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ABERMAL (giftmärchen) Teil 125

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Mannie Manie

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May 12, 2000, 3:00:00 AM5/12/00
to
Hallo liebe Leute,

viel geschah nicht in verflossenen Tagen, sieht man mal vom üblichen Gedöns
in Funk, Glotze oder Zeitung ab. Deshalb zur Ablenkung und guten
Unterhaltung wieder sechs Teile von:

Mannie Manie's A B E R M A L (giftmärchen)!

Als gestaltete Webseite (ebook) kostenlos und werbefrei herunterladbar bei:

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oder Kurzurl: http://m.manie.seite.ms (Achtung, Werberahmen! Geht aber
wegzuklicken.)

Allen viel Spaß und gute Unterhaltung. Nächste Teile im Verlauf kommender
Woche.

Euer MANNIE MANIE

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ABERMAL (giftmärchen) Teil 125

Unbeweglichkeit und Starre herrschten, obwohl jeder nüchterne Augenschein es
heftig bestritt. Dennoch bestand es so, konnte nicht abgewiesen werden,
drängte in späten Tag, blieb klettengleich in Fugen von Minuten und Sekunden
hängen, krallte Stunden, verband mit Tagen, Wochen, Monaten und Jahren. -
Aber Zeitmaß hat keine Fugen, ist Fließen und Dauern, angezeigt an Zahlen?

Hier gab es plötzlich Fugen, Risse und Spalten! Genug für geeignete Kletten.
Nur haftete diese Art Kletten anders als Kletten sonst, welche heimlich in
Stoffe hakten, fortgetragen an andere weit abseits gelegene Stellen,
abgerissen aber unbeschädigt ihre enthaltenen Samen keimen ließen. Das alles
ging hier nicht. Diese Kletten konnte nichts und niemand entfernen.

Drei unterschiedliche Bereiche spiegelten zwei Zustände. Erstarrt und
regungslos lagen Hier und Dort einander gegenüber, durchschnitten und
zugleich verbunden von immerwährendem Fließen, seinerseits eigentlich
Stillstand, denn es wiederholte denselben Ablauf unermüdlich. Längere
Beobachtung bewies diese Widersprüchlichkeit.

Dabei verlief die Zeit nicht nach dem Maß einer Uhr, sondern nach eigenem,
völlig anderem Zifferblatt und Uhrwerk, dessen Zeiger mal rascher, mal
langsamer liefen, stehenblieben und dann in rasendes Kreisen verfielen,
gelenkt von irrsinnig gewordener Unruh im Getriebe. - Irrsinnige Unruh? Seit
wann können unbelebte Werkteile irrsinnig werden?

Es musste aber so sein, denn andere Erklärungen ließ jene abseitige
Wirklichkeit nicht gelten. Eine Wirklichkeit gegen jede Erfahrung und gegen
jedes erkannte Naturgesetz. Und wer mag schon behaupten, die wirkliche,
einzig entscheidende Uhr sei geistlos und bestünde aus toten Fügestücken?
Immerhin lief und tickte sie seit undenklichen Zeiten, seit unvorstellbaren
Abständen in Welten, Ebenen und Räumen, darin und darum herum. - Tickte und
surrte sie nicht eigentlich schon immer, tat zählendes Werk seit Ewigkeiten?

Als ob es noch Steigerung von Ewigkeit geben könnte. Mehr als ewig kann
nichts sein. Und gibt es das überhaupt? Ist nicht alles einfach nur jetzt? -
Aber dies liefe aufs Gleiche hinaus, brächte keinen echten Unterschied. Nur
benutzte Worte, Begriffe und Gedanken lauten dazu anders. Solche zählten
hierbei nicht.

