tisch" entstanden ist und es keinerlei praktische Er-
fahrung mit dem neuen Regelwerk gab; entsprechend fehlerhaft
fielen auch die ersten Wörterbücher aus.
Durch die Ablehnung der Änderungen blieb das fehlerhafte Regelwerk
bis heute in Kraft; zu den Wörterbüchern siehe weiter unten.
> Man kann sich darüber streiten, ob das eine gute Idee war
> (ich finde: nein),
Warum dieses "nein"?
> aber wenn sie jetzt in die Tat umgesetzt wird, dann kann nicht
> von einem ersten Schritt zur "Rücknahme" der Reform gesprochen werden.
Doch: Wenn vorgeschlagene Änderungen die Wiederherstellung der her-
kömmlichen Schreibweisen bewirken, ist es genau das, nicht wahr?
Und so ist es auch wirklich: Man siehe im 4. Kommissionsbericht etwa
den Vorschlag für die Änderung von § 36. Die neue "Erläuterung" E2
hat weitreichende Fogen und setzt den Paragraphen, den sie erläutern
soll, partiell außer Kraft -- denn sie steht zu ihm in direktem
Widerspruch.
> Fazit: Was die DEUTSCHE SPRACHWELT hier betreibt, ist Demagogie,
> hart an der Grenze zur Lüge. Und Wunschdenken.
Wunschdenken ist es nur zum Teil, und gelogen ist es nicht: Die
Kommission hatte nämlich de facto durchaus Macht -- weil sich die
Redaktionen von Bertelsmann und Duden nach ihren Entscheidungen ge-
richtet haben. Auf diese Weise hat sie nämlich ein paar der Ände-
rungen, die ihr 1998 verwehrt wurden, in die zweite Generation der
reformierten Wörterbücher eingebracht. Siehe dazu folgendes:
"Die neuen Formen wurden nach Absprache mitr dem 'Institut für
deutsche Sprache' in Mannheim, dem Sitz der neuen zwischenstaat-
lichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, in das DEUTSCHEN
WÖRTERBUCH eingearbeitet."
"Bei einigen Suffixen ist die Anwendung der neuen Worttrennungsregel,
wonach bei mehreren Konsonanten der letzte auf die neue Zeile gesetzt
werden sollte, zwar theoretisch denkbar, praktisch aber weder mit dem
Sprachgebrauch noch mit der Aussprache der Wörter vereinbar, mitunter
sogar sinnentstellend. Die Kommission für deutsche Rechtschreibung hat
daher in Abstimmung mit den Wörterbuchverlagen für die Trennung von
Fremdwörtern eine Liste von Lexemen erarbeitet, die nicht mechanisch
sondern morphematisch, d. h. nach Wortbestandteilen, getrennt werden
sollen."
(beides in: Wahrig, Deutsches Wörterbuch. Bertelsmann; aus dem Vorwort
zur Neuausgabe 2000)
[Anmerkung: Diese Trennstellenliste wurde bislang nicht
veröffentlicht.]
"In Zweifelsfällen ist den Empfehlungen der Zwischenstaatlichen
Kommission für Rechtschreibung zu folgen, soweit solche vorliegen.
Dieses Prinzip konnte naturgemäß erst seit dem 25. März 1997 befolgt
werden, da es die Kommission vorher (also auch in der Zeit, als die
21. Auflage der Dudenrechtschreibung bearbeitet wurde) noch nicht
gab. Auch heute kann die Kommission nicht als beliebig abfragbare
Auskunftsstelle für das lexikographische Tagesgeschäft angesehen
werden, da sie nur in mehrmonatigen Abständen zusammentritt und
dabei auch nicht ad hoc die verschiedensten Problemfälle abarbeiten
kann. Deshalb berät sich die Dudenredaktion sporadisch mit einzelnen
Kommissionsmitgliedern oder anderen Linguisten, natürlich unter dem
Vorbehalt, dass in grundsätzlichen Fragen der Gesamtkommission nicht
vorgegriffen, deren Entscheidung nicht vorweggenommen werden kann.
Was hingegen von der Kommission selbst als verbindlich oder als
Empfehlung verabschiedet wurde, wird von der Dudenredaktion als
ebenso maßgeblich wie das amtliche Regelwerk angesehen."
