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Kurzgeschichte: Die Schauspielerin

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Hannes Diedrich

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Jun 1, 1999, 3:00:00 AM6/1/99
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Die Schauspielerin

Schauspiel ist die Exhibition der Seele, welche der Geist impliziert.
Zerstörerisches Zurschaustellen des Innern birgt Gefahren, derer sie selbst
sich nicht bewusst sein will. Wo liegt die eigentliche Zerstörung? In der
Unterdrückung, beziehungsweise des Nichtwahrhabenwollens dieser, oder im
Schauspiel selbst?

In drei Stunden ist Probe. Hastig, nicht unbedacht, nimmt sie noch einen
Whisky. Auf Eis, versteht sich. Tür zu, aufs Fahrrad. Der Weg ist nicht
weit, der Straßenlärm unerträglich.

Nicht in ihrer Wohnung fühlt sie sich zu Hause; der Geruch, die ganz
bestimmte Temperatur und Luftfeuchtigkeit, sorgen dafür, dass dieses Theater
auf sie eine Ruhe ausstrahlt, nach der sie süchtig ist. Gleich beim
Eintreten in das Gebäude wird sie umwoben von einer Freiheit, die aber
dennoch eine Geborgenheit mit sich bringt. Es riecht süßlich nach dem
Reinigungsmittel, das die Raumpflegerinnen benutzten, als sie gestern abend,
nach der Hauptprobe, umherschwirrten gleich fleißigen Bienen. Es ist noch
früh, die Sonne beginnt gerade, sich in dem vor Schmutz etwas milchigen
Fenster zu brechen und mit warmem rötlichem Licht die Treppe, die zum Foyer
führt, in einer Art und Weise zu streifen, dass es beinahe so aussieht, als
führte sie geradewegs zum Paradies. Sie schreitet gemächlich hinauf, mit
majestätischem Anmut.
Wie immer ist sie die Erste, die morgens im Theater ist, noch vor dem
Regisseur oder den zahlreichen Praktikanten und Assistenten. Intensiv saugt
sie die Atmosphäre, die Leere, die Stille in sich auf, geht zur Tür, die zur
Künstlergarderobe führt, reißt sie auf und tänzelt den langen, schmalen Gang
mit den etwas verschimmelten Wänden entlang. Bald würden die anderen da
sein, fragen, ob sie gut geschlafen habe; ob sie aus dem Bett gefallen sei,
so früh, wie sie schon im Theater ist. Sie würde lächeln und schweigen. Wie
immer.
Dann träfen auch die Musiker ein, mit ihren Koffern und Taschen.
Schwerbeladen, etwas müde noch von der langen Nacht, aber glücklich. Sie
würden ihre Instrumente stimmen, die Noten würden rascheln, und es röche
nach Kaffee und Tee aus Thermoskannen. Der Dirigent käme, alle würden
plötzlich still vor Ehrfurcht; ein kurzes Klopfen mit dem Stab an das Pult,
und einige Takte aus dem Tanz in der zweiten Szene würden wiederholt werden.
Inzwischen hätte der Intendant, übrigens kein unsympathischer Mann, im
Gegenteil: von schmaler aber nicht schmächtiger, von dünner, aber nicht
hagerer Gestalt, jung, mit schwarzen Haarkrausen. Mag sein, ein bisschen
bubenhaft, aber die Männer sehen ihm das nach, wegen seiner fachlichen
Kompetenz, den Frauen ist er dadurch um so angenehmer, können sie doch ihren
Muttertrieb in seiner Gesellschaft ausleben. Der Intendant, auf jeden Fall,
Kilberg sein Name, hätte seinen ersten Rundgang gemacht, hätte sich davon
überzeugt, dass in seinem Theater alles zur Zufriedenheit laufe. Er käme
auch an der Garderobe der Schauspielerin vorbei. Er träte ein und würde
sagen: "Meine liebe Natalie, Sie blenden mich auch heute morgen wieder mit
ihrer Schönheit!". Natalie würde lächeln und schweigen. Wie immer.
Dann wäre es an der Zeit, das Kostüm anzuziehen. In der Maske liebt man
Natalie. Sie sei so gleichmütig, sagt man, so geduldig. Die Visagistin würde
ihre Pinsel ordnen und darauf warten, endlich Natalie schminken zu dürfen.
Doch Natalie ließe sich Zeit damit, sie würde alles so lange wie möglich
hinauszögern wollen.

