aus aktuellem Anlass:
- - -
Heute früh, bei der rituellen Postdurchsicht, finde ich neben
den üblichen Reklamesendungen (Weißwurst-Heimdienst, bairische
und pakistanische Spezialitäten), den Fachzeitschriften (was
man halt so online bestellt) und der letzten Mahnung des
Devotionalienhändlers einen ganz besonderen Brief. "VIP-
Einladung" steht drauf, ohne Absender, aber mit einem Löwen
und einem blauen Dreieck drauf. Ich denke mir "wahrscheinlich
wieder eine Verkaufsveranstaltung. Kochtöpfe, Samurai-Messer
oder Heizdecken" - nach einem Blick aufs Thermometer -
"Heizdecken wären eigentlich gar nicht schlecht" und öffne
den Umschlag. Falsch geraten.
"Aussi kumma - Einladung zum Christoph-Straßentag". Ist ja
tatsächlich eine persönliche Einladung, Löwenbräukeller, mit
Freibier und allem was dazu gehört. Beim Veranstalter werde
ich stutzig: "Christlich-schwule-Union". Das will ich mir
dann doch anschauen.
Vor dem Bierkeller alles normal. Keine Polizei, keine Presse,
keine Gegendemonstration. "Schließlich eine Veranstaltung der
großen Mutterpartei", denke ich mir. Am Eingang nichts
Ungewöhnliches, Einlasskontrolle des Sicherheitsdienstes,
Umtausch der Einladungskarte gegen ein Namensschild und
eine Rolle Biergutscheine. Also - rein in den Festsaal.
Der Saal ist festlich geschmückt. Ein etwas kitschiges Gemälde
eines kuschelnden Homo-Paares mit Hut und Gamsbart, und überall
weiß-blaue Regenbogensymbole und blaue Dreiecke.
Am Rednerpult Gauweiler im Dirndl, dahinter ein großes
"aussi-kumma"-Transparent, mit dem Löwen drauf und dem blauen
Dreieck. Naja, nachgesagt hat man ihm so etwas ja schon immer.
Spricht von der traditionellen bairischen Toleranz und dem
unermüdlichen Einsatz der Mutterpartei für Verfolgte und die
Minderheiten im Freistaat. Ich muss an dieser Stelle doch
etwas lächeln, gerade er als KVR-Chef damals, aber was soll's.
Beglückwünscht den bekannten Sandalenträger der Rosa Liste,
der nun Vorsitzender der Christlich-schwulen-Union geworden
sei, nach der Übernahme seiner früheren Randgruppen-
Splitterpartei durch preußische Kampflesben. Tobender Beifall
im Saal, was der Redner mit seinem berühmten Chauvi-Lächeln
quittiert.
Nach der Rede spielt die Blaskapelle einen Zwiefachen.
"Starker Tobak" denke ich mir, "da gibts nur eins - Bier
holen. Freibier macht frei". Die folgenden Programmpunkte -
Rüscherlhemd-Wettbügeln der Landtagsfraktion, dann
Stöckelschuhplatteln des (männlichen) Parteinachwuchses -
darf man sich nicht entgehen lassen.
In der Nähe der Schanktheke der Ministerpräsident persönlich.
"Griaß de Jackl!" - "Griaß eahna God Herr Stoiber, dass Sie
mi beim Namen kenna?" - "Geh, du bist doch as einzige
langhoarade Badeimitglied, außer am Jesus vo Eding" -
"So? Und i hob oiwai dengt, dass a jeda in da Badei is, dea
wos auf si hoit..." - "Schnapp da a Hoibe, na schdess ma oo
'auf die neue Offenheit', geh weida!" - "Hoffentlich is des
Bier ned warm..." - "so weid kamads no". Ihm scheint die
inoffizielle Gesellschaft, die er in mir gefunden hat,
sichtlich zu gefallen.
Das Bier ist tatsächlich kühl und gut eingeschenkt. Aber -
wer hat schließlich keine Vorurteile? Also wieder hin zum
Parteifreund und anstoßen. "Die reinste Sünd is des, und i
hob ned auskenna. Woaßt ja scho, de Sozis wean wieda mehra
im Freistaat, und z'Muibatshofa hod sogar oana de rode
Fahna nausghengt. Do muaß ma was doo - woaßt scho. I sog
oiwei - Wählerstimmen, Jackl, Wählerstimmen und Kaufkraft.
Prost" - "Prost Edi. Jo mei. A wengal ungwohnt is schoo" -
"An warma Lebakaas vakaffas scho seid hundat Joar (lächelt
unbeholfen), wead ma si an dees aa no dro gwohna. Hoist uns
no zwoa Hoibe, sei so guad".
Gerade bin ich mit zwei frischen Gläsern zurück, steht die
Schwarze Renate beim Ministerpräsidenten. "Griaß de Jackl",
fällt mir um den Hals. "Huffatli deaf ma des no heidzdog,
oda bist aa scho oana voo dene ", schmatzt mir ein fettes
nasses Bussi auf die Nase, dass ich mir momentan ernsthaft
überlege, die Seiten zu wechseln. "Schaug amoi do hint, do
ziagns am Aribert Wolf grod d'Stecklschuah oo, saukomisch".
Durch ihr schrilles Lachen wache ich auf, irgendwie doch
erleichtert. Vierzehn Uhr dreißig. War wohl etwas viel am
gestrigen Freitag abend ...
"Alles doch halb so schlimm", sage ich mir leise, und
wundere mich nur ein wenig, warum das Strauß-Portrait
neben dem Herrgottswinkel im Wohnzimmer heute so
süffisant zu lächeln scheint.
- - -
scnr,
JK