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ABERMAL (giftmärchen) Teil 127

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Mannie Manie

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May 12, 2000, 3:00:00 AM5/12/00
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Hallo liebe Leute,

viel geschah nicht in verflossenen Tagen, sieht man mal vom üblichen Gedöns
in Funk, Glotze oder Zeitung ab. Deshalb zur Ablenkung und guten
Unterhaltung wieder sechs Teile von:

Mannie Manie's A B E R M A L (giftmärchen)!

Als gestaltete Webseite (ebook) kostenlos und werbefrei herunterladbar bei:

http://home.germany.net/101-58177 (>Laden kostenlos< anklicken!)

oder Kurzurl: http://m.manie.seite.ms (Achtung, Werberahmen! Geht aber
wegzuklicken.)

Allen viel Spaß und gute Unterhaltung. Nächste Teile im Verlauf kommender
Woche.

Euer MANNIE MANIE

****************************************************************

ABERMAL (giftmärchen) Teil 127

Er führte Ingomar in sein Zimmer, packte sämtliche Schulsachen. Dann schrieb
er an seinem kleinen Arbeitsplatz die Nachricht für seine Mutter. Auf dem
Küchentisch fände sie das Blatt sofort. Ingomar setzte mit schwungvoller
Erwachsenenhandschrift einige freundliche Zeilen darunter. Forschend sah
Erfried ihn anschließend an.

Wieder krochen Ängste hoch, Zweifel über diesen jüngeren Mann und dessen
Absichten. Erneut erinnerte jetzt alles an ihre zuerst erschreckende
Begegnung im großen Vorraum des Perchtenhauses, als draußen Gewittersturm
tobte und Ingomar so unerwartet und schaurig im Dunkel stand. Auch jetzt
ganz ähnlich.

In seinem kleinen Zimmer wurde es nie sonderlich hell. Durchs einzige
Fenster fiel nur sehr schwaches Tageslicht. Daneben ragte gleich eine Mauer
des Nachbarhauses hoch. Und wieder sah Ingomar nicht gerade erfreulich aus,
mit tief verschatteten Augenhöhlen, in deren Hintergrund Augen wie Kohlen
glühten. Gewiss, auf keinen Fall eine hässliche Erscheinung. Eigentlich
sogar ganz im Gegenteil.

Doch er wusste aus dem Religionsunterricht, auch der Satan soll keineswegs
jene Schreckgestalt sein, als welche er gern dargestellt wird. Das sei
völliger Unsinn, sagte der Pastor immer wieder, kam die Rede auf den
'Allbösen'. Luzifer sei sogar ein sehr schöner Engel, ein Erzengel. - Warum
sollte denn überhaupt etwas Böses seine Eigenschaft stets als auffallende
Hässlichkeit vorneweg tragen?

Genauso gut mochten überaus gutartige Wesen unansehnlich sein, vom
menschlichen Standpunkt aus betrachtet. Äußerlichkeiten können sehr lügen
und man wird rasch von so etwas getäuscht, glaubt nur zu gern, schöne
Menschen müssten dem auch innerlich entsprechen. Das stimmte nie oder nur
selten, betonte auch seine Mutter immer wieder. - Weshalb sollte wer Böses
die Dummheit begehen und eigene Bosheit sichtbar verkünden?

Wahre Bosheit soll verschlagen und täuschungsreich sein. Echte Bosheit lügt
nicht platt oder ergeht umweglos in plumpe Gewalt. Wirklich Böses konnte gar
nicht dumm sein, weil echte Bosheit aus druchtriebenen Lügen und
Verdrehungen, aus meisterlichen Quälereien Befriedigung bezieht.

Und was ist, wenn das von Perchtens gewünschte Opfer erst durch ausgesuchte
Irreführung wahren Wert für ihre Zwecke entfaltet? Wenn es für sie wertlos
wird, ging es nicht durch gekonnte Schliche auf hinterlistig süßen Leim,
verfinge nicht in ausgefuchsten Fallen und Fallstricken? Was ist, wenn genau
dies erst wirkliches Vergnügen bereitet, ausersehene Opfer zur gelungenen
Beute macht?

Andererseits spürte er nichts von irgendwie gearteter Gängelung. Gundrams
Einflussnahme zeigte andere Auswirkungen. Nichts im Inneren tobte jetzt
gegen Gedankenwände und Zwänge. Und Ingomars Aussagen klangen überzeugend,
wenn er behauptete, ihm stünden keine Widerstandsmöglichkeiten offen, wollte
er ihn in seine Gewalt bringen. Wahrscheinlich hege er diese Befürchtungen
erst gar nicht oder schob sie bedenkenlos beiseite.

"Was ist, junger Freund?" lächelte Ingomar, der seinerseits den Jungen
ansah. "Immer noch schwere Bedenken?"

Erfried nickte. "Ich weiß nicht, ob das wirklich richtig ist."

"Die Entscheidung kann und will ich dir nicht abnehmen, Erf. Wenn du dich
anders entscheidest, dann zerreißen wir das Blatt und ich verschwinde hier.
Bedenke aber die Gefahr, mein Freund! Allein bist du dem Lichträuber
schutzlos ausgeliefert mitsamt allen anderen." Ingomar hielt das Papierstück
mit beiden Händen, zerrisse es sofort, wartete nur auf ein Zeichen.

