Sonntag, 30. 01. 2000
20.40 THEMENABEND: VON ROSS UND REITER 245 MIN.
Themenabend von Susanne Mertens, ZDF
"Ein Pferd ohne Reiter, ist immer noch ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd
ist nur ein Mensch." (Stanislaw Jerzy).
Es gibt Menschen - in Dichtung, Film und Wirklichkeit - die sind ohne ihr
Pferd gar nicht denkbar: Was wären die Amazonen zu Fuß oder Don Quijote
ohne den "Rosinante"? Wie viele Schlachten hätte Alexander der Große wohl
ohne sein Kriegsross "Bucephalos" ("Stierkopf") gewonnen? Winnetou sah
ohne seinen Rappen "Iltschi" ("Fliegender Wind") merkwürdig ungelenk aus.
Und wenn Robert Redford alias Sunny Steele auf seinen Hengst "Rising Star"
steigt und aus dem Lichtermeer Las Vegas in Richtung Wüste galoppiert,
weiß man, dass hier endlich wieder das zusammen ist, was zusammen gehört.
Kaum ein anderes Haustier hat über 5.000 Jahre die Geschicke der
Menschheit so beeinflusst wie das Pferd. Seine Bedeutung für den Menschen
ging immer über den bloßen Nutzwert hinaus: Das Pferd war das
Lieblingstier der Götter in der griechischen Mythologie, Vertrauter und
Ratgeber in der nordischen Edda und heilig bei den Germanen. In einem
größeren Maße als andere Haustiere symbolisiert das Pferd noch heute
Freiheit und Unbezähmbarkeit und dient als Projektionsfläche für
menschliche Träume und Wünsche, die je nach Alter, Geschlecht und Herkunft
variieren können.
In dem Spielfilm DER ELEKTRISCHE REITER und den drei Dokumentationen aus
Frankreich, Deutschland und Ungarn wird das Verhältnis unterschiedlicher
Generationen und Geschlechter zum Pferd beleuchtet, die Bedeutung der
Pferde bei traditionellen Arbeitsprozessen und für bestimmte ethnische
Gruppen. Die Filme des Abends beschäftigen sich mit dem Mythos "Pferd",
nähern sich zunehmend der Rolle des Pferdes als Partner im Alltag an,
ohne jedoch den Blick auf die symbolische Bedeutung des Tieres für die
jeweilige Lebenssituation der Tierhalter zu verlieren.
VON ROSS UND REITER ist ein Themenabend rund um eines der beliebtesten
Haustiere und über die Menschen, deren Glück auf dem Rücken der edlen
Vierbeiner liegt. Kein Abend nur für Fachleute, sondern ein Programm für
und über Pferdeliebhaber. Die Programmierung des Themenabends ist eine
erstmalige Kooperation zwischen ARTE und dem Kinderkanal, der tagsüber den
Pferden einen Thementag widmet. Eine einheitliche Habillage aus der Feder
des Cartoonisten Meisterstein wird die Programme über den gesamten Tag und
Abend hinweg verbinden.