Es treffen tatsächlich schon die ersten Menschen ein; aber es sind weder der
Regisseur, noch die Praktikanten und Assistenten. Es sind die Fensterputzer.
Die Bude muss glänzen, wenn heute abend die Premiere ist. Die eines so
wichtigen Stückes. Die des Stückes, bei dem Natalie ihre erste große
Hauptrolle spielen wird.
Sie versucht sich mit einem der südländisch scheinenden Fensterputzer, der
gerade dabei ist, das Fenster in ihrer Garderobe zu klären, zu unterhalten.
Für sie haben saubere Fenster eine geradezu symbolische Bedeutung. Der Mann
schaut verständnislos und murmelt irgendetwas, das Natalie nicht versteht.
Er kann wohl kein Deutsch. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihm
zuzusehen bei seiner Arbeit und, wenn er fertig ist, ihm eine der Rosen, die
auf ihrem Tisch in der großen Gönnervase stehen, zu geben. Auch symbolisch,
sozusagen.

Ein bisschen mulmig fühlt sich Natalie jedesmal auf dem Weg zur Bühne. Je
näher sie dem Eingang kommt, umso stärker spürt sie dieses Gefühl, das sich
scheinbar unaufhörlich um ihren Magen windet, wie etwa einer der Ringe um
den Saturn. Jedoch mit dem Öffnen der schweren Tür, mit dem ersten Ton, der
ihr von den stimmenden Musikern zufliegt, verschwindet all ihre Angst: Wer
sieht sie schon? Was haben all diese Menschen mit ihr zu tun, außerhalb der
Arbeit? Dieses Gefühl der vollkommenen Unabhängigkeit, so glaubt sie, ist
ihr großes Geheimnis.
Da vorne, links vor der Bühne steht der Regisseur. Schönboom hat sich die
Zähne ausgebissen an Natalie. Wie er dasteht, mit dem herablassenden
Lächeln, sein schleimiger Assistent neben ihm, wie sein Atem schwer ist vom
Alkohol und von seinem unglaublichen Bauch, den er vor sich herschiebt wie
eine Kugel. Und dann diese Brille mit dem lächerlichen Bändel. Das soll wohl
den Eindruck einer überlegenen Güte erwecken; Natalie will nicht hinsehen,
ist jedoch gezwungen. Schon hat er sie erblickt, winkt ihr mit seinen
Pranken, die jedem Maulwurf zur Ehre gereicht hätten. Sie hasst Winken,
diese Geste penetranter Aufdringlichkeit, senkt ihren Blick und eilt auf die
Bühne. Was könnte ihr einer wie Schönboom anhaben, ein Schauspieler wie
alle, außer Natalie und den anderen, die auf der Bühne stehen. Die Welt
verkehrt sich hier im Bühnenraum ins Gegenteil.
Die Probe läuft viel zu gut für eine Generalprobe. Während die Musiker sich
verausgaben mit der Musik, die wimmelt von Vierteltönen und anderen
Mikrointervallen, die Damen vom Ballett tanzen, als seien sie vom Teufel
besessen, trommelt Schönboom nur mit seinen Fingern gegen den Bühnenrand,
unterbricht hier, setzt dort noch etwas aus, und verbessert da noch eine
Kleinigkeit. Und wenn er möchte, dass Natalie dieses oder jenes anders
macht, so schaut sie ihn nur an, wie ein Kind den Kasperl, wenn dieser
fragt, wo denn die Gretel sei. Schönboom ist der Schauspieler, nicht sie. Es
liegt an seiner schauspielerischen Überzeugungskraft, ob er Natalie dazu
bringen kann, etwas zu ändern.

Pause. Kilberg taucht auf, gutgelaunt, stellt sich zu Natalie mit
Beschützermiene. Kilberg ist kein Schauspieler; auch ist er nicht in diesem
Sinne real. Es ist das Gottähnliche, das ihn ungeheuer attraktiv macht für
Natalie. Natürlich ist Kilberg verheiratet, hat Frau samt ungeborenen Sohn
zuhause sitzen, in dem wunderschönen Haus am Stadtrand, mit dem weitläufigen
Garten, der schon einem Park ähnelt. Sein Mobiltelefon vibriert - Fluch der
Technik.
Vom zweiten Teil der Probe gibt es nicht viel zu berichten. Vielleicht, dass
er noch besser läuft als der erste und Schönboom infolge dessen kaum etwas
auszusetzen hat.

