On 08.12.15 12.58, Heinz-Mario Frühbeis wrote:
> Am 08.12.2015 um 12:26 schrieb Christian Potzinger:
>> Heinz-Mario Frühbeis schrieb:
>>
>>> Das (mein) Problem mit dem Hören ist (wahrscheinlich), daß wenn man erst
>>> mal sein Hören entdeckt hat, dann kommt man wohl nicht mehr um eine
>>> (mindestens) 300 EURO teure Anlage drum herum (nicht?).
>>
>> Man kann sich, wie fast überall, einfach daran gewöhnen. Wenn man
>> lange nur über billigstes Equipment hört, dann reicht einem das nach
>> einer gewissen Zeit. Umgekehr ebenso: Wenn man guten Klang gewohnt
>> ist, dann sind diese billigen Krachmacher einfach nur mehr schrecklich...
>
> Ich denke eher, daß, wenn man einmal wirklich guten Sound zu hören
> bekam, doch eher und sofort dahin tendiert.
Ganz so einfach ist es (zum Glück?) dann doch nicht.
Wenn man sich klar macht, wie das hören funktioniert, kann man sich das
eine oder andere ganz gut erklären. Unser Hörapparat (inklusive
Auswertung im Gehirn) hat erst mal keinerlei Vorprogrammierung. Heißt
initial können wir zwar hören, aber mit den Informationen gar nichts
anfangen. Das Gehirn muss selbst Strukturen in den Wahrnehmungen finden.
Und genau das tut es, indem es alle Wahrnehmungen mit /früheren/
Wahrnehmungen vergleicht. Das bedeutet es ist erst einmal völlig
zweitrangig, wenn ich beim gleichen Klang aufgrund anatomischer
Unterschiede etwas völlig anderes wahrnehme als Du. Entscheidend ist
nur, dass sich dieselben Geräusche auch wirklich immer wieder gleichen.
Wenn mir einer sagt, das ist ein Xylophon, dann assoziiere ich damit
eben diesen Begriff, egal welche physische Wahrnehmung sich dahinter für
mich verbirgt.
Und jetzt kommt die Krux beim Bewerten von Lautsprechern oder
Wiedergabeequipment im allgemeinen. Eine Wahrnehmung ist für uns
normalerweise genau dann angenehmer, wenn sie in möglichst vielen
Punkten mit früheren, ähnlichen Wahrnehmungen übereinstimmt. Doch welche
sind das? Wenn jemand noch nie in einem Konzert war, dann weiß er
vielleicht gar nicht, wie ein Flügel klingt. Er kennt nur den Klang von
einer CD, wiedergegeben auf seinem heimischen Equipment. Das bedeutet,
jemand der immer nur mit Brüllwürfeln und MP3 aufgewachsen ist, wird
tendenziell sogar dazu neigen, selbiges gegenüber vermeintlich besserem
Equipment zu bevorzugen.
Es gibt allerdings noch einen gegenläufigen Effekt. Mit besserem
Equipment ist es wie mit Wodka: die Guten kann man (fast) nicht
unterscheiden. Und da man in seinem Leben üblicherweise nicht nur ein
paar Brüllwürfel hört, wird man mit besserem Equipment statistisch
gesehen schon eher irgendwo in der Mitte liegen, und viele der
Erinnerungen anregen.
Wenn aber die Dinger alle ähnlicher Mist sind (z.B. Kickbass und
darunter Fehlanzeige oder weitgehender Ausfall im Grundtonbereich bei
billigem 5.1), dann gibt es tatsächlich Gewöhnungseffekte hin zur
veränderten Wiedergabe.
Naja, und dann gibt es natürlich noch den Effekt, dass die Lautsprecher
schlicht die Hälfte der Musik für sich behalten. Was nicht da ist kann
man halt auch nicht hören. Und wenn es zum Beispiel mit dem Kopfhörer
dann auf einmal da ist, dann ist der Unterschied offenkundig. Es ist
allerdings eine bewusste Entscheidung eine von beiden Varianten zu
bevorzugen. Getreu dem verbreitetem Motto mehr ist besser ist das schon
üblicherweise das bessere Zeug.
