INGENIEURGRUPPE MUENCHEN E.G.
Hinter den sieben Bergen ...
- Selbstaendig in genossenschaftlicher Partnerschaft
Die heutige "IG Ingenieurgruppe Muenchen e.G.,
Beratung Planung Entwicklung", kurz Ingenieurgruppe
Muenchen e.G., geht auf die 1969 gegruendete Gruppe
Ingenieurbau Buende zurueck. Neben einer
interdisziplinaeren Zusammensetzung im technischen
Consultingwesen versuchten die Initiatioren Rottmayr
und Jordan erstmals ein Betriebsmodell zu
verwirklichen, in dem alle Mitglieder des
Unternehmens unabhaengig vom Ausbildungsstand
selbstaendige und daher gleichberechtigte Partner
sind. Nach verschiedenen Experimenten und
Trennungen entstand 1989 das Unternehmen in
seiner jetzigen Form.
Burghard Flieger, Red. Genossenschaften - Die
genossenschaftlich organisierten Ingenieurgruppe Muenchen e.G.
bietet durch in den Fachgruppen zusammengefassten
Spezialisten Leistungen im Bauwesen, in der
Informationstechnik und im Umweltschutz mit einem jeweils
breiten Aufgabenspektrum an. Beispielsweise bestehen
im Umweltschutz Erfahrungen in den Bereichen Altlasten,
Betriebliche Umweltberatung, Abfallwirtschaft, Umweltstudien
und Wasserwirtschaft.
Die besondere Leistungsfaehigkeit des Unternehmens
zeigt sich bei fachuebergreifenden Aufgaben. Das kann
das computer- und lasergesteuerte hydraulische Heben eines
setzungsgefaehrdeten Bauwerks sein, die Gesamtplanung einer
Flussbruecke in einem Naturschutzgebiet oder
die computerunterstuetzte Grundwasserueberwachung im
Stadtgebiet Muenchen. Hier greift die jahrelang geuebte
interdisziplinaere Zusammenarbeit und das Know-how, das
sich durch die Unternehmensgruendungen in der Vergangenheit
und die Entwicklung neuer kooperativer Strukturen angesammelt
hat.
Die Selbstaendigkeit
Die Loesung vieler grundsaetzlicher Probleme demokratischer
Unternehmensstrukturen wird bei der Ingenieurgruppe Muenchen
e.G. in der Verbindung der Selbstaendigkeit der
Unternehmensmitglieder und gleichzeitiger unternehmerischer
Partnerschaft gesehen. Fuer die Selbstaendigkeit spricht das
hohe Mass an Freiheit und Unabhaengigkeit. Jedoch hat diese
Freiheit ihren Preis: ein Stueck Sicherheit oder vermeintliche
Sicherheit, naemlich die Absicherung gegen Arbeitslosigkeit
und zum Teil gegen
Krankheit, muss aufgegeben werden. Die soziale Absicherung,
fuer die beim Angestellten zum Teil der Staat oder
der Arbeitgeber sorgt, muss der Selbstaendige allein tragen.
Diesem Nachteil stehen eine Reihe von Vorteilen gegenueber. An
erster Stelle ist die hoehere Lebensqualitaet
durch die freie Arbeit zu nennen. Das Wechselprinzip Risiko
und Erfolg und auch der Lernprozess aus Risiko und
Misserfolg geben dem Selbstaendigen das von vielen ersehnte
Mass an Abenteuer und Steigerung des Lebensgefuehls. Dieses
macht ihn faehig, die selbstaendige Existenz
mit den oft erheblichen Arbeitsanforderungen auf sich zu
nehmen und daran zu wachsen.
