Google Groups no longer supports new Usenet posts or subscriptions. Historical content remains viewable.
Dismiss

Zigarrenmacher Lehmann, Seelbach/ Schwarzwald (lang)

80 views
Skip to first unread message

Uwe Hesse

unread,
Mar 14, 2002, 5:38:13 PM3/14/02
to
Zigarrenmacher Familie Lehmann, 77960 Seelbach/ Schwarzwald

Reportage von Hannes Elster
Transkript in Auszügen aus: Länderreport Deutschlandradio Berlin
14.03.2002 13:05 Uhr


Die Werkstatt riecht wie eine geöffnete Zigarrenkiste. Der grobe, alte
Holztisch aus rissigem Tannenholz hat schon Kuhlen von den immer
gleichen Handbewegungen. Der 70jährige Oskar Lehmann und seine
63jährige Frau Maria sind zwei der letzten Zigarrenmacher im Rheintal.
In einem Vorort von Lahr, südöstlich von Offenburg in Seelbach,
staatlich anerkannter Luftkurort im Badischen.

Besucher sind in seiner Werkstatt gerne gesehen, außer am Freitag. Da
ist der Seelbacher unterwegs und verkauft sein Sortiment an
Privatkunden. Freitags, da wartet man schon auf ihn. Als er einen
Kunden einmal lange nicht besucht hatte, fragte der: >Worum bisch so
lang net kumme?< Denn auf Zigarren von Lehmann verzichtet kein
Stammkunde gern.

Man kann die Schwarzwalddörfer wo Tabak angepflanzt wird schon von
weitem leicht erkennen: Es gibt dort die typischen mehrstöckigen
Tabakschöpfe, Tabakscheunen, durch die der Wind hindurch lüften kann,
um die frischen Tabakblätter zu trocknen. Dunkelbraune Holzscheunen,
schmal und lang mit gelatteten Holzwänden und roten Ziegeldächern.

Die Herren Batschari, die Firmen Badische Tabakmanufaktur Roth-Händle,
Kumar u. a. ließen ihren Tabak hier anbauen und natürlich die
Zigarrenbarone, die im Badischen ihre Fabriken hatten. Ganze Dörfer
lebten gut vom Tabak, von Zigaretten, Zigarillos und Zigarren.
Tabak wird immer noch angebaut, aber die Zigaretten werden längst
woanders gemacht und die Zigarrenbarone gibt es schon lange nicht
mehr. Aber die Familie Lehmann die gibt es noch in einem Vorort von
Lahr, in Seelbach. Ihr Haus liegt direkt am Eingang des Dorfes -
Wohnhaus und Werkstatt in einem, die eher wie eine kleine
Fabrikantenvilla ausschaut. Es ging immer Familie und Betrieb
parallel. Sie sind vermutlich die letzten Zigarrenmacher die es noch
im Rheintal gibt.

Ein langgestreckter Tisch an dem früher sechs Leute arbeiten konnten.
1924 in der Wirtschaftskrisenzeit machte sich die Familie Lehmann mit
der ganzen Verwandtschaft wegen der Kurzarbeit in den Fabriken
selbständig mit 15 Leuten. Kurzarbeit hieß damals eine Tragödie ohne
Lohnfortzahlung, die Selbständigkeit war reine Notwehr. Aufs und abs
gab es bis zum Zweiten Weltkrieg. 40.000 Zigarren verkaufte die
Familie monatlich mit den 5 bis 6 Mitarbeitern ihrer
Zigarrenmanufaktur. Oskar Lehmann ist ein freundlicher, leicht
untersetzter Mann mitten im Tabakduft.

Der Tabak für die Einlage kommt von Spezialversendern. Das ist eine
Mischung, Süddeutsche Rohtabake Hillen heißt die Firma, sie vertreibt
verschiedene Rohtabake aus der EU und aus Deutschland. Der Tabak wird
in Plastiksäcken angeliefert. Außerdem liefert eine Bremer Firma
Tabake aus Plantagen von Java und Sumatra. Wenn der Tabak kommt wird
ein Muster geschickt. Der Tabak wird im Keller befeuchtet.

Die Herstellung beginnt mit den Rohlingen aus Tabakschnipseln und
Tabakblättern. Zwei alte Maschinen dienen der Herstellung von
Zigarrenrohlingen, sie stammt aus einer geschlossenen Zigarrenfabrik
in Friedheim. Die Rohlinge werden zwischen Formblätter gelegt,
beschnitten und etwas gepreßt. Diese Rohlinge werden anschließend von
den Lehmanns in Handarbeit in ein feuchtes Deckblatt eingerollt und
mit speziellem Zigarrenkleber verklebt.

Bei den Deckblättern wird die Sache heikel. Ein gutes Deckblatt kommt
auf den Jahrgang an, es ist nicht jedes Jahr gleich. Er kauft meistens
Sumatra Deckblatt und Java Umblatt und natürlich auch die Tabake aus
der Heimat. Tabake aus der Rheinebene, dem Ried, wie die Einheimischen
in den Schwarzwaldtälern sagen. Zigarrentabak ist der Geudesheimer,
das sind die großen braunen Blätter. Eine Mischung die nun in der
fertigen Zigarre drin ist. Die Zigarillos die heute gemacht werden
heißen >Havanna-Pflänzchen<, 100% Tabake ohne Papier.

