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Gesellschaftliche Gewandtheit erlangen?

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Wolfgang

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May 31, 2015, 8:02:18 AM5/31/15
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Hallo,

seit einigen Jahren bin ich stiller Mitleser dieser Newsgroup
und jetzt zu dem Schluss gekommen, dass ich um Rat
fragen muss bevor das Usenet ganz gestorben ist:

Ich bin 37 Jahre alt und lebe sehr zurückgezogen und mache
normalerweise keine grossen Sprünge. Wenn man Einkaufen
im Supermarkt oder Baumarkt und dergleichen nicht
mitrechnet, dann gehe ich nur sehr selten aus.

Das liegt daran, dass ich mir, wenn ich unter Leuten bin,
meistens fehl am Platze vorkomme. Was wiederum daran
liegt, dass mir im Umgang mit Menschen jegliche
Gewandtheit fehlt.

Einmal in der Woche gehe ich zum Schachspielen.
Das tue ich seit meiner Kindheit. Heutzutage funktioniert das,
ohne dass ich bei den Leuten anecke.
Aber nicht, weil ich gesellschaftlich so gewandt wäre, dass
es zur Akzeptanz meiner Person beitragen würde, sondern
weil die anderen Spieler sich eben bereits seit meiner
Kindheit damit abgefunden haben, dass ich bin wie ich bin
und zum Schachspielen herkomme.


Neulich bin ich nicht umhin gekommen, zu einem grösseren
Fest zu gehen. Mein Onkel hatte mich zu seinem 60. Geburtstag
eingeladen.
Das Fest hat in einem Hotel stattgefunden, das den Ruf
hat, sehr nobel zu sein. Erstmal wusste ich nicht, was ich
anziehen soll. Ich habe dann meinen schwarzen Anzug
mit Weste und grünem Hemd und passender Krawatte
getragen.
Zwar nicht von den Hotelgästen, aber von der Festgesellschaft,
war ich dann der einzige, der einen Anzug getragen hat.
Ich war der einzige, der zum Geburtstagsgeschenk einen
Glückwunschbrief geschrieben hat. Alle anderen haben
irgendwelche vorgedruckten Glückwunschkarten verwendet.

Ich wusste nicht, über was ich in welcher Weise mit den
Leuten reden soll, so dass meine Gespräche mit den
anderen Festgästen insgesamt eher kurz ausfielen.

Ich wusste nicht, wie ich mit den Leuten umgehen sollte,
die im Hotel arbeiten. Zum Beispiel stand da, als ich zu Fuss
am Hotel ankam, bereits am Eingang eine uniformierte Frau,
die die Leute quasi abgefangen hat.
Der hab ich dann halt meine Einladungskarte gezeigt und
erklärt, dass ich nicht im Hotel "einchecken", sondern zur in
der Einladung genannten Festgesellschaft dazustossen
möchte.

Diese Frau hat dann zwei Leute gerufen. Der eine hat
meinen Mantel genommen (und mir scherzhaft versichert, dass
ich ihn, wenn ich gehe, wiederkriege). Da wusste ich schon
nicht, wie ich reagieren sollte. Der andere war jemand, zu
dessen Job es offenbar gehört, Leute wortlos zu den richtigen
Räumen zu führen. Da fing es schon an: Wem alles von den
Dreien gebe ich wieviel Trinkgeld? Wann und wie übergebe ich
es? Der Mann, der mich zum Festsaal geführt hat, hat auf dem
Weg nicht geredet, mir aber ständig Türen aufgehalten und
solche Sachen. Wie verhält man sich da? Hätte ich auf dem
Weg ein Gespräch beginnen sollen? Über was unterhält man
sich da? Hätte ich bei jeder Tür, die er mir aufgehalten hat,
mich bedanken sollen?