Gerade beim Aufstieg in den untersten Preisklassen von Lautsprechern ist
das tatsächlich oft noch der dominierende Effekt. Dann besteht meistens
auch Konsens, auch wenn es verschiedenen Personen unterschiedlich
wichtig ist. Sobald man aber besser wird, kommen die anderen Effekte
dazu und die Meinungen laufen auseinander. Bei Aktivmonitoren für ein
paar hundert Euro ist diese Grenze üblicherweise erreicht. Danach kommt
vorrangig Geschmackssache. Teurere Lautsprecher bringen dann allen voran
mehr Schalldruck, klingen aber (bei Zimmerlautstärke) eher etwas anders
als besser.
> Ich möchte das mal mit
> Grafik vergleichen, wenn man ein Spiel hat, daß man immer mit minimalen
> Einstellungen gespielt hat, dann fällt es einem sofort auf, wenn man es
> in Ultra sieht. Und ich bin mir sicher, so der Geldbeutel reicht, daß
> man das ab da auch und immer so haben will.
Das liegt aber auch daran, dass 99% aller PC-Monitore, allen voran die
Flachbildschirme, eine für den Betrachtungsabstand viel zu geringe
Auflösung haben, um unser Auge an die Grenzen zu führen. Und wenn das
Spiel dann die nicht einmal füllt, fehlt halt doch so einiges an
Information.
Aber ein /gutes/ HD-Ready Bild wird ein normal Sterblicher unserer
Spezies aus 3 m Couchentfernung auf einem 40" Schirm im allgemeinen
nicht von einem Full-HD Bild unterscheiden können. So mancher Hersteller
verschlechtert deshalb verkaufsfördernd das 1366*768-Bild. (In Memoriam
Hybrid SACD)
>> Wenn man z.B. gut abgemischten 5.1 Filmton hernimmt: Es ist enorm,
>> was einem da mit billigem Equpment entgeht.
Das liegt aber zum guten Teil daran, das viele Kunden getreu dem Motto
"mehr ist besser" sich lieber 6 schlechte als zwei gute Lautsprecher
(für's selbe Geld) haben aufschwatzen lassen. Die wenigsten haben
realisiert, dass 6 gute Lautsprecher logischerweise auch (fast) 3-mal so
viel kosten wie nur zwei, wohl aber 6 schlechte LS genauso miserabel
klingen wie 2 schlechte.
> Ganz bestimmt sogar. Das gilt aber mMn für (fast) alle Musik. Es ist ein
> Unterschied, ob ich ein Klavierkonzert mit 10-EURO-, oder 300-EURO-Boxen
> höre...
Das dürfte in der Preisklasse noch so sein. Darüber kann es aber schon
anders werden.
[Probehören]
> Gerade im Bereich 'Hören' geht es ja auch irgendwie nicht anders. Man
> muss es da haben, wo man hört und dann erst kann man entscheiden. In wie
> weit die Auswählerei "ausartet"...(nun ja).
In gewissen Grenzen komme ich jetzt wieder mit dem Wodka. Tatsächlich
kann man ab einer bestimmten Klasse da schon ganz gute Resultate
erzielen. Was einem verwehrt bleibt, sind jene, vielleicht sogar
preiswerteren Lautsprecher, deren Stärken und Schwächen sich mit Stärken
und Schwächen des heimischen Raumes und der Aufstellung etwas
kompensieren, denn die neutralen Produkte kompensieren natürlich nichts.
Das ist heutzutage aber auch nicht mehr unbedingt ein Beinbruch. Aktive,
an den Raum angepasste Prekompensationsfilter sind die Lösung. Und so
mancher (AV-)Receiver bringt das nötige Messmikrofon nebst Software
dafür schon mit.
