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[Taz] Biobauern raus aus der Nische

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Hans-H.Hirschelmann

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Feb 6, 2000, 3:00:00 AM2/6/00
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Aus der Taz vom 5./6.2000

*Die Nische verlassen*

Auch Ökobauern müssen sich auf liberalisierten Agrarmarkt
einstellen

Ökolumne

Von Maike Rademacher

Wie wärs damit: Bio-Artischocken aus Frankreich, Öko-Orangen aus
Spanien und Bio-Avocados aus Israel. In jedem Supermarkt und
halbwegs erschwinglich. Auch das könnte die neue, liberalisierte
Agrarwelt bringen. Aber der Ökolandbau weiß immer noch nicht,
welche Rolle er haben will. Er bleibt Statist. Für den
Hauptdarsteller auf der Agrarbühne, den konventionellen Landbau,
erübrigt sich die Frage. Die Marschrichtung in die
Liberalisierung ist klar: So lange wie möglich subventionierte
Pfründen sichern und mit noch mehr Industrialisierung und oft
fragwürdigen Mittelchen wettbewerbsfähig bleiben. Das Resultat
wird meistens essbar und genießbar sein, manchmal nicht.

Beim Ökolandbau tut sich wenig. Dabei zeigt die ökologische
Israel-Avocado, dass auch der Biobauer inzwischen internationale
Konkurrenz hat. Eine Öffnung der Handelsschranken, eine Kürzung
der Subventionen wird ein Weiteres dazu tun, um die
Ökolandbauprodukte unter Druck zu setzen. Und auf Dauer fallende
Preise für herkömmliche Produkte könnten auch ein schlechteres
Licht auf die immer noch gleich teuren Ökoprodukte werfen. Die
Frage, die der Ökolandbau beantworten muss, ist, ob er sich an
der Liberalisierung aktiv beteiligen soll. Ob er agressiv
vermarkten, Kosten senken und die Anbaufläche ausweiten will. Ob
der Kunde zum umworbenen König wird oder die Philosophie das
Leitbild bleibt.

Der Blick in die weltweite Realität sollte bei der Antwort
helfen: 99 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte werden mit
herkömmlichen Methoden hergestellt. Die Nische der chemiefreien
Subsistenzbauern und Ökobauern ist winzig. Darum geht es: die
herkömmliche Landwirtschaft aufs Korn zu nehmen, daran zu
arbeiten, dass weltweit Pestizide, Hormonrinder, Gentechnik
zurückgedrängt werden. Es geht um eine qualitative
Mitgestaltung.

Richtig ist, dass ein - hoffentlich sogar billigeres -
Mehrangebot erst einmal zur Rationalisierung zwingt. Also wird
es auf der gleichen Ökofläche mehr, teure, spezialisierte
Maschinen geben. Es wird größere Höfe geben - wie sie anderswo
längst existieren. International einheitliche Standards als
Marketingmaßnahmen werden zu Lasten hoher Qualitätsstandards
gehen, weil in der Regel der kleinste, nicht der größte
gemeinsame Nenner gefunden wird. Aber diese Einschnitte und
Umstrukturierungen werden vielen (neuen) Verbrauchern lieber
sein, als ganz auf den Ökoeinkauf zu verzichten, weil das
Produkt zu teuer oder gar nicht verfügbar ist.

Wenn sich der Ökolandbau der liberalisierten Welt mit ihren
Konsequenzen verweigert, zeugt das zudem von wenig Vertrauen in
den Verbraucher: Diese machen nicht jeden Qualitätsverlust mit
und können durchaus entscheiden, wann etwas den Titel "Öko" noch
verdient. So viel Herausforderung muss sein: der Erhalt einer
gewissen Qualität bei bezahlbaren Preisen. Eine Globalisierung
im Ökolandbau schließt außerdem keineswegs aus, dass der ein
oder andere Verband an strengeren Kriterien festhält oder dass
der Einkauf regional hergestellter Produkte weiter beworben
wird. Echte Wahlfreiheit hieße das für den Verbraucher, der
heute nur die Wahl hat zwischen 100 Prozent politisch korrekt
oder dubioser Massenware.

Ein häufiges Argument gegen Ausweitung und Kostensenkung ist ein
soziales: Der Ökolandbau sichere Arbeitsplätze, Rationalisierung
vernichte diese. Wenn man aber in den Fachblättern liest, dann
handelt es sich da häufig um ganz besondere Jobs: "Mithelfer
gegen Kost und Logis", "Saisonarbeiter", kostenlose
"Praktikanten". Die Frage gehört anders gestellt: Wie viele
normal bezahlte Jobs könnte es geben, wenn der Ökolandbau 30
Prozent Fläche besetzt und entsprechende Maschinen verlangt?

Aber, entgegnet die Ökogemeinde, was ist mit den unökologischen
Ferntransporten? Drei viertel der klassischen Agrarexporte aus
Deutschland gehen nicht in die weite Welt, sondern ins nahe
Europa, der größter Teil des Restes in den Osten, nach Russland.
Das wird bei den Ökoprodukten nicht anders sein. Und wenn es den
spanischen Orangenplantagen gut tut, dann kaufe ich die Öko-
Orangen. Wer sich in die Diskussion um Handel und Transporte
einmischt, bewirkt sogar vielleicht diese Revolution: Sie kommen
per Bahn.

Maike Rademaker

taz Nr. 6060 vom 5.2.2000
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