20.40 DER ELEKTRISCHE REITER 115 MIN.
(VPS: 20.40) Spielfilm, USA 1978
Regie: Sydney Pollack; Buch: Robert Garland, nach einer Story von Shelly
Burton; Kamera: Owen Roizman; Musik: Dave Grusin; Schnitt: Sheldon Kahn
Mit: Robert Redford (Sonny Steele), Jane Fonda (Hallie Martin), John
Saxon (Hunt Sears), Valery Perrine (Charlotta), Willie Nelson (Wendell)
Sonny Steele, einst glanzvoller Rodeochampion, verdingt sich als
Werbecowboy für Frühstücksflocken. Eine lukrative, gleichzeitig aber
entwürdigende Tätigkeit. Nur mit Hilfe von Alkohol kann er seine Auftritte
in einem von farbigen Lämpchen erleuchteten Purpuranzug ertragen. Als
Sonny bei einer großen Las-Vegas-Show merkt, dass die Firma, bei der er
und sein Hengst "Rising Star" unter Vertrag stehen, das Tier mit
gefährlichen Mitteln dopt, entschließt er sich zu einer atemberaubenden
Flucht mit dem Zwölf-Millionen-Dollar-Pferd. Die Fernsehreporterin Hallie
Martin heftet sich an seine Fersen. Doch anstatt Informationen für ihren
Sensationsbericht zu sammeln, verliebt sie sich in Sonny und hilft ihm
schließlich bei seiner Flucht vor der Polizei in die Berge, wo er den
Hengst frei lassen will. Nach abenteuerlichen Verfolgungsjagden quer durch
Utah schafft es Sonny schließlich, seinen Hengst in die Freiheit zu
entlassen. Die Öffentlichkeit, die inzwischen über die Motive Sonnys
informiert wurde, feiert den Cowboy erneut als Helden.
DER ELEKTRISCHE REITER ist ein romantischer Neuzeitwestern, der einen
ironisch-kritischen Blick auf den "American way of life" wirft. Die
Odyssee von Sonny, Hallie und "Rising Star" durch den Bundesstaat Utah
wird zu einer Suche nach einem besseren naturnahen Leben: Das Pferd kommt
wieder zu Kräften, Sonny verwandelt sich vom besoffenen Zyniker wieder
zurück in den naturnahen Cowboy, und Reporterin Hallie findet in der
stimmungsvollen Landschaft endlich Zeit für Gefühle.
Das Pferd ist hier ganz eindeutig Teil der Männerwelt: Zusammen mit
seinem Hengst wählt Sonny den unbequemen Weg des Individualisten, der sich
nicht anpasst und gegen Ungerechtigkeit ankämpft, sich schließlich über
alle Zwänge hinwegsetzt und die ungewisse Freiheit wählt. Genau diesen
Traum von einem besseren, naturverbundenen Leben, den insgeheim viele
träumen, verkörpert das Pferd, das unverzichtbarer Partner des Helden ist.
22.35 DAS PERCHERON 65 MIN.
(VPS: 22.35) Die Wiederentdeckung eines Kaltblüters
Dokumentation von Philippe Molins, Frankreich 1999, Deutsche und
französische Erstausstrahlung
Das Percheron ist ein kräftiges Kaltblut und gehört zu einer der ältesten
Pferderassen Frankreichs. Es entstand im 17. Jahrhundert durch die
Kreuzung von nordfranzösischen Stuten mit orientalischen Hengsten. Seine
Glanzzeit erlebte das Percheron bis Anfang des 20. Jahrhunderts dank
seiner immensen Körperkraft als Arbeits- und Kriegspferd. Der zunehmende
Einsatz von Motoren und Traktoren reduzierte seine Rolle auf die eines
Fleischlieferanten. Erst seit Ende der 80er Jahre erleben diese starken
und intelligenten Pferde als Freizeitpferde und bei der Waldarbeit eine
Renaissance.
Der Filmemacher Philippe Molins hat zwei Percheron-Züchter aus
Deutschland und Frankreich mehrere Monate lang begleitet und dokumentiert
in seinem Film ihren Alltag mit den Pferden. Michel, Landwirt in der
Provinz Perche (Normandie), der Heimat der Percheron, ist Präsident der
Vereinigung zur Förderung der Percheron-Pferde. Er hat die vielfältigen
Möglichkeiten erkannt, die diese Pferderasse zu bieten hat. Denn das
Percheron ist in den letzten Jahren ein wahrer Export-Schlager geworden.
In Japan, USA, Skandinavien und Deutschland ist die Nachfrage nach diesem
robusten Pferd sehr groß. Deshalb hat Michel sich entschlossen, das
Percheron zu züchten. Denn nur die im Herkunftsland groß gewordenen Pferde
gelten als wahre Vertreter ihrer Rasse. Wir begleiten Michel beim Kauf
einer tragenden Stute und in den spannenden Stunden der Geburt eines
Percheron-Fohlens. Die Suche Michels nach dem besten Hengst für seine
Zucht führt ihn auf verschiedene Höfe und Gestüte. So gelingt es dem
Filmemacher, die Leidenschaft für diese Pferde spürbar zu machen.
