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Ein solches ist das Unheimliche. Kein Zweifel, da es zumSchreckhaften, Angst- und Grauenerregenden gehrt, und ebensosicher ist es, da dies Wort nicht immer in einem scharf zu bestimmendenSinne gebraucht wird, so da es eben meist mit demAngsterregenden berhaupt zusammenfllt. Aber man darf doch erwarten,da ein besonderer Kern vorhanden ist, der die Verwendungeines besonderen Begriffswortes rechtfertigt. Man mchte wissen, wasdieser gemeinsame Kern ist, der etwa gestattet, innerhalb des ngstlichenein Unheimliches zu unterscheiden.
Darber findet man nun so viel wie nichts in den ausfhrlichenDarstellungen der sthetik, die sich berhaupt lieber mit den schnen,groartigen, anziehenden, also mit den positiven Gefhlsarten, ihrenBedingungen und den Gegenstnden, die sie hervorrufen, als mitden gegenstzlichen, abstoenden, peinlichen beschftigen. Von seitender rztlich-psychologischen Literatur kenne ich nur die eine, inhaltsreicheaber nicht erschpfende, Abhandlung von E. Jentsch (Zur Psychologie des Unheimlichen, Psychiatr.-neurolog. Wochenschrift 1906Nr. 22 u. 23). Allerdings mu ich gestehen, da aus leicht zu erratenden,in der Zeit liegenden Grnden die Literatur zu diesem kleinen Beitrag,insbesondere die fremdsprachige, nicht grndlich herausgesucht wurde,weshalb er denn auch ohne jeden Anspruch auf Prioritt vor denLeser tritt.
Als Schwierigkeit beim Studium des Unheimlichen betontJentsch mit vollem Recht, da die Empfindlichkeit fr diese Gefhlsqualittbei verschiedenen Menschen so sehr verschieden angetroffenwird. Ja, der Autor dieser neuen Unternehmung mu sicheiner besonderen Stumpfheit in dieser Sache anklagen, wo groe Feinfhligkeiteher am Platze wre. Er hat schon lange nichts erlebt oderkennen gelernt, was ihm den Eindruck des Unheimlichen gemachthtte, mu sich erst in das Gefhl hineinversetzen, die Mglichkeitdesselben in sich wachrufen. Indes sind Schwierigkeiten dieser Artauch auf vielen anderen Gebieten der sthetik mchtig; man brauchtdarum die Erwartung nicht aufzugeben, da sich die Flle werdenherausheben lassen, in denen der fragliche Charakter von den meistenwiderspruchslos anerkannt wird.
Man kann nun zwei Wege einschlagen: nachsuchen, welcheBedeutung die Sprachentwicklung in dem Worte unheimlich niedergelegthat, oder zusammentragen, was an Personen und Dingen,Sinneseindrcken, Erlebnissen und Situationen das Gefhl des Unheimlichenin uns wachruft, und den verhllten Charakter des Unheimlichenaus einem allen Fllen Gemeinsamen erschlieen. Ich willgleich verraten, da beide Wege zum nmlichen Ergebnis fhren,das Unheimliche sei jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte,Lngstvertraute zurckgeht. Wie das mglich ist, unterwelchen Bedingungen das Vertraute unheimlich, schreckhaft werdenkann, das wird aus dem Weiteren ersichtlich werden. Ich bemerkenoch, da diese Untersuchung in Wirklichkeit den Weg ber eineSammlung von Einzelfllen genommen und erst spter die Besttigungdurch die Aussage des Sprachgebrauchs gefunden hat. Indieser Darstellung werde ich aber den umgekehrten Weg gehen.
Das deutsche Wort unheimlich ist offenbar der Gegensatzzu heimlich, heimisch, vertraut und der Schlu liegt nahe, es seietwas eben darum schreckhaft, weil es nicht bekannt und vertraut ist.Natrlich ist aber nicht alles schreckhaft, was neu und nicht vertrautist; die Beziehung ist nicht umkehrbar. Man kann nur sagen, wasneuartig ist, wird leicht schreckhaft und unheimlich; einiges Neuartigeist schreckhaft, durchaus nicht alles. Zum Neuen und Nichtvertrautenmu erst etwas hinzukommen, was es zum Unheimlichen macht.
