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ABERMAL (giftmärchen) Teil 124

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Mannie Manie

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May 3, 2000, 3:00:00 AM5/3/00
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Hallo liebe Leute,

nach bald zwei Wochen Oster- und Hexenpause, aus düster rauchigem
Opferfeuer fünf weitere Zauberteile von:

Mannie Manie's A B E R M A L (giftmärchen)!

Als gestaltete Webseite (ebook) kostenlos und werbefrei herunterladbar bei:

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oder Kurzurl: http://m.manie.seite.ms (Achtung, Werberahmen! Geht aber
wegzuklicken.)

Allen viel Spaß und gute Unterhaltung. Nächste Teile im Verlauf kommender
Woche.

Euer MANNIE MANIE

****************************************************************

ABERMAL (giftmärchen) Teil 124

"Was ist dagegen einzuwenden, wenn die Waage zur Seite der Liebe kippt? Ich
fände das nicht schlimm."

"Unbedarft unschuldig gesehen, ist es wohl so. Man meint, reine Liebe ohne
alles sei der wünschenswerteste Zustand. Leider stimmt es nicht! Das ergäbe
ein Auslöschen beider Seiten. Liebe macht genauso blind wie Hass. Es muss
zwingend den Gegensatz geben, immer ausgeglichen."

"Na, also wenn ich mir die Geschichte der letzten Jahrhunderte anschaue,
dann scheint mir das nicht gerade sehr ausgeglichen. Sehr erfolgreich haben
eure Alten das nicht hingekriegt", lästerte der Junge.

"Dass dir das so scheint, verstehe ich gut. Vornehmlich gibt es in der
Geschichtsschreibung nur die Kriege und Grausamkeiten. Bedenke aber, in der
ganzen Zeit nach der Inquisition gab es hier keine entsprechenden Versuche
mehr, anderen massenhaft und dermaßen niederträchtig den Willen, das eigene
Denken aufzuzwingen."

Erfried lachte verächtlich. "Also dann schau dir bitte nur die jüngere
Geschichte an! Das war doch wirklich kaum von den hundsgemeinen
Machenschaften der Inquisitionsfolterknechte zu unterscheiden!"

"Du hast völlig recht! Damit hat es wieder angefangen. Und seit dem Ende des
letzten grausigen Krieges bemerkte man bei uns auch die Anzeichen, der
Glanzdieb wolle wieder übertreten. Er muss hier mindestens einen Helfer
haben, der ihm bereitwillig als Brücke dient. Um überzutreten, übernimmt der
Dieb des Glanzes die Wünsche dieses Menschen, schlüpft sogar in dessen
Gestalt. Schlechte Wünsche und großer Hass sind seine besten Brückenpfeiler.
Er nutzt die Schräglage der Waage bei solchen Leuten. Aber es gibt
glücklicherweise nicht übermäßig viele, bei denen das Gleichgewicht so
gestört ist und auch noch über hinreichende geistige Gaben verfügen. Dumme
Mörder oder hirnlos grausame Zeitgenossen sind ungeeignet, außerdem macht
man allenthalben auf sie Jagd oder sie sind zu bekannt."

"Du meinst also, jeder kann auf die eine oder andere Art zur Brücke des
Farbenräubers werden?"

"Jeder bei dem der Waagebalken zu stark neigt. Und es gibt eine Menge Leute,
die eine Gradwanderung am Abgrund vollführen und zugleich keineswegs Idioten
sind. Da kenne ich in der Siedlung nahe der Ronnburg so einen raubvogeligen
Zeitgenossen. Der ist da Prediger und Anführer einer ziemlich abschreckenden
Betgemeinde..."

"Bruder Tobler von der Bethlehem-Gemeinde?"

"Du kennst den?" - Erfried erzählte kurz seine Erlebnisse mit diesem
unangenehmen Menschen im Haus der Familie Bernd Kaisers.