Ein grosses Problem fuer Lohnabhaengige ist die Fremdbestimmung
der Arbeit und durch die Arbeitsteilung die
Entfremdung von der Arbeit. Daraus resultiert eine mangelnde
Identifikation mit der Arbeit. Fuer Selbstaendige
gibt es dieses Problem nur selten, da sie ihre Arbeit
weitgehend selbst waehlen und fuer ihre Arbeit mit ihrer
Existenz
haften. Die Identifikation ist deshalb meist
selbstverstaendlich und besonders ausgepraegt. Zudem muessen sie
sich
mit vielen fachfremden Gebieten beschaeftigen wie Akquisition,
Steuern, Buchhaltung, Versicherungen, Arbeitsorganisation,
Investitionen etc. Dies fuehrt zu einem vielseitigen
Informiertsein, einer Horizonterweiterung und einem
realistischen Einblick in wirtschaftliche Zusammenhaenge.
Die Partnerschaft
Allerdings ist der Mensch kein Einzelwesen. Er lebt und
arbeitet lieber in einer Gemeinschaft. Auch koennen komplexere
Aufgaben nur von einem Team geloest werden. Deshalb suchten
die Initiatoren der Ingenieurgruppe Muenchen, eine
Organisationsform, die die Vorzuege der Selbstaendigkeit mit
denen der Gemeinschaft verbindet. Relativ einfach gestaltet
sich die Zusammenarbeit von Gleichgestellten mit etwa
gleichen Faehigkeiten und gleichem
Einsatz. Im Normalerweise ist fuer ein Unternehmen aber
ein viel breiteres Spektrum von Qualifikationen erforderlich.
Fuer eine kooperative Unternehmensorganisation ist
deshalb die Integration von Mitgliedern unterschiedlicher
Ausbildung und Qualifikation entscheidend.
Unterschiedlich koennen z.B. sein:
* die Fachqualifikation (Fachinteresse, Erfahrung,
Werkzeugbeherrschung)
* die allgemeine Qualifikation (Vorbildung, Gedaechtnis, etc.)
* die geschaeftliche Qualifikation (Risikobereitschaft,
Akquisition)
* die Gemeinschaftsqualifikation (kooperativ, integrierend,
etc.)
Hoch qualifizierte Fachleute werden in Fragen ihres
Fachs oder ihrer Erfahrung ueberstimmt, so lautet eine
haeufig geaeusserte Befuerchtung, wenn unterschiedlich
Qualifizierte das gleiche Stimmgewicht erhalten. Die Praxis
zeigt jedoch, dass dies nur selten vorkommt. Zwar hat
jeder Partner eine Stimme mit gleichem Stimmgewicht,
der Einfluss der einzelnen Personen kann aber trotzdem
sehr unterschiedlich sein. Erfahrene, kenntnisreiche Partner
erhalten meistens einen groesseren Einfluss, indem
andere sich haeufig ihrem Urteil anschliessen. Einfluss ist
jedoch etwas anderes als Macht. Er muss immer wieder
neu gewonnen und begruendet werden.
Die Grundidee
Die Ingenieurgruppe Muenchen setzt ihre Vorstellungen
von Selbstaendigkeit und Partnerschaft in einem
aussergewoehnlichen Modell um. Alle Unternehmensmitglieder
sind unabhaengig von Qualifikation und Ausbildung selbstaendige
und gleichberechtigte Mitglieder in der Genossenschaft. Alle
laengerfristigen Arbeitsverhaeltnisse haben
das Ziel der Partnerschaft. Lohnabhaengige Arbeitsverhaeltnisse
auf Dauer gibt es nicht. Gegenwaertig besteht die
Ingenieurgruppe Muenchen e.G. aus 26 Partnern. Dazu
kommen einige freie oder angestellte Mitarbeiter, so genannte
Partneranwaerter, und staendige Subunternehmer.
Trotzdem haftet der Einzelne durch die juristische
Form Genossenschaft nicht mit seinem privaten Vermoegen. Die
Mindesthaftung des Einzelnen ergibt sich aus seinem
Genossenschaftsanteil und der Haftsumme der Partner. Das
gesamte Eigenkapital des Unternehmens betraegt
zurzeit 312.000 DM. Die Versicherungsdeckung fuer Fehler bei
der Berufsausuebung der Mitglieder umfasst fuer Personenschaeden
3.000.000 und fuer sonstige Schaeden
2.000.000 DM. 1996 betrug der Jahresumsatz 4,0 Mio.
DM und 1998 rund 4,6 Mio. DM.