Es gilt, auszutreten aus dieser Parallelrealität. Es gilt, die Rollen zu
normalisieren, zumindest bis heute Abend. So geht Natalie mit dem gleichen
Pochen, mit der gleichen unterschwelligen Angst zur Türe, verlässt den Raum
und ergibt sich in ein Gefühl der Leere. Nun, der Austritt aus einer anderen
Welt gestaltet sich eben nicht so leicht wie der Eintritt in diese. Wer
kennt das nicht vom seichten Dahindämmern am Morgen, nachdem der Wecker
bereit seine schneidenden Schallwellen ausgesandt hat? Natalie sollte
eigentlich mittlerweile darin geübt sein, könnte man einwenden. Doch wer
wird sich jemals daran gewöhnen, nicht noch einige Minuten seinen Träumen
nachzuhängen?
Aber natürlich ist Natalie flexibel. Sie passt sich ihrer Umwelt an, wie ein
Chamäleon, doch das dauert. So sitzt sie auch wenigstens eine halbe Stunde
vor dem Spiegel, ohne sich zu rühren. Sie schaut sich an, sieht ihre
schulterlangen roten Haare, ihre kleine Nase, ihre wässrig-grauen Augen. Und
sie wundert sich. Ist sie das selbst? Ist das die Frau, die ständig spielt,
eine andere zu sein? Welche Rolle spielt sie heute?
Durch ein leises, aber bestimmtes Klopfen wird sie aus ihrem Sinnieren
gerissen. Natürlich Kilberg. Ob denn auch alles in Ordnung sei, ob sie noch
einen bestimmten Wunsch hätte, vor der Premiere. Sie sieht in an, als sei er
ein Gespenst. Kilberg ist doch real! Wie verwirrt sie doch ist, wie sich die
Welt verkompliziert mit der Zeit. Sie möchte noch mit ihm zu Mittag essen.
Französisch. Am liebsten Provencalisch. Vielleicht ein Lamm. Sie heißt ihn
warten.
Nachdem Kilberg das Zimmer verlassen hat, ist eine Ruhe eingekehrt, die sie
erzittern lässt. Aufgeschreckt und geistesabwesend, wie etwa gejagtes Wild,
nimmt sie sich die Wattebäuschchen, beträufelt sie mit Öl, entfernt die viel
zu üppige Theaterschminke, kleidet sich an und verlässt schließlich
ebenfalls die Garderobe.

Gemeinsam promenieren sie durch die weite Fußgängerzone, die, wie um diese
Zeit üblich, fast menschenleer ist. Natalie genießt das Gefühl, diesen Mann
in ihrer unmittelbaren Nähe zu haben, ganz für sich allein. Und in solchen
Augenblicken ignorieren beide einfach, dass es auf dieser Welt noch andere
Menschen gibt. Menschen, wie zum Beispiel die Frau Kilbergs, die einem nahe
stehen, die vielleicht daheim mit dem Essen auf einen warten, während man
hier sich gegenseitig dem anderen hingibt, verwerflicherweise.
Sie finden ein kleines Restaurant in einer versteckten Seitengasse. Es
riecht vorzüglich nach Rotwein, Kräutern und vielleicht Orange. Auch hier
ist kein Mensch. Sie nehmen sich einen Tisch in der Ecke, wo sie ungestört
sein können, wo sie keiner sieht. Und zögerlich legen sie ihre Hände
ineinander. Das Essen ist deliziös, das Fleisch zergeht einem auf der Zunge,
und man unterhält sich keineswegs angeregt. Die Stille macht die
Einzigartigkeit dieses gemeinsamen Mittags, sie ermöglicht das
Hinübergleiten von einem Augenblick in den nächsten. Doch auch ein Intendant
hat nicht unbegrenzt Zeit für seine Mittagspause zur Verfügung. Man zahlt,
gibt sich einen flüchtigen und etwas scheuen Kuss, trennt sich dann am
Fahrradständer vor dem Theater.

Natalie verbringt den Rest des Tages bis zur Aufführung gleichsam im
Delirium. Sie siecht dahin von Minute zu Minute, hangelt sich von Stunde zu
Stunde, badet in der Zeit, wie in einem Fluss, den man überqueren möchte,
aber nur mit Mühe gegen die Strömung ankommt.
Endlich: Zwei Stunden vor Beginn. Sie hat seit heute morgen keinen Schluck -
bis auf das Gläschen Wein zum Essen - mehr getrunken. Es gelüstet sie, der
Speichel läuft in ihrem Mund zusammen, so dass sie Mühe hat, nicht daran zu
ersticken. Doch sie ist stark. Sie braucht das nicht.
Tür abschließen, aufs Fahrrad.

