Studie des Wuppertalinstituts: neue Wachstumsmodelle
*Ein besserer Kapitalismus?*
Von Jörg Staude
Die ökologische Rettung der Erde gleicht dem Wettlauf zwischen
Hase und Igel: Totaler Naturschutz in einigen Refugien wird
durch die unaufhaltsame Zersiedlung konterkariert, das DreiLiter-
Auto durch die rollende Verkehrswoge, die gereinigte Umwelt in
der ersten Welt durch die grenzenlose Verschmutzung der Dritten
Welt, die Rettung der Wale durch das tägliche Sterben von Flora
und Fauna.
Die Europäische Umweltagentur beispielsweise sagt bis zum Jahre
2010 ein Wirtschaftswachstum von 49 Prozent voraus. Wo der Hase
»Ökoeffizienzsteigerung« auch hinkommt - der Igel namens
»Wirtschaftswachstum« ist schon da; dies bedauert auch eine
neue, in dieser Woche vorgestellte Studie des Wuppertal-
Instituts mit dem Titel »Wirtschaft ohne Wachstumsstreben -
Chaos oder Chance«.
Warum entsteht dieser Hase-Igel-Effekt? Nicht wenige Linke
sagen: Weil der Kapitalismus nicht anders kann, als auf Kosten
von Umwelt und Arbeit zu wachsen. Nicht wenige Ökologen sagen:
Das mag sein, aber der real gewesene Sozialismus ging mit der
Umwelt zwar etwas anders, aber doch nicht besser um als der
jetzt vorherrschende Kapitalismus. Was wir nur tun müssen, sei,
den Kapitalismus im Sinne des Weltgipfels von Rio »nachhaltig«,
ihn zukunftsfähig zu gestalten.
Wie das in, der Bundesrepublik zu erreichen ist, verdeutlichte
die Studie »Zukunftsfähiges Deutschland« vor einigen Jahren:
Reduktion des Naturverbrauchs um 70 bis 80 Prozent, andere
Lebensweise (Sein statt Haben), Verkehrs-, Energiewende und
anders mehr.
*Relikte aus dem Feudalismus*
Mit der Nachhaltigkeit wird es aber nichts, wenn die
ökologischen Erfolge jedesmal von den Wachstumseffekten zunichte
gemacht werden - die Umweltexperten nennen das »Rebound«-Effekt.
Die Arbeitsgruppe Neue Wohlstandsmodelle des Wuppertal-Instituts
fragte sich nun, ob und wie im Kapitalismus die »Rebound«
Effekte zu vermeiden sind.
Die erste, historische Erkenntnis der Wuppertal-Gruppe scheint
eher trivial zu sein, muss aber angesichts der zumeist
alternativlosen Akzeptanz des jetzigen »Terrors der Ökonomie«
wohl immer wieder gesagt werden: Der heutige Kapitalismus ist
ein spezieller; für die Wuppertaler Experten trägt er zunächst
»aus dem Spätfeudalismus mitgeschleppte Relikte« mit.
Dazu, gehören die »Habsucht als Tugend« (das Streben nach dem
eigenen Vorteil gereicht der Gesellschaft zum Vorteil), die im
17. und 18. 'Jahrhundert entstandene Idee der Gleichheit, wobei
die Parole der Französischen Revolution sich, wie die Autoren
anmerken, bis heute nur »teilweise« erfüllte: »Freiheit und
Gleichheit mögen angehen, bei der Brüderlichkeit jedoch sind
Zweifel angesagt..« Die neuen Freiheiten gingen so mit Gefühlen
der Unsicherheit einher - der materielle Besitz wurde so »zur
symbolischen Versicherung der physischen Überlebenschancen und
des erworbenen sozialen Status«, gespeichert in Form von Geld.
Weitere, daraus geborene Relikte sind für die Wuppertaler die
Konsumrevolution sowie die Abhängigkeit von der Produktion in
dem Sinne, dass die Güter die Botschaft vermitteln, dass der
Mensch »die Natur - also letztlich sein eigenes Schicksal -
beherrsche.«
Aus ökonomischer Sicht kritisierte der Leiter der Arbeitsgruppe,
Gerhard Scherhorn, vor allem drei Mythen heutigen
Wirtschaftsdenkens:
Erstens den Mythos, dass Vollbeschäftigung nur durch Wachstum
erreicht werden kann. Ohne Arbeitszeitverkürzung ginge es nicht,
in Konsum und Arbeit müsse sich eine, »demokratische
Leitvorstellung vom Wohlstand (selbstbestimmte Optimierung von
Güter-, Zeit- und Raumwohlstand) durchsetzen.«
Der Zweite Mythos ist für Scherhorn die Vorstellung, die Armen
besser zu stellen, indem man alle, also auch und vor allem die
Reichen, besserstellt. Das permanente Wirtschaftswachstum, die
Gestaltung des Steuerrechts wie auch die Abhängigkeit der
Staatsfinanzen von den Masseneinkommen sorgten aber dafür, dass
die so gedachte Umverteilung von Reich zu Arm nicht funktioniert
- im Gegenteil: ein anderes wirtschaftspohtisches Ziel, die
Verteilungsgerechtigkeit, werde, permanent verletzt, beklagt die
Studie.
