Verschwrungstheorien sind indessen keine Neuerung unserer Zeit. In der Tat sind in den letzten zwei Jahrhunderten so viele Verschwrungstheorien zirkuliert, dass es darber sogar ein (in der Bibliothek des Sozialarchivs greifbares) Lexikon gibt. Die interdisziplinre Forschung zu Verschwrungstheorien hebt unter den psychologischen, sozialen und politischen Ursachen fr die Akzeptanz solcher Phantasmagorien den Faktor Verunsicherung besonders hervor. In diesem Kontext vermittelt die Vorstellung von Verschwrungen und einem unsichtbaren Regisseur in als chaotisch empfundenen Zeiten Orientierung, erleichtert das vermeintliche Verstndnis komplexer Entwicklungen und schafft durch Abgrenzung gegen bse Mchte Zugehrigkeitsgefhle zur Seite des Guten. Verschwrungstheorien greifen damit drei Grundmotive abendlndischer Geschichtsmetaphysik auf: die Teleologie (es gibt einen Masterplan, der auf ein Ziel hinluft), den Dualismus zwischen Gut und Bse sowie den Okkultismus, also den scheinbaren Zugang zu einer verborgenen Wirklichkeit. Dies macht Verschwrungstheorien insbesondere in Krisenzeiten fr ein breiteres Publikum attraktiv und lsst sie zu einem Manipulationsinstrument werden, das zur Rechtfertigung von Herrschafts-, Unterdrckungs- oder im Extremfall gar Vernichtungsmassnahmen dienen kann.
In Deutschland wurde der Text der Protokolle erstmals Anfang 1920 vom antisemitischen Publizisten Ludwig Mller von Hausen verffentlicht. Im Vorwort behauptete der Herausgeber, die Protokolle seien 1897 auf dem ersten Zionistenkongress in Basel entstanden und von einem russischen Spitzel sichergestellt worden. Die Verbreitung der Protokolle in Deutschland wurde nach dem Ersten Weltkrieg dadurch begnstigt, dass sie kompatibel waren mit einer anderen damals weitverbreiteten Verschwrungstheorie: der Dolchstosslegende. Nach der Kriegsniederlage setzten Mitglieder der Obersten Heeresleitung die Lge in Umlauf, das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt geblieben, aber durch einen Dolchstoss in den Rcken von oppositionellen Zivilisten, Demokraten und Sozialisten, zu Fall gebracht worden. In Tat und Wahrheit hatte die Oberste Heeresleitung bereits Ende September 1918, fnf Wochen vor Beginn der Novemberrevolution, erkannt, dass die militrische Lage aussichtslos war, und die Reichsregierung zu einer Beteiligung der demokratischen Parteien an der Regierung gedrngt, um diese dann fr die zu erwartenden harten Friedensbedingungen verantwortlich machen zu knnen. Den Urhebern der Dolchstosslegende ging es also darum, von den Fehlern der militrischen Fhrung abzulenken und das ihnen unsympathische demokratische System der neuen Weimarer Republik von Beginn weg zu diskreditieren. Tatschlich griffen deutschnationale, vlkische und nationalsozialistische Kreise die Dolchstosslegende rasch auf und benutzten sie nicht nur in der politischen Agitation gegen die als Novemberverbrecher geschmhten demokratischen Parteien, sondern auch in der antisemitischen Propaganda, indem sie nun die Juden auch oder sogar vornehmlich fr den angeblichen Dolchstoss verantwortlich machten.