(Duden-Redakteur Werner Scholze-Stubenrecht in Sprachwissenschaft
2/2000)
Die neueren Wörterbücher weichen vom amtlichen Regelwerk ab -- und
zwar in der Art, daß sie vermehrt herkömmliche Schreibweisen enthal-
ten. Dies wurde zuerst von Th. Ickler für den im Jahr 2000 neu er-
schienenen Duden nachgewiesen (vgl. F.A.Z. vom 11.08.2000), außerdem
läßt es sich anhand des von der Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung vorgelegten "Kompromißvorschlags" (sic: mit Eszett) erken-
nen, der die Schreibweisen von 1991, 1996 und 2000 nebeneinander-
stellt (und in einer vierten Spalte den DASD-Vorschlag hinzufügt).
Die Rechtschreibkomission hat zwar in ihrem 3. Bericht behauptet,
sie hätte die Einwände Icklers Punkt für Punkt überprüft und wider-
legt. Schaut man sich aber diese "Widerlegungen" genauer an
(in der Anlage 2 des 3. Komissionsberichtes:
http://rechtschreibung.ids-mannheim.de/gesamttext.pdf),
so stellt man fest, daß sie gelogen hat: Ihre Ausführungen haben
zum Teil gar nichts damit zu tun, was Ickler festgestellt hat,
zum Teil sind sie einfach gegenstandslos bzw. enthalten keine
Begründung, und es gibt welche, die auf falschen Argumentationen
beruhen -- kurz, sie halten einer genauen Überprüfung nicht stand.
Nur in einem Fall behält die Komission teilweise recht: Es gibt
französische Grammatiken, die bei "agent provocateur" das Wort
"provocateur" als Adjektiv und nicht als appositives Nomen deuten,
daher ist (im Deutschen) die herkömmliche Schreibung "Agent pro-
vocateur" vom reformierten Regelwerk gedeckt (die reformierte
Schreibung ist "Agent Provocateur").
In einem anderen Fall ist die Angabe der Kommission sehr plausibel:
Bei "Onestep" soll es sich um einen Druckfehler gehandelt haben.
Aber auch das hat mit dem, was Ickler zum Duden geschrieben hat,
nichts zu tun: Ich habe mir den Artikel aus dem FAZ-Archiv geholt
-- "Onestep" kommt darin nicht vor. Hier stellt also die Kommis-
sion etwas richtig ("Onestepp"), was gar nicht angemerkt worden war.
Wie sie mit Icklers Anmerkungen verfährt, so geht die Kommission
auch an anderen Stellen des 3. Berichtes mit Kritik an der Reform um.
Außerdem stellt sie die Situation grob einseitig dar, sie läßt rele-
vante Tatsachen unerwähnt, die gegen die Reform sprechen (obwohl
sie ihr zur Kenntnis gebracht worden sind), und sie bedient sich
willkürlicher Behauptungen und unhaltbarer Argumentationen -- kurz
gesagt: Sie lügt. Nur deshalb gibt es Rechtschreibreform noch;
gäbe es eine unabhängige Untersuchung, sähe alles ganz anders aus.
> Walter Schmidt <t...@quantentunnel.de> wrote in message
>> Ist es nur mein persönlicher Eindruck, dass es vor allem die Gegner
>> der Rechschreibreform sind, die mit Emotionen um sich werfen und
>> zu markigen Worten wie "Entmachtung" greifen?
>
> Mal andersherum gesehen: Warum sollten die Befürworter das tun?
> Ein konkretes Beispiel: Wenn einer dem anderen auf den Fuß tritt,
> wer von beiden schreit?
Vorsicht Metapher! Geht meist daneben, wie auch hier.
> -- Ohne daß ich derartige Äußerungen gut-
> heißen will, finde ich es doch sehr nachvollziehbar, daß sie,
> wenn sie denn auftreten, ungleich verteilt sind.
Sie sind deshalb ungleich verteilt, weil die Reformgegener sich oft als
persoenlich "Angegriffene" sehen. Das muss aber nicht daran liegen, dass
sie auch "Angegriffene" sind.
Gruß
Manfred.
> Da aber (zumindest in Deutschland; in der Schweiz gilt es noch!)
> das Dudenprivileg aufgehoben worden ist
Worauf gründet sich diese seltsame Aussage, die unterschiedliche
Stellung des Dudens in DE und CH betreffend?
M.
Wieso unpassend? Das ist doch .com, sonst nix. Was sonst sollte es denn
sein als bloßer Kommerz von Rechtschreib- und Schulbuchverlegern?
