Martin Ebert wrote:
> Hier h�nge ich das mal an - wird l�nger:
> Es wird behauptet, dass die Debatte religi�se Z�ge tr�gt, totalit�re
> gar. Dieses ist im Kleinen sehr sch�n im vorherigen Thread zu sehen:
> Keine Definitionen - aber schon mal Schlussfolgerungen. Und zwar bei
> faktisch allen Diskutanten, selbst die Fraktionen der Naturwissen-
> schaftler und Ingenieure lassen sich auf das Niveau des Glaubens ein.
> Das ist religi�s: Der Glaube regiert. Bei faktisch allen.
Nix besonderes, in der Atomkraftdiskussion war das auch so, von beiden
Seiten. Wissenschaft ist nicht so objektiv, wie sie sich gibt.
Insbesondere, wenn es wie hier um Zufallsgr��en geht, hinterl�sst allzu
oft der jeweilige Geldgeber seine Spuren in den "Statistiken". Die
Steigerungsform "L�gner, Erzl�gner, Statistiker" war nicht ohne Grund
ein alter DDR-Witz, einer von vielen zu dieser Berufsgruppe. Und was
sich dereinst "wissenschaftliche Weltanschauung" schimpfte, wurde
m�glicherweise gerade durch die konsequente Absage an jeglichen Gott und
jegliche Religion zu einem schlechten Ersatz f�r selbige.
> Wie w�rde nun ein Ingenieur einer einschl�gigen Fachrichtung (ohne
> Anspruch auf Vollst�ndigkeit) vermutlich an die Sache herangehen?
>
> 1) Problemdefinition
> 2) Bilanzkreis definieren
> 3) Messen
> 4) Messungen kritisch werten
> 5) Thesen zu Kausalit�ten aufstellen
> 6) No 5 mit Wahrscheinlichkeiten belegen
> und erst 7) ist: �nderungen vornehmen
> Im Einzelnen:
> 1) Problemdefinition
> Hier f�ngt es schon an: Wir reden �ber Klimaver�nderungen, also
> W�rme, W�rmemengen. Jeder, der auch nur drei Vorlesungen Thermo-
> dynamik-1 verschlief, wei�, dass Temperatur sich als Indikator f�r
> W�rme nur sehr bedingt eignet. Im Grunde nicht eignet. Schon daran
> krankt es.
Ein noch gr��eres Problem (von vielen) d�rfte z.B. die extreme
W�rmetr�gheit der beteiligten Systeme sein. Da geht es u.U. um
Zeitr�ume, die ein Menschenleben weit �berschreiten. Umso erstaunlicher
f�r mich ist es, dass die um 1980 vorhehrgesagten Entwicklungen sich
bereits innerhalb von zwei Jahrzehnten deutlich zeigen. Gleiche Probleme
haben wir bei allen Auswirkungen technischer Eingriffe auf die
Biosph�re. Biologische Systeme ver�ndern sich in Jahrmillionen, aber uns
wollen gewisse Firmen und ihre "Forscher" z.B. nach wenigen Jahren
weismachen, ihre Gentech sei f�r Lebewesen v�llig harmlos. Und die
Atomlobby will uns erz�hlen, sie k�nnten radioaktiven M�ll �ber zig
Millionen Jahre sicher verpacken und das, w�hrend die Asse nach kaum 30
Jahren abs�uft. Aber alle argumentieren "wissenschaftlich".
> 2) Bilanzkreis definieren
> Wir reden �ber ein System. Aber �ber welches eigentlich? Also Torsten
> redet �ber die Alpen, Du IMHO �ber Deutschland, ein anderer �ber Europa.
In meinem Fall Mitteleuropa evtl. mehr.
> Und Peter �ber die Welt. Und wenn wir uns dann mal entschieden haben,
> m�ssen wir definieren, ob wir das als offenes System oder als
> geschlossenes annehmen: Mit Sonneneruption w�re es offen, klar. Ein
> bissele bl�d ist dann aber schon, wenn man das nicht sauber
> quantifizieren kann: Dann k�nnen wir an dieser Stelle im Grunde
> abbrechen.
> 3) Messen
> Auf irgendwas muss man sich beziehen - hier: Temperatur. Mal abgesehen
> davon, dass Temperatur als Indikator f�r W�rme ungeeignet ist, m�ssen
> wir einen signifikanten Messzeitraum haben. Den haben wir aber leider
> nicht, einigerma�en seri�se Messungen gibt es seit ca. 150 Jahren - und
> da leider nur f�r Spots - nicht netzartig �ber den Bilanzraum.
> Die n�chste Frage ist, ob wir das Messnetz _heute_ gen�gend dicht haben.
> Das wei� ich nicht, melde aber vorsorglich Zweifel an.