Die ganze Zeit hatte ich es da mit Leuten zu tun, die darauf
gedrillt sind, zu verbergen, was sie wirklich über einen denken,
und wie sie empfinden, und ich habe es deshalb nicht geschafft,
mir anhand des Verhaltens dieser Leute mir gegenüber zu
erschliessen, wie ich mich hätte verhalten müssen, um nicht,
ohne es zu wissen, vom Rahmen abzuweichen.
Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Das war die Hölle.


Vor sieben Jahren war ich mal zwei Wochen in der Türkei, in Side,
im Urlaub. Mein Cousin, der Sohn des eben erwähnten Onkels,
wollte mich als Reisegefährten dabeihaben und ich dachte damals,
da bin ich dann mit jemandem unterwegs, der sich im Umgang mit
Leuten auskennt. Das war dann so ein Massenhotel mit diesem
All-Inclusive-Kram, wo viele Leute dem Alkohol zu sehr zusprechen
und viele Leute am Buffet mehr Essen nehmen als sie verzehren
können, sodass es dann weggeworfen wird. Dabei sind die, die
da arbeiten, selbst nicht gerade reich und die dürfen dann zuschauen,
wie von Gästen/Touristen mit leckersten Delikatessen, die sie sich
selbst nicht leisten können, geaast wird. Dabei bleiben die dann
gegenüber den Gästen höflich und freundlich, sodass auch wieder
ganz klar wird, dass die darauf gedrillt sind, sich nicht anmerken zu
lassen, was sie denken, und wie es ihnen selbst wirklich geht.
Für mich waren die zwei Wochen, in denen da dauernd überall
irgendwelche auf Freundlichkeit und Servilität gedrillte Menschen
herumgewuselt sind, bei denen man nicht wissen durfte, was sie
wirklich denken, keine Erholung, sondern die Hölle.

Vor drei Jahren hatte ich mal so eine Anwandlung und wollte unter
Menschen gehen. Bin dann in so einer Mischung aus Disco und
Club gelandet. Bin am Tresen auch mit ein paar Leuten ins
Gespräch gekommen, wusste aber die ganze Zeit nicht wirklich
über den Rahmen für derartige Konversationen bescheid und hatte
den Eindruck, die meisten fanden mich irgendwie seltsam.


Zusammengefasst: Mir fehlt die Gewandtheit im Umgang mit
Menschen und mir fehlt das Wissen darum, was in welcher
gesellschaftlichen Situation wann erwartet wird.
Das macht mich im Umgang mit Menschen unsicher.


Hat jemand Ideen, wie ich das beheben könnte?


Gerade in Hinblick auf Situationen, bei denen Gastronomie
und richtiges Verhalten gegenüber den dort Tätigen
eine Rolle spielt, zB Hotels, oder Tresen beim Tanzclub,
müsste es doch eigentlich Ausführungen/Bücher/Literatur
geben? Ich war schon in Buchhandlungen und habe mir
diverse Knigge-Bücher diesbezüglich angeschaut, aber
im Prinzip war das alles mehr darauf fokussiert, wo beim
gedeckten Tisch welches Besteckteil oder Geschirr
oder Glas zu finden sein sollte, nicht darauf, wie man mit
Menschen so interagiert, dass man nicht dauernd die
Befürchtung haben muss, ungewollt aus dem Rahmen
hervorzustechen.

Inzwischen denke ich nämlich: Wenn ich über die an den
diversen Begegnungsstätten für Menschen herrschenden
Interaktions-Gepflogenheiten besser bescheid wüsste,
dann würde mir schon deswegen dort der Umgang mit
Menschen insgesamt leichter fallen, weil ich mich nicht
mehr so sehr darauf konzentrieren müsste, die
generellen Interaktions-Gepflogenheiten zu erfassen,
sondern mehr von meiner Aufmerksamkeit und
Wahrnehmungsfähigkeit auf die jeweiligen Menschen,
mit denen ich es zu tun habe, konzentrieren könnte.


Mit freundlichem Gruß

Wolfgang
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