Das Betriebsmodell
Die Organisationsstruktur des Unternehmens stellt die
bisher letzte Stufe einer nunmehr 30-jaehrigen Entwicklung
dar. Alle wesentlichen Regelungen wurden in
Gemeinschaftsarbeit theoretisch entwickelt, eingefuehrt,
erprobt, veraendert und schliesslich in die Satzung uebernommen.
Das Ergebnis steht jedoch heute Interessierten zur
Verfuegung und braucht nicht mehr muehsam erarbeitet
zu werden.
Das Unternehmen gliedert sich in subsidiaer
eigenverantwortliche Organisationseinheiten, in Fachgruppen,
Fachbereiche und den Gesamtbereich. Jede Organisationseinheit
hat ihre besonderen Verantwortungsbereiche. Die Fachgruppen
bilden wirtschaftlich selbstverantwortliche
Organisationseinheiten, in denen die zugeordneten Erloese und
Kosten nach Leistung, Arbeit und Kapitaleinsatz auf die
Mitglieder aufgeteilt werden.
Die vier verschiedenen Unternehmensaufgaben Willensbildung,
Leitung, Produktion, und Selbstkontrolle
werden durch die Organe wahrgenommen, die aus den
Organisationseinheiten heraus durch Wahl oder Delegation
gebildet werden. Die entsprechenden Organe heissen:
* Fachgruppenversammlung, Fachbereichsversammlung und
Generalversammlung;
* FachgruppensprecherIn, Fachbereichsleitung und
Vorstand;
* Projektgruppen disziplinaer, Projektgruppen
interdisziplinaer;
* Pruefpartner, Kontrollgruppe und Aufsichtsrat.
Die Mitglieder der Leitungs- und Kontrollorgane wechseln alle
drei Jahre. Die Projektgruppen werden jeweils
nach den Erfordernissen eines Projekts bzw. Auftrags
gebildet. Fuer alle Organe gibt es einen Organvorsitz, wobei
der wichtigste die Projektleitung ist. Jeder Auftrag bzw.
jede Projektgruppe verfuegt ueber eine verantwortliche
Projektleitung, der die letzte Entscheidungsbefugnis obliegt.
Der Projektleiter oder die Projektleiterin ist
Ansprechpartner des Auftraggebers.
Das Eigentum
Das Unternehmen gehoert den Partnern als gleichberechtigte
Gesellschafter und Mitunternehmer. Die Beteiligung am
Unternehmen, verbunden mit dem Stimmrecht
und dem Recht auf einen Arbeitsplatz, erfolgt durch den
Genossenschaftsanteil in Hoehe von DM 6.000. Hinzuzu
kommt im Haftungsfall eine Haftsumme jedes Partners
von weiteren 6.000 DM. Jedes Genossenschaftsmitglied
haftet also mit einer Gesamtsumme von 12.000 DM.
Neu hinzukommende Partner bezahlen - als Ausgleich fuer die
erhebliche Aufbauarbeit in der Vergangenheit - im Laufe von
zwei Jahren ein Beitrittsgeld in Hoehe
von 6.000 DM. Dieses Geld wird den Ruecklagen der
Genossenschaft zugefuehrt, die bei finanziellen
Schwierigkeiten
des Unternehmens herangezogen werden. Daneben
kann im Fachgruppenrahmen ein Ausgleich vereinbart
werden.
