Google Groups no longer supports new Usenet posts or subscriptions. Historical content remains viewable.
Dismiss

ABERMAL (giftmärchen) Teil 128

11 views
Skip to first unread message

Mannie Manie

unread,
May 12, 2000, 3:00:00 AM5/12/00
to
Hallo liebe Leute,

viel geschah nicht in verflossenen Tagen, sieht man mal vom üblichen Gedöns
in Funk, Glotze oder Zeitung ab. Deshalb zur Ablenkung und guten
Unterhaltung wieder sechs Teile von:

Mannie Manie's A B E R M A L (giftmärchen)!

Als gestaltete Webseite (ebook) kostenlos und werbefrei herunterladbar bei:

http://home.germany.net/101-58177 (>Laden kostenlos< anklicken!)

oder Kurzurl: http://m.manie.seite.ms (Achtung, Werberahmen! Geht aber
wegzuklicken.)

Allen viel Spaß und gute Unterhaltung. Nächste Teile im Verlauf kommender
Woche.

Euer MANNIE MANIE

****************************************************************

ABERMAL (giftmärchen) Teil 128

Düster thronte unpassend supermodernes Kistending auf Hügelhöhe, zeigte in
baulichen Ausführung keine echte Klarheit, wie man es von neuzeitlichen
Häusern mehr oder minder fälschlich erwartet. Eckig, verwirrend, flachdachig
und irgendwie krank lagerte alles über sonst angenehm anmutender Wohngegend.
Auch klarer Schein langsam zum Westrand des Himmels neigender Sonne änderte
daran nichts, warf eher noch wildere Schattenrisse scharf abgegrenzt auf
abschnittsweise blendweiß gehaltene Wände. Große Fensterfronten
vervollständigten mit durchlässigen und zugleich spiegelnden Oberflächen
ungutes Gemengsel. Teilweise wirkten sie wie rechteckige gähnende Löcher in
der Welt. Scharfkantige Tore ins Dunkel.

Säuselnd streifte Lufthauch ins offene Seitenfenster. Erfried schauerte
trotz herrschender Wärme sommerlichen Spätnachmittags. Mählich nahte der
Abend. Es wunderte ihn, wie unheimlich auch neue Häuser wirken konnten,
gewöhnlich eher bei alten Gemäuern erwartet. Hier ganz anders. Ob es daran
lag, an welchem Ort es stand, womöglich mit voller Absicht gerade deshalb
hier erbaut? Immerhin mussten an diesem Platz ungezählt viele Menschen ihr
Leben unter grauenvollen Leiden ausgehaucht, ihre Todesangst hinausgeschrien
haben. Schuldige und noch mehr Unschuldige.

"Aber du hast recht, Erf", durchbrach Ingomar nach einiger Betrachtungszeit
beklommene Ruhe. "Hier ist etwas vom Glanzdieb vorhanden. Und nicht wenig!
Ich spüre das ganz deutlich. Es gibt auch einen Durchlass in andere Ebenen,
wahrscheinlich unter den Grundmauern verborgen. Von hier unten kann ich es
nicht genau sagen."

"Vielleicht sollten wir mal zu dem Ding da oben raufgehen", schlug Erfried
vor.

"Das wäre nicht so sonderlich klug, mein Lieber. Obendrein dürfen wir nicht
einfach und ohne triftigen Grund auf ein fremdes privates Gelände. Immerhin
ist es umzäunt, was als Hausfriedensbruch ausgelegt werden kann. Und jetzt
am Tag sieht uns die ganze Nachbarschaft. Womöglich hält man uns für
Einbrecher und ruft die Polizei."

"Wir könnten ja Bewunderung für diese architektonische Scheußlichkeit
heucheln. So was hässliches an Gemäuer ist nicht unbedingt alltäglich hier."

Ingomar lachte kurz auf. "Das wäre sicher möglich. Aber wir sollten kein
unnötiges Wagnis eingehen. Womöglich taucht der Glanzdieb gleichzeitig mit
dieser Frau plötzlich auf. Ich bin ihr noch nie begegnet, kann nicht
abschätzen, welche Kräfte in ihr bereits ausgebildet sind. Das kann ins Auge
gehen, Freund."

"Was machen wir dann jetzt?"

"Jetzt erstmal gar nichts weiter. Wir fahren! Mit anderen Wächtern werden
wir uns diesen Abend oder in der Nacht aufmachen und alles so genau
anschauen wie nur irgend machbar. Außerdem müssen wir auch mal nach dem
alten Haus am Brunnenplatz sehen. Womöglich kann man etwas unternehmen, dort
kreuzende Wege sperren oder wenigstens Hindernisse errichten. Jede
Verzögerung für den Räuber der Farben bringt uns eine bessere Ausgangslage."
Ingomar stieg wieder ein, startete und brauste eilig davon, ohne Umwege
Richtung Ronnburg.

Als sie am Berg hinauffuhren, bemerkte Erfried scharfes Knistern, nachdem
sie aus dem kleinen Wald in Wiesenfläche gelangten. "Was war denn das eben?"

"Was denn, Erf?"

"Es hat am Waldrand so komisch geknistert."

"Oh, das kannst du also auch wahrnehmen! Wir sind in den erweiterten
Schutzbereich gekommen", erklärte Ingomar kurz, gab nachdrücklich Gas. Der
Motor heulte auf und die schwere Limousine schoss richtiggehend bergauf, kam
erst beim Gattertor zum Stehen. Drei weitere Autos parkten daneben.