Der dritte Mythos, den Scherhorn in Frage stellt, ist der vom
»Freihandel«, der in erster Linie, fürs Kapital gelte als für
die beiden anderen Produktionsfaktoren Arbelt und Natur. Im
Ergebnis dessen wachse das globale Geldvermögen expotenziell und
habe derzeit schon die 200fache Größe dessen erreicht, was für
die reale Produktion nötig ist. »Daraus, dass es soviel Geld
gibt, resultieren ein Menge Probleme,« meinte Scherhorn in
Berlin etwas unscharf.
Ohne weiter ins Analysedetail zu gehen - der entscheidende
Schluss für die Wuppertaler ist, dass die »Freistellung des
Kapitals von der Verantwortung für Umwelt, Arbeit und Region«
wieder aufgehoben werden muss. Dazu listet die Studie durchaus
eine Reihe bekannter Instrumente auf: Kreislaufwirtschaft,
Ökosteuer, Abbau ökologisch schädlicher Subventionen, Förderung
langlebiger Produkte, Börsenaufsicht, Tobinsteuer, Besteuerung
von Kursgewinnen, Erbschaftssteuer.
Dem Ziel der Studie, »wachstumsneutrale« Unternehmen zu fördern,
denen, Umsatz und Gewinn nicht mehr vordringliehe Ziele sind,
kommt man auf diese Weise sicher näher. »Neutral« meint hier
keineswegs ein auch unter Linken umstrittenes »Nullwachstum«.
Der Wert eines Unternehmens dürfe (und müsse) durchaus weiter
wachsen, betonte Sherhorn, dieses dürfe aber eben nicht mehr
über die stoffliche Menge der herggestellten Erzeugnisse im
Sinne der traditionellen, auf der Verbrennung fossiler Stoffe
beruhenden Durchsatzökonomie geschehen.
*Wachstumsneutrale Unternehmen*
Um nicht als weltfremde Utopisten angesehen zu werden, ergänzten
die Autoren die historische und ökonomische Analyse um eine
empirische Erhebung unter bundesdeutschen Firmen. Und
erwartungsgemäß fanden sich auch die so genannten Keime des
Neuen, »wachstumsneutrale« Unternehmen, die - wie nicht anders
zu erwarten - eher zu den kleineren, innovativeren Betrieben
gehören. Deren Art von wertmäßigen Wachstum rückt den
Gebrauchswert der Produkte stärker in den Vordergrund -
Langlebigkeit, Reparierbarkeit, Verwertbarkeit. Die Industrie
stehe, konstatiert die Studie, vor einem Strukturwandel: »Die
Produktion von Industriegütern nimmt zwar absolut weiter zu,
bleibt aber relativ hinter der Eritwicklung der Dienstleistungen
zurück, sie macht also für diese Kaufkraft frei« - und eben das,
die Absorbierung der freiwerdenden Kaufkraft, könne aber nicht
mehr auf Kosten der Umwelt geschehen.
Zu ergänzen ist wohl: Es kann aber, und das geschieht immer
stärker, auf Kosten der Arbeit, des Sozialen geschehen. Und wenn
die Politik der Wirtschaft den Weg vermauert, Kosten auf die
Umwelt zu verlagern, wird diese auf die sozialen Kosten
ausweichen, versuchen, diese zu minimieren. Ein weiteres Problem
tritt hinzu: Das derzeitige soziale Leben kann man schwerlich
als nachhaltig ansehen. »So wie die Lifestyle-Träume der
Konsumenten, Geldanleger und Manager heute auf oligarchischen
Wohlstand fixiert sind, ist Vollbeschäftigung nicht möglich, «
fasst es Scherhorn auf.