Auch jeder 10 Jahre alte PC hat genug Dampf, um das nebenher zu
erledigen. Die Sache mit dem Mikrofon ist da dummerweise alles andere
als trivial.
> Ja, aber kann/darf auch versuchen Inspirationen aufzunehmen. Ich bin mir
> sicher das ein Laie (ich) ad hoc nicht nachvollziehen kann, was es
> bedeutet, wenn "die Mitten nicht richtig stimmen" (etc.).
Das ist richtig. Das analytische Wissen fällt nicht vom Himmel. Das ist
genauso, wie man ohne Erfahrung nicht ohne weiteres sagen kann, welches
Gewürz am Essen noch fehlt.
Allerdings ist es nach meiner Erfahrung schon so, dass auch Laien die
meisten Fehler hören. Sie können es nur nicht in Fachtermini ausdrücken,
was die Kommunikation über das gehörte zuweilen schwierig macht.
>> Auch das. Aber man findet gewiss Ruhe, wenn man danach sicht ,-/
>
> Darf ich widersprechen. Wenn ich hier in den Störzeiten (durch "nette"
> Nachbarn) über Lautsprecher ein Klavierkonzert hören möchte, ist das von
> vornherein eine "verlorene Sache". (Oder ich stelle die Lautsprecher auf
> so laut, das ich alle Störungen tilge, was aber mMn auch wieder den
> Musikgenuss zerstört.)
Kommt auf die Lautsprecher an. ;-)
Es ist tatsächlich so, dass Verzerrungen ein elementarer Bestandteil der
subjektiven Lautstärkewahrnehmung sind. Auch schlicht Erfahrung (siehe
oben).
Und es ist eine nahezu unvermeidliche Eigenschaft kleiner und/oder
preiswerter HiFi-Lautsprecher, schon bei wenig höheren Pegeln ihren
guten Klang durch Verzerrungen zu verlieren. 5% Verzerrung sind eher der
Standard als die Ausnahme. (Um so alberner die Diskussionen um die 0,01%
von irgendwelchen tollen Verstärkern.) Das ist einer der wesentlichen
Unterschiede zum Profi-Equipment für Beschallung. Letzteres erreicht
sogar oft nicht den guten Klang von so mancher HiFi-Box. Dafür kommt die
Sache bei Pegel dann aber eben immer noch gut. Und dann glaubt man eben
auch bei 110 dB noch dass Shirley Bassey direkt vor einem steht
(wirklich beeindruckend).
>>> Hier z. Bsp. ist es ein _großer_ Unterschied, wenn ich schon
>>> mein recht günstigen Kopfhörer wieder abnehme.
>>
>> Wie meinst du das?
>>
> Weil Kopfhörer ja auch das Umfeld (die z. Bsp. Wohnungsumgebung)
> abschirmen. Is' natürlich IMHO... Wenn ich also Kopfhörer aufsetze, dann
> ist das für mich ein Raum in einem Raum. Man verstehe?
Ack.
Neben der mehr oder minder abschirmenden Wirkung - dem kann man mit ANC
auch nochmal kräftig nachhelfen, dann allerdings in der 300€ Klasse -,
trägt vor allem die Tatsache zu dieser Wahrnehmung bei, dass es eben
wesentlich billiger ist, einen guten Klang in einem Kopfhörer
hinzubekommen, als mit Lautsprechern in einem Raum. Die Raumeffekte
können nicht stören, man muss Zehnerpotenzen weniger Luft bewegen, um
denselben Schalldruck am Ohr zu erreichen - kann auch ein Nachteil sein,
Stichwort Jugendliche und Hörschäden - und man braucht kein
Lautsprechervolumen, weil man sich bei dem kleinen zu beschallenden
Bereich längst im Bereich der Raumkompression befindet, die den Bass von
sich aus verstärkt.
Marcel