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Smudo in der Nachtschicht in Heidelberg

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Niko Schwarz

unread,
Oct 27, 2004, 4:59:05 AM10/27/04
to
Anlässlich der baden-württemergischen literaturtage hat es smudo
zusammen mit yvonne catterfeld, dem sänger von BAP (wolfgang
niederecken), torch (ein heidelerger DJ und rapper) und xavier naidoo
in die nachtschicht in heidelberg verschlagen.

dort wurde  unter dem titel "von dadada bis keine macht für niemand"
über sinn und verstand von lyrics in rap, hip-hop und rock diskutiert.

Die Fragen des Moderators wurden gottseidank weitesgehend üerhört,
und so wurden ein paar nette Sätze zur Texterschaffung und Tiefe
gesprochen.

Xavier Naidoo bekannte, seine Texte entstünden in Windeseile und
würden im Großen und Ganzen die Stimmung des Textes wiedergeben. Dabei
machte er auf mich einen ziemlich einfältigen Eindruck, der sich dann
manifestierte als er Gestand dass das einzige, das er hin und wieder
liest die Bibel wäre, und nicht mal die monatlich. Er tut dies aber
zum Glück aus Bedacht, um nämlich zu verhindern, dass fremdes
Gedankengut seinen Kopf entern könnte.

Torch stimmte fast jeder Aussage zu, steuerte selbst kaum welche bei,
schaffte es aber bei alledem nicht weiter dämlich auszusehen. Einziger
peinlicher Moment war dann doch, als er zum dritten Mal den
ausgesprochen wichtigen Einfluss seiner Mutter auf sein Schaffen lobte
- eine Haitanerin, sein Vater ist Ostpreuße.

Yvonne hatte ähnlich wenig zu sagen, brauchte dafür aber nicht so
viele Worte - naja, sie wurde auch kaum um welche gebeten.

Bleibt noch Wolfgang - der allerdings einiges zu sagen hatte. Unter
den mir im Gedächtnis gebliebenen Sätzen war: "Wer eine Message hat,
soll auf der Post arbeiten."
"Du bist doch wohl nicht naiv genug, diese armen Seelen
ernstzunehmen, die in den Foren da schreiben. Das sind einsame
verzweifelte Menschen, die sonst nichts zu tun haben."
Auf die Frage: "Welche Bedeutung haben Texte für dich?" antwortete er
nichtssagend: "Ich möchte keinen Schwachsinn schreiben". Was auch
immer das heißt.

Smudo war dann wieder interessant, und wenn er es nicht war, glich er
es locker durch seine blumige Erzählweise aus.
Das war überhaupt interessant: die Menge fraß ihm aus der Hand. über
jedes schmankerl lachten wir, auch wenn es ein wenig ernst gemeint
war. Und es kam mir sogar ein wenig so vor, als wäre ihm das ein wenig
unheimlich, denn wir wissen ja zu welchen Dingen ein Publikum in
solcher Stimmung zu klatschen in der Lage ist. Vielleicht
interpretiere ich da auch ein wenig viel, tatsächlich sagte er: "Ich
weiß nicht, warum hier immer alle lachen wenn ich etwas sage!" -
brüllendes Gelächter.

Gesagt hat er, dass er als seine Berufung empfindet, Texte zu
schreiben. Er aufregende besondere Dinge erleben und in Worte fassen,
und dabei aber ein ganz normaler Mensch bleiben.
Ein "kontrolliertes Gehenlassen" nannte er den kreativen Prozess und
beschrieb seinem Weg zur Selbstfindung: da hat er dann - einem buch
folgend - für eine woche das lesen mal vollständig eingestellt. er ist
durch österreich gewandert und gejoggt während im walkman bohlen sein
buch vorgelesen hat.
das deckte sich dann auch irgendwie mit dem interview im soundcheck,
wo er schrieb wie lange er für so ein paar wenige zeilen hatte
arbeiten müssen.


deswegen bin ich überhaupt erst hingegangen, denn das weckte in mir
die frage, worin genau denn nun die leistung des künstlers besteht.
auf die frage ist aber leider keiner genau eingegangen, es waren mehr
tendenzielle antworten zu finden.

für yvonne ist ihre musik ausdruck eines speziellen moments, besser:
des gefühls in diesem moment. deswegen lehnt sie auch ab, ihre texte
nachträglich zu korrigieren, denn so wird das gefühl verfälscht. musik
also als medium für gefühlsmomente? mir kam das nicht nach einer
großen leistung vor.

was genau die leistung für smudo ist, war ihm auch nicht zu
entlocken, nur soviel: "es überrascht mich manchmal, wie komplex musik
ist, denn in meinen alten stücken finde ich manchmal situationen und
gefühle, von denen ich weiß, dass sie da nicht drin sind".
Das ist allerdings ein bekanntes Phänomen aller Dichtung. Kafka wäre
ohnedem sicher unbedeutend.

Wolfgang: "Die Menschen glauben mitunter, dass ein Künstler
verspreche, in seinem Lied ein Problem auf alle Zeiten zu lösen.
Diesen Anspruch hatte der Künstler aber nie."
Da hat er wohl recht, aber welchen Anspruch hat der Künstler denn
nun? Immerhin finde ich mich selbst oft in Liedern wieder; aber den
Weg aus der besungenen Situation bleibt der Künstler schuldig. Was
aber soll dass Unterfangen denn dann, uns anderen Gefühle zu
beschreien, die wir zur Genüge kennen, und wir alle, Künstler und
Menschen, wissen keinen Ausweg.

Ich interessiere mich sehr für Philosophie, und die gibt einem nicht
bloß die Situation des Lebens, sondern gerne auch handfeste
Handlungsmaximen und Ratschläge, gerne mit Beweisen und Plausibilität.

Ich hatte bei Smudo das Gefühl, dass er nach Weisheit strebt. Und
seine Lebensaufgabe darin sieht, sie mit uns zu teilen. Ein nobler
Anspruch. Und ein ausreichend großes Publikum findet er auch.

An mir selbst kann ich beobachten, dass Musik als eine Art
Schmerzmittel wirkt, das mir gerne auch mal das Denken abnimmt, wenn
ich deprimiert bin. Sie unterstützt die Stimmung in der ich gerade
bin. Bildlich gesprochen gibt Musik mir das Gefühl, eine Band stünde
hinter mir und stimmt mir in meiner Situation und Ansicht zu.

Vielleicht bringt sie mitunter auch eine Katharsis in mein Denken.
Die Bedeutung der Texte kann ich nicht einschätzen.

Ich schreibe das, weil ich mich zuletzt selbst sehr viel Frage, was
denn die
Leistung des eigenen Lebens sein kann.

Die Diskussionsrunde in der Nachtschicht hat also, meiner Meinung
nach, die Frage nach der Bedeutung von Lyrics in der Musik
unzufriedenstellend beantwortet.

salut,

niko

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