On 11/10/13 18:52, Benedikt Schwarz wrote:
> Hallo,
>
> vor einiger Zeit, 10 Jahren werden es schon sein, habe ich in einer
> Dokumentation die Behauptung aufgeschnappt, dass man im Ostblock und
> natürlich auch in der DDR wunderbar krankfeiern konnte. Da ich es mir
> aber nicht vorstellen kann, dass man in einem Überwachungsstaat gut
> krankfeiern kann, würde ich nun gerne wissen, wie es wirklich war.
>
> PS: Bitte jetzt keinen Flamewar über fleißige Ostdeutsche und faule
> Westdeutsche oder umgekehrt starten ;)
Wird sich nicht vermeiden lassen.
Mir Ossis warn die Greeestn und ham aus Scheisse Bonbons
gemacht, Un der Wessi kann ohne den richtigen Schraubenzieher sowie so
nich arweetn ... bla bla bla. Und improvesiern koennen se ooch nich.
Und der Ossi hat sich Mittags immer hingesetzt und sich gewundert wenn
noch Material da war bla bla bla.
>
> Gruß
> Benedikt Schwarz
Mal ernsthaft.
Man koennte ja die jetzigen Krankheitstage mit den Eintraegen im DDR
SV Buch vergleichen. Da sind die Krankheitstage pro Jahr aufgelistet.
Nur ware die Mitdiskutanten hier in der Gruppe damals juenger und man
muesste dann Zahlen von Leuten nehmen, die heute so Mitte Ende 20 sind.
Aber schon aus der Erfahrung heraus (11 Jahre Ostarbeitswelt und
jetzt seit der Wende 24 Jahre Westarbeitswelt) kann ich nicht viel
Unterschiede sehen. Nur dass im Osten vielleicht prozentual viel mehr
Leute arbeiten gehen mussten, die hier vom Arbeitsmarkt eh nicht mehr
angenommen werden und irgendwie anderweitig durchkommen. H4 oder
Aussteiger anderer Art. Es wurde versucht Assis oder Penner oder
Saeufer im Arbeitsleben zu integrieren weil immer auch ein Mangel
an Arbeitskraeften da war. So wurden zB in Schwedt Assis oder
Alkis in der Saison in Vierraden auf der Kartoffelklapper eingesetzt,
wo sie am Foerderband Kartoffeln aussortieren mussten. Hier im Westen
gibts solche Bemuehungen nicht. Das faelscht natuerlich auch die
Statistik. Ob sowas nun Erziehungsmassnahmen waren oder einfach nur
aus der Not heraus die Leute dort beschaeftigt wurden kann man schwer
nachvollziehen. Der Aufwand diese Leute dort zu ueberwachen, so dass
sie "vernuenftig" arbeiteten war jedenfalls immens.
Generell war der Druck des Systems in der Frage nicht zuspueren.
Ich habe es nie erlebt, dass ein Krankenschein von einer anderen
Institution angezweifelt wurde. Aber der Gruppenzwang im Kollektiv,
wenn einer oft krank machte und die anderen demzufolge seine Arbeit
miterledigen mussten, der war damals wie heute stark ausgepraegt.
Aber eigentlich willst Du ja garnicht wissen, wo mehr krank gemacht
wurde (krank gefeiert habe ich erst im Westen gelernt) sondern Du
willst wissen wo es einfacher war. Nun im Osten kam es schon vor,
dass Dich die Kollegen der Brigade besuchen kamen, so mit guten
Genesungswuenschen getarnte Ueberwachungsbesuche. So erlebte ich
es in meiner Berliner Zeit bei einem Kollegen mit massiven
Alkoholproblemen. Dort wurde dann sogar noch ein Spezialarzt
hinzugezogen.
Ausserdem gabs im Osten schon die Regel, dass wer krank ist nicht
unbedingt in der naechsten Kneipe oder anderswo angetroffen werden
sollte oder wollte. Heute ist das Abhhaengig von der Firma in der man
schafft. Privatdetektive, die Krankmacher ueberfuehren sollen
(um sie dann natuerlich rausschmeissen zu koennen) werden hier sogar
in einigen Prekariats-TV-Serien thematisiert. Kleine Firmen reagieren
empfindlicher auf derlei Missbrauch als grosse. Die Grossen sind einfach
zu behaebig. So ist meine Erfahrung.
generell war/ist der Krankenstand in Deutschland schon aus kultureller
arbeitsethischer und traditioneller Sicht heraus relativ gering und
man kann da nicht von "dem Ostblock" reden.
Nicht umsonst gibts den Spruch vom "Deutschen der lebt um zu arbeiten
waehrend andere arbeiten um zu leben." Wobei ich bei meinen Jahren im
Ausland festgestellt habe, dass zB Franzosen oder Italiener sehrwohl
laenger arbeiten als die Deutschen oder eben laenger im Geschaeft
sind. In manchen Laendern gibts dann Siesta und wird spaeter
Feierabend gemacht aber ich schweife ab vom Thema.
BGE