Eine andere Art des Wohlstands, des Arbeitens, der Mobilität -
mit einem Wort: des Lebens bedeutet demnach aller
Wahrscheinlichkeit nach auch einen erhebliche sozialen
Strukturwandel. Verglichen mit dem ökologischen scheint dieser
übrigens die weit größere Herausforderung zu sein.
Kein Wunder, dass auch die Wuppertaler Autoren - wie viele
andere vor und neben ihnen - an diesem Punkt in schwieriges
Fahrwasser geraten. Um nur ein Problem anzureißen: Protagonisten
der Ökosteuer wie Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Präsident des
Wuppertal-Instituts und SPD-Bundestagsabgeordneter, und Reinhard
Loske, Mitautor der Studie und grüner Bundestagsabgeordneter,
warnen davor, mit den Einnahmen aus der Ökosteuer die
Rentenkassen so aufzufüllen, dass eine generelle Rentenreform
überflüssig wird. Weizsäcker plädiert hier ganz eindeutig für
mehr Eigenverantwortlich und weniger Staat. Die Umwelt zu
schützen, läuft so, vereinfacht gesagt, auf die Privatisierung
persönlicher Lebensrisiken hinaus.
*Von »Suffizienz« keine Rede mehr*
Für Loske,ist auch das rot-grüne Vorhaben, die Neuverschuldung
des Bundes bis 2006 auf Null zu fahren, ein ökologisches: Denn
so verringere sich der Wachstumsdruck auf die Realökonomie. Was
aber bedeutet die Neuverschuldung von Null für die heute noch
üblichen Sozialtransfers, für die aktive Arbeitsmarktpolitik,
für arbeitsschaffende öffentliche Aufträge?
Oder: Von »Suffizienz« - (»Genügsamkeit«), von der die Studie,
»Zukunftsfähiges Deutschland« neben der »Effizienz« noch
ausging, will Scherhorn nicht mehr reden, vom nötigen »Verzicht«
der Bevölkerung schon gar nicht. Wenn sich die Gesellschaft
»ökoeffizient« ohne die genannten »Rebound«-Effekte entwickele,
brauche man nicht mehr »Suffizienz« predigen, meint Scherhorn -
und denkt dabei natürlich mit, dass eben dieser Ausschluss von
»Rebound«-Effekten klarerweise auch ein verändertes Verhalten
erzwingt. Loske seinerseits hat, wie er in Berlin sagte, die
Unterteilung in »Effizienz und Suffizienz nie gemocht, er rede
lieber von technischen Innovationen (um die es bislang in erster
Linie, ging) sowie von sozialen Innovatiohen.
Als Beispiel fielen ihm hier zunächst nur eine
Regionalwirtschaft ein, die sich auf einen Umkreis von 50
Kilometern sowie auf saisonale Produkte, beschränkt. Soziale
Innovationen aber werden zweifellos eines der Zukunftsthemen
überhaupt, sein, auch das in der PDS entstehende Leitbild
»Soziale Nachhaltigkeit« geht in diese Richtung.
Wie überhaupt die Nähe der Wuppertal-Studie zu ökosozialen
Ansätzen in der linken Szene nicht zu übersehen ist, selbst wenn
das keiner der Autoren so explizit ausdrücken würde. Auch ein
»Realo« wie Ralf Fücks, Chef der grün-nahen Böll-Stiftung,
sprach bei der Vorstellung der Studie davon, dass die
»ökologischen und sozialen Ziele« ins Wirtschaftssystem
internalisiert werden sollen. Sollte das gelingen, kommt
zweifellos ein besserer Kapitalimus als der jetzige heraus - nur
wie und auf wessen Kosten letztlich die Internalisierung
gelingen. soll, darin gehen die Meinungen eben noch weit
auseinander.
Loske ist sich der damit verbundenen Schwierigkeiten vollauf
bewusst. Derzeitige wachstumsneutrale Unternehmen seien nur
»Inseln der Nachhaltigkeit in einem Meer des Wachstums«. Die
Igel sind heute noch nicht nur schneller, sondern gegenüber den
wenigen Hasen weit in der Überzahl.
Wirtschaft ohne Wachstumsstreben
Chaos oder Chance? Eine Untersuchung !aus dem Wuppertal-Institut
für Klima,Umwelt und Energie, durchgeführt von Liesbeth Bakker,
Reinhard Loske und Gerhard Scherhorn, finanziert von der
Heinrich-Böll-Stiftung, der GLS-Bank und der Triodos Stichting
publiziert als Nr. 2 der Reihe Studien und Berichte der Heinrich-
Böll-Stiftung, Berlin 1999