Pferdezüchter, die diese Begeisterung verbindet, treffen sich bei den
außergewöhnlichen Kaltblut-Wettkämpfen, die alljährlich in Nordfrankreich
und in Süddeutschland ausgetragen werden.
Auch Werner, einen Landwirt aus Baden-Württemberg, hat Michel dank der
internationalen Kontakte kennen gelernt. Werner besitzt einen stattlichen
Percheron-Hengst. Der Schimmel Felix ist für ihn ein unerlässlicher
Kollege bei der Waldarbeit. Durch unwegsames Gelände, da, wohin kein
Fahrzeug mehr gelangt, zieht der Hengst scheinbar spielend die schweren
Baumstämme. Das mächtige Tier reagiert auf jedes Wort, das Hans an ihn
richtet, um das Pferd durch das abschüssige Gelände zu manövrieren. Mensch
und Tier bilden dabei eine Einheit, die während einer langen Ausbildung
zusammen gewachsen ist. Die Pferde sind bei dieser Arbeit effektiver und
besser einsetzbar als jede Maschine und natürlich wesentlich
umweltschonender. Werner ist ebenfalls auf der Suche nach einer Percheron-
Stute für die Zucht.
Zwei Familien - eine in Frankreich, eine in Deutschland - für die das
Percheron in ganz besonderer Weise ein Partner im Alltag und Symbol für
eine Erfolg versprechende Zukunft ist. Der Film von Philippe Molins,
selber ansässig in der Perche, ist eine Hommage an eine fast vergessene
Pferderasse und an die Menschen vom Land, die mit ihr leben.
23.40 I LOVE MY PONY 35 MIN.
(VPS: 23.40) Dokumentation von Miriam Dehne, Deutschland 1999, Deutsche
und französische Erstausstrahlung
Im Gegensatz zu Hallie, der Reporterin aus DER ELEKTRISCHE REITER, die
mit Pferden nicht viel am Hut hat, bis sie Sonny Steele kennen lernt, sind
die meisten Pferdefans hierzulande weiblich. Besonders im Alter zwischen
11 und 15 Jahren kennt die Begeisterung für die Vierbeiner oft keine
Grenzen. Reitstunden sind von Mädchen bevölkert, während sich Jungs in
diesem Alter selten für dieses Hobby interessieren. Die erste große Liebe
der Mädchen ist nicht selten ein Pferd, und fast alle von ihnen glauben
auch, dass es für immer so bleiben wird.
Miriam Dehne hat eine kleine Gruppe von Mädchen zwischen elf und fünfzehn
Jahren auf die Ponyhöfe begleitet, auf denen ihre vierbeinigen Freunde
untergebracht sind. Sie beobachtet die Mädchen bei ihrer liebsten
Freizeitbeschäftigung im Stall und auf der Koppel. Jedes der Mädchen hat
ein Lieblingspony, das liebevoll versorgt wird. Wir erleben sie
ausgelassen beim Striegeln, Reiten sowie beim Stall ausmisten und
erfahren, was jede von ihnen gerade an ihrem Pony so liebt. Die Mädchen
befinden sich auf der Schwelle zum "Frauwerden", manche haben ihren ersten
Freund und schwärmen außer für ihr Pony für Leonardo DiCaprio. Andere
fangen langsam an, sich vom Pony zu verabschieden.