> 4) Messungen kritisch werten
> Was haben wir da so an Fehlern gemacht, reine Me�fehler sowie
> systematische? Vielleicht haben wir das Netz falsch gelegt. Vielleicht
> muss es �ber den Ozeanen dichter sein als �ber den Alpen. Und das eine
> Punktmessung von Temperatur nur �u�erst schwierig in eine real vor-
> handene W�rmemenge umwandelbar ist, das habe ich wohl schon erw�hnt.
OK, nehmen wir mal an, die Messungen der letzten 150 w�ren so
unzureichend, dass wir sie vergessen k�nnen. Was ist dann also von
einzelnen Eis-Bohrkernen zu halten, aus denen gefolgert wird, es h�tte
vor zigtausend Jahren abrupte Klima- aka mittlere Temperatur�nderungen
gegeben? Aus just solchen regionalen Einzelbefunden folgern einige Leute
aber, die heutigen Temperatur�nderungen seien �berhaupt nix Besonders,
so was h�tte es auf nat�rlichem Wege schon einige Male gegeben.
> 5) Thesen zu Kausalit�ten aufstellen
> "Im Sommer ist der Wasserstand der Donau niedrig. Im Sommer sind wenige
> Studenten in Budapest. Summa: Der Wasserstand der Donau beeinflusst die
> Anzahl der Studenten! 100 pro!"
> Es m�ssen Thesen f�r die valide gemessenen Ver�nderungen aufgestellt
> werden. Die Thesen sind f�r komplexe Systeme ausnehmend schwer
> aufzustellen - geschweige denn zu berechnen.
Ich wiederhole mich: als um 1980 Klimaver�nderungen *vorhergesagt*
wurden, hatte ich ernste Zweifel, dass dieses Quant CO2 solche Wirkung
haben k�nnte.
> 6) No 5 mit Wahrscheinlichkeiten belegen
> Kausalit�ten sind in komplexen Systemen fast nie sicher. Sie sind
> h�chstens wahrscheinlich. Diese Wahrscheinlichkeit muss angegeben
> werden; hier d�rfte sich die Irrtumswahrscheinlichkeit anbieten.
ACK, so was in der Art h�tte ich 1980 erwartet, sowohl von den
Wissenschaftlern, die damals einen Klimawandel angesagt haben als auch
von ihren Gegnern! Nix davon ist passiert - oder wurde totgeschwiegen?
> (Mir ist nicht erinnerlich, das dieser Punkt in Diskussionen irgend
> eine Rolle spielt: "Die Rente^M^MKlimawandel ist sicher!")
Fr�hestens seit sagen wir 1989 gab es solche Behauptungen. Vorher wurde
das trotz der rund zehn Jahre �lteren Vorhersage kaum diskutiert. Und
richtig aufgdkocht das Thema erst ab 2006.
> und erst 7) ist: �nderungen vornehmen
> Unterstellt, die Punkte 1-6 w�ren gekl�rt, kann man �nderungen vor-
> nehmen. Das l�uft auf einen Regelkreis (andere Vorlesungsreihe bitte
> besuchen!) hinaus. Mit der besonderen Schwierigkeit, dass die
> Stellzeiten extrem lang sind. Und (schwieriger noch) das F�hrungs-
> verhalten des Regelkreises im Grunde unbekannt ist.
Was die �nderungen betrifft, die halte ich durchaus f�r angesagt. Sie
mit Klima und nur mit Klima begr�nden zu wollen, greift allerdings viel
zu kurz.
> Man kann die Sache auch philosophisch anpacken: Als Sollwert nehmen
> wir mal "es gibt gar keine Menschen" an. Dieser Ansatz ist logisch:
> Denn wenn Menschen da sind, haben sie Einfluss auf den Bilanzraum.
> Und das selbst dann, wenn sie au�er atmen, essen, trinken, ausscheiden
> exakt gar nichts tun.
> Sie tun aber etwas - und das ist im Sinne der philosophischen Sicht
> eher dumm: Wie viel d�rfen sie denn tun?
Gute Frage, ich w�rde sie erg�nzen: nicht nur wieviel, sondern WAS
d�rfen sie tun und vor allem was sollten sie lieber bleiben lassen?
> Bei diesem Ansatz w�re die ingenieurtechnische Schlussfolgerung tat-
> s�chlich: Umwandlung von gespeicherter (potenzieller [�]) Energie
> m�glichst gering halten.
>
> Ich freue ich auf die weitere Diskussion, weise aber vorsorglich
> darauf hin, dass in meinem Betrag exakt gar keine pers�nliche
> Meinung steht.
Also wenn ich sehe, wieviel per�nliche Meinung gewisse Leute schon aus
meinen paar bescheidenen Beitr�gen glauben rauslesen zu k�nnen, mache
ich Dir wenig Hoffnung, dass man Dir Deinen netten Hinweis abnimmt. ;-)
Etwas Pers�nliches ist ohnehin in jedem sich noch so objektiv und
wissenschaftlichen gebenden Beitrag drin.
> [�] Na wenigstens diese Vokabel sollte den meisten noch gel�ufig sein.
Ja, allerdings mit "t" statt "z". ;-)