Wittdüner Fähranleger diente Kegelrobben als "Kinderstube"
Wittdün/Amrum:
Die wohl anrührendste Tiergeschichte im Zusammenhang mit dem Orkan
Anatol wurde 23 Tage von dem Amrumer Naturschutzverein "Öömrang
Ferian" und der Schutzstation Wattenmeer gegenüber den Medien
geheimgehalten. Aus gutem Grund: die beiden Verbände bewachten seit
Beginn des Orkanwochenendes bis heute gemeinsam täglich von morgens
bis abends eine Kegelrobbenmutter mit ihrem Jungtier an einer äußerst
ungewöhnlichen und leicht zugänglichen Stelle.
Die Kegelrobbenfamilie, die zu dieser Jahreszeit mit wenigen weiteren
gefährdeten Artgenossen ihren angestammten Wurf- und Säugeplatz auf
einer Amrum vorgelagerten Sandbank hat, hatte sich vor den tosenden
Orkanfluten ausgerechnet auf den Parkplatz des Wittdüner Fähranlegers
auf Amrum gerettet.
Zum Erstaunen der auf Amrum tätigen Naturschutzorganisationen machten
die Kegelrobben keine Anstalten, den ungewöhnlichen Säugeplatz nach
dem Abflauen des Orkans wieder zu verlassen. Im Gegenteil, das massige
Alttier hielt sich meist im Wasser nahe des Anlegers auf. Rund
dreimal am Tag robbte die Kegelrobbenmutter aus dem Wattenmeer die
glitschige, rund 4 m hohe Treppe zum Kai-Parkplatz hoch, um ihren erst
vor wenigen Wochen geborenen Nachwuchs auf dem Parkplatz mit frischer
Robbenmilch zu versorgen.
Dabei stellte sich offensichtlich mit der Zeit ein gewisser
Gewöhnungseffekt gegenüber dem täglichen Hafen-Verkehr ein. In den
ersten Tagen flüchtete die Robbenmutter noch, wenn Busse die
Haltestelle in unmittelbarer Nähe des Säugeplatzes anfuhren. Doch
schon nach wenigen Tagen blieben Mutter und Kind trotz KFZ- und
Fährverkehr ruhig liegen.
Um die nahrhafte und lebenswichtige Verbindung zwischen Mutter und
Kind zu gewährleisten, organisierten der Amrumer Naturschutzverein
"Öömrang Ferian" und die in Wittdün ansässige Schutzstation Wattenmeer
einen täglichen Robbenbewachungsdienst. "Die Maßnahme sollte zumindest
sicherstellen, dass allzu neugierige Passanten, deren Haushunde und
die in wenigen Metern Entfernung täglich per Fähre ankommenden
Reisende, dem Jungtier nicht zu nahe kamen." erläutert Evelyn Lucke,
Biologin des Öömrang Ferians.
"Hätten wir über diese aussergewöhnliche Begebenheit aktuell in den
Medien berichtet, wäre es sicherlich zu einem stark störenden
"Robbentourismus" gekommen, der den "gestrandeten" Tieren nicht gut
bekommen wäre" ergänzt Lothar Koch, Sprecher der Schutzstation
Wattenmeer.
Dann hätte möglicherweise das Jungtier doch noch von Menschenhand auf
eine Sandbank, oder in die Seehundstation gebracht werden müssen. Die
Dauerbewachung, aber vor allem auch die zunehmende Unerschrockenheit
der Kegelrobbenmutter, die ihr Jungtier mutig weiter versorgte, haben
dazu beigetragen, daß die Tiere in freier Wildbahn bleiben konnten.
Die geringe Fluchtdistanz des Alttieres war besonders ungewöhnlich.
Wurden doch auf Sylter und Amrumer Stränden in den vergangenen Jahren
nur relativ scheue Alttiere beobachtet. Die Überwindung von
Höhenunterschieden am Säugeplatz, wie am Wittdüner Anleger, ist für
Kegelrobben jedoch nichts Außergewöhnliches. In ihrem schottischen
Schwerpunktgebiet liegen die Jungtiere zum Teil auf Felsvorsprüngen,
die 80 m über den Meeresspiegel herausragen. Nachdem die Amrumer
Kegelrobbenmutter ihren abgestillten Nachwuchs bereits vor über einer
Woche aus eigenem Antrieb verließ hat das Jungtier heute morgen seinen
Weg in die kalten Wattenmeerfluten zurückgefunden. Zunächst robbte es
recht aktiv auf dem Hafenparkplatz umher. Gemeinsam mit dem zuständige
Seehundjäger ermutigten die Naturschützer die junge Robbe seine Scheu
vor dem nassen Element endlich aufzugeben, um dem kommenden
Weihnachtsrummel am Anleger zu entgehen. Das Jungtier ist nun alt
genug und so wohl genährt, dass es ohne weiteres in freier Wildbahn
überleben kann.
Die Naturschützer schätzen den diesjährigen Kegelrobben-Nachwuchs auf
bislang mindestens acht Jungtiere. Eines davon war bereits Mitte
November tot vom Zollboot Kniepsand am Wurfplatz gesichtet worden.
Neben der Robbe am Wittdüner Anleger sichtete die Zollboot-Crew am
14.12. vier weitere Jungtiere am angestammten Wurfplatz im
Nationalpark. Am 18.12. rastete ein weiteres Neugeborenes mit
Muttertier an der Amrumer Odde und am 21.12 wurde ein weiterer
Jungtier-Totfund am Wurfplatz entdeckt.
Die Naturschutzverbände bitten daher weiterhin um erhöhte
Aufmerksamkeit und Rücksicht bei Strandspaziergängern und um die
Meldung von Kegelrobbensichtungen (Tel: 04651/881093 oder 04682/1635).
Insgesamt wurden in den vergangenen zehn Jahren pro winterlicher
Wurfsaison bis zu zwölf Jungtiere dieser Tierart im Nationalpark
Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer registriert.
Für Rückfragen bitte: Lothar Koch, Schutzstation Wattenmeer, Tel:
04651/26088 Evelyn Lucke, Öömrang Ferian, 04682/1635
Fotos von den Wittdüner Kegelrobben gibt es per Bildfax über Volker
Frenzel-sylt-picture, Tel:0171/4130001
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