Jentsch ist im ganzen bei dieser Beziehung des Unheimlichenzum Neuartigen, Nichtvertrauten, stehen geblieben. Er findet diewesentliche Bedingung fr das Zustandekommen des unheimlichenGefhls in der intellektuellen Unsicherheit. Das Unheimliche wreeigentlich immer etwas, worin man sich sozusagen nicht auskennt. Je besser ein Mensch in der Umwelt orientiert ist, destowenigerleicht wird er von den Dingen oder Vorfllen in ihr den Eindruckder Unheimlichkeit empfangen.
Wir haben es leicht zu urteilen, da diese Kennzeichnung nichterschpfend ist, und versuchen darum, ber die Gleichung unheimlich= nicht vertraut hinauszugehen. Wir wenden uns zunchst an andereSprachen. Aber die Wrterbcher, in denen wir nachschlagen, sagenuns nichts Neues, vielleicht nur darum nicht, weil wir selbst Fremdsprachigesind. Ja wir gewinnen den Eindruck, da vielen Sprachenein Wort fr diese besondere Nuance des Schreckhaften abgeht[1].
Das Italienische und Portugiesische scheinen sich mit Wortenzu begngen, die wir als Umschreibungen bezeichnen wrden. ImArabischen und Hebrischen fllt unheimlich mit dmonisch, schaurigzusammen.
In Daniel Sanders' Wrterbuch der Deutschen Sprache 1860finden sich folgende Angaben zum Worte heimlich, die ich hierungekrzt abschreiben und aus denen ich die eine und die andereStelle durch Unterstreichung hervorheben will: (I. Bd., p. 729.)
Aus diesem langen Zitat ist fr uns am interessantesten, dadas Wrtchen heimlich unter den mehrfachen Nuancen seiner Bedeutungauch eine zeigt, in der es mit seinem Gegensatz unheimlichzusammenfllt. Das heimliche wird dann zum unheimlichen; vgl. dasBeispiel von Gutzkow: Wir nennen das unheimlich, Sie nennen'sheimlich. Wir werden berhaupt daran gemahnt, da dies Wortheimlich nicht eindeutig ist, sondern zwei Vorstellungskreisen zugehrt,die, ohne gegenstzlich zu sein, einander doch recht fremd sind,dem des Vertrauten, Behaglichen und dem des Versteckten, Verborgengehaltenen. Unheimlich sei nur als Gegensatz zur ersten Bedeutung, nicht auch zur zweiten gebruchlich. Wir erfahren beiSanders nichts darber, ob nicht doch eine genetische Beziehungzwischen diesen zwei Bedeutungen anzunehmen ist. Hingegen werdenwir auf eine Bemerkung von Schelling aufmerksam, die vom Inhaltdes Begriffes Unheimlich etwas ganz Neues aussagt, auf dasunsere Erwartung gewi nicht eingestellt war. Unheimlich sei alles,was ein Geheimnis, im Verborgenen bleiben sollte und hervorgetretenist.
9. die bedeutung des versteckten, gefhrlichen, die in dervorigen nummer hervortritt, entwickelt sich noch weiter, sodasz heimlich den sinn empfngt, den sonst unheimlich (gebildetnach heimlich 3, b) sp. 874) hat: mir ist zu zeiten wie dem menschen derin nacht wandelt und an gespenster glaubt, jeder winkel ist ihm heimlichund schauerhaft. Klinger, theater, 3, 298.
Also heimlich ist ein Wort, das seine Bedeutung nach einerAmbivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfllt. Unheimlich ist irgendwie eine Art vonheimlich. Halten wir dies noch nicht recht geklrte Ergebnis mit derDefinition des Unheimlichen von Schleiermacher zusammen. DieEinzeluntersuchung der Flle des Unheimlichen wird uns dieseAndeutungen verstndlich machen.