"Habt ihr neuen Besuch bekommen oder sind noch Besucher vom Wochenende
hier?" fragte Erfried beim Aussteigen.

"Teils, teils. Fast alle Besucher vom Wochenende sind zu sich nach Hause
gefahren. Sie sind jeweils selbst Wächter an anderen Orten. Zwei aus dem
weiteren Umland sind Gestern und Vorgestern gekommen. Wir brauchen ihre
Verstärkung und dazu sind diese Freunde ja da."

"Sind die so was wie eine Kampfreserve?"

"Ja, so kann man das sehen. Es sind Freunde und Freundinnen, die im Verlaufe
der Zeit zu uns stießen, besondere Fähigkeiten hatten und entsprechend
ausgebildet und unterrichtet wurden."

"Und wer bildet die aus oder unterrichtet sie?"

"Hauptsächlich unsere Mutter, Frau Nelda. Aber auch mein Vater macht das."

"Und du? Machst du das auch?"

"Noch nicht, Erf. Aber vielleicht kann ich demnächst mit dir als meinem
ersten Schüler anfangen." Ingomar lächelte, reichte seinem jungen Freund den
Rucksack, behielt Erfrieds Schultasche in der Hand und verschloss
gewissenhaft das Auto.

Auf halbem Wege im Parkgarten bemerkte Erfried: "Frecke scheint wohl im Haus
zu sein. Der begrüßte mich beim letzten Mal doch so stürmisch."

Ingomar lachte. "Kann schon sein, dass dieses wüste Hundetier gerade im
Hause ist und frisst. Aber zur Zeit treibt der sich ständig wer weiß wo
herum. In der näheren Umgebung muss es eine läufige Hündin geben. Rüden
riechen das meilenweit und sind dann nicht mehr zu bremsen, wenn man sie
nicht ankettet hält. Jedenfalls ist der dauernd unterwegs seit Sonntag. Und
wenn er dann irgendwann zum Fressen zurückkommt, ist er völlig dreckig und
stinkt entsetzlich, wie Hund dann eben stinkt. Aber so ein Hundewesen
braucht auch sein Vergnügen, also lassen wir es ihm doch."

Im Näherkommen weitete drohend offenstehende Haustür. Dunkler Hintergrund.
Gleich klaffendem Rachen erwartete der Eingang jeden Besuch. Oberlichter
schienen zerfetzende Zähne, zum Schnappen sofort bereit, hungrig und gierig
den Raub nicht mehr lassen und augenblicklich in blutige Einzelhappen
malmen.

Breite Schwelle. Hoch ragte Türrahmen selbst über Ingomar hinweg. Kein Laut
drang heraus. Nur in Bäumen zwitscherten zaghaft wenige Vögel, wisperte
leichter Wind in Blättern. Im späten Licht sinkender Sonne leuchteten
dämmrig und neblig einige Elfenbrücken zwischen Bäumen und Gebüschen. Stäube
und Dunsttröpfchen tanzten darin verwunschenen Reigen. Beklommen betrat
Erfried den großen Vorraum, blieb sonderbar angerührt in der Mitte stehen.

Hier erlebte er Schrecken, bis dahin nicht gekannt. Nicht in dieser Weise.
Aus Erinnerung stiegen deutliche Bilder hoch, als stünden wieder
ängstigende, unheimliche fremde Gäste an der Garderobe oder anderswo, als
warte Gundram der Alp abermals und sperre ihn in zwingende Gedanken. Auch
das Gesicht der Germania auf riesigem Gemälde sprach davon. Allerdings sah
sie jetzt ganz normal aus, soweit man dies von solchem Bildnis überhaupt
sagen kann. Keine Miene verzog ihre gepinselten Züge. - Lächelte sie vor
Tagen nicht zufrieden böse?

Ingomar stellte Erfrieds Schultasche auf die große Truhe darunter, sah
aufmerksam seinen Gast an. "Mulmiges Gefühl, was? Kann ich verstehen, mein
Lieber. Du brauchst aber wirklich keine Bedenken haben. Du bist in
Sicherheit! Stell doch deinen Rucksack erstmal hier mit ab. Wir müssen noch
meinen Eltern Bescheid sagen. Und dann wollen wir doch noch ein Zimmer für
dich aussuchen. Ich nehme ja an, du willst bestimmt lieber ein eigenes
Zimmer haben und nicht bei Gundram einziehen."

Erfried nickte zustimmend, wagte kein Wort, stellte zögernd den Rucksack
neben seine Schultasche, schaute mit ungutem Gefühl herum, ohne
Kopfbewegung, versuchte es nur mit Augen. So unheimlich kam es ihm jetzt gar
nicht mehr vor. Auch Ingomar strahlte nichts irgendwie Bedrohliches aus.
Aber dann schrak er doch reichlich zusammen. Geräuschlos tauchte eine
Gestalt oben am Balustradengeländer auf - Gundram! - verschwand sofort
wieder im Dämmerlicht des Hintergrundes, so lautlos wie erschienen.

Aber auch Ingomar bemerkte ihn. "Gundram!"

"Was ist denn?" kam zögerlich fragend aus entfernt unsichtbarem Mund.

"Wir haben miteinander zu reden!"

Fortsetzung folgt
Alle Rechte vorbehalten
(c) 1999 Mannie Manie

0 new messages