BTW: Ich finde die Aufregung eigentlich überflüssig. Ich jedenfalls
bemühe mich nach wie vor (mit mehr oder weniger Erfolg freilich) um die
alte Rechtschreibung und Zeichensetzung, weil ich die neue nicht
logischer als die alte, zum Teil sogar verwirrender finde. Außerdem
habe ich ausgesprochene Sprachexperten auf meiner Seite, nämlich die,
die wirklich etwas von Sprache verstehen, die Schriftsteller nämlich,
einschließlich Grass.
Mein Favorit Thomas Mann hat ja seinerzeit die damalige Reform auch
nicht mitgemacht, und geschadet hat das seinem Werk und ihm persönlich
auch nicht ;-)).
Es geht hier um die Domain der Reform_gegner_!
Du meinst, die wollen die Reform nur deshalb rückgängig
machen, damit man _nochmal_ neue Bücher verkaufen kann?
;-)
Walter
Es ist kaum möglich, "den" Beginn der Vorarbeiten genau zu datieren.
Zum einen greift die Reform von 1996 inhaltlich auf nahezu sämtliche
Reformbemühungen des vergangenen Jahrhunderts zurück (was auch erklärt,
warum rein äußerlich, d. h. von den vorgenommenen Änderungen her be-
trachtet, die Reform von 1996 mit der von 1944 überlappt), zum anderen
wurde von verschiedenen Personen, die an der 1996er Reform mitgewirkt
haben, zu verschiedenen Zeiten mit den Vorarbeiten begonnen.
So nennt beispielsweise Prof. H. Munske der Zeitraum 1977 bis 1997:
http://pi.informatik.uni-siegen.de/kelter/div/munske0001.txt bzw.
http://www.rechtschreibreform.com/Seiten2/Wissenschaft/801MunskeAmtshilfe.pdf
Aus der sehr empfehlenswerten, ausführlichen Zusammenstellung von
Michael Schneider (http://www.schneid9.de/pdf/geschichte.pdf) geht
hervor, daß in der DDR die "Forschungsgruppe Orthographie" bereits
im Jahre 1974 gegründet wurde. Ihr damaliger Leiter Nerius ist heute
Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschrei-
bung (http://rechtschreibung.ids-mannheim.de/kommission_mitglieder.html).
Eine umfassende Darstellung der Entwicklung der Reform, die außerdem
sehr viel Hintergrundmaterial enthält, findet man in der Magisterarbeit
"Orthographie und Politik" von Heide Kuhlmann -- umfangreich, aber äußerst
empfehlenswert: http://www.heide-kuhlmann.de/ma_frame.html
Gruß, Jan-Martin
> > Da aber (zumindest in Deutschland; in der Schweiz gilt es noch!)
> > das Dudenprivileg aufgehoben worden ist
>
> Worauf gründet sich diese seltsame Aussage, die unterschiedliche
> Stellung des Dudens in DE und CH betreffend?
Das geht auf die Kulturhoheit der einzelnen Staaten zurück. Die in
Deutschland von der Kultusministerkonferenz (KMK; http://www.kmk.org)
getroffenen Entscheidungen gelten natürlich nicht in der Schweiz.
Dort sind die Entscheidungen der Schweizerischen Konferenz der
kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK; http://www.edk.ch) maßgeblich.
Die konkrete Information, daß das Dudenprivileg in der Schweiz
weiterhin gilt, habe ich bei Prof. Ickler aufgeschnappt; ich
halte diese Aussage für zuverlässig, sie ließe sich im Prinzip
auch offiziell (Internetseite s. o.) verifizieren. Meine Quelle:
http://www.rechtschreibreform.de/Forum/showthread.php?threadid=490#post18244
JM
Egal, ob es mit der Reform weitergeht oder ohne sie: Neue Wörterbücher
sind in jedem Fall fällig; selbst die jetzt im 4. Kommissionsbericht
vorgeschlagenen Änderungen sind dafür hinreichend. -- Halt, das stimmt
nicht ganz:
Bei einer kompletten Rücknahme der Reform könnte man ja zumindest die
noch vorhandenen vorreformatorischen Rechtschreibwörterbücher und die
noch nicht umgestellten Schulbücher weiterverwenden, und auch in den
Textverarbeitungsprogrammen ist die herkömmliche Rechtschreibung noch
enthalten (hier ein -- sehr unpassender, ich weiß -- Hinweis für
Word-Nutzer: http://www.rechtschreibreform.de/Rueckumstellung/Word).