Ingomar lachte. "Das sieht dem ähnlich! Ist ja schauderhaft! Der arme Junge,
der sich das in seinem zarten Alter antun lassen muss. Aber dieser Betbruder
ist so ein Fall. Der sitzt genau auf einem scharfen Grat, ist von blanker
Bosheit nicht mehr weit weg, pendelt ständig in der Gefahr, irgendwann
lustvoll in den finsteren Abgrund zu stürzen. Der würde es nicht einmal
merken in seiner Verbohrtheit und es als Bevorzugung durch seinen Gott
verstehen, was immer er sich darunter vorstellt und was dieser eigenartige
Gott sein mag. Gütiger Himmel! Genau der üble Modersumpf auf dem die
Inquisition heftigst ins Kraut schoss. Und von politischen Fanatikern
unterscheiden sich solche sowieso nicht. Das ist ein und dasselbe, hat nur
einen anderen Namen, kommt letztlich alles aufs Gleiche raus."

"Könnte dieser Bruder Tobler nicht der Helfer sein, die Brücke für den
Räuber der Farben? Dem wäre das doch zuzutrauen. Ich trau es ihm zu", meinte
Erfried ernsthaft.

Ingomar wiegte den Kopf. "Das ist wirklich sehr unwahrscheinlich, junger
Freund. Dieser Prediger wäre viel zu auffällig, rennt doch überall
bibelschwingend Haustüren ein. Um so einen Quälgeist zu wählen, ist der
Glanzdieb viel zu gewieft. Auch öffentlich sehr bekannte oder berühmte Leute
fallen deshalb flach. Nein, es muss eine Person sein, die nicht in
unangenehmer Weise in Erscheinung tritt, auf ihre Art und Weise sogar
ausgesprochen unauffällig ist. Und weil es mit dem Fluch des Inquisitors
zusammenhängt, dürfte diese Person sogar ein Nachfahre dieses alten Teufels
sein oder sonst eine seelenverwandte Ausgeburt der Hölle."

"Also das Böse schlechthin!" Plötzlich blass im Gesicht sah Erfried den
jüngeren Mann an.

"Auf diese Weise kann man es wiederum auch nicht sagen, Erf. Der Glanzdieb
ist nicht das vollkommene Böse. Das gibt's eh nicht, wie auch das Gegenteil
nicht. - Das Böse, das Gute, das Edle! - Das sind reine Wortbegriffe. Als
Eigenständigkeit genommen, bloß platte Vereinfachungen für Hirnlose und
Dummköpfe. Sieh mal, wenn ständig Sonne schiene, dann verdorrt irgendwann
alles, weil es so heiß wird, dass nichts mehr leben kann. Der Tag braucht
die Nacht! Licht kann genauso übel sein wie Dunkelheit, in welcher alles vor
Kälte erstarrt und stirbt. Solange in einer gewissen Bandbreite Ausgleich
herrscht, greifen die Wächter nicht ein, hüten sich auch davor. Und dieser
Schwarzalp weiß ganz genau, wenn er die Waage vollständig in seine Richtung
kippt, löscht er sich selbst mit aus. Und genau das wird er nicht tun. Er
will grausame Rache! Ausgelöscht kann er das nicht mehr. Er kennt sehr wohl
so etwas wie Treue und Zuneigung. Wollte er sonst den Fluch des Inquisitors
erfüllen? Seinen Dienern verschafft er durchaus tiefste Genüsse und
Befriedigung, hält zu ihnen, verteidigt sie wild entschlossen, verlangt das
Gleiche von ihnen. Und wenn es nichts bringt, will er sich wenigstens für
sie rächen. Natürlich macht er jetzt alles hauptsächlich aus verletzter
Eitelkeit, weil ihm eine schmerzliche Niederlage, ein herber Verlust
zugefügt wurde. Aber er tut es auch aus einem Verbundenheitsgefühl heraus,
wie er es eben versteht."

"Ich glaube nicht, dass dieser Diener ein Nachfahre des Inquisitors ist. Die
waren doch nicht verheiratet." Erfried blickte reichlich zweifelnd.