Trichter klaffte. Runde Wände, zugleich Wirbel, trieben Wirkungen hin und
her, angestoßen von Willen, zurückgeworfen von Wollen, aufgesogen von hartem
Wunsch. Mal bildete schmales Trichterende auf einer, dann auf anderer Seite
Verengung, saugte mit aufgerissenem Riesenmaul alles in quetschende
Kleinheit. Unvermittelt sprang es um, erzeugte genaues Gegenteil, versetzte
wild kreiselnde Wände in Wellen.

Auf jener Seite der Dieb des Glanzes, auf dieser Seite der Junge, welcher
entsetzt forderndes Saugen zweier Schwarzlöcher sah und spürte. Sie
verschmolzen zu einem einzigen noch stärkeren. Riesenhaft wuchs es, glitt
durch weiterhin schiebenden und stoßenden Autoverkehr, nutzte unaufhaltsam
jede Lücke.

Statt Licht füllte lediglich blasses Glitzern. Statt Brodeln, Rumpeln und
Dröhnen des Verkehrs, griff Rauschen zischend Raum, wandelte zunehmend seine
Eigenschaft in betäubendes Brausen, brüllte dabei aber niemals. Es nahm
alles in Beschlag, voll und ganz, fraß vorwärts Stück für Stück, kannte
keine Hindernisse. - Dem Räuber der Farben ausgeliefert! - In zäh verdickter
Luft entstand Flimmern wie von großer Hitze rauchloser Feuer, ließ jeden
Umriss zerlaufen, verzerrte die Trichterwände noch mehr, löste sie auf.

Grell und blendend gleißte es überraschend von irgendeiner Spiegelung,
verschlang jede Sicht. Sonnenlicht, gefangen auf Frontscheiben langsam
kriechender Autos, stach gesammelt ins Auge, brannte auf Netzhaut, jagte
durch Nervenbahnen. Geblendet zuckten Lider zusammen, angstvoll abermals
geöffnet. - Der Junge sah den Dieb des Glanzes nicht mehr.

Dort wo er zuvor noch stand und auf Gelegenheit hoffte, hasteten lediglich
eilige Leute über den Gehsteig. Sie bemerkten nichts von alledem. Auch nicht
an ihnen begangenen Raub. Grauer und farbloser eilten sie weiter, sahen
weder rechts noch links, wollten nur fort, gönnten einander keine Ruhe.
Dazwischen brandeten Blechlawinen, Richtungsblinker zuckten rot und Ampeln
wechselten von Grün zu Gelb, Auspuffgase stanken.

Noch immer flimmerte es zwischen Hier und Dort. Aber das Flimmern verengte,
verkleinerte auf schmalen schlauchartigen Wurm, tanzte hin und her, schwang
auf und ab und blasste schließlich aus, entließ von Staub geschwängerte
Luft. Nur seitlich verbarg noch flimmernder Bereich schlierig die halbe
Sitzbank. - Erfried sah hin. Um Ingomar waberte es wie von Gluthitze
erzeugt. Wüsste der Junge nicht, wer da auf der Bank saß, könnte er dessen
Gestalt nicht erkennen.

Langsam klärte der erstaunliche Kokon. Umrisse des jüngeren Mannes wurden
deutlicher. Gebannt beobachte Erfried nie gesehenes Schauspiel, wollte
neugierig nachprüfen, ob im beständig mindernden Flirren etwas enthalten
sei. Zaghaft näherte er Fingerspitzen jetzt trägem Wallen, riss sie
erschrocken zurück, taumelte einen Schritt davon fort, als habe ihn
dröhnender Stromschlag getroffen. Vollkommen sicher versengten Finger darin.
Im nächsten Augenblick verschwand restliches Wallen und Flimmern.

Ingomar saß reglos aufrecht. Leer starrende Augen. Nur Atembewegungen seines
Brustkorbes bewiesen Leben. Schließlich kehrte mit leichtem Zucken gewohntes
Bewusstsein zurück. Er schüttelte irgendetwas ab, sah hoch, leicht unklaren
Blick auf den Jungen geheftet. "Er ist wieder weg", sagte er dann unbetont.