Selbst die jetzigen reformierten Rechtschreibwörterbücher ließen sich
dann (weitestgehend) benutzen, wenn man sich danach richtet, was Prof.
Munske angemerkt hat -- daß alles Rotgedruckte im Duden falsch ist
(http://www.schule-in-frankfurt.de/44/44-04.htm).
So gesehen, spricht das finanzielle Kriterium gegen die Fortsetzung
der Reform und für die Rückkehr zur herkömmlichen Rechtschreibung.
Jan-Martin
> So gesehen, spricht das finanzielle Kriterium gegen die Fortsetzung
> der Reform und für die Rückkehr zur herkömmlichen Rechtschreibung.
Meine Rede seit Jahren. Man hätte diese Reform nie machen dürfen. Da sie
weitgehend unakzeptiert zu sein scheint (ich kenne jedenfalls keinen,
der sie befürwortet), kann man sie doch wieder zurücknehmen. Weh täte
es wohl keinem, außer den armen Schülern, die diesen Crap haben lernen
müssen, und die sind eigentlich schon gestraft genug... SCNR.
Daß der Duden in der Schweiz »bis heute amtlich verbindlich ist«
schreibt auch Matthias Wermke (Leiter der Dudenredaktion) im
»Duden - Satz und Korrektur«:
| Aus der nach dem Tod Konrad Dudens 1911 erfolgten Zusammenlegung
| des »Vollständigen Orthographischen Wörterbuchs« und des
| »Buchdruckerdudens« entwickelte sich der Rechtschreibduden (DUDEN -
| Die deutsche Rechtschreibung, jetzt 22. Auflage 2000), das
| Standardreferenzwerk in allen orthographischen Zweifelsfällen,
| welches in der Schweiz bis heute amtlich verbindlich ist.
(Duden. Satz und Korrektur, Mannheim, 2003, S. 86)
Schöne Grüße,
Wolf
> On 25 Apr 2004 18:21:34 -0700, Jan-Martin Wagner <j...@ifto.uni-jena.de>
> wrote:
>
> > Walter Schmidt <t...@quantentunnel.de> wrote:
> >> Ist es nur mein persönlicher Eindruck, dass es vor allem die Gegner
> >> der Rechschreibreform sind, die mit Emotionen um sich werfen und
> >> zu markigen Worten wie "Entmachtung" greifen?
> >
> > Mal andersherum gesehen: Warum sollten die Befürworter das tun?
> > Ein konkretes Beispiel: Wenn einer dem anderen auf den Fuß tritt,
> > wer von beiden schreit?
>
> Vorsicht Metapher! Geht meist daneben, wie auch hier.
Hmm -- kann es sein, daß es nur deshalb "daneben gegangen" ist,
weil man es bewußt falsch verstehen kann? Oder habe ich nicht
deutlich genug übertrieben, um klarzumachen, daß dieser Ver-
gleich nichts mit der konkreten Situation der Rechtscheibreform
zu tun hat? Es geht hier nur um das Prinzip, daß immer derjenige
protestiert, der mit etwas nicht einverstanden ist. Warum also
soll der Vergleich danebengegangen sein?
> > -- Ohne daß ich derartige Äußerungen gut-
> > heißen will, finde ich es doch sehr nachvollziehbar, daß sie,
> > wenn sie denn auftreten, ungleich verteilt sind.
>
> Sie sind deshalb ungleich verteilt, weil die Reformgegener sich oft als
> persoenlich "Angegriffene" sehen. Das muss aber nicht daran liegen, dass
> sie auch "Angegriffene" sind.
Wer wodurch "objektiv" angegriffen ist, und wer sich wodurch subjek-
tiv angegriffen fühlt, sind ganz verschiedene Dinge. Für das Ange-
griffenseinfühlen ist auf der subjektiven Ebene die persönliche
Reaktion maßgeblich, und die kann von objektiven Kriterien durchaus
abweichen. Man vergleiche einfach, wie Menschen aus unterschiedlichen
Kulturkreisen auf dieselbe Situation reagieren: Jemand spuckt in ihrer
unmittelbaren Gegenwart öffentlich aus. Diese objektiv völlig iden-
tische Situation wird zu subjetiv völlig verschiedenen Reaktionen
führen, die in dem jeweiligen Kulturkreis nicht zu beanstanden sind,
nicht wahr?