Ingomar lachte belustigt über Erfrieds gutgläubigen Einwand. "Na und? Um
Kinder zu haben, braucht man doch nicht verheiratet sein. Das geht ganz von
allein! Und diese Knilche haben wild rumgemacht, meist einen ganzen Stall
voller Kinder in die Welt plumpsen lassen. Das hat man nur unter der Decke
gehalten. Und heute redet man nicht gern darüber, weil es so peinlich ist.
Doch, mein Lieber, der hatte mit Sicherheit Nachkommen! 'Unter Mönchskutten
wachsen die dicksten Spargel!' ist ein italienisches Sprichwort. Aber es
muss keineswegs unbedingt ein Nachkomme in Blutlinie sein. Seelen können
auch woanders hin wandern und wiedergeboren werden."

"Ich weiß wo der Räuber der Farben sein Versteck hat", meldete Erfried
eifrig. "Am Brunnenplatz in einem uralten Haus hinter einem Tor. Da steht es
in einem verwahrlosten Hinterhof, von außen kaum zu sehen. Dorthin
verschwindet er oder unternimmt von da aus seine Streifzüge."

"Toll, was du schon alles herausgefunden hast! Um dieses Haus wissen die
Wächter aber schon immer. Es ist das Haus, worin früher die Inquisition ihr
blutiges Unwesen trieb. Leider ist es aber nicht zugleich das Tor. Das Tor
des Glanzräubers wandert, ist mal hier mal da, auch immer wieder in diesem
alten Bluthaus. Dort geschieht offenbar der Brückenschlag leichter, wird
wohl auch der endgültige Übertritt finster stattfinden. Leider konnten wir
noch nicht die Person ausfindig machen die ihm dient. Und es muss nicht
unbedingt nur eine Person sein."

"Es gibt noch eine Frau! Ich habe sie auf der Straße gesehen. Sie scheint
mir die weibliche Ausgabe des Glanzdiebs, ist aber wohl noch nicht richtig
und voll dazu geworden. Wohnen tut sie im kleinen Parkviertel. Da ist so ein
neuer und ziemlich hässlicher Bungalow auf einem Hügel. Dort sah ich sie zum
zweiten Mal." Jetzt eifrig bei der Sache, wichen dem Jungen fast alle
Bedenken gegen Ingomar und seine Leute. - Fast, aber nicht völlig.

"Das ist wirklich eine Neuigkeit! Und du bist dir sicher, dass sie vom
gleichen Schlag sein muss? Kein Zweifel?" Ingomar staunte.

"Ganz sicher! Ich konnte ja beide sehen. Sie haben die gleiche räubernde
Eigenschaft, dieselben saugschwarzen Augen. Zuerst dachte ich ja auch, es
könnte eine Täuschung sein und sie trage eine Sonnenbrille. Aber dann
erkannte ich das ganz genau. Ich täusche mich nicht."

"Hm... der Hügel im kleinen Parkviertel war früher Richtplatz. Dort hat man
Hexen und Ketzer verbrannt. Das könnte also durchaus auch eine
Übergangsstelle sein. Dann ist der Glanzdieb schon unbemerkt ein Stück
weiter vorangekommen als wir dachten." Ingomar klang besorgt. "Ich werde mir
das gleich mal ansehen..." Er verstummte abrupt, sah sichernd herum, seine
Augen wurden starr, Blick nach innen gekehrt. Langsam öffnete der jüngere
Mann nach zäher Weile die Lippen. "Er ist in der Nähe!"

"Was? Wer?" fragte Erfried beunruhigt über dessen seltsamen Zustand.

"Der Glanzdieb, ganz in der Nähe auf Streifzug!"

Angstvoll äugte der Junge unauffällig nach allen Seiten, wollte trotz heißem
Furchtgefühl gleichmütig erscheinen. - Dann sah er ihn! - Auf der anderen
Straßenseite, jenseits des unausgesetzt grollenden Verkehrs, stand
hochgewachsen und regungslos der Räuber der Farben, sah mit durchdringend
kaltem Schwarzblick herüber.

Fortsetzung folgt
Alle Rechte vorbehalten
(c) 1999 Mannie Manie

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