Im Gegensatz zu heute Morgen ist das Haus keinesfalls leer. Überall
schwirren Helferlein umher, man setzt noch ein letztes Mal das Licht,
überprüft die Lämpchen an den Notenpulten, rückt das Bühnenbild zurecht,
überprüft die Garderobenmärkchen, sortiert die vorbestellten
Eintrittskarten, und so weiter.
Soviel Geschäftigkeit steckt an. Natalie, die Schauspielerin, läuft etwas
schneller, obwohl sie das gar nicht müsste, die Zeit ist mehr als
ausreichend. Der schmale Gang riecht irgendwie - sauberer. Und als sie
schließlich ihre Garderobe erreicht, wartet Kilberg schon. Sie hält ihn
beileibe nicht für aufdringlich, sie freut sich sogar, ihn zu sehen. So wird
aus dem flüchtigen Kuss, den sie schon mittags im Restaurant geprobt hatten,
die Schauspielerin und der Laie, unversehens ein sich entladen von
monatelang angestauter Wollust. Was wird aus der Frau? Was soll nur aus dem
ungeborenen Kind werden? Soll es ohne Vater aufwachsen?
Kilberg muss gehen, Natalie muss sich fertig machen, muss in fünf Minuten in
der Maske sein, wo man sie, wie erhofft, sehnsüchtig erwartet, wegen ihrer
Geduld. Aber heute zittert sie. Keiner weiß, was geschehen ist, folglich
schiebt man es auf ihr Lampenfieber. Natalie hat kein Lampenfieber. Das kann
sie eliminieren mit ihrer Verwechslungstaktik.

Das Stück läuft größtenteils wie geprobt, kaum treten Abweichungen auf; und
wenn, dann dienen sie eher der Steigerung der Intensität des Stückes.
Schönboom, der Regisseur, kann zufrieden sein. Natalie ist unglaublich. Weil
sie sich selbst spielt. Und wie soll sie Kilberg, das Bindeglied zwischen
ihren beiden Vorstellungswelten mit einbeziehen? Sie hat ihn zerstört, hat
ihm die glückliche Zukunft genommen. Wie soll sie das verantworten? Das wird
morgen in der Zeitung ein großer Aufmacher werden: "Junges Schauspieltalent
stürzt sich nach Schlussapplaus in den Orchestergraben. Die 23-jährige
Natalie Henderson, eine der größten Hoffnungen des deutschen Schauspiels hat
sich gestern durch einen Sprung in den Orchestergraben nach einer grandiosen
Premiere in den Tod gestürzt. Henderson wurde vom Hals eines Kontrabasses
durchbohrt. Die Musiker blieben unverletzt."

Hannes Diedrich, Mai 1999

*** Kritik und Anregungen sind ausdrücklich erwünscht!
Gruß,
der zwischenzeitlich ausgesetzt habende Hannes

---
demnächst: Das "Koordinatensystem" auf www.hdiedrich.de

Hannes Diedrich

unread,
Jun 1, 1999, 3:00:00 AM6/1/99
to

Iris Hoth

unread,
Jun 1, 1999, 3:00:00 AM6/1/99
to
On Tue, 1 Jun 1999 15:20:07 +0200, "Hannes Diedrich" <a...@hdiedrich.de>
wrote:

>Die Schauspielerin
>....

hallo hannes...

ich habe etwa bis zur mitte gelesen. (ich haette heute ueberhaupt
nichts mehr lesen sollen, weil viel zu muede.) ich empfinde das als
sprachlich kuenstlich verkompliziert. zum einen wegen des (joi, wie
nennt man das ueberhaupt? konjunktiv + futur II?) <-- als deshalb, zum
anderen wegen der sehr verschachtelten saetze. da ist auch schon mal
einer abgebrochen, der mit dem intendanten, na ja...

dumm, nun weiss ich gar nicht, worum die geschichte eigentlich geht.
vielleicht postest du sie noch mal in de.etc.schreiben.prosa?

gute nacht
iris

--
meine homepage ist umgezogen:
http://www.hothspot.de/
ueberarbeitetes design und tuechtig am wachsen

Hannes Diedrich

unread,
Jun 2, 1999, 3:00:00 AM6/2/99
to
In article <37563a4a...@news.nacamar.de>,

ho...@dialup.nacamar.de wrote:
> On Tue, 1 Jun 1999 15:20:07 +0200, "Hannes Diedrich" <a...@hdiedrich.de>
> wrote:
>
> >Die Schauspielerin
> >....
>
> hallo hannes...
>

> dumm, nun weiss ich gar nicht, worum die geschichte eigentlich geht.


> vielleicht postest du sie noch mal in de.etc.schreiben.prosa?

sorry, ich wusste nicht, dass es die schon gibt... war wohl zu lange
offline...


Mach et (trotzdem) gut,
Hannes.

--
Hannes Diedrich (Ott...@gmx.de)
http://www.hdiedrich.de


Sent via Deja.com http://www.deja.com/
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