Bei der Rechtschreibreform ist es doch so: Alle sind Betroffene --
objektiv gesehen. Alles, was darüber hinausgeht, ist die persönliche
Reaktion: Einige halten die Reform für einen Fortschritt, anderen ist
sie egal, und wieder andere halten sie für schlecht -- mal ganz grob
klassifiziert.
Dann kommt noch die Art der Reaktion hinzu: Die einen versuchen, die
neuen Regeln zu befolgen, die anderen schreiben so, wie es ihnen ihr
Textverarbeitungsporogramm korrigiert, noch andere reagieren gar nicht
und schreiben weiter wie bisher, wieder andere gewöhnen sich eine
Mischorthographie an, wie sie auch von namhaften Zeitungen als Haus-
orthographien gepflegt werden (z. B. ZEIT und NZZ -- ein Zustand, wie
er für das 19. Jahrhundert typisch ist, und ein deutlicher Hinweis
darauf, wie fortschrittlich die Rechtschreibreform in Wirklichkeit
ist). Und noch wieder andere stellen sich bewußt gegen die neuen
Schreibungen, weil sie sie für unbrauchbar halten. Daneben mag es
noch eine ganze Reihe anderer Verhaltensmuster geben.
Zu jedem dieser Verhaltensmuster gibt es dann wieder eine Reihe
Varianten, wie diejenigen ihre Entscheidung bzw. ihre Einstellung
nach außen, in die Öffentlichkeit dringen lassen. Sowohl bei denen,
die die Reform befürworten, als auch bei den Gegnern finden sich
polemische und sachfremde Äußerungen neben vernünftigen Argumenten.
Das sind jetzt viel zu viele Kombinationsmöglichkeiten, und daher
ist klar, daß man sie keinesfalls in einen Topf werfen sollte.
Vielmehr sollte man das ganze Geschrei beiseite lassen und auf die
tieferen Begründungen achten, wenn sich jemand angegriffen fühlt.
Zum Beispiel denke ich an Schriftsteller, deren "Handwerkszeug" ja
die geschriebene Sprache ist. Wenn der Verlag einen Text in der
reformierten Schreibung druckt, bedeutet dies, daß dem Autor ein Teil
seines Wortschatzes nicht mehr zur Verfügung steht, denn die refor-
mierte Getrennt- und Zusammenschreibung hat systematisch Wörter
beseitigt. Ich meine das so, wie ich es geschrieben habe: Bestimmte
Wörter gibt es aufgrund der reformierten Schreibregeln nicht mehr --
wie z.B. das Adjektiv "sogenannt". Die reformierte Schreibung ist
"so genannt" -- aber das ist kein Adjektiv, sondern eine Wortgruppe
aus einem Adverb und einem Partizip.
Ich habe damit nicht gesagt, daß mit diesen abgeschafften Schreibungen
auch die Bedeutungen der Wörter verlorengegangen sind! Wohl aber be-
deutet die vermehrte Getrenntschreibung, daß die Bedeutung von anderen
Schreibungen getragen werden muß. Ob das immer gutgeht, muß sich im
Einzelfall zeigen. Einer der Fälle, in denen es schiefgeht, ist das
Beispiel des "auseinander entwickeln", das in der reformierten
Schreibung nun für zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen steht:
a) In einem zeitlich nacheinander ablaufenden Vorgang hat sich ein
zweites aus einem ersten entwickelt; b) In einem zeitlich parallel
ablaufenden Vorgang haben sich zwei neue aus einem gemeinsamen
Ursprung, aber in verschiedene Richtungen entwickelt.
Da die reformierten Regeln für "auseinander entwickeln" NUR die Ge-
trenntschreibung zulassen, kann man zwischen diesen beiden Bedeutun-
gen nicht mehr unterscheiden. Das hat beispielsweise fatale Folgen
für den Biologieunterricht, muß doch reformiert geschrieben werden,
daß sich die Menschenvorfahren und die Menschenaffen auseinander
entwickelt haben.