Lange überlegte der Junge, wusste nicht was er tun sollte. Schwache
Erinnerung tauchte hoch. - Sagte Gundram an jenem scheußlichen Abend nicht
etwas von erster Schulstunde als Blutsbruder und er müsse viel lernen?
Gundram versprach auf seine schaurige Weise, er wolle ihm alles beibringen!
Und versuchte der Jungalp nicht mehrere Male ein Gespräch, meinte sogar, er
müsse etwas erklären? Es schlug offenbar wegen redseliger anderer Gäste
jedesmal fehl. - Verlaberte Alben! - Aber ob es so stimmte?

Erfried nahm Ingomar das Blatt aus der Hand, ging hinaus und legte es
deutlich sichtbar auf den Küchentisch. Kurz sah er noch einmal die kleine
Wohnung an, nahm endgültig Abschied von Resten verflossenen Kinderlebens. Es
gab keine Wahl mehr, wollte er seine Mutter und Reinhild nicht gefährden. -
Von jetzt an musst du dich weitgehend wie ein Erwachsener verhalten! - Er
ging zurück in sein Zimmer. Ingomar wartete ruhig, prall gepackte
Schultasche unterm Arm.

"Ich will mir aber noch was zu Lesen mitnehmen", erklärte Erfried und
wuchtete einen Stapel heiß geliebter Sigurdschmöker auf den Tisch, holte
noch einen weiteren Schwung 'Tom Prox' und 'Billy Jenkins' hervor.

"Du lieber Himmel! Was willst du denn damit?" lachte Ingomar.

"Lesen, was denn sonst?"

"So'n Zeugs hat Gundram auch. Massenhaft! Und ich habe noch eine irre Menge
solcher Schmöker säuberlich geordnet bei mir herumliegen. Irgendwo in einer
Schublade oder einem vergessenen Schrankfach oder in einem Karton auf dem
Speicher oben."

"Du hast so was auch gelesen?"

"Na sicher doch! Tom Prox, Billy Jenkins, Pete, Der Rote Korsar, Speedys
Weltraumabenteuer, Nick der Raumfahrer, Gib Acht!, Rasselbande, Das Zelt,
Akim, Tibor, Tarzan, Utopia und wie sie alle hießen oder noch immer heißen.
Nick der Raumfahrer war immer besonders abgedreht, weil das Raumschiff wie
eine alte V2 aussah und nie aufgetankt werden musste. Dabei juckelte der
Kerl dauernd durchs ganze Weltall, landete auf allen möglichen und
unmöglichen Planeten und kämpfte gegen Weltraumbösewichte was das Zeug
hielt. Zu allem Überfluss war der Einstieg bei der Rakete unten, wo die
Triebwerke sind. Dabei geht so was technisch gar nicht. Nicht mal einen
Aufzug in die Steuerkanzel hat der da gehabt, musste immer so eine doofe
Leiter raufklettern. Aber schön bunt war das Ganze, das muss ich zugeben."

"Und deine Eltern hatten damals nichts dagegen?"

"Ach was! Meine Mutter oder mein Vater meckerten nur manchmal, das sei
rausgeschmissenes Taschengeld. Ich solle mir lieber dafür Eis oder
Süßigkeiten kaufen, da bekäme ich zur Strafe wenigstens Bauchschmerzen oder
mir würde kotzübel."

Sie lachten beide. Erfried räumte die Schmökerstapel wieder weg. "Ein paar
Sachen zum Anziehen werde ich aber einpacken."

"Mach das. Aber viel brauchst du nicht mitnehmen. In Gundrams etwas ältere
Sachen passt du doch bestens rein, wie ich weiß. Gundram ist innerhalb eines
Dreivierteljahres ein gutes Stück gewachsen. Vorher war er gerade so groß
wie du. Na ja, er ist ja auch ein bisschen älter. Womöglich wächst du
nächstens auch so schnell, bist dann sogar größer als Gundram jetzt."

Erfried hielt einen eilig gepackten Rucksack. "Ich bin soweit, Ingomar, wir
können dann losbrechen."

Noch einmal blickte er nicht zurück. Türklappen verkündete Endgültiges, als
sperre etwas Wege hinter jungem Leben. Gewollt blieb er einige Schritte
zurück, schloss sorgfältig ab, wollte Ingomar seine heimlichen Tränen nicht
sehen lassen. Ärgerlich wischte er sie weg. - Du musst jetzt wie ein
erwachsener Mann sein! - Aber er fühlte überhaupt nichts in dieser Art,
wollte es in Wirklichkeit nicht.

Ein bedeutender Lebensabschnitt zu Ende: Die Kindheit! Unwiederbringlich
vorbei!

Wehmut befiel ihn, als er hinter dem jüngeren Mann das Haus verließ.
Schweigend stiegen sie ins Auto. Ingomar sah nur einige Male forschend den
Jungen an, sagte aber nichts. Er spürte gleichfalls jenen einschneidenden
Abschluss. Allerdings begann damit etwas Neues. Leider alles andere als
erfreulich. Absichtlich fuhr er anschließend durchs kleine Parkviertel.

Erfried spähte aufmerksam aus dem Wagenfenster, deutete nach einiger
Fahrtzeit zum flach verschachtelt wirrkantigen Bauwerk auf kahlem Hügel.
"Dort oben ist der eckige Bungalow!"

Ingomar stoppte, schaute scharf durchs Windschutzscheibenglas. Schließlich
stellte er den Motor ab und stieg aus, musterte aufmerksam das gesamte
Grundstück. "Ja, das ist die alte Hinrichtungsstätte. Am Brendel, heißt das
hier. Es scheint aber niemand zuhause. Es wirkt leer und verlassen."

Erfried kurbelte die Seitenscheibe herunter. - Unerfreuliche Gegebenheiten.

Fortsetzung folgt
Alle Rechte vorbehalten
(c) 1999 Mannie Manie

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