Im Vorfeld der Reichstagswahlen vom Dezember 1924 publizierten die Sddeutschen Monatshefte mehrere Dolchstossnummern. Als ein sozialdemokratischer Journalist daraufhin den Chefredaktor der Monatshefte der Geschichtsflschung zieh, kam es zu einem Ehrverletzungsverfahren, der als Mnchner Dolchstossprozess in die Geschichte eingegangen ist. Das Gericht befand Ende 1925, bei der Dolchstossbeschuldigung handle es sich um einen Irrtum, wertete den Vorwurf der Geschichtsflschung aber dennoch als Ehrverletzung und ble Nachrede, da dem Chefredaktor der Monatshefte keine Absicht unterstellt werden knne. Kurz zuvor hatte ein anderer Prozess um die Dolchstosslegende die Republik erschttert, nachdem ein Redaktor der Mitteldeutschen Presse den sozialdemokratischen Reichsprsidenten Friedrich Ebert fr die Kriegsniederlage mitverantwortlich gemacht hatte. Im Dezember 1924 verurteilte das Amtsgericht Magdeburg den Journalisten wegen Beleidigung, meinte aber in der Urteilsbegrndung, die Behauptung, Ebert habe durch Beteiligung an den Massenstreiks vom Januar 1918 Landesverrat begangen, sei im strafrechtlichen Sinne zutreffend. Das von republikfeindlichen Kreisen gefeierte Verdikt wurde zwar 1931 vom Reichsgericht revidiert. Ebert hatte aber wegen des Prozesses eine dringend notwendige Blinddarmoperation verzgert und verstarb am 28. Februar 1925 berraschend an einem Blinddarmdurchbruch. Dies ermglichte bei der Neuwahl im Frhjahr 1925 der republikfeindlichen Rechten, mit Paul von Hindenburg, der von 1916 bis 1918 als Generalfeldmarschall die Oberste Heeresleitung gefhrt hatte, das Reichsprsidium zu bernehmen.
Ab dem Sommer 1920 wurden die Protokolle der Weisen von Zion auch in der Schweizer Presse bekannt. Der katholisch-konservative Redaktor der Wochenzeitung Schweizerische Republikanische Bltter, Johann Baptist Rusch, publizierte im August 1920 einen Artikel darber, der wenige Tage darauf unter dem Titel Die jdische Gefahr auch auf der Frontseite des Walliser Boten erschien und die Echtheit der Protokolle erwiesen sah: Juda regiert die Welt. Juda hat den Lwenanteil an der Beute aus dem entsetzlichen Zusammenbruch der europischen Vlkerfamilie davongetragen. Juda steht an der Spitze des Bolschewismus, des revolutionren Sozialismus. Juda bildet das furchtbare Sprengpulver im sozialen, politischen und religisen Leben der Vlker. Juda manvriert als unsichtbarer Regisseur hinter den blutbespritzten Kulissen des schaurigen Vlkerkrieges und der aus ihm entsprungenen Weltrevolution (Walliser Bote, 1.9.1920). Rusch sollte sich spter dann von dieser Meinung distanzieren und die Protokolle in den 30er-Jahren ffentlich als Flschung im Dienste antisemitischer Propaganda anprangern.
Dennoch wurden die Instruktionen jahrzehntelang als angeblicher Beleg fr die revolutionren Absichten des Oltener Aktionskomitees und dessen Steuerung aus Moskau geschichtspolitisch verwendet (vgl. SozialarchivInfo 4/2018). Hatte Persky die jdischen Wurzeln des angeblich als Diktator der Sowjetschweiz vorgesehenen Radek nicht besonders betont, so formulierte die Gazette de Lausanne bereits im Oktober 1919 eine umfassende judeo-bolschewistische Weltverschwrungstheorie, die die Schweiz einschloss (Gazette de Lausanne, 4.10.1919). Auch der Militrpublizist Paul de Vallire reicherte 1926 seine Broschre Les troubles rvolutionnaires en Suisse de 1916 1919, die sich stark auf das geflschte Persky-Dokument absttzte, antisemitisch an. Von de Vallires Text nhrten sich jahrzehntelang Revolutionserzhlungen ber den Landesstreik, so noch 1960 ein Artikel des Ex-Nachrichtenchefs Roger Masson, der auch de Vallires antisemitische Passagen bernahm. Emil Sonderegger, im Landesstreik Platzkommandant der Ordnungstruppen in Zrich, dann Generalstabschef der Schweizer Armee und in den frhen 30er-Jahren in verschiedenen rechtsextremen Fronten aktiv, sprach 1933 in seiner Streitschrift Ordnung im Staat von einer zu bekmpfenden rot-jdischen Front aus Kommunisten, Sozialdemokraten, religis-sozialen Pfarrern, Pazifistinnen und Teilen der Freimaurerei. Zu diesem Zweck fordert er eine neue Bundesverfassung mit einer unparlamentarischen Regierung unter Leitung eines Landammanns, das Verbot der Einbrgerung von Angehrigen der jdischen Rasse sowie Einschrnkung der Pressefreiheit (vgl. SozialarchivInfo 5/2020).