Einer der sichersten Kunstgriffe, leicht unheimliche Wirkungendurch Erzhlungen hervorzurufen, schreibt Jentsch, beruht nundarauf, da man den Leser im Ungewissen darber lt, ob er ineiner bestimmten Figur eine Person oder etwa einen Automatenvor sich habe, und zwar so, da diese Unsicherheit nicht direkt inden Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit tritt, damit er nicht veranlatwerde, die Sache sofort zu untersuchen und klarzustellen, da hiedurch,wie gesagt, die besondere Gefhlswirkung leicht schwindet.E. T. A. Hoffmann hat in seinen Phantasiestcken diesespsychologische Manver wiederholt mit Erfolg zur Geltung gebracht.
Der Student Nathaniel, mit dessen Kindheitserinnerungen diephantastische Erzhlung anhebt, kann trotz seines Glckes in derGegenwart die Erinnerungen nicht bannen, die sich ihm an denrtselhaft erschreckenden Tod des geliebten Vaters knpfen. Angewissen Abenden pflegte die Mutter die Kinder mit der Mahnungzeitig zu Bette zu schicken: Der Sandmann kommt, und wirklich hrtdas Kind dann jedesmal den schweren Schritt eines Besuchers, derden Vater fr diesen Abend in Anspruch nimmt. Die Mutter, nachdem Sandmann befragt, leugnet dann zwar, da ein solcher andersdenn als Redensart existiert, aber eine Kinderfrau wei greifbarereAuskunft zu geben: Das ist ein bser Mann, der kommt zu denKindern, wenn sie nicht zu Bette gehen wollen und wirft ihnenHnde voll Sand in die Augen, da sie blutig zum Kopf herausspringen,die wirft er dann in den Sack und trgt sie in den Halbmond zurAtzung fr seine Kinderchen, die sitzen dort im Nest und habenkrumme Schnbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigenMenschenkindlein Augen auf.
Obwohl der kleine Nathaniel alt und verstndig genug war,um so schauerliche Zutaten zur Figur des Sandmannes abzuweisen,so setzte sich doch die Angst vor diesem selbst in ihm fest. Erbeschlo zu erkunden, wie der Sandmann aussehe, und verbarg sicheines Abends, als er wieder erwartet wurde, im Arbeitszimmerdes Vaters. In dem Besucher erkennt er dann den AdvokatenCoppelius, eine abstoende Persnlichkeit, vor der sich die Kinderzu scheuen pflegten, wenn er gelegentlich als Mittagsgast erschien,und identifiziert nun diesen Coppelius mit dem gefrchteten Sandmann.Fr den weiteren Fortgang dieser Szene macht es der Dichter bereitszweifelhaft, ob wir es mit einem ersten Delirium des angstbesessenenKnaben oder mit einem Bericht zu tun haben, der als real in derDarstellungswelt der Erzhlung aufzufassen ist. Vater und Gastmachen sich an einem Herd mit flammender Glut zu schaffen. Derkleine Lauscher hrt Coppelius rufen: Augen her, Augen her,verrt sich durch seinen Aufschrei und wird von Coppelius gepackt,der ihm glutrote Krner aus der Flamme in die Augen streuenwill, um sie dann auf den Herd zu werfen. Der Vater bittet dieAugen des Kindes frei. Eine tiefe Ohnmacht und lange Krankheitbeenden das Erlebnis. Wer sich fr die rationalistische Deutung desSandmannes entscheidet, wird in dieser Phantasie des Kindes denfortwirkenden Einflu jener Erzhlung der Kinderfrau nicht verkennen.Anstatt der Sandkrner sind es glutrote Flammenkrner, die demKinde in die Augen gestreut werden sollen, in beiden Fllen, damit die Augen herausspringen. Bei einem weiteren Besuche des Sandmannesein Jahr spter wird der Vater durch eine Explosion imArbeitszimmer gettet; der Advokat Coppelius verschwindet vomOrte, ohne eine Spur zu hinterlassen.
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