Was auffällt ist diese besondere Stimmung zwischen den beiden. Ein
Ehepaar das überall sonst als Rentnerehepaar durchgehen würde. Kein
scharfes Wort, Rücksichtnahme aufeinander, Stolz auf die geschaffte
Arbeit.

Oskar Lehmann ist Stolz auf sein gutes Recht, auf jede seiner
Zigarrenkisten >100% Tabak< aufdrucken zu dürfen. Er ist stolz auf
seine tüchtige Frau, die durchschnittlich 1.000 Stück Zigarren am Tag
schafft, natürlich abhängig vom hergestellten Format. Sie machen
praktisch alles selbst ohne Hilfskräfte, Herstellung und Vertrieb. Das
Maß sind Kisten zu 10, 25 oder 50 Stück.

Der Bedarf ist je nach Jahreszeit sehr unterschiedlich. Im Sommer wird
viel geraucht, da kommen auch die Imker zu Lehmanns und holen
Zigarren, im Winter hingegen herrscht Zigarrenflaute.

Zigarrenraucher sind ein Völkchen für sich: sie wollen Duft,
Geschmack, Genuß und nicht den Mund voll ätzend scharfen Tabaksaft. D.
h. so eine Zigarre muss nicht nur gemacht werden, der Einkauf der
Bestandteile ist ebenfalls ein Kunstwerk aus Wissen und Kapital.
Die Sache hat sich natürlich unter den Zigarrenrauchern
herumgesprochen. Die Dinger sind besser als aus den Mammutfabriken.
Meist Privatkundschaft, Touristen und Gaststätten. Handgemacht, wo
gibt es das heute noch in Deutschland? Zigarren noch wie aus der guten
alten Zeit, als Coronas noch Coronas waren und Fehlfarben tatsächlich
nur optische Fehler hatten und nicht nach Kautabak schmeckten.

Das Leben der Lehmanns war nicht immer einfach, es war Arbeit. Doch
wenn es keinen Tabak gibt, dann können auch Zigarrenmacher nicht mehr
arbeiten, wie z. B. 1944-1947. Erst 1948 mit der Währungsreform hat es
wieder Tabak gegeben, die Händler sind wieder gekommen.
Sie haben geheiratet, ihre vier Kinder großgezogen, von denen keines
das Geschäft übernehmen will. Obwohl Oskar Lehmann immer noch hofft,
dass sich doch eines von ihnen entschließen wird.

Er findet sein Leben prima, das Mischen der Tabake, das Herstellen der
Zigarren, die Verkaufsfahrten zur Kundschaft und das Heimkommen mit
dem Geld. Mag schon sein, dass seine Frau ihn dann genau befragt.
Er lächelt ein freundliches selbstsicheres Lächeln, stolz auf ein
erfülltes Leben, während er ein Cigarillo betrachtet und den Rauch
nachdenklich ausstößt. Doch, die Qualität ist in Ordnung, sein
Zigarillo schmeckt immer noch so wie vor zwanzig Jahren. Qualität -
das ist Ehrensache.
Zigarrenmachen ist für ihn auch eine Brücke zu der Welt da draußen,
außerhalb von Schwarzwald und Rheintal.
Leben und die Jahre sind sozusagen in Zigarrenrauch aufgegangen. In
Verkaufsfahrten zu Läden und Privatkunden, noch hört er nicht auf.
Urlaub machen die Lehmanns, wenn überhaupt, nur an Weihnachtstagen.
Menschen die sich unter Seufzern zur Arbeit schleppen oder möglichst
früh in Rente gehen wollen, die kann Oskar Lehmann sich eigentlich
kaum vorstellen. >Ich hab gern gearbeitet und so das Leben
herumgebracht<


Kennt von euch jemand den Zigarrenmacher? Ein paar Fotos wären schön,
die Gegend scheint für einen Familienausflug ideal zu sein ;-)

http://www.seelbach-online.de/

Ivo Küffner

unread,
Mar 15, 2002, 1:29:52 AM3/15/02
to
Moin Mädels und Jungs,

wusste garnicht, das in Deutschland solche Mengen Tabak angebaut werden,
geschweige denn, dass es bei uns Zigarrenmacher gibt. Und dann hätte ich sie
sicher nicht im Schwarzwald vermutet, sondern eher in der Nähe von Hamburg
(der Häfen wegen). Find ich toll, dass auch wir unsere eigenen "Cohibas"
haben.

--
Dampfende Grüße aus dem Vogtland
Ivo

"Wer den Mund hält, weil er unrecht hat, ist ein Weiser.
Wer den Mund hält, obwohl er recht hat, ist verheiratet
- oder Pfeifenraucher"
Georg Bernhard Shaw


0 new messages