Die Fachgruppen bilden jeweils eine Einheit, innerhalb der
das wirtschaftliche Risiko geteilt wird. Die durch
die Fachgruppe erzielten Erloese einerseits und die
anfallenden Kosten andererseits werden auf die
Fachgruppenpartner verteilt. Darueber hinaus werden die Kosten
des Gesamtbereiches und, sofern vorhanden, die Kosten des
Fachbereiches auf die Partner umgelegt. Erloese und Kosten
werden also unabhaengig voneinander verteilt und
unabhaengig voneinander geschuldet. Dies entspricht der
Situation eines allein Selbstaendigen, der beispielsweise
die Miete fuer seine Bueroraeume unabhaengig von Umsatz
oder Erfolg seiner Bemuehungen zahlen muss.
Die Leistungsbewertung
Die Leistungsfaehigkeit geht aus einer gegenseitigen
Leistungsbeurteilung hervor: Alle beurteilen die Leistung
aller. Die Bewertung der Leistungsfaehigkeit der einzelnen
Partner geschieht am Ende jedes Jahres. In einem speziell
dafuer entwickelten Bewertungsverfahren spielen
nicht nur rein fachliche, sondern auch unternehmerische und
gemeinschaftsrelevante Kriterien eine Rolle.
Auch wird beruecksichtigt, in welchem Masse sich jeweils
zwei Partner gegenseitig in ihrer Leistung bewerten koennen.
Das Ergebnis der Leistungsbewertung fuehrt zu einem
Stundensatz fuer jeden Partner.
Proportional zu diesem Stundensatz erfolgt die Verteilung der
Festkosten und, multipliziert mit den Stunden,
die Verteilung der Erloese und der arbeitsabhaengigen Kosten.
Die Leistungsbewertung hat somit einen direkten
Einfluss auf das Einkommen des Partners und ist deshalb ein
wichtiges Element des Betriebsmodells. Ein in
seiner Leistung hochbewerteter Partner traegt demnach einen
hoeheren Anteil an den Kosten des Unternehmens als
einer, der niedriger eingestuft wurde. Die Verteilung der
Erloese und der arbeitsabhaengigen Kosten erfolgt proportional
zur geleisteten Arbeit. Diese ergibt sich aus Leistung x
Arbeitszeit, also aus einem Stundensatz, der die
Leistung ausdrueckt, multipliziert mit der Arbeitszeit in
Stunden.
Die Konflikte
Besonders die Leistungsbewertung fuehrt haeufig zu heftigen
Diskussionen, weniger wegen der Bewertungsergebnisse, sondern
weil es zum Verfahren unterschiedliche
Wertvorstellungen gibt. Beispielsweise wird die Frage, ob
die Leistungsbewertung geheim oder offen durchgefuehrt
werden soll, immer wieder kontrovers diskutiert. Auch wegen
der Ergebnisse gab es Probleme. So musste die
Leistungsbewertung in einigen Faellen wiederholt werden,
weil sich Partner nicht richtig beurteilt fuehlten. Der
Zeitaufwand, den die gegenseitige Leistungsbewertung
erfordert, ist ebenfalls Gegenstand interner Kritik. Da das
Ergebnis die Basis des fuer den ein Jahr lang gueltigen
Verteilungsschluessels ergibt, erscheint der Aufwand jedoch
gerechtfertigt.
Ein Konflikt, der durch Unachtsamkeit immer wieder
auftritt, bezieht sich auf den Status der
Unternehmensmitglieder: Auch neu hinzukommende Mitarbeiter
sollen selbstaendige Partner werden. Dies ist jedoch keine
Selbstverstaendlichkeit. Die geltenden Gesetze, Gewohnheiten
und Denkvorstellungen gehen von normalen Inhaberunternehmen
aus. Insofern wollen neue Mitarbeiter das Angebot der
Selbstaendigkeit oftmals nicht annehmen. Das ist insbesondere
dann der Fall, wenn es sich um
Personen handelt, die nicht zum Kreis der ueblich
Selbstaendigen gehoeren. Wuerde diese Tendenz akzeptiert,
waere die Ingenieurgruppe Muenchen e.G. schnell statt einer
ungewoehnlichen Kooperation ein herkoemmliches
Unternehmen mit einigen Inhabern und vielen Angestellten.
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ChefIn fuer ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
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