Gerald Breuer
unread,May 28, 2013, 5:10:22 AM5/28/13You do not have permission to delete messages in this group
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Der ganze Text:
Nebenwirkungen
HOMESTORY - Wie ich die Homöopathie nur knapp überlebt habe
Es war eine Arztpraxis, die ich nicht kannte, sie lag praktisch auf
dem Weg zur Arbeit, ich wählte sie zufällig aus. Der Arzt saß auf
einem Kniehocker, schaukelte rhythmisch und fragte mich über meine
Lieblingsblumen aus, über meine Lieblingsfarben, über Empfindlich-
keiten gegenüber Feuchtigkeit und Wind. Es war nicht das, was ich
von einem Arzt gewohnt war. Meine bisherigen Ärzte hatten sich an-
ders benommen. Ich war versehentlich an einen Homöopathen geraten,
zum ersten Mal.
Erst spät kamen wir zur Sache. Ich war von einer AsienReise zurück,
hatte möglicherweise etwas Falsches gegessen, es ging mir nicht gut.
Die weißen Kügelchen, die er mir verschrieb, nahm ich zweifelnd.
Dann kam das Fieber.
Er kam zum Hausbesuch, brachte Kügelchen mit.
Das Fieber stieg.
Ich weiß nicht mehr, wie die Kügelchen hießen, die er mir brachte.
Ob es Phosphor war (oft verschrieben bei „großem Durst auf Kaltes,
Verlangen nach Gesellschaft“) oder Aconitum („der Kranke ist unruhig
und ängstlich, glaubt, eine schlimme, vielleicht tödliche Krankheit
zu haben“) oder Belladonna („der Kranke kann sich leicht aufregen,
sogar beißen und schlagen“).
Ich erinnere mich nicht daran, dass ich gebissen hätte. Aber an eine
schlimme Krankheit glaubte ich schon.
Der Doktor vertraute auf seine Kügelchen, das Fieber war jetzt knapp
unter 41 Grad. Mein Lebensgefährte vertrieb den Homöopathen, holte
eine schulmedizinische Hausärztin, die überwies mich sofort in eine
Klinik. Wo man herausfand, dass ich an Typhus litt.
Inzwischen habe ich viel über Homöopathie gelernt. Ich kann mir jetzt
vorstellen, wie dieser Doktor damals dachte. Dass es eben Zeit braucht,
bis das passende Arzneimittel gefunden ist. Dass es „Erstverschlimme-
rungen“ gibt, bevor die Heilung ihren Lauf nimmt. Und dass so eine
Erstverschlimmerung, wie ich auf einer homöopathischen Beratungsseite
im Internet gelesen habe, „von vielen Patientinnen und Patienten als
positiv empfunden wird – weil dies auf das Einsetzen eines Prozesses
hinweist“.
Auch ich habe Verwandte und Bekannte, die bei leisem Husten sofort
Globuli verteilen oder schwören, dass die Warze der Tochter durch
Geistheilung verschwunden sei. Und ich weiß von einer Brustkrebspati-
entin, die hartnäckig darauf bestand, sich mit Misteln behandeln zu
lassen und sonst mit nichts. Und die dann starb.
Die Homöopathen haben schöne Zahlen. Jeder zweite Deutsche hat schon
Homöopathisches ausprobiert. Zwei Drittel aller Patienten wünschen
sich, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Viele Kassen zah-
len, meine auch. Der Weltverband homöopathischer Ärzte ist im März
nach Deutschland gezogen, offensichtlich fühlen sie sich wohl hier,
in diesem Land, aus dem ihr Gründer Samuel Hahnemann stammt – jener
1755 geborene Mediziner aus Meißen, der seine Heilart als die „einzig
richtige“ und den Rückgriff auf die klassische Medizin als „Verrat an
der göttlichen Homöopathie“ betrachtete. So sah das mein Doktor damals
offenbar auch.
Ist das also üblich, was mit mir geschah? Ist er einfach nur den
Regeln seiner Kunst gefolgt?
Das wäre nicht schön für diese Kunst.
Ist er ihnen nicht gefolgt?
Das wäre nicht schön für ihn.
Nachfrage beim Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte, ich
schildere den Fall, frage: Macht man das so, als Homöopath? Es sei
ein Fehlverhalten gewesen, sagt Cornelia Bajic, die Vorsitzende, ein
Fehler dieses Arztes, der Fehler habe aber „nichts mit der Homöopathie
zu tun“. Solche Einzelfälle gebe es. Der Homöopath im Allgemeinen sei
nicht so.
Es gibt schöne Geschichten bei den Homöopathen, die vom halbtoten
Säugling, der dann doch noch überlebt; die von der Frau mit den Panik-
attacken, die wieder ein normales Leben führt; die vom MS-Patienten,
der wieder ganz gut laufen kann – alles dank Homöopathie. In Weimar,
Anfang Mai, habe ich viele solcher Geschichten gehört. Ich war zum
Deutschen HomöopathieKongress gereist, weil ich wissen wollte, ob
das, was ich mit meinem Arzt erlebt habe, auch anderen Patienten
zustoßen kann.
Ich glaube nicht, dass ich gebissen habe. Aber krank fühlte ich
mich schon.
Der Homöopath im Allgemeinen, so ist zu erfahren, verordnet seine
Kügelchen, in denen quasi nichts Nachweisbares enthalten ist, er
glaubt daran, dass Wasser ein Gedächtnis habe, und wenn er klug
ist, folgt er dem Rat der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ und
legt dem Patienten bei einer schweren Erkrankung „eindringlich“
die Vorteile einer konventionellen Behandlung nahe.
Klingt beruhigend, das alles.
Und dann steht man an einem Verkaufstisch in dieser Weimarer Kon-
gresshalle, neben sich eine Homöopathin, es gibt CDs und DVDs als
Schulungsmaterial zu kaufen, zum Beispiel für die homöopathische
Krebsbehandlung, es gebe sehr gute Krebsärzte unter den Homöopathen.
Gute Heiler, sagte der Mann vom Stand.
Also Krebs behandeln? Rein homöopathisch den Krebs behandeln?
Ja, sagte der Mann, es gebe da beispielsweise einen Inder, der
sehr gelobt werde. Schlechte Idee, sagte ich.
Finde ich auch, sagte die Homöopathin. Einen Krebskranken nach
Indien zu schicken. Ist doch gefährlich. Wer weiß, was er sich
dort noch alles holt.