"Bist du dir sicher?" Erfried klang ungläubig.

"Im Augenblick schon. Aber wir sollten machen, dass wir hier wegkommen. Er
ist stärker geworden, will noch stärker werden, weshalb er wieder
umherstreift. Ich kann nicht sagen, was geschieht, wenn er ein neues Opfer
findet. Womöglich kann ich ihn allein dann nicht mehr aufhalten, geschweige
vertreiben. Dieses eine neue Opfer könnte ihm sogar für den endgültigen
Schritt herüber genügen. Jedenfalls müssen wir schnell weg. Und du musst zu
deiner eigenen Sicherheit mit mir kommen, Erf! Zuhause bei dir in der
Bachgasse bist du nicht mehr sicher. Er hat es auf dich abgesehen, weil du
ihn als einziger sehen kannst. Wo du bist, sind alle anderen in höchster
Gefahr. Deine kleine Schwester, deine Mutter und auch jede andere Person.
Der Räuber der Farben wird sie mühelos wie lästige Fliegen beseitigen oder
als willkommene Auffrischung seiner Kraft in dieser Welt übernehmen."

"Aber wohin soll ich denn mitkommen?"

"Das ist aber eine alberne Frage, junger Freund. Du musst mit zur Ronnburg
kommen. Dort bist du weitgehend in Sicherheit und..."

"Aber du sagst doch, ich bin eine Gefahr für andere!"

"Wir können uns schützen. Aber die anderen Leute sonst kennen keine
Schutzmöglichkeiten vor dem Glanzdieb. Und wir sind nicht allein, können zur
Not sogar in die Sicherheit der Wälle fliehen."

"Ich muss morgen zur Schule und meine Mutter macht sich riesige Sorgen, wenn
ich einfach verschwinde!"

"Da finden wir schon eine Lösung. Wir werden gleich zur Bachgasse gehen.
Sollte deine Mutter zuhause sein, dann sage ich ihr, du bist für ein paar
Tage bei uns eingeladen. Deine Schulsachen nehmen wir mit. Wir können dich
vorerst in deine Schule bringen, wenn's denn gar nicht anders geht, auf dich
achten und wieder von dort zurückfahren. Ansonsten schreibst du deiner
Mutter eben eine ganz ähnliche Nachricht. Ich schreibe auch noch was dazu.
Dann wird sie sich keine Sorgen machen. Wegen der Schule kann man dann
weitersehen. Du könntest dir ja beim Rumtoben den Fuß verknackst haben und
nicht laufen können."

"Na, das müsste aber doch ein Arzt bescheinigen können..."

"Finden wir schon einen! Keine Sorge! Erstmal musst du in Sicherheit sein.
Allein bist du schutzlos. Du kannst nicht mehr so weiterleben wie bisher!"
Ernsthaft sah Ingomar den Jungen an, stand auf und nahm ihn am Arm. "Komm!
Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Da hinten habe ich das Auto
geparkt."

Erfried wusste, Ingomar redete kein leichtfertiges Zeug. Aber so
unvermittelt aus seinem Lebensverlauf herausgerissen... Beklemmend! Was
erwartete ihn? Alles vollkommen fremd, als wandere er unvorbereitet in ein
gänzlich unbekanntes Land aus. Andererseits schleuderten ihn die Ereignisse
schon vor Tagen aus seinem bisherigen Leben. Er wollte es nur nicht
endgültig wahrhaben, geklammert an verbliebene Reste gewohnter Verläufe. -
Vorbei! Kein unbeschwertes Leben mehr! - Wenigstens Reinhild und seine
Mutter musste er vor dem würgenden Strudel bewahren. Womöglich gefährdete er
auch noch seine Schulfreunde. Günter Meinrad hat das nicht verdient. Sein
bester Freund! Und selbst wenn nicht...

Fortsetzung folgt
Alle Rechte vorbehalten
(c) 1999 Mannie Manie

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