Woher rührt die besonders ausgeprägte Bindung zwischen Mädchen und
Pferden? In dieser Phase ihrer Entwicklung lösen sich junge Mädchen
zunehmend von der Familie und fangen an, für Jungen zu schwärmen. Jedoch
stoßen sie beim anderen Geschlecht oft auf Widerstand, es entsteht ein
Freiraum für Emotionen und Sehnsüchte, den es zu füllen gilt. Das Pferd
scheint sich in besonderem Maße für die Kanalisierung dieser Wünsche zu
eignen. Denn es ist nicht nur ein verlässlicher und treuer Partner, der
groß und stark ist, ohne gefährlich zu sein, das Pferd erfüllt auch die
unbändige Lust auf Aufregung und Abenteuer. Das weiche Pferdefell lädt ein
zum Streicheln und Liebkosen, gleichzeitig verlangt die Pferdehaltung auch
Fachkenntnis und Kompetenz. So kann man vermuten, dass die Sorge für das
Pferd zahlreiche Bedürfnisse erfüllt, die junge Mädchen in der häufig so
schwierigen Pubertätszeit haben. Letztendlich ist das Reiten eine der
wenigen Sportarten, in denen Mädchen den Jungs in nichts nachstehen.
Miriam Dehnes Film ist eine sensible Studie über eine ausgesprochen enge
und einzigartige Tier-Mensch-Beziehung und gleichzeitig das moderne
Porträt einer Gruppe von Mädchen in einer manchmal schwierigen, manchmal
glücklichen Phase des "Frauwerdens".
00.15 VOM GLÜCK VERLASSEN - ZIGEUNERLEGENDEN 30 MIN.
(VPS: 00.15) Dokumentation von Kátályn Pázmándy, Ungarn 1999, Deutsche und
französische Erstausstrahlung
Das Pferd ist der größte Stolz der ungarischen Zigeuner. Ein Zigeuner
würde auf alles verzichten, selbst hungern, aber sein Pferd ist ihm sein
wertvollster Schatz. Wenn es darum geht, um die Pferde zu handeln, so
steht gleichzeitig die Ehre auf dem Spiel. Als die Autorin Kátályn
Pázmándy 1992 von Berlin in ihre Heimatstadt Budapest zurück zog, lernte
sie über ihre Arbeit für das Roma Magazin des Ungarischen Fernsehens in
der Nähe der rumänischen Grenze im Bezirk Békés einen Zigeunerclan kennen,
dessen Mitglieder zu den besten Pferdehaltern und -kennern Ungarns
gehören. Wenn sie ihre Pferde auf dem regelmäßig stattfindenden Markt zum
Verkauf anbieten, dann ist das ein Spektakel, das seinesgleichen sucht.
Mischi, ein junges Mitglied des Clans, steht in Kátályn Pázmandys Film im
Mittelpunkt. Für den jungen Mann, dessen Familie seit Generationen vom
Pferdehandel lebt, entscheidet die Qualität seiner Pferde über das
Ansehen, das er in der Gemeinschaft genießt. Seit einiger Zeit wird er vom
Unglück verfolgt und mittlerweile glaubt er nicht mehr an Zufall. Mythos
und Aberglauben sind in seinem Leben relevante Größen, und die Pferde
verkörpern einen großen Teil davon. Kátályn Pázmandy sagt über ihren
Antihelden: "Mischis Geschichte zu verstehen, seine unwiderstehliche
Zuneigung zum Pferd, der Versuch, seinen Stolz wieder zu finden und die
Bedeutung des Glücks zu begreifen, all das hat mich schon seit langem
interessiert, und ich bin sehr stolz darauf, dass er und seine Familie mir
so vieles anvertraut haben." Die alten Frauen des Clans erzählen uns von
Pferden mit übernatürlichen Kräften, von Pferden, die Ehen auseinander
bringen konnten, weil sie untreue Frauen bissen, was den Ehemännern nicht
verborgen blieb. Und von Pferdebesitzern, die noch nach ihrem Tod im
Pferdestall nach dem Rechten schauen.
In ihrer Dokumentation gelingen der Filmemacherin Einblicke in eine uns
wenig bekannte Welt, in der das Pferd im Alltag, aber auch in Aberglauben
und Mythos, der Dreh- und Angelpunkt ist.
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