Wörterverlust zieht nicht Bedeutungsverlust nach sich, sondern
-- notgedrungen! -- Bedeutungsüberschneidung. Das aber ist das ent-
scheidende Problem, denn darunter leidet das Ausdrucksvermögen der
Schriftsprache. Einige Beispiele für die Folgen der Reform werden
hier veranschaulicht (Berliner Zeitung, 21.02.2004):
Die reformierte Verwendung von "wohl" ist problematisch:
http://www.rechtschreibreform.de/Forum/showthread.php?threadid=785#post22675
Prof. Munske, einer der Urheber der Reform, inzwischen aber zu
einem ihrer Kritiker geworden, stellte fest (Der Tagesspiegel,
05.07.1997): "Linguistische Kritiker verdammen das neue Regelwerk
als Ganzes oder in Teilen. Am schwersten wiegen die Einwände gegen
die Ausrichtung der Reform: Für vermehrte Großschreibung und ver-
mehrte Getrenntschreibung, die -- nach meiner Meinung -- gegen die
Grundstruktur unserer Orthographie und gegen die Sprachentwicklung
verstoßen und darum intuitiv Ablehnung erfahren. Hier ist die
Reform keineswegs behutsam."
http://www.rechtschreibreform.de/Forum/showthread.php?threadid=785#post21102
Die Auswirkungen der Rechtschreibreform auf Kinder- und Jugendbücher
wurden von Prof. Ickler detailliert untersucht (2002):
http://www.linse.uni-essen.de/linse/publikationen/rechtschreib_kinder_jugend.html
Faizt: Die Schriftsteller sind von der Rechtschreibreform Angegriffene
-- ganz objektiv gesehen. Und jeder, der so schreiben will, wie er --
von der Struktur seines Satzes her gesehen -- spricht, ist es ebenso.
>> Die konkrete Information, daß das Dudenprivileg in der Schweiz
>> weiterhin gilt, habe ich bei Prof. Ickler aufgeschnappt; ich
>> halte diese Aussage für zuverlässig, sie ließe sich im Prinzip
>> auch offiziell (Internetseite s. o.) verifizieren. Meine
>> Quelle:
>> http://www.rechtschreibreform.de/Forum/showthread.php?threadid=4
>> 90#post18244
> Daß der Duden in der Schweiz »bis heute amtlich verbindlich ist«
> schreibt auch Matthias Wermke (Leiter der Dudenredaktion) im
> »Duden - Satz und Korrektur«: [...]
Höchst interessant, dass ausgerechnet die Schweiz - sonst DER
Inbegriff des Eigenständigen - ein binnendeutsches Wörterbuch für
sich verbindlich erklärt, während das AT und DE ausdrrücklich
nicht tun.
M.
>> Die konkrete Information, daß das Dudenprivileg in der Schweiz
>> weiterhin gilt, habe ich bei Prof. Ickler aufgeschnappt; ich
>> halte diese Aussage für zuverlässig, sie ließe sich im Prinzip
>> auch offiziell (Internetseite s. o.) verifizieren. Meine
>> Quelle:
>> http://www.rechtschreibreform.de/Forum/showthread.php?threadid=4
>> 90#post18244
> Daß der Duden in der Schweiz »bis heute amtlich verbindlich ist«
> schreibt auch Matthias Wermke (Leiter der Dudenredaktion) im
> »Duden - Satz und Korrektur«: [...]
Höchst interessant, dass ausgerechnet die Schweiz - sonst DER
Inbegriff des Eigenständigen - ein binnendeutsches Wörterbuch für
sich verbindlich erklärt, während das AT und DE ausdrücklich
nicht tun.
M.
> > Daß der Duden in der Schweiz »bis heute amtlich verbindlich ist«
> > schreibt auch Matthias Wermke (Leiter der Dudenredaktion) im
> > »Duden - Satz und Korrektur«: [...]
>
> Höchst interessant, dass ausgerechnet die Schweiz - sonst DER
> Inbegriff des Eigenständigen - ein binnendeutsches Wörterbuch für
> sich verbindlich erklärt, während das AT und DE ausdrücklich
> nicht tun.
1) Da "amtlich" auch die Schule umfasst, stelle ich fest, dass ich in
meiner gesamten Schulzeit *nie* mit einem Erzeugnis aus dem Verlags-
hause "Duden" in Kontakt gebracht worden bin. - Und wenn ich heute
in unserem Institut auf eine unorthodoxe Schreibweise aufmerksam mache
und anrege, man möge doch einen "Duden" konsultieren, bekomme ich die
Antwort, man schreibe so, wie man es für richtig halte. Soviel zur
pragmatisch gehandhabten Verbindlichkeit des Duden.
2) Die Nichtexistenz eines "Schweizer Wörterbuchs" zeigt, dass die
deutsche Sprache in der Schweiz eben für fremd gehalten wird und ihre
vorhandenen Abweichungen zum Binnendeutsch im Gegensatz zu AT *nicht*
als positives Element der Eigenständigkeit angesehen werden. Und für
sowas haben wir hier kein Geld.
Christian
--
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