So haben sich die Pariser Theaterskandale gehäuft, seit der stets wagemutige Opernintendant Gerard Mortier im Amt ist. Es gab schon Abende, an denen feine Herren in Piano-Stellen hineinriefen: "Mortier, es reicht", aber der mutige Mann, dessen Name übersetzt nicht umsonst "Mörser" heißt, kennt keine Furcht. Sein Mozart-Jahr wird in die Geschichte der Pariser Oper eingehen, und auch damals, im vergangenen Sommer, war Christoph Marthaler schon mit von der Partie, als er sich für "Figaros Hochzeit" ausbuhen lassen musste. Er wusste also, der Schweizer Star aus Deutschland, Frankreichs liebster Buhmann, was ihn erwartete, als er am Samstagabend auf die Bühne kam.
Anrührend, schmerzlich schön
Aber vielleicht, wahrscheinlich, hatte er dieses Mal auf eine Überraschung gehofft. Auf Zuspruch, auf Beifall gar, denn nichts anderes hätte er verdient gehabt. "Das ist nicht 'La Traviata'"? Das war sehr wohl "La Traviata", eine ins Jetzt gerettete, eine neuerlich sichtbare, fast nachvollziehbare, in jedem Fall anrührende, schmerzlich schöne Traviata.
Machen wir uns nichts vor: Die Geschichte dieser todkranken Violetta, die aus fadenscheinigen Gründen auf die letzte Liebe ihres Lebens verzichten soll, dieses Textbuch ist längst so gealtert, so gestrig und historisch, dass seine Aufführung unfreiwillig komisch daher käme, wenn der Regisseur den Stoff nicht ins Hier und Heute irgendwie übersetzen würde.
Und Marthaler tut genau dies. Er kann nicht, natürlich nicht, den Kern der Geschichte umschreiben, aber er kann, und er tut es im kongenialen Spiel mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, um diesen eigentlich erloschenen Kern herum neuen, heutigen Sinn zu arrangieren. Er tut dies in Gesten, in verstörenden Details, er lässt Menschen nicht tanzen, sondern zucken, er belebt tote Punkte der Handlung mittels schöner Effekte seines Lichtbildners Olaf Winter, man könnte sagen: Er lenkt den Zuschauer ein bisschen ab von der Frage nach Glaubwürdigkeit und rettet so das schöne Drama um L
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