Im Jahre 1938 behauptete der Film La Peste Rouge, die Authentizitt des Persky-Dokumentes sei incontestable, und zeigte sogar einen dicken Dokumentenband, der angeblich die Instruktionen (die bei Persky noch in einem Zeitungsartikel Platz gehabt hatten) darstellte. Der von Kreisen um Altbundesrat Jean-Marie Musy und den nachmaligen SS-Obersturmbannfhrer Franz Riedweg in deutschen Studios produzierte Streifen stellte den Landesstreik zusammen mit der Oktoberrevolution, den Umbrchen in verschiedenen Lndern zu Ende des Ersten Weltkriegs, dem spanischen Brgerkrieg sowie Sozialprotest und Unruhen in aller Welt als Teil einer globalen jdisch-bolschewistisch-intellektualistischen Verschwrung dar, ohne explizit auf die Protokolle der Weisen von Zion zu verweisen.
Das Berner Gericht stellte schliesslich im Mai 1935 fest: Irgend ein Beweis dafr, dass die sog. Protokolle, wie sie in der Broschre Fritsch enthalten sind, irgendwo und irgendwann von einem oder mehreren Juden im Auftrag einer geheimen jdischen Weltregierung ausgearbeitet, vorgetragen, beraten worden sind, ist nicht erbracht worden. In erster Instanz wurden mehrere Angeklagte wegen der Verbreitung von Schundliteratur verurteilt. Das Berner Obergericht hob dieses Urteil im November 1937 dann auf, da der Begriff Schundliteratur gemss Berner Strafgesetzbuch auf politische Propaganda ohne pornografische oder obszne Komponente nicht anwendbar sei, zog jedoch den von der Vorinstanz festgestellten fiktiven Charakter der Protokolle nicht in Zweifel und bezeichnete das von den Frontisten verteilte Material als Hetzartikel gemeinster Sorte.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs suchten monarchistisch-nationalistische Kreise nach Ursachen fr den militrischen Zusammenbruch des Deutschen Reichs. Immer hufiger wurde "den Juden" die Schuld an der deutschen Niederlage gegeben. In ihrer Ablehnung des "Schandfriedens" von Versailles und zur Untermauerung der "Dolchstolegende" instrumentalisierten Vertreter der extremen Rechten vor allem die kurz nach Kriegsende in Deutschland verffentlichten "Protokolle der Weisen von Zion". Diese erstmals 1903 in der judenfeindlichen Presse des zaristischen Russland erschienene antisemitische Textsammlung enthielt angebliche Mitschriften jdischer Geheimsitzungen zum Ziel der "Weltherrschaft des Judentums".
Weltanschaulich spiegelt sich in ihnen die politische Agitation gegen einen vermeintlich jdischen Internationalismus sowie gegen die abgelehnte Moderne mit ihren Erscheinungsformen von Demokratie, Kapitalismus und Sozialismus wieder.
Die in den "Protokollen" geuerte These einer "jdischen Weltverschwrung" war auch grundlegender Bestandteil im Gedankengerst des NS-Antisemitismus. Mit ihnen wollte das NS-Regime die stetige Radikalisierung der antijdischen Politik legitimieren, die nach Beginn des Zweiten Weltkriegs explizit mit einem Deutschland von "jdischen Bolschewisten und Kapitalisten" aufgezwungenen Krieg begrndet wurde. Fhrende Nationalsozialisten bezogen sich in ihren Reden und Schriften wiederholt auf die "Protokolle", allen voran Adolf Hitler in "Mein Kampf". Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg widmete diesem Thema zahlreiche Artikel in der Parteizeitung "Vlkischer Beobachter" sowie ein in hohen Auflagen vertriebenes Buch. Der frnkische Gauleiter Julius Streicher schlielich variierte das Thema einer dmonischen Verschwrung des "Weltjudentums" gegen den Rest der Menschheit in seinem agitatorischen Wochenblatt "Der Strmer". Im NSDAP-Parteiverlag "Franz Eher Nachf." erschienen die "Protokolle" als sogenannte Volksausgabe, sie waren Pflichtlektre an den Schulen und wurden von der NS-Auslandspropaganda bis nach Japan und Sdamerika verbreitet.
7fc3f7cf58